Staubalarm im Pferdestall: Staubbelastung beim Füttern reduzieren


Bild vergrößern Gegen Staubbelastung: Loses Heu für Pferde

Loses Heu verfüttern – In Bezug auf die Staubbelastung beim Füttern top. (© Harald Unseld)

Staub im Stall ist unsichtbar, aber gefährlich für unsere Pferde. Doch wie genau hängen Heustaub und Atemwegserkrankungen zusammen? Und was kann man gegen die Staubbelastung tun? Neue Messungen von Harald Unseld zeigen, welche Rolle Heunetze spielen – und wie Pferdehalter die Atemluft verbessern können.

Staub im Pferdestall – für viele Reiterinnen und Reiter ist das ein alltägliches, fast unvermeidliches Thema. Doch die gesundheitlichen Folgen einer hohen Staubbelastung sind enorm: Immer mehr Pferde leiden unter Atemwegsproblemen, equinem Asthma oder anderen chronischen Lungenerkrankungen.

Vor Kurzem haben wir hier auf Hooforia bereits gezeigt, wie sehr sich unser Blick auf das Heu verändern muss – von Klimawandel bis Lagerung, von Schimmelrisiken bis zur Frage nach modernen Trocknungs- und Analyseverfahren. Nun gehen wir noch einen Schritt weiter: Welche Rolle spielt eigentlich die Staubbelastung beim Füttern selbst? Erste Antworten liefert nun die Forschung von Harald Unseld, der momentan an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen promoviert.

Staubbelastung beim Füttern wissenschaftlich untersucht

Während sein Betreuer Prof. Dirk Winter zur Forschung in Neuseeland weilt, übernimmt Unseld derzeit auch die Lehrtätigkeiten am Lehrstuhl. Sein Promotionsthema: Ermittlung von Stallluftfaktoren mithilfe digitaler Technik in der Pferdehaltung. Die Feinstaubexpositionen werden durch ein speziell entwickeltes Feinstaubhalfter direkt in der Nähe der Pferdenüstern gemessen, digitale Technik nutzt Unseld außerdem, um herauszufinden, wie sich die Staubbelastung durch die Fütterung aus Heunetzen verändert.

Denn: In der Pferdewelt kursieren viele Überzeugungen und „Stallweisheiten“. Auch Tierärzte empfehlen nicht selten Maßnahmen, die durchaus plausibel klingen. „Aus Beobachtungen können wertvolle Hinweise entstehen – ob es sich tatsächlich um belastbare Fakten handelt, zeigen aber erst systematische Messungen“, betont Unseld. Das Ziel seiner Forschung sei es, die Lücke zwischen „Fühlwissen“, eigenen Erkenntnissen und belastbaren Daten zu schließen.

Harald Unseld

Unser Experte: Harald Unseld forscht für seine Doktorarbeit an der Uni Nürtingen-Geislingen derzeit mithilfe digitaler Technik, um Stallluftfaktoren in der Pferdehaltung zu ermitteln, (© Harald Unseld)

Atemluft vermehrt im Fokus

Die Luftqualität in Pferdeställen ist seit Langem ein wichtiges Thema. Durch Industrialisierung, klimatische Veränderungen und globale Luftbelastungen gewinnt es jedoch zunehmend an Brisanz. Es sind nicht nur die Einflüsse direkt vor der Stalltür: Auch der Staub aus der Sahara oder die wachsende Industrialisierung in Schwellenländern können sich hierzulande in der Luft bemerkbar machen, weiß Harald Unseld. Zeitgleich leiden viele Pferde an Atemwegserkrankungen. „Diese Problematik gab es gewiss auch früher schon, doch sie rückt vermehrt in den Fokus“, erklärt der Forscher.

Tierärzte sagten laut Unselds Erfahrung häufig, dass hustende Pferde raus auf die Weide und möglichst aus Heunetzen gefüttert werden sollten, damit sie weniger mit Heustaub in Berührung kommen und mit der Nase nicht mehr in das Heu eintauchen können. „Das klingt erst mal logisch, ich wollte es aber genauer wissen“, begründet Unseld sein Forschungsinteresse. Welche Rollen spielen die Fütterungsvarianten und die Einstreu, aber auch bauliche Gegebenheiten? Welche Stellschrauben haben Pferdehalter wirklich, um die Belastungen zu senken, ohne dabei immense Summen investieren zu müssen?

