Beim Wort Nachwuchsförderung denken viele Menschen nur an das Thema Leistungssport. Nachwuchsförderung beginnt jedoch bereits, bevor ein Kind in den Sattel steigt: in Reitvereinen und Reitschulen. Denn gerade hier liegen große Chancen – nicht nur für den Reitsport selbst.
Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kontakt zum Pferd? An das Gefühl der Finger im Fell, den Geruch, die warmen, weichen Nüstern, vielleicht das Herzklopfen, weil das Pferd so wahnsinnig groß erschien? Und erinnern Sie sich an Ihre ersten Reitstunden? Den ersten Sturz? Den ersten abenteuerlichen Ausritt?
Meist sind das Erinnerungen, die sich auf ewig in die Hirnwindungen brennen, nachfühlbar auch Jahrzehnte später. Und wenn sie dann wirklich passiert, diese Sache mit dem Pferdevirus, nun, dann werden sich noch zig Erlebnisse an diesen Beginn des Reiterlebens anschließen. Weil Pferde prägen. Die, die das erleben durften, wissen das. Aber wie vielen ist das noch vergönnt? Die Nachwuchsförderung ist zur zentralen Frage im Reitsport geworden.
Keine Basis ohne Begeisterung
Immer weniger Kinder finden den Weg in den Sattel, immer mehr Reitschulen kämpfen ums Überleben. Steigende Kosten, Ganztagsschule, fehlende Schulpferde… Ja, man könnte frustriert das Handtuch werfen. Und doch gibt es Orte und Menschen, die einen zuversichtlich stimmen und die zeigen, wie Nachwuchsförderung an der Reitsport-Basis funktionieren kann und so manchen jungen Menschen erblühen lässt.

Nachwuchsförderung im Reitsport beginnt dort, wo Kinder den ersten Kontakt zu Pferden erleben. (© Slawik)
Heidi van Thiel ist Bundesjugendwartin der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), 75 Jahre alt, seit Jahrzehnten aktiv für den Nachwuchs, geschätzt bei Vereinen, Verbänden und Profisportlern. Sie bringt es nüchtern auf den Punkt: „Wir müssen es Kindern wieder ermöglichen, Pferde überhaupt kennenzulernen. Ohne Zugang keine Begeisterung, ohne Begeisterung keine Basis.“ Nachwuchsförderung im Reitsport beginne nicht in den Kadern, sondern dort, wo Kinder das erste Mal ein Pferd anfassen.
Sie weiß, wie eng die Zukunft des Spitzensports mit der Breite verbunden ist. „Die Kinder, die heute zum Pony gehen, sind die Teamreiter von morgen“, sagt sie. Doch sie weiß auch, dass diese Basis kleiner geworden ist. Viele Reitschulen haben in den vergangenen Jahren geschlossen, Schulpferde wurden verkauft, Reitlehrer fehlen. Die Corona-Zeit hat wie ein Brennglas auf die ohnehin schon fragil werdende Situation an der Basis gewirkt. „Dabei sind Schulpferde doch die Professoren“, sagt van Thiel, „ohne sie können wir keinen Unterricht geben.“
Unterstützung für die Reiter-Basis
Und genauso wenig ohne die Menschen, die die ersten Schritte eines Kindes begleiten: die Ausbilder und Ehrenamtlichen. Deshalb versucht die FN mittlerweile gegenzusteuern, etwa mit dem Programm „100 Schulpferde plus“. Über 1.350 Vereine haben sich bislang beworben, rund 465.000 Euro Fördermittel sind geflossen: für neue Schulpferde, Trainerausbildung und Futterzuschüsse. Die Initiative soll Reitschulen mehr Planungssicherheit geben, und sie zeigt, dass Förderungen nicht nur den Spitzensport, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe meinen.
Auch die neu aufgesetzte APO, die ab 2026 Gültigkeit hat, wurde an der Basis nachjustiert. Der neue „Trainer C Basis“ beispielsweise soll den „Trainerassistenten“ ablösen. Insgesamt soll der Einstieg ins Ausbilderdasein niedrigschwelliger gestaltet werden. Das ist kein Allheilmittel, aber doch zumindest ein Signal.
In der Praxis: Nachwuchsförderung im Reitsport
Wie Nachwuchsarbeit in der Praxis auch aussehen kann, zeigt das Projekt „Hippocampus Fürstenau“. Doris Bregen-Meiners ist Lehrerin und Vorsitzende des RuF Fürstenau e.V., arbeitet mit Schulen und Kindergärten zusammen, vom Sprachheilkindergarten bis zur Oberstufe. Kinder können dort voltigieren, Reiten lernen, Bodenarbeit machen oder einfach Zeit mit Ponys verbringen.

