Damit das Gras gut wächst und der Boden den Strapazen standhält, bedarf es eines guten Pferdeweiden-Managements.
Ein gesunder Weidegang im Sommer gelingt nur durch das richtige Pflegen der Pferdeweide. „Stehen narbenbildende Gräser durch ständigen Verbiss unter Stress, kann es zu einer verstärkten Endophyten-Bildung kommen“, warnt Weide-Experte Helmut Muß.
Die Pilze im Inneren der Gräser werden dazu „animiert“, Giftstoffe auszuscheiden. Fraßfeinde bleiben fern, weil das Grün jetzt nicht mehr schmeckt. Damit Pferde gesund ins Gras starten können, sollte die Fläche vor dem ersten Weidegang gründlich geprüft werden.
Was sollte vor dem ersten Weidegang geprüft werden?
„Bevor die Pferde das erste Mal hinaus dürfen, sollte man sich die Weide genau anschauen“, erklärt Dirk Winter, Professor für Pferdewirtschaft an der Hochschule Nürtingen. „Um Maulwurfshügel und Trittschäden einzuebnen und einzelne Gräser zum Bestocken anzuregen, muss die Weide abgeschleppt werden. Wichtig ist, dass vorher der Pferdekot abgesammelt wurde, damit er nicht durch das Schleppen auf der Weide verteilt wird und so möglicherweise Parasiten (z.B. Wurmlarven) flächendeckend verteilt werden.
Die Weide zu walzen macht Sinn, wenn der erforderliche Bodenschluss wieder hergestellt werden soll. Dazu sollte die Weide gut abgetrocknet sein. Dann sollte man prüfen, ob es kahle oder schlecht bewachsene Stellen gibt. In diesem Fall sollte man eine Reparatursaat ausbringen, die auf Pferdeweiden abgestimmt ist. Als letzten Schritt sollte man anhand einer Bodenanalyse die Mineralstofflagen ermitteln und einen darauf abgestimmten Düngeplan erstellen. Gedüngt werden kann je nach Witterungslage ein bis zwei Wochen nach dem Schleppen. Auf die Weide dürfen die Pferde dann zwei bis drei Wochen nach dem Düngen, sofern die Bodenverhältnisse es zulassen.“
Wie lässt sich eine Pferdeweide pflegen?
Doch mit der Vorbereitung allein ist es nicht getan. Entscheidend ist auch, den Zustand der Fläche während der Saison richtig einschätzen zu können. Kahle Stellen breiten sich aus und bieten Platz für unerwünschte Pflanzen wie das hochgiftige Jakobskreuzkraut. Es sei daher wichtig, eine „gute“ von einer „schlechten“ Weide zu unterscheiden. „Wie viele Pflanzen stehen auf der Grünfläche? Wir zählen hierzu die Pflanzen auf einem Quadratmeter, und das an verschiedenen Stellen. Stehen durchschnittlich weniger als 300 Pflanzen pro Quadratmeter, ist der Pflanzenbestand nicht dicht genug.
Wenn man dieses Verfahren öfter durchführt, bekommt man mit der Zeit einen Blick dafür, und man muss nicht ständig nachzählen. Optimal sind 400 Pflanzen pro Quadratmeter“, so der Experte. Nächste Frage: Welche Pflanzenanteile finden wir? „Eine gute Grasnarbe besteht aus mindestens 80 Prozent Gras, maximal zehn Prozent Klee, und Kräuter füllen den Rest.“
Wann gerät eine Pferdeweide aus dem Gleichgewicht?
Gräser, Kräuter und Klee lassen sich im Jugendstadium wie folgt unterscheiden: „Gras ist einkeimblättrig, das heißt, Gräser treiben nur ein Keimblatt aus ihrem Samenkorn an die Oberfläche. Alle anderen Pflanzen haben zwei Keimblätter. Egal, ob daraus einmal ein Baum wird, ein Kraut oder eine Kleepflanze mit später drei Blättern.“ Findet sich eine andere Pflanzenverteilung, können neben zu starkem Verbiss auch falsche Routinen ursächlich sein.
„Bei Hofbesuchen kann ich oft das Beweidungsschema erkennen. Die Weide, auf der jedes Jahr angeweidet wird, zeigt sich im Sommer oft als ein Meer aus Weißklee. Die sogenannte letzte frische Weide zeigt sich oft als Grasfriedhof, auf dem die Gräser nicht selten gegen Windenröschen und Jakobskreuzkraut um die Vorherrschaft kämpfen.“
Wie schaden Verbiss und Lücken der Grasnarbe?