Staubbelastung messen: Forschung mit dem Hightech-Halfter

Wenn von Feinstaub die Rede ist, geht es meist um winzige Partikel in der Luft, die tief in die Atemwege eindringen können. Hierbei wird nach Größe unterschieden. PM 2,5 steht für Partikel mit einem Durchmesser von höchstens 2,5 Mikrometern, dies ist etwa ein Dreißigstel der Breite eines menschlichen Haares.

Noch kleiner sind PM 1,0, die ultrafeinen Partikel unter einem Mikrometer. Sie sind so winzig, dass sie nicht nur in die Lunge, sondern bis in den Blutkreislauf gelangen können. Genau diese Feinstaubfraktionen gelten als besonders kritisch für Pferde wie auch für Menschen, weil sie Entzündungen und chronische Erkrankungen begünstigen können.

Pferd mit Messhalfter frisst Heu

Digitale Technik am Halfter: Der Sensor misst die Staubbelastung für das Pferd, während es loses Heu frisst. (© Harald Unseld)

Messen beim Fressen – und in der Reithalle

Um Antworten zu finden, setzt Unseld auf innovative Messtechnik. Er hat ein Halfter entwickelt, das im Nasenbereich einen Feinstaubsensor trägt. Dieser erfasst jede Sekunde die Staubbelastung in verschiedenen Partikelgrößen. Die Messungen wurden unter realen Bedingungen durchgeführt: Pferde fraßen loses Heu, Heu aus Heunetzen unterschiedlicher Maschenweite und bedampftes Heu, wieder jeweils mit und ohne Heunetz.

Mit dem speziellen Messhalfter wäre es sogar möglich, Pferde in der Reithalle zu longieren und so die Staubbelastung durch verschiedene Untergründe und Reitböden direkt zu erfassen – ein Ansatz, der spannende Einblicke in die reale Belastungssituation verspricht. Parallel dazu wurde die sogenannte „Unseld-Kiste“ entwickelt: ein kleiner, luftdicht abgeschlossener Versuchsraum, in dem das Fressverhalten des Pferdes imitiert werden kann. Mit einer Kurbel wird das Heu seitlich hin und her bewegt, fast so, als würde eine Pferdenase darin wühlen. Eine Pumpe sorgt zusätzlich dafür, dass selbst das typische Ausschnauben ins Futter nachgestellt werden kann.

Auf diese Weise lassen sich reale Stallbedingungen ohne Beeinflussung von äußeren Faktoren erstaunlich genau nachbilden, und die Ergebnisse können anschließend mit den Messungen aus der Praxis verglichen werden. – Harald Unseld –

Staubbelastung ist immer multifaktoriell

Harald Unseld ist es wichtig zu betonen, dass es nie nur einen Aspekt gibt, der die Staubbelastung in einem Stall hoch oder niedrig erscheinen lässt – und man längst auch nicht alle von ihnen beeinflussen kann. Liegt ein Stall oder eine Weide in der Nähe der Bundesstraße? Sind Felder in der Nähe, die mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden? Gibt es schweren Boden oder Sandboden? Ist ein Industriekomplex in der Nähe? Liegt der Hof in einer Senke oder auf einem Hügel? „Da gibt es so viele Faktoren, die nicht veränderbar sind. Aber es ist trotzdem gut, sie zu kennen“, ist Unseld überzeugt.

