Mitten in Thüringen, auf den weiten Flächen der „Thüringeti“, leben Hunderte Pferde so, wie es die Natur vorgesehen hat: frei, robust und im Einklang mit ihrer Umgebung. Was als mutige Idee eines Landwirts begann, ist heute ein Pionierprojekt, das zeigt, wie artgerechte Pferdezucht und Naturschutz zusammenpassen.
Fallen die Worte „Wildpferde“ und „Deutschland“, denken viele Pferdefreunde vor allem an die rund 400 Wildpferde des Herzogs von Croÿ im münsterländischen Dülmen. Doch es gibt in Deutschland noch mehr Pferde, die völlig wild gehalten werden – etwa in der „Thüringeti“ bei Crawinkel.
Auch Volker Raulf erfuhr erst vor wenigen Jahren von diesem Projekt. Der vereidigte Sachverständige und Auktionator, der seit vielen Jahren in Dülmen die Versteigerung der Jährlingshengste betreut, ist noch heute vom ersten Kontakt mit der Thüringeti fasziniert: „Es war im Mai 2014, als mich unmittelbar nach der Auktion in Dülmen ein Mann namens Heinz Bley ansprach und sagte: ,Ich habe auch Wildpferde. Können Sie so eine Versteigerung nicht auch bei mir machen?‘“, erinnert sich Raulf.

Die Weite der Landschaft ist beeindruckend und erinnert fast an amerikanische Verhältnisse. (© Thomas Hartwig)
Thüringeti: Wie alles begann
„Zuerst hielt ich das für einen Witz.“ Aber Bley ließ nicht locker und forderte den Auktionator auf, sein Projekt unbedingt aus der Nähe anzuschauen. Volker Raulf gab nach und fuhr in die rund 1.500 Einwohner zählende Gemeinde Crawinkel am Nordrand des Thüringer Waldes. „Ich war überwältigt. Das Projekt ‚Thüringeti‘ muss man wirklich mit eigenen Augen gesehen haben, um es zu begreifen.“ Was der sonst so nüchtern analytische Raulf damit meint, lässt sich mit Worten nur unvollständig beschreiben.
Heinz Bley, Südoldenburger Landwirt und Pferdezüchter, der sein Handwerk beim legendären Hengsthalter Georg Vorwerk gelernt hatte, zog 1997 mit seiner Familie nach Crawinkel, um dort eine ehemalige LPG zu übernehmen. Zunächst bearbeitete er die rund 2.500 Hektar im herkömmlichen Sinne. Der Muschelkalkboden, die Höhenlage und die geringen Niederschläge erbrachten trotz intensiver Bewirtschaftung nur schmale Erträge.
Mehr Erfolg dank mehr Natur
Die entscheidende Wende trat im Jahr 2003 ein. Denn da fragte die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie bei Bley an, ob er im Rahmen eines Programms zur Förderung der Artenvielfalt und zum Erhalt der dort typischen Heckenlandschaft etwa 60 Hektar in eine extensiv beweidete Grünlandwirtschaft umwandeln wolle. Bley dachte nur einen Tag nach und fällte dann die wohl mutigste Entscheidung seines Lebens: Er wollte nicht nur die 60 Hektar, sondern die gesamte Fläche seines Landes in das Programm einbringen. Ein Schritt, den er nie bereut hat – und der in den vergangenen 22 Jahren ein Paradies für Flora und Fauna entstehen ließ.
Gerade für herkömmliche Pferdezüchter tut sich hier eine völlig neue Welt auf. Denn nicht nur die Rinder, sondern auch die Pferde leben ganzjährig auf den teilweise bis zu 300 Hektar großen Weiden. Lediglich die Fohlen werden nach dem Absetzen für den ersten Winter ihres Lebens in großen Laufställen untergebracht. Dort werden sie gechippt, entwurmt und mittels eines DNA-Tests auch abstammungsmäßig identifiziert.
Aktuell lässt Heinz Bley sieben Warmbluthengste in den verschiedenen Stutenherden mitlaufen, die während der Zuchtsaison die Stuten decken. Bemerkenswert ist die hohe Erfolgsquote, die Bley bei dieser Art der Weidebedeckung erzielt: Rund 90 Prozent seiner Stuten werden tragend.

