Das Thema Offenstall sorgt immer wieder für Gesprächsstoff. Dabei sind sich alle einig: Pferde brauchen ausreichend Auslauf und Bewegung. Doch welche Möglichkeiten gibt es, und wie sieht ein artgerechter Offenstall aus? Und gibt es den perfekten Offenstall, der für jedes Pferd geeignet ist?
Auf vielen Höfen ist das Thema Offenstall präsenter denn je, und in Reiterstübchen wird heiß darüber diskutiert. Grundsatzfragen wie „Welche Bedürfnisse hat mein Pferd?“ oder „Wie sieht pferdegerechte Haltung aus?“ drängen sich dann auf. Dabei ist das Empfinden des Reiters stark subjektiv und führt häufig zur „Vermenschlichung“. Doch die Ansprüche des Pferdes haben sich in Menschenhand kaum verändert.
In der freien Natur, ohne jede Einschränkung, bewegen sich Pferde bis zu 16 Stunden am Tag und legen dabei 30 bis 40 Kilometer zurück. In mittelgroßen Ställen sind es nicht mehr als zehn Kilometer, und ein Boxenpferd bewegt sich mit 200 Metern pro Tag so gut wie überhaupt nicht.
Die Triebe ausleben lassen
Auch die Bedürfnisse des Pferdes als Herdentier scheinen vergessen: Viele Vierbeiner fristen ihr Dasein in aneinandergereihten Gitterboxen ohne den nahen Kontakt zu Artgenossen, während der Fresstrieb durch zu viel Kraftfutter und zu wenig Raufutter behindert wird. Gesundheitliche Schäden und psychisches Leiden sind die Folge.
Die Gruppenhaltung kommt der ursprünglichen Lebensform des Pferdes am nächsten. Der Offenstall ist hier die traditionelle und zugleich einfachste Form der Gruppenauslaufhaltung. Neben viel Bewegung an frischer Luft, Sozialkontakt und häufigen Fütterungen gibt es Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten. Im günstigsten Fall grenzt der Paddock an eine Weide.
Der Offenstall im Wandel
Innovative Weiterentwicklungen des Offenstalls gibt es nicht nur aus dem Ausland, sondern direkt aus Deutschland. Thorsten Hinrichs, Erfinder des „HIT AktivStall“, nimmt sich des Themas seit Jahren intensiv an. Sein Offenstall ist nach eigenen Angaben kein Stall im eigentlichen Sinn. „Unser Aktivstall ist ein ganzheitlicher Ansatz für die besonders artgerechte Gruppenhaltung von Pferden im Offenstall“, erklärt Hinrichs.
Das System ist gut durchdacht. Im Unterschied zum klassischen Offenstall müssen die Pferde zur Erfüllung ihrer wichtigsten Triebe wie Fressen, Trinken und Schlafen bestimmte Laufstrecken zurücklegen. Rau- und Kraftfutter werden über den ganzen Tag in sehr vielen kleinen Portionen computergesteuert verabreicht. Neben der Fütterung ist auch die Beschickung und Entmistung präzise geplant und erfolgt ebenfalls weitestgehend per Computersteuerung.

Fördert den Gruppenzusammenhalt: gemeinsames Fressen dank computergesteuerter Rollos. (© HIT Hinrichs Innovationen und Technik GmbH)
Ein sinnvoller Ablauf im Stallalltag
Einzelne Bereiche wie Futterstellen, Tränke und Ruhezonen sind möglichst weit voneinander entfernt angeordnet, und die Verbindungen durch Baumstämme oder Stichzäune werden künstlich verlängert. Rutschfeste Flächen an Tränken, Rau- und Kraftfutterbodenbereiche aus Kunststoff, Holz- oder Betonpflaster und unbefestigte Böden aus Sand oder Holzhackschnitzeln sind ebenso Bestandteil. Der Zutritt zur Weide wird durch Chips oder Transponder geregelt, die an der Mähne oder einem Huf befestigt sind. Pferden mit Übergewicht oder Rehegefahr kann man den Zugang ganz verweigern.