Er selbst betreibt einen Pensionsstall, der sich in der Vergangenheit mehr und mehr auf atemwegsempfindliche Pferde spezialisiert hat. Es ist ein Bewegungs-/Aktivstall für rund 60 Tiere, dennoch weist Unseld darauf hin, dass seine Forschung nicht nahelegt, dass in Boxenhaltung signifikant mehr Pferde husten. „Atemwegserkrankungen sind ein Problem in jeder Haltungsform – es kommt, wie fast immer, auf die Gesamtsituation an.“

Geringe Staubbelastung: Pferde liegen in einem Offenstall

Leben in der Herde, viel freie Bewegung und vor allem frische Luft: Nicht nur Atemwegspatienten profitieren von einer naturnahen Haltung. (© Harald Unseld)

Bewegung und Bedampfung

Freie Bewegung spiele eine immense Rolle in puncto Atemwegsgesundheit. „Eine Wildpferdeherde wird mehrfach täglich in den Galopp wechseln, vielleicht auch mal mehrere Kilometer am Stück galoppieren. Unsere Pferde, auch wenn sie auf der Koppel stehen, bewegen sich in der Regel nicht so viel. Damit die Lunge gesund bleibt, sind Besitzer gefordert, das fehlende natürliche Bewegungsmuster durch zusätzliche Aktivität auszugleichen.“ Nur Pensionsbetrieben den schwarzen Peter zuzuschieben sei zu kurz gedacht. In dem eigenen Pferdebetrieb konnte Unseld seine Erkenntnisse aus der „Unseld-Kiste“ gleich in die Praxis überführen.

„Wir haben 2,5 Meter lange Quaderballen zu rund 400 Kilogramm, die wir bedampfen. Das geht auch mit Rundballen. Unser Bedampfer der Firma Gebhardt Anlagentechnik GmbH & Co. KG besteht aus einem wärmehaltenden Container und zwei Hochleistungsbedampfern. Etwa 1,25 Meter lange Lanzen aus Edelstahl werden in den Ballen gesteckt, und der Wasserdampf wird mit viel Druck in den Heuballen hineingepresst. Unsere Daten im Nachgang der Bedampfung sprechen sehr für sich, es funktioniert einwandfrei.“

Bedampfen gegen Heustaub und Mikroben

Zum Thema Heubedampfen liefert die Dissertation also klare Daten, auch wenn die gesamten Forschungsergebnisse noch nicht veröffentlicht wurden: Wird Heu auf 100–105 Grad erhitzt und diese Temperatur für etwa zehn Minuten gehalten, reduziert dies den Staubanteil, und gleichzeitig wird die mikrobielle Kontamination massiv reduziert. „Wird das Heu auf diese Weise behandelt, hält es auch länger als 24 Stunden die Qualität. Wir konnten auch nach neun Tagen keine relevante mikrobielle Belastung nachweisen“, erzählt Unseld gegenüber Hooforia.

Wichtig dafür sei allerdings: Der Bedampfer müsse wirklich zuverlässig alle Stellen im Heuballen erhitzen. „Viele Pferdemenschen achten heute sehr bewusst darauf, Wasser beispielsweise nicht aus Maurerkübeln anzubieten, um die Belastung mit Mikroplastik und Weichmachern zu vermeiden. Umso erstaunlicher ist es, dass gleichzeitig im Internet Bauanleitungen für Heubedampfer aus Regentonnen und Tapetenablösern kursieren. Solche Eigenkonstruktionen bergen jedoch erhebliche Risiken. Davon ist dringend abzuraten.“ Zudem müsse man bedenken, dass das Bedampfen keine Giftstoffe entfernen könne, die Grundqualität des Heus müsse schon vor dem Bedampfen stimmen.

Container zum Heubedampfen

Alles für die Pferde: Ein solcher speziell ausgerüsteter Container dient auf dem Betrieb Unseld dazu, die großen Quaderballen aus Heu zu bedampfen. Eingesetzt werden dafür zwei Hochleistungsbedampfer, der Container hält die Wärme. (© Gebhardt Anlagentechnik)

Mehr Staubbelastung durch Heunetze?

Jetzt zu den Heunetzen: In den Untersuchungen war messbar, dass Heunetze die Feinstaubbelastung oftmals deutlich erhöhen, vor allem bei unbedampftem Heu. Dabei sei egal gewesen, ob das Pferd direkt von einem Rund-, einem Quaderballen in Raufen oder von einer rationierten Portion Heu vom Boden gefressen habe. Die Hypothese dahinter: Pferde, die loses Heu fressen, gehen ruhiger vor, schieben das Heu zur Seite. Staubpartikel können sich so aber besser im Raum verteilen und verflüchtigen.