Der achtjährige Farbenspiel-Sohn Family Affair THC dürfte mit seiner Reiterin und Besitzerin, der Warendorfer Dressurausbilderin Jessica Süss, in dieser Saison wohl das erfolgreichste Dressurpferd aus der Thüringeti gewesen sein. (© Thomas Hartwig)
Wie natürlich leben Wildpferde in Deutschland wirklich?
Gewöhnungsbedürftig mag einem vorkommen, dass die Fohlen grundsätzlich unter freiem Himmel und ohne menschliches Zutun geboren werden. Doch auch hier geben die Zahlen Heinz Bley recht. Die Verlustquote der so geborenen Fohlen liegt lediglich zwischen fünf und zehn Prozent. Insgesamt ist er damit sogar erfolgreicher als viele herkömmliche Pferdezüchter, bei denen die Relation von Bedeckung und registriertem Fohlen bei nur etwas über 70 Prozent liegt.
Beeindruckend ist der Zustand der Pferde, die 365 Tage im Jahr sich selbst überlassen sind. Hinsichtlich der Fell-, Huf– und Gewichtskondition machen die meisten Pferde den Eindruck, als kämen sie gerade aus einem Turnierstall. Und ihr Interieur? Nun, hat man erst einmal ihr Vertrauen gewonnen, erscheinen die meisten von ihnen sehr lernbegierig und vernunftbegabt.

Der Wechsel zwischen Weiden und Hecken bestimmt den Landschaftscharakter der Thüringeti. (© Thomas Hartwig)
Der typische Thüringeti
Hinsichtlich ihrer körperlichen Entwicklung sind dreijährige Thüringetis mit Dreijährigen aus konventioneller Aufzucht kaum zu vergleichen. Sie wirken eher wie Zweijährige. Ausgerechnet rund um Warendorf, der Stadt des Pferdes und ein Hochzuchtgebiet der westfälischen Pferdezucht, kann man mittlerweile eine ganze Reihe der sogenannten Thüringetis antreffen.
Der Tierarzt Dr. Dirk Remmler, der in seiner Klinik in Milte bei Warendorf schon einige Thüringetis gesehen hat, beschreibt es mit folgenden Worten: „Dreijährig sehen die Thüringetis so aus, wie sich die Natur einen Dreijährigen vorstellt. Unsere Dreijährigen aus herkömmlicher Aufzucht scheinen hingegen oft ein Jahr zu weit zu sein.“

Für Auktionator Volker Raulf ist auch nach zwölf Auktionen in Crawinkel die Versteigerung der Thüringeti- Pferde einer der spannendsten Events des Jahres. (© Thomas Hartwig)
Artenreiche Wiesen, bunte Fauna
Ganz im Sinne des Naturschutzes soll durch eine ganzjährige, großräumige Beweidung mit 0,3 bis 0,6 Rindern oder Pferden pro Hektar die Entwicklung und Erhaltung von offenen und halb offenen Heckenlandschaften, die an die Serengeti erinnern, erreicht werden. Die großen Pflanzenfresser gestalten ihren Lebensraum auf den Standweiden selbst. Ungewohnt strukturreiche Weiden mit Hecken und Bäumen entstehen und führen zu einer besseren Nahrungssituation, insbesondere für insektenfressende Wirbeltiere. Bei den niedrigen Besatzdichten können auch Wiesenvögel wie Wiesenpieper, Feldlerche und Co. erfolgreich brüten.
Seit 2014 werden einmal im Jahr 80 bis 90 Thüringetis bei einer Auktion versteigert. Traditionell findet sie am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, statt. Mittlerweile ist die Auktion zu einem echten Event geworden, zu dem rund 2.000 Interessenten aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland anreisen. Sie alle sind auf der Suche nach natürlich und gesund aufgezogenen Pferden für erschwingliche Preise. Die Käuferklientel bildet die komplette Community der Pferdewelt ab, vom reinen Hobby- und Freizeitsportler bis zum Grand Prix Reiter.