Kinder mit Pferden zu fördern bedeutet nicht nur Reiten lernen. Beim Hippolini-Konzept beispielsweise erleben sie das Pferd spielerisch, mit allen Sinnen und im Miteinander. (© Roland Rupp)
„Wir erleben, dass Kinder, die sonst sehr unruhig sind, am Pferd plötzlich konzentriert und ruhig werden“, sagt Bregen-Meiners. „Auch Kinder mit sprachlichen Schwierigkeiten beginnen zu sprechen. Das Pferd verändert die Kommunikation, ohne Zwang, ohne Bewertung.“
Das Projekt hat sich über Jahrzehnte entwickelt. Schon 1978 begann die Kooperation zwischen dem Reitverein Fürstenau und der örtlichen Gesamtschule. Heute arbeiten zehn Bildungseinrichtungen mit dem Verein zusammen. „Wir haben inklusive Gruppen, heilpädagogisches Reiten, aber auch ganz normale Schul-AGs.“ Das Pferd ist für sie Teil des Alltags geworden – und da geht es nicht für alle Kinder vorrangig ums Reiten.
Wie gelingt Nachwuchsförderung im Reitsport?
Denn nicht jede Förderung eines Kindes und Jugendlichen muss über die Reitstunde führen. Bodenarbeit, Führen, Spazierengehen, all das kann Bindung schaffen. Es sind kleine, niederschwellige Angebote, die Türen öffnen – und sie sind sehr gefragt. „Viele Kinder wünschen sich neben der wöchentlichen Reitstunde genau diese Angebote, sie wollen gar nicht unbedingt immer nur reiten. Sie wollen tüddeln, im Stall arbeiten, Zeit mit den Pferden verbringen“, sagt sie.
„Sie merken: Das ist ein Ort, wo ich dazugehöre.“ Und wo sie Selbstwirksamkeit erfahren. Was so einfach klingt, scheitert oft an Strukturen. Kooperationen mit Schulen müssen genehmigt, Versicherungen abgeschlossen, Formulare ausgefüllt werden. „Früher ist man einfach zum Bauernhof nebenan gegangen“, sagt Doris Bregen-Meiners. Heute dämpft die Bürokratie die Motivation derer, die was bewegen wollen. Und dennoch: Es tut sich durchaus etwas.

Neugierig erkunden die Kinder beim Putzen das Pferd. Gemeinsam macht das gleich doppelt Spaß. (© Thomas Rubel)
Herausforderung Ganztag
In Niedersachsen sind die Pferdesportverbände Hannover und Weser-Ems bereits dabei, Lehrkräfte für die Arbeit mit Schülern und Pferden zu qualifizieren. In drei Modulen können Lehrer den Trainer-C Voltigieren erwerben – bisher mit hoher Resonanz. Wenn solche Ansätze weiter greifen, wird das Pferd immer mehr Teil der Bildung. Nicht als Sonderfach, sondern als Erfahrungsraum.
Ab 2026 wird in Deutschland der Ganztag an Grundschulen Pflicht. Der Ganztag an Schulen ist für Reitvereine seit Jahren schon eine Herausforderung, diese wird sich nun verschärfen. Und da könnte das Pferd im Schulsport eine echte Chance bieten. Für die Reitvereine – und die Kinder. Denn Doris Bregen-Meiners sieht im Reitsport und überhaupt im Umgang mit dem Pferd einen Gegenentwurf zur digitalen Welt der Kinder. „Die langweilen sich zu Tode, obwohl sie den ganzen Tag am Handy sind“, sagt sie. „Wenn sie zu uns kommen, sind sie in Bewegung, sie lachen, sie reden. Ganz analog.“
Gesellschaftliche Chance

