Eine innige Bindung besteht aus Vertrauen, Respekt und einer gemeinsamen Sprache. Was es dafür braucht ist „Quality Time“ und die Bereitschaft, in einen echten Dialog mit dem Pferd treten zu wollen.
Uns fehlt eine wichtige Wortkonstruktion in der deutschen Sprache, die es nur im Englischen gibt: „Horse Bonding“. „Bonding“ bedeutet Verbindung und beschreibt die prägende Phase der beginnenden emotionalen Beziehung zwischen einem Baby und seinen Eltern. „Horse Bonding“ bezeichnet dementsprechend eine besonders innige Beziehung zwischen Mensch und Pferd. An beider Anfang steht das Urvertrauen.
„Es ist der Mut des Neugeborenen, völlig orientierungslos und benommen von der anstrengenden Reise auf diese Welt, aktiv nach Nahrung, Wärme und Schutz zu suchen. Es geht mit einer tiefsitzenden Zuversicht und einem starken Lebenswillen Hand in Hand“, sagt Anne Krüger-Degener. Die Natur habe dafür sowohl bei uns Menschen als auch bei den Tieren einen genauen Fahrplan.
Eine starke Bindung will erarbeitet werden
In einer Umgebung, die Sicherheit und Ruhe bietet, beginnt die Bindungsarbeit. „Hier kann das Urvertrauen Ableger erzeugen und sich nach und nach zu Selbstvertrauen und Bindung entwickeln. Dieser geschützte Rahmen ist in der Natur ein Abstand zur Herde, ein stilles Örtchen, um diesen doch sehr intimen Moment der Bindungsarbeit zu ermöglichen“, erläutert die auf Hunde und Pferde spezialisierte Tiertrainerin aus Melle (Niedersachsen). In wenigen Tagen kommt es zu einer unerschütterlichen, nicht austauschbaren Bindung.
„Wer schon einmal eine Mutterstute mit ihrem Fohlen beobachtet hat, weiß, wie intensiv und umsichtig diese Bindungsarbeit ist.“ Unablässig nimmt die Stute Kontakt zu ihrem Fohlen auf, beschnuppert es, speichert seinen Geruch ab, leckt es ab. Sie kontrolliert jede seiner Bewegungen, ist dem Sprössling mit ihrem Körper ständig zugewandt und bereit, ihn gegen jede Gefahr abzuschirmen.
Erst nach einigen Wochen verlängert sich nach und nach das unsichtbare Band zwischen ihnen. In kleinen Schritten erlangt das Fohlen unter dem wachsamen Blick der Mutter immer mehr Selbstständigkeit. „Das Bindungssystem ist ein Gebilde, das sorgfältig und immerwährend aufgebaut und betreut werden muss“, erklärt sie. Dann sorgt es für eine grundsätzliche Bindungsfähigkeit – auch im erwachsenen Alter, betont sie in ihren Büchern „Glücksschmiede für Pferde“ und „Wenn Pferde Komplimente“ (beide Kosmos Verlag).

Anne Krüger-Degener ist Spezialistin, wenn es um die Bindung zwischen Menschen und Tieren geht (© Kosmos Verlag)
Bindung vs. Bedrohung
Neben dem Urvertrauen besteht ein Urmisstrauen, damit das junge Geschöpf nicht unvorsichtig verunfallt oder sich anderweitig gefährdet. „Beide Pole entspringen dem Bindungs- und Bedrohungssystem. Die Frequenz, in der das jeweilige System angesprochen wird, entscheidet darüber, wie zutraulich oder scheu ein Tier wird. Zugrunde liegt immer eine genetische Disposition.“
Rein neurobiologisch betrachtet ist ausschließlich das Bindungssystem in der Lage, das Bedrohungssystem zu beruhigen. Seine biologische Grundlage hat es im limbischen System, das seinerseits durch Hormone reguliert wird. Hierzu gehören das Oxytocin und die Endorphine. Letztere gleichen in ihrer Struktur morphinartigen Schmerzmitteln (z. B. Opium), die Säugetiere selbst produzieren können. Wird das Bindungssystem angesprochen, kommt es über Drüsen in der Haut zur Ausschüttung von Hormonen.
