Die Liebe zum Pferd ist groß – und doch bringt der Zeitaufwand im Alltag oft Herausforderungen mit sich.
Der Arbeitstag ist stressig: Morgens, noch im Dunkeln, geht es los. Anna kommt sowieso schon schlecht aus dem Bett, die Dusche ist aufgrund von irgendwelchen Sanitärproblemen kalt und die Scheibe des Autos muss zu allem Überfluss noch vom Eis befreit werden – Mist!
Der Tag nervt Anna schon, bevor der übliche Wahnsinn im Büro überhaupt gestartet ist. Dort ist viel los. Die neuen Projekte müssen in einem Meeting besprochen werden. Die sonstige Arbeit, die sie noch nicht fertiggestellt hat und die gestern eigentlich Deadline hatte, sitzt ihr noch im Nacken und verursacht während des immer länger andauernden Meetings ein ungutes Gefühl in ihrem Bauch.
Wenn das schlechte Gewissen stärker ist als der Feierabend
Um 18 Uhr ist die Medienberaterin eigentlich noch so richtig in ihre Arbeit vertieft, während die letzten Sonnenstrahlen des Tages schon lange an ihrem Fenster und ihrer schlechten Stimmung vorbeigezogen sind, als plötzlich das schlechte Gewissen in ihr aufsteigt: Das Pferd muss noch geritten werden – schließlich hat sie es gestern schon nur laufen lassen. Also macht sie sich auf und verlässt das Büro.
Die Arbeit muss sie morgen fertig machen – vielleicht kann sie ja mal früher aufstehen, damit sie morgen mehr schafft… Das bedeutet zwar, dass sie dann noch erschöpfter am Abend ist und ihr Lebensgefährte sicher auch sauer sein wird, weil sie ihre Prioritäten mal wieder anders setzt, als ihm lieb wäre, aber ja – das ist ihr Plan. Schließlich ist sie es ihrem Pferd schuldig.
Wie der Zeitaufwand durch das Pferd zur Belastung wird
Etwas abgenervt und eigentlich reif für die Couch kommt sie bei ihrem Pferd an. Der Wallach steht kauend in der Box und guckt sie aufmerksam an, als sie um die Ecke biegt. Mit einem kleinen Lächeln streichelt sie über seine Stirn und pustet die Luft mit einem langen Seufzer aus. Sie liebt das Reiten und die Zeit am Stall eigentlich, und dennoch fühlt es sich neben all ihren täglichen Herausforderungen oft an wie eine Pflicht – eine Pflicht, der sie in ihrem Empfinden nur schlecht nachkommen kann.
Ständig ist sie unzufrieden mit ihrer „Leistung“, was die Pferdeversorgung und das Trainieren angeht. Sie fühlt sich selten im Flow, wie sie es früher tat. Dieser Zustand, in dem sich die Zeit beim Pferd so unbeschreiblich anfühlte und sie dazu brachte, jede freie Sekunde am Stall verbringen zu wollten, geht ihr manchmal zwischen Papierkram, Beziehung und Arbeit verloren.

Die Kosten für Pferdehaltung steigen stetig, sodass sie für viele Besitzer kaum mehr tragbar sind. Dennoch können sich die meisten kein Leben ohne Pferd vorstellen. (© Christiane Slawik)
Warum ein Pferd längst zum Luxusgut geworden ist
Kennen Sie dieses Gefühl oder vergleichbare Situationen? Ein Pferd zu besitzen bedeutet nicht nur, die Verantwortung tragen zu müssen, stets abrufbar zu sein, wenn dem Vierbeiner etwas fehlt, die Zeit zu opfern, um es zu versorgen und die mentale Stärke zu besitzen, mit Tiefschlägen, Krankheit oder Tod umgehen zu können.
Ein sehr großer Aspekt ist auch der finanzielle: Pferdehaltung ist aufgrund der stetig steigenden Preise für Futter, Strom und Tierarztkosten zum Luxusgut geworden. Viele Menschen, die sich früher noch mehrere Pferde leisten konnten, sind auf die Haltung von nur einem Tier umgestiegen, wie die Zeitschrift „Berichte über Landwirtschaft“ kürzlich veröffentlichte. Dennoch besitzen in Deutschland etwa 1,25 Millionen Menschen mindestens ein Pferd.