Lose füttern lohnt!

Anders beim Heunetz: „An Netzen zerren die Pferde häufig stark und sind dann direkt mit der Nase an dem sich konzentriert freisetzenden Staub. Dieser wird sofort eingeatmet. Je enger die Maschen, desto stärker der Effekt. Dadurch, dass die Pferde mehr körperlichen Aufwand betreiben mussten, durch das Netz ans Heu zu kommen, atmeten sie auch angestrengter und tiefer ein. Staubpartikel können so tiefer in die Atemwege eindringen.

Wichtig zu bedenken: „Bei den Ergebnissen fokussieren wir uns rein auf den Staub. Natürlich gibt es viele Gründe, die für Heunetze sprechen, etwa bei übergewichtigen Pferden oder um loses Heu in Raufen zu halten und somit weniger entsorgen zu müssen“, klärt der Experte auf. Was heißt das nun für Stallbetreiber? Unseld ist überzeugt: Es muss nicht immer Hightech sein, und auch ein Komplettumbau ist in den seltensten Fällen notwendig. Schon kleine Veränderungen in einem Stall können Großes bewirken, wenn man die Staubbelastung reduzieren möchte.

Pferd frisst aus Heunetz

Mit Kraft und Druck: Viele Pferde werden aus Heunetzen gefüttert. Für die Staubbelastung ist das nicht optimal. (© Christiane Slawik)

5 Tipps für geringere Staubbelastung:

  1. Für bessere Luftbewegung sorgen – etwa durch Öffnungen in Türen oder geschickt platzierte Belüftungsmöglichkeiten. „Eine Konzentration ist immer weniger schlimm, wenn man sie verdünnt“, erklärt Unseld. Das gelte eben auch für Feinstaub. Manchmal helfe es schon, zu beachten, von welcher Seite der Wind komme. Teilweise reiche es, ein Blech so anzuschrauben, dass Wind in das Gebäude geleitet werde.
  2. Ventilatoren im Stall integrieren, das kann einen enormen Effekt haben. Unseld dazu: „In der Nutztierhaltung ist das längst etabliert. Ein Ventilator muss keine Topleistung bringen, doch klug positioniert, kann er das Stallklima spürbar verbessern, ohne große Kosten zu verursachen.“
  3. Stallmonitoring betreiben, um Schwachstellen (feuchte Ecken, fehlende Luftzirkulation) aufzudecken.
  4. Bewusster Umgang mit Einstreu: Stroh beispielsweise hat einen hohen Staubanteil, lässt sich aber ebenfalls durch Bedampfen deutlich verbessern. Auch Einstreu-Alternativen sind möglich. Misten und Stallgasse fegen nur, wenn die Pferde nicht im Stall sind.
  5. Mehr (kontrollierte) Bewegung: Nur beim Galopp nutzen Pferde ihr gesamtes Lungenvolumen, Bewegung ist ein zentraler Faktor für Atemwegsgesundheit. „Moderne Pferdehaltung muss Tierwohl und ökonomische Praxistauglichkeit zusammenbringen“, fasst Unseld zusammen. Es gehe nicht darum, jetzt alle Ställe umzubauen, sondern das Bewusstsein zu schärfen – und mit einfachen Stellschrauben die Luftqualität nachhaltig zu verbessern, auch wenn es viele Faktoren gebe, die man nicht beeinflussen könne.

Zwischenfazit: Staubbelastung bleibt ein Problem

Staub bleibt ein unsichtbarer, aber entscheidender Faktor für die Pferdegesundheit. Heunetze mögen in Sachen Futterrationierung Vorteile bieten – für die Atemwege jedoch sind sie oftmals keine Lösung. Bedampfen, lose Fütterung, gute Luftführung und Bewegung sind wirksame Hebel.