Auch die Futterstationen sind transponder- oder chipgesteuert, Rollraufen geben zeitlich begrenzt Zugang zum Raufutter. In Einfach- oder Doppelstationen, die einzeln und nacheinander betreten werden, wird die individuelle Kraft- und Mineralfutteraufnahme gesteuert. Immer im Vordergrund steht die kontrollierte und gleichzeitige Futteraufnahme der Gruppe.
So gelingt die Eingewöhnung im Offenstall
Wichtig ist bei dieser Form der Haltung die richtige Eingewöhnung der Pferde. „Neben einer umfassenden gedruckten Anleitung bieten wir Seminare an und organisieren Treffen, bei denen sich Betreiber unseres Aktivstalls austauschen können“, sagt Thorsten Hinrichs.
Für „Querulanten“, die das rotierende System einer Doppel-Kraftfutterstation in der Hoffnung auf eine zweite Futterausschüttung stören, gibt es einen Trick: Die Rationen werden auf zwei Stationen verteilt. So erhält kein Pferd zweimal hintereinander an der gleichen Station Futter – es muss zwangsläufig zwischen den Stationen pendeln. „Diesen Vorgang begreifen die Pferde oft schon innerhalb weniger Tage“, so Hinrichs.
Paradiesisches aus Nevada
Eine Sonderstellung unter den Gruppenhaltungssystemen hat der Offenstall mit Bewegungsanreizen inne. Hier geht der Paddock in einen Rundkurs über, der am Rand der Weide angeordnet ist, um diese ganz herum läuft und sich wieder am Stallpaddock anschließt.
„Die Einrichtungen, die üblicherweise im Stallgebäude oder auf dem Paddock angeordnet sind, werden auf den Rundkurs verlegt“, erläutert Diplom-Ingenieur Romo Schmidt, Autor des Buchs „Pferde artgerecht halten“. Strohraufe, Heufressstände, überdachter Mineral- und Salzleckstein, Wälzplatz und Hufschwemme sind Teile des Rundwegs und ergänzen die sogenannte Viewing-Plattform in der Mitte.
Offenstall mit Bewegungspfad: Paddock Paradise
„Paddock Paradise“ nennt sich ein Offenstallkonzept dieser Kategorie, das der Amerikaner und ehemalige Hufschmied Jamie Jackson entwickelt hat. Er folgte über mehrere Jahre Wildpferden in Nevada auf ihren Wanderungen und war fasziniert von deren Gesundheit. Diese Beobachtungen wollte er so weit wie möglich auf die Haltung unserer Hauspferde übertragen.
Das Kernelement des „Paddock Paradise“ ist ein Pfad, der als drei bis zehn Meter breiter Streifen außen um die verfügbare Fläche herumführt und die Wanderrouten der Wildpferde simuliert. Dabei wird vor allem Heu an möglichst vielen Stellen angeboten, da es den Hauptanreiz für Bewegung liefert. Nach Jackson sollten viele kleine Minihaufen auf dem Pfad verteilt sein. Weil unser Klima aber matschige Böden verursachen kann, wird die Heufütterung bestmöglich durch engmaschige Heunetze oder spezielle Raufen gelöst.
Warum Böden und Hufpflege so wichtig sind
Mit einer Hufschwemme auf dem Rundkurs lassen sich speziell im Hochsommer trockene und rissige Hufe bewässern, während für eine optimale Hufbeschaffenheit möglichst unterschiedliche Böden sinnvoll sind. Zusätzlich kann ein Wälzplatz, bestehend aus einer Sandkuhle oder einer Sandaufschüttung, angeboten werden.
In solch einem Rundkurs legen Pferde täglich bis zu zwölf Kilometer zurück, was Jacksons Vorstellung von einem Leben ähnlich dem der von ihm beobachteten Wildpferde nahe kommt. Da die Vierbeiner für das Füttern von Kraftfutter eingefangen und angebunden werden müssen, ist diese Haltungsform für solche Pferde, die mehr als zwei Kilogramm Kraftfutter am Tag benötigen, jedoch ungeeignet. Auch ein extrem leichtfuttriges und gefräßiges Pferd bekommt bei dieser Haltungsform eventuell zu viel Heu.