Wie der Zeitaufwand für ein Pferd unseren Alltag bestimmt
Ein Pferd zu halten kostet mittlerweile durchschnittlich 1000 Euro im Monat. Dies bedingt, dass der Pferdehalter tendenziell ein höheres Einkommen braucht und mehr arbeitet, als dies noch vor ein paar Jahren vonnöten war, und ein Szenario, wie das von unserem Beispielfall „Anna“, die Regel ist.
Laut einer aktuellen Studie des „Horse Future Panel“ können sich nur 50 Prozent der Pferdebesitzer ein Pferd wirklich leisten. Die andere Hälfte hat – heruntergebrochen – vielleicht mehr verfügbare Freizeit, schränkt sich dafür jedoch in jeglicher Weise ein, was den sonstigen Lebensstil betrifft, und leidet unter den Folgen.
Warum wir trotz der Belastung nicht loslassen können
Ist das Pferd vieler Besitzer also ein Störfaktor mit einem zu hohen Zeitaufwand? Und falls dem so ist: Warum befreien wir uns dann nicht aus dieser belastenden Situation? Prof. Dr. Kathrin Schütz ist Psychologin und spezialisiert auf die Psyche von Reitern. Diese Problematik, das eigene Pferd als Störfaktor im Leben zu sehen, ist ihr nicht fremd und auch die aktuelle Forschung zu diesem Thema nicht.
Viele sehen ihre Pferde als Familienmitglieder und wollen sich nicht von ihren Pferden trennen, egal, was passiert. Gemäß der Annahme: Wenn ich A sage, muss ich auch B sagen. – Prof. Dr. Kathrin Schütz –
Die Wirtschaftspsychologin führt weiter aus: „Hier kommt der Sunk-Cost-Effekt ins Spiel: Je mehr ich schon in einen Bereich investiert habe – finanziell, zeitlich, emotional –, umso eher bin ich bereit, noch mehr Ressourcen hineinzustecken, und umso weniger möchte ich abbrechen. Wir kennen es beispielsweise von Autos, die ständig kaputtgehen. Die meisten entscheiden sich für die nächste Reparatur und noch eine und noch eine, weil sie sehen, wie viel sie schon in ihr Auto gesteckt haben. Es ist schwer, den Absprung zu finden.“
Emotionale Entscheidungen zu Pferd und Zeitaufwand
„Bei unseren Pferden kommen noch Emotionen und Erlebnisse hinzu. Und einige meiner Klientinnen sagen nicht nur: ,Ich habe mich für das Pferd entschieden, also bin ich auch verantwortlich‘, sondern auch: ,Mein Pferd hat’s nur bei mir so gut, das wird bei einer anderen Person niemals so glücklich‘.“ Die Gründe sind also vielschichtig. Menschen denken oft, sie selbst könnten die Dinge am besten erledigen. Dahinter stehen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, der Wunsch nach Kontrolle, perfektionistische Tendenzen oder die Angst, andere könnten es nicht richtig machen.
Hinzu kommt häufig die innere Überzeugung, die Bedürfnisse des Pferdes und die jeweilige Situation am besten zu kennen. Dies kann aus einer Mischung aus Selbstwirksamkeit und dem tief verwurzelten Gefühl entstehen, dass nur man selbst die Dinge wirklich so erledigt, wie sie erledigt werden müssen, um den eigenen Standards zu genügen oder negative Erfahrungen zu vermeiden.
Wir glauben, dass nur wir selbst unserem Pferd gerecht werden
Die Furcht, dass andere das Pferd nicht so gut versorgen würden wie man selbst (oder man selbst es eben perfekt macht), führt dazu, dass sich Besitzer oft keine Hilfe in Form einer Reit- oder Pflegebeteiligung suchen oder Pferde oft nicht gut verkauft werden können, auch wenn finanzielle oder mentale Probleme, die durch die Haltung entstanden sind, den Alltag mit dem Pferd zum Problem machen.
Dr. Sherin Franckenstein ist Verhaltenstherapeutin und hat eine Erklärung für dieses Verhalten: „In der Regel wählen Menschen Hobbys, von denen sie sich einen subjektiven Mehrwert versprechen. Dabei wird das individuelle Kosten-Nutzen-Verhältnis zumindest kurzfristig als positiv bewertet.