Saubere, luftige Heuraufe für die Pferdefütterung

Sauber und luftig: In solchen Raufen wird den Pferden auf dem Betrieb Unseld loses und bedampftes Heu angeboten. (© Harald Unseld)

Unselds Forschung zeigt, wie wichtig es ist, über tradierte Meinungen hinauszugehen und wissenschaftliche Daten in die Praxis zu bringen. Denn nur so kann es gelingen, das Wohlbefinden der Pferde nachhaltig zu sichern. Doch warum genau ist staubiges Heu überhaupt problematisch? Welche Erreger es enthält und wie wirken diese auf die Pferdelunge?

Erreger im Heu: Die Gefahren hoher Staubbelastung

Wer Heuballen in der Stallgasse öffnet und aufschüttelt, verübt ein Attentat auf die Pferdelungen. Innerhalb von Sekunden verwandelt sich die Stallgasse in einen undurchsichtig vernebelten Gang. Die Folge: Mensch und Tier ringen nach Luft. Humanmediziner nennen das exogen allergische Alveolitis (EAA) – oder auch die „Farmerlunge“. In den Staubpartikeln lauern Schimmelpilze, Bakterien, Schmutzpartikel und Toxine (Giftstoffe organischen Ursprungs). 80 bis 90 Prozent der Staubbelastung im Stall kommen allein aus dem Heu. 

Wissenschaftler in den USA fanden heraus: Heu, das von meist feuchten Sommerweiden stammte, wies nicht nur mehr Schimmel und Keime auf, sondern auch deutlich mehr Pollen – Allergie-Alarm! Zumal viele der Problemstoffe alveolargängig sind, also in die feinsten Strukturen der Lunge eines Pferdes vordringen können.

Pferd frisst Heu vom Boden

Hals über Kopf verliebt in gutes Heu – glücklich, wer das seinem Pferd bieten kann. (© Pferd frisst Heu vom Boden)

Cocktail aus Keimen im Heustaub

Staub ist ein gefährlicher Cocktail aus Keimen. Die wohl bekanntesten Übeltäter sind die Schimmelpilze. Doch auch Milben, Hefen und Verschmutzungen aus Sand und Nagerkot finden sich in Futtermitteln. So sind es die Leptospiren im Mäusekot, die periodische Augenentzündung auslösen. Schlechtes Wetter, falsche Mäh- oder Lagertechnik und zu fest gepresstes Heu bieten den optimalen Nährboden für ungebetene Gäste.

Neben der primären Verunreinigung am Feld durch Sand, Mutterboden oder mit Pilzen belasteten Gräsern können auch sekundäre Verunreinigungen hinzu kommen. Während der sechs bis acht Wochen Lagerungszeit („Schwitzphase“) vor dem Verfüttern des Heus, vermehren sich Mikroorganismen massiv und Keimzahlen steigen rasant. Die Restwärme und -feuchte gefällt vor allem Pilzen, Hefen und Bakterien. Nach den sechs bis acht Wochen sollen die Keime verschwinden. Doch bei nicht optimaler Lagerung vermehren sich die Übeltäter ungebremst weiter. Das Heu wird unbrauchbar.

Pilze – Heu-Problem Nummer eins

Penicillium – das klingt nach Medikament und damit irgendwie nach Gesundheit. Doch im Gegenteil! Penicillium ist der häufigste Auslöser von Allergien und Atemwegserkrankungen und findet sich oft in verregnetem Heu oder auch Heulagen. Bei Feuchtigkeit und Wärme vermehrt er sich rasant und ist auch in Hausstaub und z. B. Getreide anzutreffen – auch für Menschen ein Gesundheitsriskio. 

Eine der häufigsten Schimmelpilzarten ist der Schwärzepilz, Cladosporium. Er wächst auf Laub und Pflanzen. Verschmutzt er die Gräser des Heus, plagen die Pferde allergische Reaktionen oder sogar eine Schimmelpilzallergie.

Pilzbefall im Heu

Es muss ja nicht gleich derartig auffallender Pilzbefall sein, aber auch in niedrigeren Konzentrationen sind Pilze ein Problem. (© Hooforia)

Sporen und Toxine: Giftbomben im Raufutter

Besonders gern in Heu, Stoh und Heulage siedelt sich der Stachybotrys an. Auch hier gilt: Selbst kleine Mengen in der Stallluft sind sehr ungesund, besonders bei Hautkontakt und Nahrungsaufnahme. Ist Raufutter von diesem Pilz befallen, hilft es nicht, nur verdorbene Teile wegzuwerfen. Sporen sind überall und selbst tote Sporen dieses Pilzes sind hoch giftig. Grippeähnliche Symptome, allergische Reaktionen und sogar innere Blutungen können bei der Aufnahme von Stachybotrys auftreten.