Die Folge? Absolute Entspannung. Genau das passiert, wenn die Tiere das Fell des anderen beknabbern, den Kopf auf den Rücken des Kumpels legen, beim Dösen Kopf an Po stehen oder sich beim Beschnuppern gegenseitig ihre Atemluft in die Nüstern pusten. „Tiere, die soziale Fellpflege betreiben, haben eben diese Besonderheit, dass sie über Körperkontakt Bindung aufbauen und Freundschaften pflegen können.“ Mithilfe dieser teilweise beiläufigen Handlungen kann das Bindungssystem der Pferde auch vom Menschen aktiviert werden.
Bindungsarbeit in der Pferdeausbildung
„Meist wird allerdings die Ausbildung des jungen Reitpferdes sehr ressourcensparend vorangetrieben, und eh es sich versieht, sitzt eine zweibeinige Kreatur schon auf seinem Rücken. Bindung wird hier meist außer Acht gelassen. Hauptsache, der Trab ist gut“, kritisiert Anne Krüger-Degener. Sie plädiert dafür, den Dialog der nachhaltigen Pferdeausbildung wieder mehr in den Fokus zu rücken und ihn deutlich pferdeschonender und menschenfreundlicher zu gestalten.
„Es ist wichtig, grundsätzlich über Strategien in der Ausbildung nachzudenken, in denen die Tiere nicht nur lernen, Situationen zu ertragen, sondern eine echte Bereitschaft, mitarbeiten zu wollen, entwickeln können.“ Wenn man spürt, dass sich das Pferd anspannt, zurückzieht oder nur schwer loben lässt, hat für sie die Bindungsarbeit und das Einverständnis des Tieres absolute Priorität, bevor mit der nächsten Übung begonnen wird.
Vertrauen ist die Basis
Das sei Voraussetzung für erforschendes und ausprobierendes Verhalten, also für die Möglichkeit von Verhaltensänderungen und Lernprozessen. In bedrohlichen Belastungssituationen könne keiner gut lernen – weder Pferd, noch Mensch.
Vertrauen ist keine Lektion, mit der wir Preise gewinnen, Vertrauen ist die Grundlage jeder Lektion. – Anne Krüger-Degener –
Dabei geht es einerseits um das Vertrauen in sich selbst, andererseits um das Vertrauen in sein Gegenüber. „Es gibt eine Symbiose zwischen diesen beiden Ebenen, beide können sich gegenseitig begünstigen oder auch hemmen.“ Und das Schlüsselwort für den Erfolg in den Vertrauensebenen lautet wiederum Bindung. Wir drehen uns im Kreis.
Dialog über Körperkontakt: Quality Time mit dem Pferd
Eine sehr häufige und regelmäßige Kontaktaufnahme ist essentiell für den Bindungsaufbau – im Stall, auf dem Paddock, auf der Weide, im Training, einfach überall. „Quality Time“ nennt Anne Krüger-Degener es, wenn der Reiter einfach mal seine Hände tief in das Fell des Pferdes steckt und an der Bindung „arbeitet“, ohne auf die Uhr zu schauen, ohne Ablenkung, ohne Autopilot-Modus. „Bindung ist wie eine Pflanze: Sie braucht Zeit zum Wachsen und regelmäßige Pflege.“
Das gelingt am besten in einer reizarmen Umgebung mit der Suche nach der Lieblingskraulstelle. „Das Feedback des Pferdes soll eindeutig mit innerer Losgelassenheit, mit dem Langziehen der Oberlippe, Lidschlag, einem beweglichen Ohr, mit Recken und Strecken des Halses sowie mit dem Anheben der Schweifrübe gefüllt sein. Vorher sollten Sie nicht aufhören, die Lieblingsstelle zu suchen.“ Loben, bis das Lob wirkt, ist ihr Grundprinzip. Eine z.B. am Hals etablierte Kraulstelle kann später auch vom Sattel aus mit der Hand erreicht und in das Training mit eingebunden werden.
Loben für das Urvertrauen
„Wenn Sie mit Ihrem Pferd an der Lobbarkeit arbeiten und merken, dass es schnell loslässt, dann sind Sie auf dem richtigen Weg. Haben Sie aber ein Pferd, dass sich abwendet, droht oder sich festhält, dann müssen Sie noch weitermachen“, rät die Ausbilderin. Und zwar solange bis das Urvertrauen gegen das Urmisstrauen siegt.
Dabei interessiert sie zunächst nur, wie unmittelbar das Pferd sich auf das Lob einlässt, dann, ob es eine angemessene innere Haltung hierzu zeigt, z. B. weich, entspannt, kauend, innerlich losgelassen. Doch sich wirklich die Zeit zu nehmen und das Lob zu Ende zu bringen, durchzuhalten, bis es bei dem vierbeinigen Partner angekommen ist, würde häufig nicht in das Zeitfenster reitambitionierter Pferdemenschen passen.
