Anja Beran gilt als eine der profiliertesten Stimmen für klassische, pferdegerechte Ausbildung. Mit dem modernen Turniersystem hat sie bewusst gebrochen. Im Gespräch mit Hooforia erklärt sie, warum Regeländerungen im Pferdesport oft kosmetisch bleiben.
Anja Beran gilt als eine der profiliertesten Stimmen für klassische, pferdegerechte Ausbildung. Die studierte Kunsthistorikerin betreibt auf Gut Rosenhof klassische Dressur nach den Lehren der Alten Meister, bildet Pferde aller Rassen aus und ist auch der Initiative Xenophon verbunden, die für die Förderung klassischer, pferdegerechter Reitkunst auf Grundlage historischer Reitlehren steht. Ziel ist es, Wissen, Ethik und Ausbildungsqualität im Umgang mit dem Pferd zu bewahren und weiterzugeben.
Mit dem modernen Turniersystem hat Anja Beran deshalb bewusst gebrochen. Im Gespräch mit Hooforia erklärt sie, warum Regeländerungen im Pferdesport oft kosmetisch bleiben, welche Ausrüstung sie für überholt hält – und was es bräuchte, damit Turniersport und Pferdewohl überhaupt wieder zusammenfinden können.
Turniere reiten: Ein System, das sich selbst kontrolliert?
Hooforia: Frau Beran, es war viel los im Pferdesport, es ging unter anderem um Regeländerungen – etwa zu Schlaufzügeln oder der sogenannten Blood Rule. Glauben Sie, dass sich dadurch wirklich etwas verbessert?
Anja Beran: Meine große Sorge ist, dass sich im Kern gar nichts verändert. Wir sehen seit Jahren dasselbe Muster: Es passiert etwas öffentlich Wirksames, es kommt ein Skandal, es gibt Empörung – und dann folgen minimale Anpassungen im Regelwerk – oder aber auch nichts. Es gibt meistens keine echte Auseinandersetzung mit den Ursachen für so offensichtliches Fehlverhalten. Die Gründung von Xenophon hatte damals genau das Ziel, nämlich langfristig etwas zu verbessern. Heute muss ich sagen: Ohne massiven Druck von außen passiert nichts.
Manchmal denke ich, vielleicht braucht es tatsächlich einen radikalen Schnitt. Vielleicht muss es soweit kommen, dass Reiten keine olympische Disziplin mehr ist. Vielleicht kann man nur dann wirklich anfangen, neu zu denken. Solange das System sich selbst kontrolliert, wird es immer versuchen, sich zu rechtfertigen – nicht zu hinterfragen.
Pferde ausbilden: Niemals über Zwang
Sie sprechen sich immer wieder sehr deutlich gegen viele heute gängige Ausrüstungsformen aus. Was halten Sie für besonders problematisch?
Jegliche Hilfszügel sind aus der Zeit gefallen. Wer glaubt, sie zu brauchen, sollte sich nicht nach mehr Technik umsehen, um Pferde gefügig zu machen – sondern nach mehr Zeit. Ich habe mehr als 50 Pferde im Stall – und keinen einzigen Hilfszügel. Korrekturen sind bei Pferden fast immer möglich, aber niemals über Zwang.
Hilfszügel täuschen etwas vor, was nicht da ist. Sie engen ein und bewirken oft genau das Gegenteil dessen, was man erreichen will. Der Hals des Pferdes macht immer das, was das Hinterbein vorgibt. Wenn das Hinterbein schiebt, braucht der Hals Länge. Wenn das Hinterbein trägt, richtet der Hals sich auf. Man kann den Hals nicht manipulieren und hoffen, dass der Rest folgt – das widerspricht der Natur des Pferdes.
Viele Reiter argumentieren, das Problem liege weniger in der Ausrüstung als im falschen Umgang damit. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja – aber das macht es nicht besser. Das Risiko liegt darin, dass heute niemand mehr weiß, wie diese Ausrüstung korrekt eingesetzt wird. Das Wissen ist verloren gegangen. Sporen zum Beispiel sind nicht grundsätzlich ein schlechtes Instrument. Sie sind nicht dafür da, ein Pferd schneller zu machen, sondern um punktuell und präzise einzuwirken – zum Beispiel beim Angaloppieren, beim Anpiaffieren, beim Anpassagieren.
Heute glauben viele, Sporen seien ein Gaspedal. Das zeigt, wie schlecht die Ausbildung der Reiter ist. Gleichgewicht, Geraderichtung, feine Hilfengebung – das wird kaum noch gelehrt. Auch der korrekte Umgang mit Kandaren ist fast vollständig verschwunden. Früher war klar: 3:1-Führung, klare Handaufteilung, kein Gramm Gewicht auf der Zügelhand. Das Pferd musste sich selbst tragen – nur dann war es überhaupt manövrierbar. Denn im Kampf musste der Reiter im Zweifel die Zügel in der linken Hand führen, um mit rechts die Waffe einzusetzen.