Gute Ausbilder sind im Reitsport gefragt, um Kinder und Jugendliche zu stärken, zu fordern und zu fördern. (© Barbara Schnell)
Katharina Roth, Mitbegründerin der Initiative „Vielfalt Pferd“, sieht in Konzepten wie jenem in Fürstenau eine gesellschaftliche Chance des Reitsports: „Das Pferd muss sichtbar bleiben. Und wir müssen Kinder dort abholen, wo sie sind, und ihnen zeigen, dass das echte Leben mehr kann als der Bildschirm.“ Reiten sei nicht elitär, es sei elementar, sagt sie.
Wir müssen den Sport aus seiner Blase holen und vielmehr zeigen, wie viel Wertebildung im Umgang mit Pferden steckt. – Katharina Roth –
Wie Vielfalt neue Wege öffnet
Diese Botschaft sollte auch mit der ersten Aktionswoche von „Vielfalt Pferd“ in der Öffentlichkeit ankommen. Sie fand im September statt und war ein voller Erfolg. Bei den 700 registrierten Aktionen bundesweit – von kleinen Einzelaktivitäten bis hin zu größeren Events quer durch alle Sparten der Pferdewelt – erreichte die Initiative rund 50.000 Menschen, die zuvor noch keine Berührungspunkte mit Pferden hatten. Das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, auch bei denen, die die Aktion durchgeführt haben.
Auch Katharina Roths Tochter Stella, die selbst im Reitverein Reiten lernte und später zu den besten Nachwuchsdressurreiterinnen des Landes zählte, war eine „Mitmacherin“ bei der Aktionswoche. Sie erinnert sich nur zu gut an ihre eigene Kindheit und Jugend mit den Pferden: „Ich habe durch die Pferde gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Das war nie nur Sport, das war Erziehung und Charakterbildung.“

Aller Anfang ist ein großes Sinneserlebnis. Da reichen vermeintlich kleine Schritte, Berührungen und Begegnungen mit dem Pferd oder auch ein paar Minuten im Sattel. (© Roland Rupp)
Nachwuchsförderung im Reitsport: Mehr als Reiten lernen
Kinder und Jugendliche an der Basis zu fördern heißt also nicht, jedes Kind zum Reiter zu machen. Und schon gar nicht kann aus jedem Reiter ein Olympiasieger werden. Vielmehr bedeutet Nachwuchsförderung zunächst einmal, den Kindern den Zugang zu ermöglichen, ihnen und auch ihren Eltern Wissen rund ums Pferd zu vermitteln.
„Wir dürfen die Vereine nicht allein lassen“, findet Heidi van Thiel. „Und wir dürfen den Kindern nicht die Chance nehmen, Pferde überhaupt kennenzulernen.“ Denn aus Nähe entsteht Interesse, und aus Interesse entsteht Leidenschaft.
Im Moment hängt die Basisförderung vielerorts an Einzelpersonen. An denen, die nicht müde werden und die Vorreiter sind mit ihren Initiativen oder mit ihren Betrieben. Aber: „Irgendwann muss auch mal jemand Farbe bekennen“, sagt Doris Bregen-Meiners. „Wir brauchen einen Masterplan. Einen, der überall funktioniert.“ Das heißt: klare Ansprechpartner, Austausch unter Vereinen und eine FN, die den Breitensport nicht als Nebenprojekt, sondern als Fundament begreift. Denn das Fundament trägt alles darüber.

Das erste Turnier ist immer ein besonderer Moment, bei dem Kinder und Jugendliche über sich hinauswachsen können. (© Thomas Hellmann)
Wohin führt die Nachwuchsförderung im Reitsport?
Heidi van Thiel ergänzt: „Wir haben mit unseren Nachwuchsreitern in diesem Jahr 29 Medaillen bei Europameisterschaften geholt. Das zeigt, wie gut unsere Förderung doch in der Breite wirkt.“ Es sei diese Verbindung von Basis und Leistung, die den Reitsport lebendig hält.
Diese müsse erhalten bleiben, denn gerade droht sie immer weiter zu schwinden. Sich auf Lorbeeren ausruhen zu können gilt längst nicht mehr. „Wir müssen die guten Konzepte in die Fläche tragen. Das Gutscheinmodell bei Reitschulen ist für mich so ein Beispiel, hier gibt es eine enorme Nachfrage. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist“, sagt Heidi van Thiel.
Am Ende profitiert davon die gesamte Pferdebranche. Eine starke Basis sichert eine starke Spitze, eine funktionierende Industrie und die Basis von morgen. Bei Pferden lernen Kinder und Jugendliche Verantwortung, Resilienz und Geduld. Werte, welche die Gesellschaft und die Arbeitswelt sicherlich auch in Zukunft nur allzu gut brauchen können.
