Die Turniersport Statistik bringt Grund zur Sorge und Hoffnung gleichzeitig mit sich.
Wie hat sich die Turnierlandschaft in Deutschland innerhalb der vergangenen Jahre entwickelt? Dazu gibt es nun erste Zahlen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN).
Hatte der Turniersport nach der Coronazeit zunächst wieder etwas Fahrt aufgenommen, weist der Trend seit 2023 nach unten.
Hier einige Fakten:
– Im Jahr 2025 wurden nur noch 3.183 Veranstaltungen organisiert. Dies ist ein Rückgang von neun Prozent zur vorher stabilen Marke von 3.500.
– Einen Rückgang von 0,5 Prozent weist 2025 die Anzahl der Prüfungen auf. Diese sanken von 56.975 auf 56.686 Prüfungen. Im Vergleich zur Prä-Pandemie-Zeit ist die Prüfungsanzahl in den vergangenen sechs Jahren sogar um 14,5 Prozent geschrumpft.
– Im Vergleich zu Prä-Pandemie-Zeit gibt es einen Rückgang von fast zwanzig Prozent bei den Startzahlen.
– 2023 sank die Zahl der ausgestellten Jahresturnierlizenzen erstmals unter 70.000. 2024 verlangsamte sich der Rückgang (68.425), lag 2025 aber weiterhin bei minus 2,5 Prozent (66.729).
– Nach einem Rückgang im Jahr 2024 ist die Zahl der neu registrierten Turnierpferde 2025 wieder auf 21.326 gestiegen, das entspricht plus 4,8 Prozent gegenüber 20.343 im Vorjahr.
Im Interview mit der FN zieht Leonie Kalthoff als Leiterin des Teams Turniersport der FN ein Fazit aus den aktuellen Zahlen.
Wie schätzen Sie die jüngsten Turniersportzahlen ein?
Leonie Kalthoff: Natürlich sind diese Zahlen kein Grund zum Jubeln, sind für uns allerdings auch nicht überraschend. Schaut man sich den Verlauf der vergangenen zehn Jahre an, ist ein linearer Rückgang zu erkennen. Die Pandemie hat diesen Rückgang beschleunigt, aber ganz so weit sind wir von dem Trend, den wir auch ohne Pandemie erwartet hätten, nicht entfernt.
Am meisten bedauern wir den Rückgang bei den Veranstaltungen. Insbesondere die kleinen, ländlichen Veranstalter können ihr Turnier schon länger nicht mehr mit einer schwarzen Null abschließen. Das bedeutet, dass uns vor allem die kleinen Turniere fehlen, die ein Verein einmal im Jahr auf die Beine gestellt hat. Und dies ist vor allem auch ein großer und bedauerlicher Verlust für das gelebte Vereinsleben und die Gemeinschaft.
Müssen sich die Turniere ändern, was müssen Turnierveranstalter vielleicht verändern?
Wenn man sich mit den Zahlen des Statistischen Bundesamtes befasst, bin ich überzeugt davon, dass es in erster Linie äußere Einflüsse sind, die uns und vielen anderen Sportverbänden in Deutschland das Leben erschweren.
Die steigenden Lebenshaltungskosten führen dazu, dass weniger Geld für Sport, Freizeit und Kultur übrigbleibt. Wir müssen uns nichts vormachen – auf den Turniersport kann als erstes verzichtet werden, wenn das Geld knapp wird. Hinzu kommt, dass das Veranstalten eines Turnieres durch die steigenden Preise immer teurer wird und auch der demographische Wandel ist nun mal Fakt.
Aber natürlich prüfen wir als Verband die Stellschrauben. Wir hinterfragen fortlaufend unsere Regelwerke und schauen, wo wir Möglichkeiten haben den Teilnehmern und Veranstaltern entgegenzukommen. Wir nehmen auch Ideen gerne entgegen, dafür haben wir ja schließlich ein föderales System. Das Problem ist nur immer: wenn eine Idee aus dem Blickwinkel einer Zielgruppe absolut logisch erscheint, hat es meist Nachteile für andere Zielgruppen. Ein Teilnehmer hat beispielsweise andere Interessen als der Veranstalter, der Zuschauer oder die Turnierfachleute.
Die einzige Möglichkeit für Veranstalter ist, dass sie sich hinterfragen welche Zielgruppe sie in erster Linie ansprechen. Zum Beispiel: Als ‚normaler‘ vereinsbasierter Veranstalter brauche ich nicht die Profis ansprechen. Die Topreiter fahren in Reitsportzentren mit Top-Bedingungen, und zwar vorwiegend unter der Woche.
Also müssen die Turniere bedarfsorientierter werden?
Ja, kleine Veranstalter können sich Nischen aufbauen. Ein großes Potenzial liegt auch in den Wiedereinsteigern im mittleren Alter. Das sind erwachsene Personen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und neben Beruf und Familie täglich noch das Familienpferd betreuen. Für diese Zielgruppe müssen Angebote geschaffen werden.
Und bei den Angeboten für die ganz Kleinen und Einsteigern, also unsere Basis, ist noch viel Potenzial. Führzügelwettbewerbe sind toll, aber manchmal entsteht das Gefühl, wir langweilen unsere jüngsten Pferdefans schon mit dem korrekten Sitz, bevor sie überhaupt ein Gefühl für das Pferd entwickeln. Und genau dort müssen wir ansetzen. Und für ein S-Springen mit zehn Startern, kommt auch kein Zuschauer mehr zum Turnier.
Wie sieht denn die ideale Ausschreibung aus?
Grundsätzlich gibt es keine Pauschallösung für eine perfekte Ausschreibung und garantiert hohe Nennungszahlen. Dafür gibt es zu viele Faktoren, die einfließen, wie zum Beispiel die Platzgrößen und die Bodenbeschaffenheit. Gut besuchte und beliebte Turniere leben davon, dass die Veranstalter offen für Neues sind, immer wieder neue Ideen haben und diese auch umsetzen. Und übrigens: Jeder Veranstalter kann sich bei seinem Landesverband hinsichtlich seiner Ausschreibung beraten lassen.
Was können die Aktiven selbst beitragen?
Nicht nur die Veranstalter und Turnierfachleute können zu einer verbesserten Turnierlandschaft beitragen. Eine der Hauptsorgen der Veranstalter ist der Mangel an ehrenamtlichen Helfern. Aktive und Vereinsmitglieder können durch tatkräftige Unterstützung mithelfen, das eigene Turnier attraktiv zu gestalten und die Kosten somit gering zu halten. Schließlich hängt die Motivation, ein Turnier zu veranstalten, von einem Gemeinschaftsgefühl ab und letztendlich auch davon, ob am Ende in der Vereinskasse etwas übrigbleibt.