Dabei sei das Lob erfüllt von der Dauer, die es brauche, um sein Gegenüber wirklich zu erreichen. „Hat das Pferd das Lob beantwortet? Das ist der Knackpunkt. Weil man dies nicht immer spürt oder wahrnehmen kann, lobt man fast mechanisch.“ Dabei würde es beim Loben doch um das eindeutige positive Markieren eines Verhaltens oder einer Reaktion gehen, nicht darum, es einfach irgendwie loszuwerden. „Ansonsten fühlt es sich an wie mit kalter Hand am Hals getätschelt.“
Wie Respekt die Bindung beeinflusst
Zugleich muss der Andere fähig sein, das Lob anzunehmen. „Sie kennen es aus Ihrem eigenen Leben, dass Sie das Lob von Menschen, die Sie nicht respektieren, gar nicht gut annehmen können; dass allerdings das Lob desjenigen, mit dem Sie sich auf gleicher Augenhöhe befinden, schnell Treibstoff für weitere 100 Kilometer sein kann.“ Das heißt im Umkehrschluss: Nur das Zusammenspiel aus Vertrauen und Respekt ermöglicht einen erfolgreichen gemeinsamen Weg.
Bieten wir dem Pferd kein Regulativ, keine Begrenzung an, dann kann es sein, dass daraus enthemmte Verhaltensweisen, Übergriffigkeiten oder Distanzlosigkeiten resultieren, warnt die Tiertrainerin. Das Bindungsbedürfnis, welches aus dem Funktionskreis Drängen/Bedrängen stammt, bräuchte neben einem guten Feedback und Bestätigung daher immer auch Verbindlichkeit, Regelmäßigkeit, eine höfliche Distanz sowie eine klare, eindeutige Sprache, auf die sich das Pferd verlassen könne. So wird das unsichtbare Band immer stärker.
Störer in der Bindungsarbeit mit dem Pferd
Das Band neigt zur Störanfälligkeit. Abwehrende, aggressive oder harte Einwirkungen des Menschen oder häufige Wechsel der Lebensbedingungen (z.B. verschiedene Ställe, Menschen, Herden, Sozialpartner) lassen es dünner werden oder – im schlimmsten Fall – zerreißen. „Am häufigsten wird Bindung jedoch subtil zerstört, einfach durch das Ausbleiben eines Feedbacks auf die Bindungsangebote hin.
Wenn Sie die Komplimente Ihres Pferdes nicht annehmen, dann werden sie immer stiller, immer seltener und irgendwann versiegen sie total“, warnt Anne Krüger-Degener. Wenn es z.B. ein aufrichtiges Interesse am Menschen zeigt, Blickkontakt sucht, innerlich und äußerlich losgelassen ist, sich räumlich in seine Richtung bewegt und sich ihm mit seinem Körper freundlich zuwendet, sollte dieses aktive Angebot mit einem Lob bestätigt werden.
Der Reiter als Komfortzone
„Bis heute entsteht dabei immer wieder dieses große warme Gefühl in meinem Herzen und ich meine, ich könnte das des anderen auch spüren. Bei dieser Tiefenwirkung lohnen sich schmutzige Fingernägel allemal“, sagt Anne Krüger-Degener lächelnd.
Wenn sich das Pferd auch trotz Umweltstress (bspw. in einer fremden Umgebung) darauf einlässt, nimmt es den Menschen als Komfortzone wahr. Mehr noch: „Stellen Sie sich das Gefühl von einem schönen Zuhause vor. Einem Ort, an dem Sie sein können, wie Sie sind, und genauso geliebt, respektiert und verstanden werden. Ein Ort, der sich anfühlt wie eine warme Küche mit dem Duft von selbstgebackenem Kuchen.“ So soll es sein, meint sie. Das sei der Schlüssel zum Glück und zu einer erfolgreichen Partnerschaft.
Unsere Expertin
Anne Krüger-Degener bewirtschaftet mit ihrem Mann Jan Degener den Degenerhof im niedersächsischen Melle. Seit 1999 leitet sie dort erfolgreich die Tierschule und Schäferei und hat sich auf die Ausbildung von Hunden und Pferden spezialisiert. Ihre Lehre der HarmoniLogie® beschreibt wie Menschen mit dem Tier in einen echten Dialog treten und eine vertrauensvolle Partnerschaft aufbauen können.