Ist der Pflanzenbestand nicht mehr ausgewogen, zeigen sich die Schäden oft schnell in der Grasnarbe. „Wenn zu viele Tiere den Grasbestand kurzhalten, schaffen es zudem die horstbildenden Gräser wie zum Beispiel Wiesenlieschgras, Rotes Straußgras oder Wiesenfuchsschwanz nicht mehr, sich durch Samenwurf zu vermehren, und sterben ab, ohne sich zu erneuern. Die Narbenbildner gehen stark zurück, bilden aber noch den Restgrasanteil ab. An Kotstellen finden wir dann noch wenige horstbildende Obergräser, u.a. Knäulgras und Glatthafer, die wegen ihrer Eigenschaften aber nicht gerne gefressen werden“, weiß er.
Pferdeweiden werden zudem oft lückig, weil die Tiere zu oft die gleichen Stellen betreten und aufreißen. „Früher war es die biologische Aufgabe der Urpferde, auf verfilzten und vermoosten Steppenlandschaften mit ihren Hufen Lücken in den Bodenbewuchs zu reißen, damit es durch frische Samen zu einer ständigen Erneuerung des Pflanzenbestands kam. Mittlerweile sind unsere Steppen aber sehr klein geworden“, betont Helmut Muß.

Die Koppelwirtschaft schont die Grasfläche als Ganzes und bietet gleichzeitig ausreichend Bewegung. (© Christiane Slawik)
Warum ist auch Unterweidung ein Problem?
Gutes Weidemanagement heißt aber nicht nur, eine Überweidung zu vermeiden, sondern auch: keine Unterweidung. Denn ist eine Weide zu wenig frequentiert, führt das zu starkem Grasaufwuchs mit Überalterung der Gräser. Stellen mit üppigem Pflanzenwuchs werden als Geilstellen bezeichnet, die durch Stickstoffanhäufung beziehungsweise Exkremente der Tiere verursacht werden. Umgeknicktes Gras führt dazu, dass unter die Halme kein Licht mehr kommt. „Dadurch fault die Grasnarbe. Die Narbe bekommt Lücken, in die Lücken fallen Unkrautsamen und ergo wird die Weide schlechter“, warnt Jürgen Lamp. Bei Unterweidung kann der Boden zu locker werden, wodurch die Narbe ebenso leidet.
Wichtig zu wissen ist, dass Unterweidung auch zu Bewegungsmangel des Pferdes bei einem Futterüberschuss führen kann. Ein übermäßiges Futterangebot führt einfach dazu, dass die Tiere nicht wirklich laufen müssen, um satt zu werden. Bei Pferden mit Rehe oder anderen Erkrankungen ist die enge Zusammenarbeit mit einem Tierarzt zu empfehlen.
Wenn kurzes Gras zum Risiko wird
Neben den Folgen für die Grasnarbe hat stark abgefressenes Grün auch direkte Auswirkungen auf die Pferdegesundheit. In der Natur zwingt diese Symbiose größere Herden dazu, weiterzuziehen und die Futtergrundlage zu schonen. Doch unsere Hauspferde können nicht weiterziehen. Wächst nichts anderes mehr auf der Fläche, nehmen sie den toxischen Cocktail trotzdem auf. Es kann zu Vergiftungen mit verschiedenen Krankheitsbildern kommen (u.a. Equine Grass Sickness, Mutterkornvergiftung, Ryegrass Staggers, Equines Schwingelödem).
In kurzem Gras – unter zehn Zentimetern – wird zudem vermehrt Energie in Form von Glukose, Fruktose und Saccharose eingespeichert. Pferde auf kurzgefressenen Wiesen nehmen damit prozentual oft mehr Zucker auf. In Kombination mit anderen ungünstigen Faktoren entsteht nicht selten eine Hufrehe. Vor allem leichtfuttrige, dicke und gesundheitlich vorgeschädigte Pferde sind gefährdet.
Was passiert bei falscher Düngung?
Gar keine oder falsche Düngung ist ein weiteres Problem. „Der pH-Wert darf nicht zu tief sinken, denn er bestimmt die Säuerung des Bodens. Stickstoff ist der Grundbaustoff von Eiweiß. Ohne Stickstoff kein Eiweiß! Phosphor spielt eine besondere Rolle für die Wurzelbildung und die Photosynthese.
