Was für ein Auftakt in die Europameisterschaften der Dressurreiter in Crozet: Ingrid Klimkes Vayron rutschte im Viereck sprichwörtlich das Herz in die Hose, und Katharina Hemmer lieferte mit Denoix eine Runde nach Maß ab. So übernahm sie bei ihrem ersten Championat die Führung und brachte das deutsche Team nach Tag eins auf den Spitzenplatz.
Die Dressur-Europameisterschaften haben begonnen. Heute und morgen steht der Grand Prix für die Teams aus 14 Nationen auf dem Programm, ausgetragen auf der Reitanlage von Virginia und Ian Lundin in Crozet.
Vayron und die unheimliche Treckerspur
Ingrid Klimke machte heute mit dem 1,86 Meter großen Hengst Vayron für das deutsche Team den Anfang. Die beiden kamen gut in die Prüfung – mit einem gut ausgerittenen, starken Trab durch den Körper und im Gleichmaß, schönen, weit kreuzenden, schwungvollen Traversalen in guter Anlehnung. Doch beim Halten bei C vor dem Rückwärtsrichten schien Vayron sich vor etwas am Boden zu erschrecken. Ab diesem Zeitpunkt ließ er diese Stelle des Dressurvierecks kaum mehr aus den Augen.
Zwar gab es noch einige Highlights, insbesondere die Passagen, aber auch die Piaffen. Nur fand er nicht mehr zur nötigen Losgelassenheit zurück. Ingrid Klimke versuchte, ihn mit aller reiterlicher Kunst noch halbwegs fehlerfrei durch das Viereck zu lotsen und ihm soweit wie möglich Ruhe zu vermitteln. Die Serienwechsel gelangen zwar nicht frei von Spannung, aber zumindest ohne technische Fehler. Vor der Galopppirouette nach rechts – kurz vor der besagten kurzen Seite – sprang er noch einmal um, was Klimke jedoch noch korrigieren konnte. Das Ergebnis am Ende: 69,348 Prozent.
Ingrid Klimke: „Er kann alles für eine Zehn“
Enttäuscht und dennoch gefasst, mit einem Lächeln, sagte Klimke nach ihrem Ritt: „So schlecht ist er wirklich noch nie gegangen, das muss ich so sagen. Bis heute Morgen dachte ich noch, er ist supergut drauf. Und dann war er schon auf dem Abreiteplatz guckig, und ich merkte, er ist nicht so ganz bei mir.“ Bei C sei eine „breite, platte Treckerspur, wie ein Brett, dorthin schielte er schon beim Einreiten“.
Und zu den Pirouetten: „Mit seinen 700 Kilo fällt ihm das schon sehr schwer. Wir haben im Training halbe Pirouetten geübt, den Galopp schneller gemacht, was im Training schon so viel besser geworden ist. Leider konnte ich nichts davon heute ins Viereck bringen. Er kann alles für eine Zehn. Ich sehe, dass da richtig viel Potenzial ist. Und zum Glück auch Monica und die anderen, sonst wäre ich jetzt nicht hier.“ Sprach’s und machte sich auf den Weg, ihrer Teamkollegin Katharina Hemmer vom Rande aus die Daumen zu drücken.
Katha Hemmer und Denoix – cool und mutig
Die Championats-Debütantin behielt die Nerven – und Denoix auch. Durch den Körper arbeitete der Fuchs locker, losgelassen, schwingend nahezu während der gesamten Prüfung. Im starken Schritt hätte er sicher noch früher den Hals fallen lassen dürfen, das Rückwärtsrichten hätte besser im Takt sein können, die erste Piaffe noch sicherer, und ein Wechsel in den Einerwechseln klarer. „Es gibt immer noch etwas zu optimieren, es gibt immer kleine Abers“, sagte Katharina Hemmer nach ihrem Ritt. Sie war happy – zurecht. Mit der richtigen Portion Mut zum Risiko kamen einige Höhepunkte zustande, vor allem aber zeigte sie ein Pferd, das ausbalanciert und durch den Körper schwang. „Denoix wirkte hier schon die ganzen Tage über sehr entspannt, er fühlt sich wohl“, so Hemmer – und das zeigte sich auch in der Prüfung.
Die Reaktion von Bundestrainerin Monica Theodorescu, dem neuen Co-Bundestrainer Hendrik Lochthowe und Equipe-Chef Klaus Röser: überschwänglich und vor allem sichtbar erleichtert. Alle Daumen hoch. Mit 75,699 Prozent setzte sich Katharina Hemmer an die Spitze vor der Britin Becky Moody und Jagerbomb (74,829). Auch sie stand ähnlich wie Hemmer unter Druck, nachdem ihr Teamkollege Andrew Gould ausschied. Sein Rapphengst Indigro zeigte in der Trabtour deutliche Taktunreinheiten, sodass Chefrichter Hans-Christian Matthiesen das Paar frühzeitig abläuten musste.
Die deutsche Mannschaft liegt aktuell in Führung vor den Briten und den Dänen. Morgen steht der zweite Teil des Grand Prix auf dem Programm. Dann gehen Frederic Wandres und Isabell Werth an den Start.