Aua! Da sticht der Hafer zu!
Redewendungen rund ums Pferd gibt es jede Menge. Aber wie alt sind die eigentlich und woher kommen sie?
„Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“
An einem Geschenk gibt es nichts herumzumäkeln. Das möchte diese Redewendung illustrieren. Den Ursprung hat sie wohl ebenfalls im Mittelalter. Allerdings geht sie auf eine lateinische Phrase zurück, welche bereits bei den alten Römern bekannt war. Sophronius Eusebius Hieronymus, ein Gelehrter und Theologe (347-419), gebrauchte sie in der Einleitung seines Kommentars zum Epheserbrief des Paulus und lieferte damit einen ersten schriftlichen Beweis in diese Richtung.
Noli equi dentes inspicere donati.
Die deutsche Übersetzung lautet:
Schau einem geschenkten Pferd nicht ins Maul.
Pferdemärkte waren schon immer ein beliebtes – und wichtiges – Spektakel. Und beim Blick ins Maul kann man nun einmal das Alter des Tieres bei entsprechendem Vorwissen recht genau erkennen.
Das Sprichwort gibt es auch im Englischen:
Don’t look a gift horse in the mouth.
„Dazu bringen mich keine zehn Pferde“
Dieses Sprichwort stammt wohl schon aus dem Mittelalter. Vielleicht ist es sogar noch älter. Offenbar besteht ein Zusammenhang zu der Tradition, dass die Mitgift einer Frau bei ihrer Hochzeit oft aus Pferden bestand. Zehn Pferde waren für betuchtere Zeitgenossen nicht ausreichend, weshalb sich die Redensart verbreitete, zu diesem Arrangement würden sie keine zehn Pferde bringen. Später etablierte es sich in allen Bevölkerungsschichten, um eine Tätigkeit zu illustrieren, zu der einen nichts und niemand verleiten könnte.
„(Hart) an die Kandare nehmen“
„Jemanden hart an die Kandare nehmen bedeutet, die Freiheit des Betreffenden einzuschränken, ihn zu zügeln (noch ein Begriff aus diesem Bereich!) und zurechtzuweisen. Erstmals nachweisbar ist die Redensart im 19. Jahrhundert. Damals gebrauchte sie etwa der Autor und spätere Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann (1862-1946).
Dem wolln wir mal Bisschen Kandare anlegen!
Dies schrieb er in seinem berühmten Buch „Der Biberpelz“ aus dem Jahre 1893. Bezeichnend ist das Wort Kandare als eine besonders starke und effektive Zäumung, welche die Eigenschaften einer normalen Trense in Sachen Intensität der Einwirkung übersteigt. In früheren Zeiten war die Kandare als Zäumung weit mehr verbreitet, insbesondere wenn es darum ging, die Tiere im Kriegsgetümmel aufgrund der Hebelwirkung der Zäumung besser im Griff zu haben.
„Die Pferde scheu machen“
Der Ursprung der Redewendung ist nicht eindeutig belegt. Allerdings bezieht sich diese wohl auf den Bereich der Kutscher, wo es besonders schlimm enden konnte, wenn die Pferde scheu gemacht wurden. Dann stand das Leben der eingespannten Tiere und der Insassen der Kutsche auf dem Spiel und ein beträchtlicher Schaden am Fuhrwerk konnte ebenfalls entstehen. Es war also immer besser, wenn die Pferde eben nicht scheu gemacht wurden, was bedeutet, nicht übermäßig verschreckt oder gar hysterisch, sondern besonnen zu reagieren.
„Man hat schon Pferde kotzen sehen“
Dieses ist vielleicht die krasseste aller Redewendungen rund ums Pferd. Denn das Erbrechen beim Pferd aufgrund der Beschaffenheit ihres Verdauungsapparates und des starken Schließmuskels am Mageneingang in der Regel nicht möglich ist, das ist bekannt. Warum sollten sie also „kotzen“? Und das auch noch vor einer Apotheke tun, wie man aus einer Erweiterung des Sprichwortes erfährt?
Die Bedeutung des Sprichwortes ist jedenfalls eindeutig: Sie wird benutzt, wenn etwas so unwahrscheinlich ist, dass man es sich schon gar nicht mehr vorstellen kann. Es geht also um etwas, was zu höchster Wahrscheinlichkeit definitiv nicht eintritt.
1922 soll die Redewendung erstmals in einem Werk des Autors Carl Sternheim namens „Libussa, des Kaisers Leibross“ verwendet worden sein. Allerdings ist es gut möglich, dass es bereits zuvor in der Bevölkerung im Umlauf war.
„Einem vom Pferd erzählen“

Wer hätte gedacht, dass das berühmte Trojanische Pferd etwas mit dieser Redewendung zu tun hat? (© Mit KI generiert)
Diese Redewendung geht zurück bis auf die Antike und spielt auf den bekannten Mythos rund um das Trojanische Pferd an. Nachdem die Griechen über viele Jahrzehnte versucht hatten, die kleinasiatische Stadt Troja einzunehmen, gelang ihnen dies schließlich mit einer List des legendären Odysseus: dem berühmten Trojanischen Pferd, das als Geschenk überbracht wurde, in dem sich jedoch die griechischen Soldaten versteckt hielten, die daraufhin problemlos die Trojaner überwältigen konnten. Dadurch gewannen die Griechen den Krieg. Wenn heute jemand eine Lügengeschichte verbreitet, sagt man daher ebenso, dass er einem vom Pferd erzählen würde.
„Immer sachte mit den jungen Pferden/Fohlen“
Man sollte bei neuen Projekten nichts überstürzen und im Zuge der Verwirklichung keine unnötige Hektik verbreiten, möchte diese Redewendung erklären. Den Ursprung hat sie tatsächlich beim Anreiten junger Pferde, bei dem man ebenfalls langsam und behutsam vorgehen sollte. Ein genauer Ursprung der Redewendung ist nicht bekannt. Belegt ist die Verwendung beispielsweise in einer Bundestagsdebatte vom 14. Juni 1955.