Tödlich kann es auch enden, wenn ein totes Tier (z. B. Mäuse etc.) ins Heu eingepresst wurde. Dann bilden sich sogenannte Botulismustoxine. Schon 50 bis 200 Gramm Heu, das unmittelbar neben dem Tierkadaver aus dem Ballen entnommen wird, können bei der Fütterung zum Tod führen. An Botulismus erkrankte Pferde sterben zu 90 Prozent. Darum gilt: Entdeckt man einen Tierkadaver, sollte auf die Verfütterung des umliegenden Heus verzichtet werden.

Milben und Hefen im Heu

Ist Heu beim Pressen zu feucht gewesen oder kann es beim Lagern nicht noch schwitzen, ruft das zwei weitere Probleme auf den Plan. Warmes, feuchtes Milieu zieht Hefen und Milben an. Innerhalb eines Monats kann sich ihre Zahl unter solchen Bedingungen im Heu verdoppeln. Die Hausstaubmilbe kennt jeder allergiegeplagte Mensch. Doch auch Vierbeiner reagieren sensibel auf unterschiedliche Milbenarten. Die kleinen Krabbeltiere bzw. ihr Kot kann nicht nur allergische Reaktionen in der Lunge, sondern auch Probleme im Darm verursachen.

Hefen stellen weniger Probleme für den Atemtrakt des Pferdes dar, dafür machen sie dem Verdauungsapparat zu schaffen. Aufgasungen, Koliken, sogar Magenrupturen können auf zu viel Hefe im Futter zurückzuführen sein. 

Keimgruppen

Das passiert bei Staubbelastung in der Pferdelunge

Die Atemwege des Pferdes sind ein ausgeklügeltes, doch sehr sensibles System. Sie sind aufgebaut wie ein Baum, der auf der Seite liegt. Über die Nüstern wird die Luft eingeatmet und dann über Nasengänge, Rachen, Kehlkopf und Luftröhre in die Bronchien und schließlich in die Lunge geleitet. Die Luftröhre ist sozusagen der Baumstamm, die Bronchien (linker und rechter Hauptbronchus) sind die starken Äste, die aus dem Stamm herauswachsen. Das Astwerk der Baumkrone wird dann aus den sich immer weiter und feiner verzweigenden Bronchien gebildet, die schließlich zu den noch feineren Bronchiolen werden.

Diese enden in den Lungenbläschen, den sogenannten Alveolen, die damit gewissermaßen die Blätter des Baumes sind. Sie sind umschlossen von einem Netz feinster Blutgefäße, den Kapillaren. Zusammen bilden Lungenbläschen und Kapillaren die sogenannte „respiratorische Oberfläche“ – beim Menschen ca. 100 bis 140 Quadratmeter, beim Pferd ca. 1650 Quadratmeter! Sie ist verantwortlich für den Gastaustausch von den Alveolen ins Blut und zurück.

Die rechte Herzkammer pumpt sauerstoffarmes und kohlendioxid-reiches Blut in Richtung Lunge. Über die hauchdünne Membran, die die Lungenbläschen umschließt, nehmen die Lungenbläschen Kohlendioxid auf und geben gleichzeitig den Sauerstoff aus der Atemluft in das Blut zurück. Nun fließt das mit Sauerstoff angereicherte Blut wieder zum Herzen und wird von der linken Herzkammer aus im Körper verteilt.

Staubbelastung im Stall bedeutet Dauerstress

Der Hauptreizfaktor der Pferdelunge sind organische Staubpartikel aus Stroh und Heu, Schimmelsporen und Milbenkot. Darauf reagieren Pferde äußerst sensibel, viel stärker als zum Beispiel auf mineralischen Staub, wie er durch Sand verursacht wird. Mit den organischen Staubpartikeln sind viele Pferde in Boxenhaltung täglich konfrontiert – ähnlich wie Menschen, die in einer mit Feinstaub belasteten Umgebung arbeiten.