Kalium sichert gemeinsam mit Magnesium den Zelldruck. Calcium dient als Gerüstbaustoff in der Pflanze und als Säurepuffer. Schwefel wird als Bestandteil einiger essenzieller Aminosäuren gebraucht“, zählt Helmut Muß die Hauptnährstoffe auf. Bleiben diese aus, sind u.a. einseitige Grasnarben die Folge.
Welches Weidesystem schont Grasnarbe und Pferd?
Doch robuste Gräser sind nichts ohne das richtige Weidesystem. „Der Trend geht weg von der klassischen Box hin zu naturnahen Bewegungsmöglichkeiten und einer tiergerechten Bedürfniserfassung und -befriedigung. Das spart Tierarztkosten und erhöht den Wohlfühlfaktor für Pferd und Mensch“, sagt er und empfiehlt Umtriebsweiden.
Mit der Koppelwirtschaft können die Beweidungsdauer planbar beschränkt und alle Weiden als Ganzes geschont werden. Dafür teilt man die vorhandene Fläche in einzelne Parzellen, von denen eine nach der anderen von den Tieren während einer Besatzzeit von jeweils maximal 14 Tagen beweidet wird. Die Größe und die Anzahl richten sich nach den örtlichen Gegebenheiten wie Herdengröße, Graswachstumsrate und Bodenbeschaffenheiten.

Zu viel Gras führt schnell zu Übergewicht. Die Alternative: Paddock mit Raufutterangebot und reduzierter Weidegang. (© Christiane Slawik)
Zum Pflegen der Pferdeweide gehört auch Ruhezeit
Ein Beispiel: Bei einer Auftriebszeit von sieben Tagen und einer Grasaufnahme von 50 Kilogramm Frischgras pro Tag ermittelt sich grob eine Zuteilung je Pferd (600 kg) und Woche von rund 700 Quadratmetern, wenn man von einem verfügbaren Ertrag von 0,5 Kilo pro Quadratmeter ausgeht.
Wann umgetrieben werden soll, kann jedoch nicht anhand der Grashöhe gemessen werden, da die Pferde die Flächen nie gleichmäßig abfressen.
„Die Ruhezeit entscheidet über die Resilienz der Grasnarbe und sollte mindestens vier Wochen betragen, im Herbst gerne mehr“, betont der Experte. Für den Bewegungsdrang der Tiere ist übrigens eine eher längliche Gestaltung ohne tote oder spitze Winkel empfehlenswert. „Selbst wenn nichts mehr wächst, könnte man bei diesem System eine Weide ‚opfern‘, um sie danach wieder aufzubauen. So bleibt auf einem bestimmten Teil immer Bewegung möglich, wenn es keinen Paddock-Trail gibt“, ergänzt er.
Wie viel Fläche braucht ein Pferd?
Wie viel Fläche pro Pferd nötig ist, kann man pauschal nicht sagen. Karl-Hermann Höfkens, der sich seit Jahren mit moderner Pferdehaltung beschäftigt rät, zunächst die Rahmenbedingungen festzulegen. Fragen Sie sich: „Was gibt der Boden her? Wie intensiv soll gedüngt werden und wie gut ist die tatsächliche Weidepflege? Soll von der Fläche auch Heu gewonnen werden und soll die Weide auch im Winter bereitstehen? Und vor allem: Stehen die Pferde stundenweise oder 24 Stunden draußen?
Aus den Antworten ergibt sich eine Bandbreite von 0,1 bis 1 Hektar je Pferd. Wenn der Boden z.B. wenig hergibt, er aber durch intensive Beweidung das ganze Jahr über stark belastet wird, oder die Fläche auch zur Heuernte dienen soll, muss pro Tier eine größere Fläche eingeplant werden als bei einem reichhaltigen Boden, der häufige Ruhephasen bekommt, weil er nur zeitweise als Weide genutzt wird.
Wenn die Weide krank machen kann
Wie gut eine Weide vertragen wird, hängt nicht nur von ihrer Größe, sondern auch von der Nährstoffdichte des Aufwuchses ab. Bei einer zu hohen Nährstoffdichte des Grases nehmen viele Tiere zu stark zu. Krankheiten entwickeln sich, die unseren menschlichen Wohlstandserkrankungen ähneln. „Dazu zählen Fettleibigkeit und Stoffwechselkrankheiten wie das Equine Metabolische Syndrom und in der Folge wieder Reheschübe bei nachlassender Resilienz“, gibt Helmut Muß zu bedenken. In diesem Fall können pferdegerechte Sandausläufe dazu beitragen, dass die Weiden nur zeitweise als Lauf- und Futterfläche zugeführt werden.