Gut 2000 Interessenten folgten Anfang Oktober vor Ort dem Auktionsgeschehen. Um die Dreijährigen möglichst wenig zu stressen, werden sie als Dreiergruppe im Auktionsring vorgestellt. (© Thomas Hartwig)
Sportliche Erfolge der Thüringeti-Pferde
Mittlerweile können die Thüringeti-Pferde auf zahlreiche Erfolge in unterschiedlichen Disziplinen verweisen, auch international. Der erst achtjährige Farbenspiel Sohn Family Affair THC beispielsweise siegte in dieser Saison mit seiner Reiterin und Besitzerin Jessica Süss bereits in der Dressur bis zur Klasse Intermediaire I.
Aber auch breitensportlich machen die Thüringetis auf sich aufmerksam. Der Landrover Sohn Lenz THC, der auch in der Vielseitigkeit unterwegs ist, war mit seiner Reiterin Dr. Mareike Beer vor einigen Jahren Sieger im Deutschen Freizeitpferde Championat.
Mareike Beer ist promovierte Sozialpädagogin und Pferdewirtschaftsmeisterin Galopprenntraining. Sie erzählt, wie sie zu ihrem Thüringeti kam: „Mein Mann kaufte Lenz auf der Auktion 2015 als Fohlen und ließ ihn bis dreijährig in der Thüringeti. Als er dann zu uns kam, war das Pferd zunächst sehr scheu.“ Die ersten Wochen seien nicht so einfach mit ihm gewesen. „Aber von dem Zeitpunkt an, als er Vertrauen zu uns gefasst hatte, ging alles ganz leicht und schnell“, blickt Beer zurück.
„Nach Gewöhnung an Sattel und Trense war das Anreiten absolut einfach. Bei seinem ersten Turnierauftritt fünfjährig, wollte aufgrund seines absolut souveränen Verhaltens niemand glauben, dass dieses Pferd zum ersten Mal in seinem Leben an einem Turnier teilnahm.“ Im gleichen Jahr belegten Mareike Beer und Lenz bei seinem ersten Start im Deutschen Freizeitpferde Championat in Hannover den sechsten Platz. Ein Jahr später gewannen sie.
Wie ein unbeschriebenes Blatt
Eines sollte man allerdings akzeptieren: Ein Thüringeti verlangt einiges an Wissen und Kompetenz von seinem neuen Besitzer. Diese Erfahrung hat auch die Pferdetrainerin Yvonne Gutsche aus Heilbronn gemacht. „Noch mehr als Pferde aus herkömmlicher Aufzucht ist ein Thüringeti ein weißes Blatt Papier, das der Reiter oder Ausbilder selbst beschreibt“, sagt Beer. „Hier muss sich jeder Reiter ganz selbstkritisch hinterfragen, ob er hinsichtlich seiner eigenen Fähigkeiten und Wünsche dazu in der Lage ist, aus diesem weißen Blatt einen guten und verständlichen Text zu machen. Nicht jedem ist das gegeben.“
Einen wertvollen Dienst leistet dabei seit einigen Jahren die Monty Roberts Schülerin Lucie Ebert in der Thüringeti. Über mehrere Wochen vor der Auktion beschäftigt sie sich mit den dreijährigen Auktionskandidaten und lässt ihnen eine erste Grundausbildung angedeihen. Das hilft beiden: den Pferden und ihren künftigen Besitzern.
Die nächste Generation der Thüringeti
Bei der Thüringeti-Auktion in diesem Jahr fehlte übrigens einer: ihr „Erfinder“ Heinz Bley. Er war zu dieser Zeit auf einem anderen Abenteuer unterwegs: mit Gleichgesinnten auf Kutschenfahrt quer durch Europa und den Vorderen Orient, um eine aus Militärschrott gegossene Friedensglocke nach Jerusalem zu bringen und so für Frieden und Völkerverständigung zu werben. Doch seine Kinder Felix und Wiebke Bley vertraten ihn bestens.

Wiebke und Felix Bley vertraten in diesem Jahr ihren Vater bei der Auktion und lieferten eine perfekte Veranstaltung ab. (© Thomas Hartwig)
Und Auktionator Volker Raulf brachte das rund 85 Pferde umfassende Auktionslot – bis auf ein Pferd – an die Leute. Der Holsteiner Casall Sohn Castar Z stellte zweimal die Preisspitzen. Teuerste Dreijährige war eine Stute aus einer Landrover Mutter, die bei 6.000 Euro zugeschlagen wurde. Teuerstes Fohlen war ein Hengst aus einer Diamant de Semilly Mutter für 4.000 Euro.
Erstmals zu Gast waren dieses Jahr Dr. Axel Schürner und seine Ehefrau Sandra vom Gestüt Neuenhof. Die erfahrenen Hengsthalter und Aufzüchter waren von der Thüringeti und ihren Pferden sichtlich beeindruckt. „Spannend, wie hier die zwei ganz unterschiedlichen Ziele – ökologisch wichtige Landschaftspflege und eine artgerechte Pferdezucht – genial miteinander verknüpft werden“, schildert Axel Schürner seine Eindrücke.
„Interessant ist auch, dass man aufgrund der Haltungsform zahlreiche Nachkommen eines Hengstes aus unterschiedlichen Stuten sehen kann und erkennt, welche Eigenschaften er tatsächlich an seine Kinder weitergibt“, fügt er hinzu. Aber all das hat man am besten einmal mit eigenen Augen gesehen und erlebt.