„Der wurde vom Hafer gestochen“
Auch Pferdefutter fand seinen Weg in den Sprachgebrauch. Vor allem ist die Redensart „Die/den hat wohl der Hafer gestochen“ bekannt, wenn jemand übermäßig wild agiert. Der Ursprung der Redewendung liegt in den psychotropen Wirkstoffen, die Hafer enthält. Diese können sich auf die Aufmerksamkeit und Stimmung auswirken. Der Ausdruck ist bereits aus dem 16. Jahrhundert bekannt und steht für eine besonders aufgeweckte oder auch aufgedrehte Persönlichkeit.
Doch bei allen Inhaltsstoffen: Warum eigentlich stechen? Nur im übertragenen Sinne? Nein, denn man ging davon aus, dass die Pferde einen teil des recht schwer verdaulichen Hafers wieder ausscheiden und sich in die Spelzen „hineinsetzen“ könnten. Dann würden sie wiederum vom „Hafer gestochen“.
„Mit dir kann man Pferde stehlen“
Pferdediebstahl wurde einst mit Höchststrafen belegt, da sie als sehr wertvoller Besitz galten. Die Redensart stammt wohl aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit und bezieht sich darauf, dass man Pferde nur mit einem wirklich loyalen Zeitgenossen stehlen könne. Sonst könnte dieser unter Strafandrohung und Folter schließlich zusammenbrechen.
Zacharias Theobald (1584-1627) schrieb 1621 in seinem Werk „Hussiten-Krieg“:
Jetzt waren sie seiner Söhn und deß Rosenbergers beste Freund, und wie man im Sprüchwort sagt, hetten sie miteinander dörffen Pferd wegreiten.
Damit lieferte einen ersten schriftlichen Beleg dieser Redewendung.
„Ross und Reiter beim Namen nennen“
Diese Redewendung steht bereits im „Nibelungenlied“, das um das Jahr 1200 entstand. Die Phrase bezieht sich auf einen Krieger und sein Pferd, welche bei einem Turnier, wie es im Mittelalter üblich, immer vor Beginn des Geplänkels beim Namen ausgerufen wurden. In zahlreichen mittelalterlichen Epen wird aber auch der geheimnisvolle Ritter geschildert, der als unbekannter oder unerkannter Gegner auftritt und dadurch nicht beim Namen genannt werden kann.
„Über die Stränge schlagen“
Die Redewendung stammt aus der Welt der Kutschen. Beim Anspannen eines Pferdes übertragen die Stränge die Zugkraft des Pferdes auf die Kutsche. Das Sprichwort beschreibt also ein Verhalten, bei dem ein Pferd beim Ziehen eines Wagens aus der vorgesehenen Ordnung gerät. Die Redewendung ist bereits seit dem Ende des 16. Jahrhunderts in einer älteren Form belegt: „Über die Stränge treten“. Die heute geläufige Form setzte sich später durch. Im Alltag wird sie gebraucht, wenn sich jemand übermäßig ausgelassen oder unvernünftig verhält.
„Aus dem Stegreif“

Der Stegreif: Eine Seilschlinge, die man zum Aufsteigen benutzte, heute vergleichbar mit dem Steigbügel. (© Mit KI generiert)
Bei der Redewendung, dass man etwas „aus dem Stegreif“ wissen oder aufsagen soll, würden wohl die wenigsten sofort ans Pferd denken. Aber tatsächlich ist Stegreif eine veraltete Bezeichnung für den Steigbügel. Ein „Stegreif“ war ursprünglich im frühen Mittelalter eine Seilschlinge, die man zum Aufsteigen benutzte. „Aus dem Stegreif“ bedeutet demnach, dass man „ohne vom Pferd zu steigen“ und damit ohne langes Nachdenken oder eine besondere Vorbereitung, etwas tun würde. Stegreif war zudem ein Bauteil der mittelalterlichen Armbrust, das den Ladevorgang vereinfachte. Man bezeichnete damit einen steigbügelähnlicher Metallbügel am vorderen Ende der Waffe, in welchen der Schütze einen Fuß setzte. So hatte er die Hände frei, um die Sehne zu spannen, und konnte spontaner vorgehen.
„Der Amtsschimmel“
Der Ausdruck ist seit dem 19. Jahrhundert bezeugt. Woher er genau stammt, darüber ist man sich jedoch bis heute nicht einig. Eine Herleitung von steht von dem Begriff „Simile“ aus, einem in der österreichischen Monarchie gebräuchlichen Musterentscheid. Mit Hilfe dieses Standard-Vordrucks ließen sich ähnliche Anliegen schematisch und zügig erledigen. Jedoch wurden Beamte, die nur nach jenem Schema vorgingen, als „Similereiter“ bezeichnet. Daraus wiederum könnte das heutige „Schimmel“ entstanden sein.
Eine andere Herleitung gibt es aus der Schweiz. Dort wurden amtliche Akten im 19. Jahrhundert stets von einem Reiter zugestellt. Dieser tat also „auf dem obrigkeitlichen Schimmel herumreiten“. So formulierte es jedenfalls Melchior Kirchhofer, seines Zeichens reformierter Pfarrer und Kirchenhistoriker (1775-1853). Er spielte damit auch darauf an, dass eben jene Amtsschimmel von ihren Reitern nicht selten zu privaten Zwecken genutzt wurden. So verfügten die amtlichen Reiter häufig über die Möglichkeit zu Ausritten, welche anderen Bürgern verwehrt blieb.








