Trauerbegleitung funktioniert besonders gut mit Pferden.
Obwohl die beiden Charaktere unterschiedlicher nicht sein könnten, sind die Zwei unzertrennliche Freunde und einander seit inzwischen 13 Jahre tief verbunden. Gerade ihre Gegensätzlichkeit spannt einen breiten Bogen um Brasses Arbeit mit Trauernden: das fängt schon bei der ersten Kontaktaufnahme an. Diana Brasse beschreibt: „Jorrit ist ein Friese, wie ich ihn mir immer gewünscht habe: groß, kraftvoll, mit einer selbstverständlichen Präsenz und einem ausgeprägten Selbstbewusstsein. Er übernimmt klar die Führungsrolle und entscheidet sehr bewusst, mit wem er in Kontakt tritt – bei Pferden und bei Menschen. Es gibt Menschen, denen er sich sofort zuwendet und andere, bei denen er Abstand hält. Prestinar hingegen begegnet Menschen meist weicher, offener und schneller zugewandt. Seine Körpersprache ist entspannter, sein Ausdruck milder. Er ist immer sehr freundlich.“
Beide Pferde seien als Trauerbegleiter beim Einzel-Coaching mit dabei, denn „nicht jedes Pferd kann mit jedem Menschen arbeiten, und nicht jeder Mensch findet sofort Zugang zu jedem Pferd.“, erläutert Diana Brasse und beschreibt eine typische Stunde in der Trauerbegleitung:
Erster Kontakt
„Der Klient bespricht mit mir – zunächst noch ohne Pferde – das Thema der Stunde, das wir gemeinsam mit den Pferden anschauen möchten. Dabei sind wir entweder hinter der Bande oder in einem abgetrennten Bereich in der Reithalle. Wenn Jorrit und Prestinar in die Halle kommen, wälzen sie sich in der Regel und bewegen sich ein paar Runden gemeinsam im lockeren Trab oder Galopp. Diese erste Phase dient ihnen dazu, Spannungen abzubauen. Nach zwei bis drei Minuten kehrt in der Regel Ruhe ein, und die Pferde wenden sich uns zu. Für mich ist das ihr deutliches Zeichen, dass sie bereit sind und es los gehen kann.
Gemeinsam gehen wir also zu einem ersten Kennenlernen in Richtung der Pferde. Prestinar kommt uns entgegen. Seine Kopfhaltung ist tief, die gesamte Körperspannung wirkt weich, sein Blick offen und freundlich. Er nimmt sich Zeit, mit meiner Klientin in Kontakt zu treten, schnuppert ausgiebig. Jorrit hingegen bleibt auf Abstand, in der Beobachterrolle – und auch als Begleiter der kommenden Übung bietet er sich nicht an, sondern wendet sich ab und geht seine eigenen Wege.“
Aspekte der Trauer
„Prestinar ist es, der die Klientin begleitet und sich bei der kommenden Übung geduldig und kooperativ durch einen Parcours führen lässt. Aufgabe: An verschiedenen Stationen sollen Aspekte der Trauer benannt und die aufsteigenden Gefühle angenommen werden.
Gemeinsam gehen die beiden von Station zu Station. Meine Klientin liest die Fragen, spricht über Erinnerungen, über Verlust, über Schmerz über Hoffnungslosigkeit. Sie erzählt, was sie vermisst, wann sie sich alleine fühlt und über ihre Angst vor dem, was kommt.
