Pferd schleckt Hand: Pferde Leidenschaft © Christiane Slawik

Pferde und Leidenschaft aus psychologischer Sicht: Warum die Bindung zu Pferden für viele Menschen weit über ein Hobby hinausgeht.

Wann ein Interesse zur Leidenschaft wird

Hooforia: Was genau ist eine Leidenschaft, und wie und wann entsteht eine Leidenschaft für etwas?

Prof. Dr. Kathrin Schütz: Wenn wir einer Leidenschaft nachgehen, sind wir intrinsisch motiviert, also von innen heraus, und erleben eine Anziehungskraft. Dabei haben wir Freude daran, an etwas zu denken, die Emotionen zu erleben, die damit einhergehen, und sind richtig begeistert von etwas. Es kann dabei um ein bestimmtes Thema gehen, ein Ziel, das wir erreichen möchten, oder auch mit einer Person zu tun haben.

Dr. Sherine Franckenstein: Leidenschaft lässt sich allgemein als ein überdauerndes Interesse an einem bestimmten Gegenstandsbereich verstehen. Nach Krapp kann Interesse grundlegend in situationales und individuelles Interesse differenziert werden. Das individuelle Interesse bezeichnet eine relativ stabile, langfristige Disposition, sich wiederholt und vertieft mit einem bestimmten Interessensgebiet auseinanderzusetzen, etwa mit einem Hobby oder einem fachlichen Themenbereich.

Im Gegensatz dazu beschreibt das situationale Interesse einen zeitlich begrenzten motivationalen Zustand, der durch spezifische Merkmale der Situation oder der Umwelt ausgelöst wird. Entspricht ein zunächst situationales Interesse den individuellen Bedürfnissen, Motiven und Wertvorstellungen einer Person, kann es sich im Zeitverlauf zu einem stabilen individuellen Interesse entwickeln. In diesem Fall ist es möglich, dass eine entsprechende Tätigkeit oder ein Hobby dauerhaft und über längere Lebensphasen hinweg ausgeübt wird.

Was ist die Abgrenzung von einer Leidenschaft zu einer Sucht?

Prof. Dr. Kathrin Schütz: Bei der Leidenschaft geht es um die positiven Gefühle und die Freiwilligkeit im Handeln – wir haben so richtig Spaß, Energie und sind auch mal im Flow, das heißt, wir gehen so richtig darin auf. Bei einer Sucht geht es um negative Dinge wie Zwang und Kontrolle, die wir nicht mehr haben. Wir können nicht mehr ohne.

Dr. Sherine Franckenstein: Aus medizinischer Sicht müssen diese bestimmten Kriterien erfüllt sein, um eine Suchtdiagnose stellen zu können:

  • Starkes Verlangen oder ein Zwang: ein nahezu unkontrollierbarer Wunsch, die Substanz zu konsumieren.
  • Verminderte Kontrollfähigkeit: Schwierigkeiten, den Beginn, die Menge oder die Beendigung des Substanzkonsums zu steuern.
  • Entzugssyndrom: Auftreten körperlicher oder psychischer Symptome beim Absetzen oder bei Reduktion der Substanz.
  • Toleranzentwicklung: Es werden zunehmend höhere Dosen benötigt, um die ursprünglich erzielte Wirkung zu erreichen.
  • Vernachlässigung anderer Interessen: Andere Aktivitäten, Hobbys oder soziale Kontakte werden zugunsten des Substanzkonsums vernachlässigt; zudem wird ein erhöhter Zeitaufwand für die Beschaffung der Substanz in Kauf genommen.
  • Fortgesetzter Konsum trotz schädlicher Folgen: Der Substanzkonsum wird fortgesetzt, obwohl die betroffene Person sich der negativen körperlichen oder psychischen Konsequenzen bewusst ist.

Für die Diagnose einer Abhängigkeit müssen mindestens drei dieser Kriterien über einen Zeitraum von mindestens einem Monat gleichzeitig vorgelegen haben oder wiederholt innerhalb der letzten zwölf Monate aufgetreten sein.

Hat jeder Mensch eine Leidenschaft? Wie wichtig ist das Besitzen einer Leidenschaft für die Charakterbildung oder auch die Zufriedenheit des Menschen?

