Der Sport muss pausieren: Marie Gerdes wollte in Doha internationale Springprüfungen reiten, jetzt hofft die Hamburgerin, schnell heile zurück nach Hause zu kommen. © Lucio Landa

Der Sport muss pausieren: Marie Gerdes wollte in Doha internationale Springprüfungen reiten, jetzt hofft die Hamburgerin, schnell heile zurück nach Hause zu kommen.

Eigentlich wollte die Hamburger Springreiterin Marie Gerdes mehrere Wochen Turniersport in Doha erleben – mit Starts bei der hochdotierten Global Champions Tour. Doch wegen der aktuellen militärischen Spannungen in der Golfregion wurden Veranstaltungen abgesagt, der Luftraum zeitweise eingeschränkt. Marie Gerdes ist weiterhin vor Ort – zusammen mit ihren Pferden. Im Gespräch mit Hooforia berichtet sie von Explosionen nahe des Turniergeländes, Sorgen der Familie und einem Alltag zwischen Training und Unsicherheit.

Turnierserie in Doha – plötzlich überschattet von der politischen Lage

Sie wollte sich einen Traum erfüllen, einige Wochen dem Winter entfliehen und mit ihren Pferden in die Saison 2026 starten. Und jetzt ist alles anders. Denn die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten verhindern die Austragung des Reitturniers in Katar. Seit Anfang Februar befindet sich die 25-jährige Marie Gerdes aus Hamburg mit ihren drei Pferden vor Ort. Am 8. Februar war sie gemeinsam mit ihrem Trainer nach Doha aufgebrochen. Fünf Wochen voller Turniersport auf der Anlage Al Shaqab, eine der modernsten Reitsportanlagen der Welt, sollten es werden. Hier sollte die Global Champions Tour ausgetragen werden, einer der höchstdotierten Serien im internationalen Springsport.

Militärische Eskalation: Turnierserie abgesagt

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Doch die Situation änderte sich plötzlich. Durch die militärische Eskalation in der Region wurden mehrere Sportveranstaltungen abgesagt oder verschoben. Auch im Reitsport blieb das nicht ohne Folgen – die Global Champions Tour in Doha, an der Marie Gerdes teilnehmen wollte, wird nicht ausgerichtet. „Die Situation war deutlich spürbar. Es ist die Rede von Drohnen und Raketen. Die sind teilweise über das Turniergelände geflogen, und man konnte sehen, wie sie abgewehrt wurden“, erzählt sie im Telefonat mit Hooforia.  In der Nähe des Geländes befinde sich eine amerikanische Militärbasis, deren Einflugschneise über das Turnier-Areal führt.

Explosionen nahe des Turniergeländes

Besonders der erste Abend sei beunruhigend gewesen. „Im ersten Moment war es sehr gruselig, es gab viele Explosionen, da habe ich schon Angst bekommen. Aber die Pferde zwingen uns zur Ruhe. Besonders für sie müssen wir den Alltag hier so gut es geht weiterleben und so tun, als sei alles normal.“ Tatsächlich sei keines der Pferde vor Ort extrem gestresst, auch wenn die lauten Geräusche natürlich zu Beginn ein wenig für Nervosität gesorgt haben. „Es war ein bisschen wie sonst an Silvester. Die Pferde zucken zusammen und müssen sich daran gewöhnen. Inzwischen geht es aber und es ist auch ruhiger geworden, da ja der Luftraum geschlossen ist.“ Und die Stimmung? Ist natürlich keineswegs so ausgelassen und fröhlich wie an Silvester. Nach wie vor ist die Rückreise ungewiss, die größte Herausforderung ist derzeit die Logistik. „Es war relativ schnell klar, dass die Pferde nicht einfach rauskommen“, berichtet uns Marie Gerdes. „Und ohne meine Pferde fliege ich nicht, das steht fest.“

Pläne für die Rückreise mit Pferden

Aktuell gibt es zwar Pläne für die Rückreise, aber ob die stattfinden können am 15. oder 16. März, ist ungewiss. „Falls der Luftraum früher wieder komplett offen ist, könnte es auch eher gehen. Gerade möchten wir einfach auch nur noch nach Hause. Den Reitern ist inzwischen allen egal, ob noch ein Turnier stattfindet, Hauptsache alle kommen heil zurück.“ Trainiert wird weiterhin – allerdings ohne Turnierdruck. „Wir bewegen die Pferde täglich, halten sie ein bisschen fit, versuchen uns abzulenken. Wir haben die Hoffnung, dass wir dann zu Hause wieder anknüpfen können.“