Wenn wir diese Handhabung heute wieder einführen würden, mit lockerem Nasenriemen, dann könnte vielleicht noch ein Prozent der Starter antreten. Aber genau das wäre echte Verbesserung der reiterlichen Einwirkung – und kein Hexenwerk.
Gebisslos reiten: Ist das die Lösung?
Viele wenden sich aus Frustration mit dem System heute gebisslosen Zäumungen zu. Sehen Sie darin eine Lösung?
Ich verstehe, warum Menschen das tun. Sie wollen den Kampf nicht mehr. Aber gebissloses Reiten ist keine klassische Ausbildung. Das Gebiss hat einen Sinn: Es erlaubt feinste Kommunikation, kauen, Stellung, Biegung, einen losgelassenen Unterkiefer. Das ist logisch und durchdacht. Das Problem ist nicht das Gebiss – es ist, dass niemand mehr den feinen Umgang damit lehrt. Auch ich bin zeitweise gebisslos geritten, weil ich mit dem gängigen Reitsystem nichts mehr zu tun haben wollte. Erst in Portugal habe ich wieder gelernt, wie differenziert und pferdefreundlich ein Gebiss eingesetzt werden kann.
Sie sagen, man brauche weniger Studien und mehr gesunden Menschenverstand. Wie meinen Sie das?
Wissenschaft ist wichtig – keine Frage. Aber man muss auch bewusst hinsehen. Nehmen Sie einen Nicht-Reiter mit auf ein großes Turnier: Viele finden das, was sie sehen, instinktiv abstoßend. Sie spüren, dass es nicht harmonisch ist zwischen Reiter und Pferd. Dafür braucht man kein biomechanisches Gutachten. Genauso würden auch Nichtkenner spüren, wenn eine Verbindung zwischen Mensch und Tier da ist, wenn der Respekt füreinander im Umgang sichtbar wird.
Unser Leben war über Generationen von Pferden abhängig. Wir sind mit ihnen in den Krieg gezogen. Da mussten gewisse Dinge funktionieren – aber heute sind wir freiwillig mit ihnen zusammen. Und genau deshalb schulden wir ihnen Respekt, Zeit und eine solide Grundausbildung.
Schrittarbeit ist essenziell – aber nicht spektakulär
Was müsste sich konkret ändern, damit Turniersport pferdegerechter wird?
Sehr viel. Zum Beispiel müssten Richter zugeteilt werden und nicht eingeladen – sonst entsteht immer Abhängigkeit. Ich bin außerdem Gegnerin festgeschriebener Aufgaben. Pferde werden dann nicht geritten, sondern dressiert. Warum müssen Zweierwechsel zwingend auf der Diagonalen sein? Was, wenn ich sie auf dem Zirkel reiten will? Wir sollten Pferden beibringen, auf Hilfen zu reagieren – nicht stupide Abfolgen auswendig zu lernen. Diese Programme sind auch für die Pferde uninteressant.
Was ich auch für enorm wichtig erachte: Die Schrittarbeit müsste viel ehrlicher bewertet werden. Die ist natürlich nicht spektakulär, nicht publikumswirksam. Dabei ist sie essenziell. Die meisten Pferde heute können kaum Schritt gehen. Dabei kann man alles im Schritt erarbeiten: Halten, Rahmen erweitern und verkürzen, Schulterherein, Travers, Renvers. Die Gymnastizierung im Schritt fehlt heute komplett.
Liegt das auch an der modernen Zucht?
Natürlich. Die heutigen Dressurpferde sind elastisch, spektakulär, grell. Man bekommt schnell Gezappel auf der Stelle, ohne echte Hankenbeugung. Das sieht beeindruckend aus, ist aber keine Dressur. Wenn die Grundarbeit fehlt, kann auch die beste Genetik das nicht ausgleichen.
Das Wichtigste im Reitsport: Gefühl für Tiere
Warum entstehen Regeländerungen im Pferdesport fast immer erst nach Skandalen?
Weil Wandel aus innerer Überzeugung selten gelingt. Solange etwas Medaillen bringt, will es niemand infrage stellen. Der Nasenriemen beispielsweise war immer ein Notnagel – nie war er dafür gedacht, Mäuler zuzuschnüren. Und trotzdem ist genau das zur Norm geworden. Wo sind wir da hingekommen? Am Ende bleibt es ganz einfach: Alle, die mit Pferden umgehen, brauchen Gefühl für diese Tiere. Sie brauchen gesunden Menschenverstand. Wer ehrlich hinsieht, weiß sehr genau, was geht – und was nicht.