Offenställe im Vergleich
Der HIT Aktivstall
- Bewegung: Längere Laufstrecken durch künstlich angelegte Umwege und Bewegungsanreize
- Sozialgefüge: Gemeinsames Fressen durch computergesteuerte Futterstationen, hoher Sozialkontakt
- Gesundheit: Individuelle Fütterungen und Weidezeiten werden durch Chiperkennung berücksichtigt
- Boden: Häufig großflächig Stein oder Pflaster; unbefestigt Kies, Sand oder Erde auf kleineren Flächen
Paddock Paradise
- Bewegung: Längere Laufstrecken durch fest angelegten Rundkurs
- Sozialgefüge: Einzelne Heuraufen behindern gemeinsames Fressen, guter Sozialkontakt
- Gesundheit: Individuelle Fütterungen können nicht integriert werden
- Boden: Verschiedene Bodenbeläge halten die Hufe gesund; unbefestigte Teile des Weges können matschig werden
- Extra: Integrierte Hufschwemmen bauen die Wasserscheu ab

Im Paddock Paradise befriedigen die Pferde ihre Triebe und Bedürfnisse selbstständig und auf natürliche Weise. (© Kira Weigel (nach Vorlage von Romo Schmidt))
Für wen ist ein Offenstall geeignet?
Die offene Gruppenhaltung ist nicht für Pferde mit Verhaltensauffälligkeiten geeignet, wie Romo Schmidt erklärt: „Pferde, die durch Menschenhand und langjährige Einzelunterbringung ihr Sozialverhalten verlernt und diverse ‚Untugenden‘ wie Kreislaufen, Boxenwandschlagen, extremen Futterneid oder andere Aggressionen angenommen haben, müssen von der Offenstallhaltung leider ausgeschlossen werden.“
In solchen Fällen ist die Unterbringung in einer Paddockbox mit Laufanreizen, wie einem Einzel-Raufutter- oder Kraftfutterautomaten im Außenbereich, einer Tränke mit Mineralleckstation innen und direktem Kontakt zu den Nachbarn, aber ausreichend Platz zum Ausweichen, eine gute Option.
Stallwechsel nicht überstürzen
Grundsätzlich stellt die offene Gruppenhaltung wesentlich höhere Anforderungen an den Stallbetreiber als die Einzelhaltung. „Vielen Pensionsstallbetreibern mangelt es an den notwendigen Fachkenntnissen und Erfahrungen in Sachen Gruppenhaltung“, resümiert Romo Schmidt.
Im Falle eines Wechsels sollte man den ausgeguckten Stall deshalb genau unter die Lupe nehmen, aber auch die Pferde beobachten. Gibt es einen Eingliederungsbereich, wie eine Paddockbox mit sicherem Zaun, die an einen Gruppenauslauf grenzt? Gibt es ausreichend viele Fressstände, damit rangniedere Tiere nicht benachteiligt sind? Ist für alle Pferde genügend Platz vorhanden, klar aufgeteilt in Ruhebereich und Auslauf? Gibt es Engpässe oder Sackgassen?
Stressfrei im Offenstall
Das sind wichtige Fragen, die klar beantwortet werden müssen. „In einem gut durchdachten Offenstall darf es unter keinen Umständen zu einem Blockieren der Futter- und Unterstellplätze kommen. Jeder Futterplatz muss zu jeder Zeit und von jedem Gruppenmitglied ohne Stress aufgesucht werden können. Wird ein rangniederes Pferd von einem ranghöheren von einer Futterstelle vertrieben, muss das vertriebene eine neue Futterstelle aufsuchen können“, so Schmidt.
Erst wenn alle notwendigen Kriterien erfüllt sind, sollte ein Stallwechsel in Erwägung gezogen werden.