Unterstützung vor Ort – Kritik an der deutschen Botschaft

Die Turnierveranstalter vor Ort beschreibt Marie Gerdes als sehr hilfsbereit. „Wir können alles nutzen – Paddocks, Trainingsmöglichkeiten und sie helfen uns bei Fragen, tun alles, was möglich ist. Teilweise fahren Busse von hier nach Saudi-Arabien zum Flughafen.“ Kritischer sieht sie hingegen die Unterstützung aus Deutschland. „Ich habe mich ehrlich gesagt von der deutschen Botschaft eher im Stich gelassen gefühlt als von den Leuten hier.“ Denn Marie Gerdes beste Freundin war ihr in der vergangenen Woche nachgereist, um sie bei den Turnierstarts zu unterstützen. Sie hätte eventuell eine Chance, bei einem Transport zum nächsten Flughafen in Saudi-Arabien mitzukommen. „Doch es gibt da keine gute Organisation. Wie soll sie sich von der Grenze durchschlagen, etwa per Anhalter?“ Zwar kam eine Email mit „Hilfestellungen“ der deutschen Botschaft, „doch wir müssten uns selbst um ein Auto mit Versicherung, um einen Fahrer mit Visum usw. kümmern, um hier wegzukommen. Das ist nicht unbedingt eine große Hilfe“, sagt sie kritisch. Marie Gerdes hofft jetzt, dass es die nächsten Tage ruhig bleibt, damit Pläne für die Rückreise konkreter geschmiedet werden können.

Marie Gerdes mit ihrem Pferd "Coleman S" in Doha.

Marie Gerdes mit ihrem Pferd „Coleman S“ in Doha. (© Lucio Landa)

Geschütztes Gelände – aber kaum jemand verlässt das Hotel

Das Turniergelände selbst gilt als relativ sicher, trotzdem bleibt die Stimmung vorsichtig. „Eigentlich ist alles offen und man könnte ein normales Leben führen. Aber logischerweise verlässt kaum jemand das Hotel oder geht in die Stadt. Auch die Hotelpools sind gesperrt, alle fühlen sich wie in einer Warteposition. Die Situation hat für die 25-Järhige auch eine sehr persönliche Seite. Der Kontrast zwischen internationalem Spitzensport und geopolitischer Krise sei enorm. „Eigentlich wollten wir hier einfach Turnier reiten und eine tolle Zeit haben“, sagt sie. Noch kurz zuvor habe sie sich über ganz andere Dinge Gedanken gemacht. „Mein größtes Problem war bis dahin, dass mein bestes Pferd vielleicht nicht so gut abschneidet.“ Die Ereignisse hätten ihre Perspektive verändert. „Ich habe mir gedacht: Ich darf mich über Niederlagen eigentlich gar nicht mehr aufregen. Das Schlimmste, was uns auf Turnieren in Deutschland passieren kann, ist vielleicht ein Herpes-Ausbruch – aber das ist kein Krieg. Und letzten Endes ist eine Schleife oder eine Platzierung zwar schön, aber Sicherheit geht einfach über alles.“

Angesichts der aktuellen Lage stellt sich natürlich generell die Frage, wieso Reiterinnen und Reiter überhaupt mit ihren Pferden für Turniere in den Nahen Osten reisen. Der Aufwand ist enorm, die politische Lage in der Region schon länger angespannt. Für Marie Gerdes sollte die Reise vor allem eine sportliche Erfahrung sein. „Da mein Trainer die Global Champions Tour reitet, war es eine tolle Gelegenheit, mitzufahren und die Chance zu nutzen, dass ich somit nicht mit meinen Pferden alleine fliegen musste.“ Aber: Der internationale Springsport sei längst global organisiert, Pferde seien heutzutage an längere Transporte gewöhnt. „Dass sich die Lage so zuspitzen könnte, hatten wir zwar im Hinterkopf, aber keiner hat es ernsthaft erwartet“, erzählt die 25-Jährige.

Sorge zuhause – Gelassenheit im Stall

Und ihre Familie in Deutschland verfolgt die Situation natürlich mit Sorge, sie selbst versucht, sich nicht verrückt zu machen. Und trotz der schwierigen Situation bleibt sie grundsätzlich positiv gegenüber dem Turnierstandort. „Wenn sich alles beruhigt, könnte ich mir schon vorstellen, wiederzukommen“, sagt sie. „Bis dahin hatte ich hier wirklich eine sehr gute Zeit.“

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