Und so, wie diese an einer sogenannten Staublunge erkranken, so entsteht auch Pferdehusten. Dr. Monica Venner, Expertin für Atemwegserkrankungen an der Tierklinik Destedt, sagt: „85 bis 90 Prozent aller Atemwegserkrankungen bei Pferden sind auf ungünstige Haltungsbedingungen zurückzuführen.“

Haltungsbedingungen

Ungünstige Haltungsbedingungen und zu viel Staub sind die Hauptursachen für Husten beim Pferd. (© Christiane Slawik)

Staub bedeutet Dauerstress für die Atemwege. Dr. Monica Venner erklärt: „Die groben Staubpartikel, wie z. B. vom Paddock, werden schon in den Nasengängen – vorausgesetzt diese sind gut angefeuchtet – herausgefiltert. Aber der Mikrostaub aus Futter und Einstreu gelangt tief in die Atemwege hinein bis in die kleinsten Verästelungen.

Hier haftet er sich an die sogenannten Flimmerhärchen an, die dafür verantwortlich sind, störende Elemente, die am Schleim kleben bleiben, wieder nach außen zu transportieren. Doch der Feinstaub setzt sich auf das Bronchienepithel (diese Schleimhaut der Bronchien besteht u. a. aus Zellen mit Flimmerhärchen), das unter Umständen schon vorgeschädigt ist – etwa, weil das Pferd als Jungtier in der Aufzuchtphase einen Virusinfekt durchgemacht hat, der unbemerkt geblieben ist.“

Heustaub verengt die Atemwege des Pferdes

Je stärker die Bronchien vorgeschädigt sind, desto sensibler reagieren sie auf sogenannte Noxen, wie man Substanzen nennt, die einem Organismus Schaden zufügen können. Wird das Epithel gereizt, reagieren die Bronchien. Der erste Effekt: Die Glattmuskeln, die den Bronchus umhüllen, schließen diesen.

Der Bronchus verengt sich, das Pferd bekommt schlechter Luft. Der Körper versucht, den Staub loszuwerden, das Pferd reagiert mit einem Hustenreiz. Die zweite Reaktion: Das gereizte Epithel vermehrt sich in unerwünschter Weise. Normalerweise setzt es sich aus einer einzigen Schicht Zellen zusammen, vorgeschädigte Epithelzellen hingegen bilden mehrere Schichten. Resultat: Auch hierdurch werden die Atemwege enger.

Zäher Schleim wird zum Problem

Die dritte Reaktion ist die Schleimbildung. Dass das Bronchienepithel Schleim produziert, ist eine Schutzmaßnahme und gut und gesund, so lange der Schleim so dünnflüssig ist, dass er durch die Flimmerhärchen abtransportiert werden kann.

Doch die neuen Epithelzellen produzieren einen zähen, klebrigen Schleim, der durch die Flimmerhärchen nicht mehr abtransportiert werden kann, sondern sie wie Kleister überzieht, so dass sie ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen können. Wenn das Flimmerepithel wie beschrieben bereits geschädigt ist, ist die Fähigkeit des Schleims vermindert. Der Schleim wird nicht abtransportiert, sondern bleibt in den Atemwegen, wodurch der Luftfluss wiederum beeinträchtigt wird. 

Dr. Venner warnt: „Wenn die Bronchien durch staubige Haltung jeden Tag und permanent mit diesen Vorgängen beschäftigt sind, entwickelt sich eine chronische Krankheit (equines Asthma, früher COPD oder RAO genannt) und es kann zu massiven Folgeschäden kommen (Dämpfigkeit), weil sich die Atemwege immer weiter verengen.“

Staub, Pilze, Pollen und Milben bedeutet für die Bronchien des Pferdes Schwerstarbeit und können enormen Schaden anrichten. Jeder Schritt in Richtung einer staubfreieren Pferdehaltung ist deshalb wichtig und wertvoll.

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