Prof. Dr. Kathrin Schütz: Grundsätzlich können wir alle eine Leidenschaft entwickeln, ob wir aber tatsächlich einer nachgehen, ist ganz unterschiedlich stark ausgeprägt. Dabei lohnt es sich, genau zu schauen, was uns so richtig Energie und Freude gibt. Denn das lässt uns mehr Glücksgefühle erleben, macht uns zufriedener und gibt uns die Energie, bestimmte Ziele zu erreichen. So kann sich auch unsere Persönlichkeit weiterentwickeln. Das hilft – vereinfacht gesagt – auch unserer psychischen Gesundheit. Denn so erleben wir, dass wir es schaffen, bestimmte Dinge mit unseren eigenen Fähigkeiten zu erreichen. Wir sind selbstwirksam.

Dr. Sherine Franckenstein: Menschen unterscheiden sich in ihren Persönlichkeitsmerkmalen sowie in ihren individuellen Vorlieben und deren jeweiliger Ausprägung. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass sich auch die Intensität von Leidenschaften zwischen Personen unterscheidet. Demnach existieren interindividuelle Unterschiede hinsichtlich der Stärke, mit der Leidenschaften erlebt und verfolgt werden.

Zufriedenheit stellt sich insbesondere dann ein, wenn Menschen im Einklang mit ihren individuellen Bedürfnissen und dispositionellen Voraussetzungen handeln. Dieses Prinzip lässt sich unter anderem mithilfe des Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeit erklären. So ist beispielsweise anzunehmen, dass extravertierte Personen geringere Zufriedenheit erleben, wenn sie sich überwiegend in einer reizarmen Umgebung aufhalten, da dies ihren grundlegenden Bedürfnissen nach Stimulation und sozialer Interaktion widerspricht.

Die Effekte einer Pferde-Leidenschaft

Was lösen Tiere bei Menschen aus, und warum fällt vielen der Zugang zu ihnen leichter als zu fremden Menschen?

Prof. Dr. Kathrin Schütz: Was wir aus dem therapeutischen und Coaching-Kontext nachgewiesenermaßen wissen, ist, dass Tiere emotional öffnend sind und dass Menschen in deren Anwesenheit eher über persönliche Dinge sprechen. Pferde reagieren auch unmittelbar auf ihr Gegenüber (und schauen nicht auf ihr Handy) – sie sind im Hier und Jetzt. Viele Menschen erzählen ihren Tieren ihre Probleme und haben eine sehr enge Bindung zu ihnen.

Dr. Sherine Franckenstein: Laut Springer Medizin zeigen Haustiere positive Effekte auf die psychische Gesundheit. Empirische Befunde weisen darauf hin, dass eine enge Mensch-Hund-Bindung bei Hundehalterinnen und Hundehaltern mit einem geringeren Ausmaß an Angst- und Depressionssymptomen assoziiert ist. Diese Effekte sind jedoch nicht generalisierbar.

Warum verzichten Menschen auf finanzielle Sicherheiten, eine größere Sorglosigkeit und Freizeit, um stattdessen ein Pferd zu unterhalten?

Prof. Dr. Kathrin Schütz: Eine Klientin sagte letztens zu mir: „Ich würde eher unter der Brücke schlafen, als mein Pferd zu verkaufen, auch wenn ich manchmal denke, ich kann nicht mehr – chronische Krankheiten, Kosten und die ganzen Sorgen …“ Viele sehen ihre Pferde als Familienmitglieder und wollen sich nicht von ihren Pferden trennen, egal, was passiert. Gemäß der Annahme: Wenn ich A sage, muss ich auch B sagen.

Hier kommt der Sunk-Cost-Effekt ins Spiel: Je mehr ich schon in einen Bereich investiert habe (finanziell, zeitlich, emotional), umso eher bin ich bereit, noch mehr Ressourcen hineinzustecken, und umso weniger möchte ich abbrechen. Wir kennen es beispielsweise von Autos, die ständig kaputtgehen. Die meisten entscheiden sich für die nächste Reparatur und noch eine und noch eine, weil sie sehen, wie viel sie schon in ihr Auto gesteckt haben. Es ist schwer, den Absprung zu finden.

Bei unseren Pferden kommen noch Emotionen und Erlebnisse hinzu. Und einige meiner Klienten sagen nicht nur: „Ich habe mich für das Pferd entschieden, also bin ich auch verantwortlich“, sondern auch: „Mein Pferd hat’s nur bei mir so gut, das wird bei einer anderen Person niemals so glücklich“. Die Gründe sind also vielschichtig.

Was sind Ihrer Meinung nach weitere Gründe dafür?