Die Lösung: reduzierter Weidegang und mehr Bewegung. Je leichtfuttriger und bewegungsärmer ein Pferd ist bzw. gehalten wird, umso energieärmer sollte das Gras auf der Weide sein. Im Prinzip gilt: „Wer nicht viel tut, braucht auch nicht viel.“
Sicherheit & Risiken auf der Weide
Neben Futterqualität und Beweidung sollten auch klassische Gefahrenquellen auf der Fläche nicht übersehen werden. Wasseransammlungen wie Tümpel oder Teiche müssen umzäunt sein. Bei Koppeln an Waldrändern, Graben- oder Gartenhecken muss mit Giftpflanzen wie Eiben oder Goldregen gerechnet werden. Auch zu viel Fallobst, nicht nur Äpfel und Birnen, sondern ebenso Eicheln und Kastanien, sind für den Pferdemagen nicht gut.
Neben der Futterversorgung ist ein perfektes Wassermanagement notwendig. „Pro Tier und Tag sollte eine Menge von 50 Litern bereitstehen“, erklärt Karl-Hermann Höfkens. „Das Wasser in den Behältern sollte regelmäßig gewechselt werden.“
Worauf kommt es bei der Wasserversorgung an?
Automatische Tränkebecken müssen trittfest sein und regelmäßig gereinigt werden. Ansonsten siedeln sich Grünalgenbeläge an, die eine Nahrungsgrundlage für toxische Bakterien und Pilze bieten. Dies kann zu Durchfall, Kolik und Atemproblemen führen.
Wasserbottiche sind meist sehr robust und fassen rund 50 Liter Wasser. Sie müssen ebenfalls regelmäßig gereinigt werden. Ein Wasserwagen mit Tränkebecken hat ein Fassungsvermögen zwischen 400 und 3000 Litern und kann mit Zugfahrzeug auf die Weide gefahren werden. Abgestandenes Wasser muss ausgewechselt werden.

Je bunter die Herde, desto schwieriger ist, es den individuellen Bedürfnissen der Tiere gerecht zu werden. (© Christiane Slawik)
Beim Pflegen der Pferdeweide muss einiges beachtet werden
Stehende, flache Gewässer oder Pfützen können giftige Blaualgen enthalten, die als „Matten“ an der Oberfläche schwimmen und bei Aufnahme tödlich wirken. Fließende Gewässer können als natürliche Wasserquelle genutzt werden, wenn sie leicht zugänglich sind (flacher, gleichmäßiger Boden) und die Strömung nicht zu stark ist.
Trotz aller Grundregeln lässt sich eine Weide nie rein schematisch managen. Hochleistungspferde können in der Regel besser mit Hochleistungsgräsern umgehen. In seltenen Fällen kann die Nährstoffdichte aber auch zu gering sein. „Dann muss zugefüttert werden. Generell sollte zumindest ein Salzleckstein zur Verfügung stehen.“ Die weitere Versorgung mit Mineral-, Kraft- oder Raufutter erfolgt über die Beobachtung und falls erforderlich mittels Gewichtskontrolle, Rationsberechnung, Blutprobe, Haaranalyse usw.
Zwischen Erfahrung und Gefühl
Und dennoch bleibt ein Fünkchen Ungewissheit. „Weidemanagement bedeutet Arbeiten mit der Natur. Das ist kein Schachspiel, bei dem wir viele Züge im Voraus planen können. Das ist eher wie ein Pokerspiel. Hier spielen viele Mitspieler mit verdeckten Karten. Wir wissen immer nur, welche Karten schon gespielt wurden, jedoch nie, welche als nächste kommt.
Deshalb sind Routinen nur so gut, wie sie auch flexibel sind. Man muss die einzelnen Pferde und seine Flächen wirklich kennenlernen. Das Einzige, was sich nicht verändert, ist der Boden. Alles andere unterliegt dem Wandel. Deshalb: Erfahrungen sammeln, sie durch neue Impulse und Erkenntnisse ergänzen und die Weide vom Pferd her denken“, lautet sein abschließender Rat.