Prestinar ist dabei ein geduldiger Weggefährte. wirkt nach Außen mit hängendem Kopf und halb geschlossenen Augen scheinbar schläfrig. Ich bin sicher, er will durch seine betonte Ruhe, die Atmosphäre entspannen, sie ein Stück weit besänftigen. Aber auch er durchlebt Seite an Seite mit der Trauernden emotionale Prozesse und arbeitet innerlich genauso intensiv wie die Klientin. Er flehmt und gähnt und ist ganz in die Situation vertieft.“
Starke Gefühle
„An der dritten Station dann ändert sich die zuvor sehr stille und nach innen gekehrte Stimmung. Jorrit tritt in Interaktion mit den beiden und gibt dem Geschehen durch seine kraftvolle Präsenz eine ganz neue Dimension. Die Klientin zeigt ihre Gefühle nun auch und beginnt heftig zu weinen. Beide Pferde stehen dicht bei ihr und weichen keinen Zentimeter zurück. Sie geben ihr im wahrsten Sinne Raum, ihre Gefühle in geschütztem Rahmen auszuleben, stehen ihr zur Seite, ohne zu bedrängen. Während die Klientin über ihre Emotionen spricht und sich die Nase putzt, krault sie gedankenverloren Prestinar, der schließlich seinen Kopf auf ihre Schulter legt und die Augen schließt. Es entsteht ein stiller, warmer Moment, der sich zeitlich kaum greifen lässt. Wenige Sekunden, die sich anfühlen wie eine kleine Ewigkeit. Danach ist die Schwere des Moments aufgehoben, das Ganze hat eine neue Leichtigkeit. Die letzte Station, „die neue Wirklichkeit“ steuert die Klientin befreit an, und die Pferde folgen ihr nun auch ohne Strick jedoch innerlich verbunden. Am Ende des Parcours lösen beide Pferde automatische ihrer Aufmerksamkeit von der Klientin, entfernen sich langsam und schnauben mehrfach ab genauso wie viele das auch am Ende einer intensiven Trainingseinheit tun. Sie entspannen so, lassen Druck raus.“
Belohnung und Ausgleich
„Egal in welcher Form, Jorrit und Prestinar erhalten von mir und meinem Team im Anschluss immer etwas Besonders als Ausgleich. Eine ausgiebige Putz-Session, eine Massage, ein Spaziergang. Dann geht’s raus auf die Weide. Am folgenden Tag steht dann ein ruhiger Ausritt auf dem Programm, damit sie wieder in einen leichten, freudvollen Zustand kommen. Bei uns im Naturschutzgebiet gibt es beispielsweise eine Birkenallee, an der sie besonders gern naschen, sodass der Weg auch mal doppelt so lange dauern kann wie geplant. In solchen Momenten bestimmen sie das Tempo und ich die Richtung. Es ist mein kleines Ritual, ihre Seele baumeln zu lassen.
Was mir ganz wichtig ist: Ich arbeite mit denselben Pferden nicht mehr als zwei Begleitungen pro Woche, da auch die Pferde diese Prozesse verarbeiten müssen. Die Intensität hängt stark vom Thema, von der Schwere der Trauer und von der emotionalen Bindung der Klienten ab.“
Beste Begleitung
„Die Eignung der Pferde für die Trauerbegleitung ist ein sehr individuelles Thema. Grundsätzlich ist jedes Pferd geeignet das folgende Bedingungen erfüllt: Es darf nur nicht zu jung sein – damit das erstens keine „Kinderarbeit“ ist und zweitens: die gewisse Lebenserfahrung kommt den Pferden in der Assistenz der Trauernden erfahrungsgemäß zu Gute. Sie haben dann selbst einfach auch die gesamte Range an eigenen Emotionen schon zu spüren bekommen. Allerdings dürfen sie keine unbearbeiteten Traumata in sich tragen. Die Pferde müssen gesund und schmerzfrei sein, eine solide Grundausbildung genossen haben, dürfen weder schlagen noch beißen. Zudem müssen sie vertrauensvoll sein und eine gewisse Toleranz im Umgang mit unerfahrenen Menschen zeigen. Darüber hinaus müsse sie selbstständig sein und gelernt haben, dass sie das ausdrücklich auch sein dürfen! Klar ist: Die Persönlichkeit, das Training, die Sozialisation und individuelle Stressregulation sind wesentlich entscheidender als das Geschlecht. Dennoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass Wallache häufig hormoneller stabiler sind und gleichmäßiger in ihren Reaktionen. Bei Stuten können zyklusbedingte Schwankungen auftreten, das ist nicht immer ganz einfach. Sie zeigen aber oft eine klarere Kommunikation in der Nähe und Distanz und reagieren auch differenzierter als Wallache. Häufig sind sie extrem fokussiert, wenn der Klient klar in seiner Handlung ist. Hengste habe ich noch nicht eingesetzt.“
Text: Jessica Kaup