Prof. Dr. Kathrin Schütz: Pferde haben eine besondere Anziehungskraft auf viele, und wir erforschen, warum Menschen reiten. Es ist die Verbindung zum Pferd, die Nähe zur Natur und für einige auch der Wettkampfcharakter. Das Hobby ist unglaublich zeit- und kostenintensiv, aber die Pferde geben uns sehr viel zurück. Es gibt auch eine Studie, die den Namen „My horse is my therapist“ trägt.

Ein weiterer Punkt ist unsere Selbstwirksamkeitserwartung. Denn mit unserem Pferd etwas geschafft zu haben, macht uns stolz. Mit einem Tier, das 500 Kilogramm oder mehr wiegt, gemeinsam ein Team zu sein, ist etwas Besonderes.

Dr. Sherine Franckenstein: In der Regel wählen Menschen Hobbys, von denen sie sich einen subjektiven Mehrwert versprechen. Dabei wird das individuelle Kosten-Nutzen-Verhältnis zumindest kurzfristig als positiv bewertet. Anders stellt sich der Sachverhalt dar, wenn Personen sich in ihrer Lebensführung einschränken und ein Pferd primär aus vermeidungsmotivierten Gründen halten.

In diesem Kontext lassen sich insbesondere Schuldgefühle als zentrale Triebfeder annehmen. Trotz erheblicher objektiver Nachteile wird das Pferd in solchen Fällen beibehalten, wobei weniger der tatsächliche Nutzen als vielmehr die Regulation negativer Emotionen im Vordergrund steht. Der Anteil solcher Pferdehalter ist jedoch als gering einzuschätzen.

Der Einfluss einer Pferde-Leidenschaft auf eine Partnerschaft

Viele Partner empfinden es als sehr störend, wenn ihre Frau ein Pferd besitzt. Inwieweit kann ein Pferd zum „Beziehungskiller“ werden – und wann vielleicht auch zum „Retter“?

Prof. Dr. Kathrin Schütz: Pferde können definitiv ein Eifersuchtsobjekt sein. „Nur noch eben kurz zum Pferd“ können locker zwei bis drei Stunden sein. Reiter sind durchschnittlich bis zu 20 Stunden pro Woche am Reitstall, was einer Halbtagsstelle gleichkommt. Wir sind im Stall oftmals im Flow – wir vergessen Zeit und Raum, als Zwischending zwischen Langeweile und Überforderung, was zu Hause zu Unmut führen kann.

Von den Kosten und der emotionalen Verbindung ganz zu schweigen. Pferde sind für viele nicht einfach nur ein Hobby, sondern sie sind wie unsere Partnerinnen und Partner – genau das kann zu Spannungen führen. Stressthemen rund um Pferde beziehen sich nicht immer nur auf Krankheiten und Kosten, sondern auch auf Turnierteilnahmen oder Bedingungen sowie Mitmenschen im Stall.

In unserer Studie haben wir Reiter und ihre Partner genau zu dem Thema befragt. Je mehr Zeit die Reiter mit ihren Pferden verbrachten, desto eher wurde das Pferd als Eifersuchtsobjekt eingeschätzt – von beiden Seiten. Freizeitreiter bewerteten den Stellenwert des Pferdes in Beziehungen bzw. als Eifersuchtsobjekt im Durchschnitt niedriger als Turnierreiter.

Die gute Nachricht: Fast alle nichtreitenden Partner besuchten die Pferde ihrer Partner und verbringen somit mehr Zeit miteinander, wenn auch im Stall.

Dr. Sherine Franckenstein: Zentral ist die Klärung der individuellen Motivation sowie gegebenenfalls der gemeinsamen Paarmotivation. In einer harmonischen Partnerschaft sollte ein offener Austausch darüber stattfinden, welche Erwartungen die Partnerinnen und Partner an die Beziehung haben und welche Kompromisse möglich und akzeptabel sind.

Bedürfnisse sollten innerhalb der Beziehung transparent kommuniziert und gemeinsam ausgehandelt werden. Weichen grundlegende Vorstellungen der Lebensgestaltung deutlich voneinander ab, kann dies dazu führen, dass keine langfristige Passung entsteht. Der auslösende Faktor ist dabei jedoch nicht das Pferd an sich, sondern vielmehr eine grundlegende Diskrepanz in den Bedürfnissen, Werten und Prioritäten der Beteiligten.

Vielen Dank für das Gespräch!

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