Einschränkungen durch den Zeitaufwand für das Pferd
Anders stellt sich der Sachverhalt dar, wenn Personen sich in ihrer Lebensführung einschränken und ein Pferd primär aus vermeidungsmotivierten Gründen halten. In diesem Kontext lassen sich insbesondere Schuldgefühle als zentrale Triebfeder annehmen. Trotz erheblicher objektiver Nachteile behält man das Pferd in solchen Fällen, wobei weniger der tatsächliche Nutzen als vielmehr die Regulation negativer Emotionen im Vordergrund steht.“
Traumata oder schlechte Erfahrungen können das Gefühl verstärken, dass nur Verlass auf sich selbst besteht, und der Drang, alles „richtig zu machen“, kann aus eigener Unzufriedenheit oder der Notwendigkeit entstehen, die Kontrolle über die Umwelt zu haben.
Wann wir uns selbst aus dem Blick verlieren
Um Routinen zu ändern, bedarf es einer guten Reflexionsfähigkeit und des ehrlichen Umgangs mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Ein Anpassen an neue Situationen, ob beruflicher oder auch privater Art, verhilft zu mehr Zufriedenheit, ohne dass die Leidenschaft Schaden nimmt. Fühlt sich das Pferd wie ein Störfaktor an, ist es wichtig zu handeln, um sich vor einer Überforderung zu schützen.
- Hinterfragen Sie Ihre Überzeugung: Ist es wirklich besser, alles alleine zu machen oder das Pferd zu behalten, oder ist es nur der Wunsch nach Perfektion oder Kontrolle, oder empfinde ich sogar Schuldgefühle, wenn ich dem nicht nachkomme? Wie viel meiner einstigen Leidenschaft ist noch da?
- Selbstakzeptanz: Akzeptieren Sie Ihre Schwächen und dass Sie nicht überall und immer 100 Prozent geben können, um weniger Druck zu empfinden.
- Hören Sie auf die innere Stimme: Unterscheiden Sie zwischen konstruktiven Selbstgesprächen und kritischem Selbstzweifeln oder dem Drang nach Kontrolle und einem Gefühl von „Das gehört sich so, dass Pferde nicht abgegeben werden oder ich mir Hilfe suche, z.B. durch eine Reitbeteiligung“.

So richtig im „Flow“ sein, wie es als Kind der Fall war, sind viele Reiter im Erwachsenenalter selten. (© Christiane Slawik)
Wenn das Pferd zur Belastungsprobe für die Beziehung wird
Die Versorgung des Pferdes nimmt durchschnittlich 20 Stunden pro Woche in Anspruch, was zeitlich einer Halbtagsstelle gleichkommt. Naheliegend ist es daher, dass die Rolle des Pferdes in vielen Paarbeziehungen zu Konflikten führt. Die Zeit füreinander wird stark begrenzt, und ebenso kommt auch hier der finanzielle Aspekt zum Tragen, und die veränderte Prioritätensetzung scheint ebenfalls problematisch zu sein. So kann ein Pferd schon mal zum „Beziehungskiller“ werden, und häufig hört man den Satz: „Nie wieder eine Pferdefrau!“.
„In unserer Studie haben wir Reiter und ihre Partner genau zu diesem Thema befragt. Je mehr Zeit die Reiter mit ihren Pferden verbrachten, desto eher wurde das Pferd als Eifersuchtsobjekt eingeschätzt“, so Prof. Dr. Kathrin Schütz. Dr. Shirin Franckenstein ergänzt: „In einer harmonischen Partnerschaft sollte ein offener Austausch darüber stattfinden, welche Erwartungen die Partnerinnen und Partner an die Beziehung haben und welche Kompromisse möglich und akzeptabel sind. Bedürfnisse sollten innerhalb der Beziehung transparent kommuniziert und gemeinsam ausgehandelt werden.“
Wie Paare mit dem Zeitaufwand rund ums Pferd umgehen
Um das Problem zu entschärfen, helfen klare Absprachen und das Einrichten einer „Quality Time“ mit dem Partner. Die gemeinsame Zeit sollte dafür genutzt werden, Gespräche zu führen, Dinge zu tun, die beide gerne machen, neue Erfahrungen zu machen und einfach im Moment zu leben. Der Partner fühlt sich dann respektiert.
„Die gute Nachricht: Fast alle nichtreitenden Partner besuchen die Pferde ihrer Partner und verbringen dadurch mehr Zeit miteinander, wenn auch im Stall“, schmunzelt Prof. Dr. Kathrin Schütz. Win-win für alle!
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