Blaue Zunge beim Pferd: Was sie wirklich aussagt


Bild vergrößern Blaue Zungen gehen auch mit anderen Stresssignalen wie Kopfschlagen einher

Blaue Zungen sind zurecht ein Diskussionsthema im Pferdesport. Sie sind ein deutliches Anzeichen für ein Problem im empfindlichen Pferdemaul. (© Christiane Slawik)

Auf Turnieren und Aufnahmen lösen sie heftige Diskussionen aus: blaue Zungen. Während Veterinärmediziner auf mögliche Gefäßkompressionen, aber auch Schmerz verweisen, sprechen die betroffenen Reiter von Momentaufnahmen oder retuschierten Fotos. Doch die zentrale Frage bleibt: Wie kann es überhaupt zu einer blauen Zunge kommen?

Der dänische Fotograf Crispin Parelius Johannessen schoss bei FEI-Worldcup-Turnieren in Neumünster und Amsterdam Fotos, die in der schwedischen Boulevardzeitung „Aftonbladet“ veröffentlicht wurden. Zu erkennen sind drei Pferde mit blauen Zungen. Die Reiter sind keine unbekannten, denn es handelt sich um Patrik Kittel, Charlotte Fry und Isabell Werth.

Aufreger blaue Zungen

Auch wenn wir hier auf das Jahr 2024 zurückblicken, bleibt die Diskussion immer noch aktuell. Die Reaktionen der Reiter waren unterschiedlich, aber nicht im Sinne des Tierwohls. Während Patrik Kittel von einer Momentaufnahme spricht, bestreitet Isabell Werth, dass bei ihrem Pferd Quantaz in Amsterdam eine blaue Zunge zu sehen gewesen sei. Sie wolle die Metadaten sehen und erklärte, dass die Bilder eine Fälschung seien, da auch eine anschließende Gebisskontrolle keine Auffälligkeiten gezeigt haben soll.

Doch auch Getty-Images, eine internationale Fotoagentur, hat Bilder von der Veranstaltung, auch von Patrik Kittel und seinem Pferd. Und auch hier waren blaue Zungen zu sehen. Schwierig, da noch von „Momentaufnahmen“ zu sprechen, zudem stand Kittel bereits 2010 wegen des gleichen Themas in der Kritik.

Turnierbilder: Realität, Wunschauswahl oder Deep Fake?

Schießen Fotografen bei Turnieren nur die Bilder, welche Medien, Zuschauer und Reiter sehen wollen? Und werden Fotos im Nachhinein verändert? Johannessen, der die Bilder der blauen Zungen schoss, geht davon aus, dass viele Fotografen Bilder konstruieren würden, die eben nur das Gute abbilden. Er würde jedoch Fotos von allem anderen machen.

Das macht ihn bei Veranstaltern oder Stewards nicht gerade beliebt. So sei er schon auf Widerstand gestoßen: „Ich habe schon erlebt, dass Stewards die Arme einhaken und sich vor mich stellen, um die Pferde zu verstecken. Es kommt auch vor, dass sie die Kontrolle der Nasenriemen an einen anderen Ort verlegen, außer Sichtweite von mir, wenn sie merken, dass ich da bin.“ Das soll Crispin Parelius Johannessen der schwedischen Sportzeitung „Sportbladet“ gegenüber betont haben.

Der Wahrheitsgehalt von Fotografien im Reitsport

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass Bilder natürlich auch in Zeiten von künstlicher Intelligenz, sehr guter Bildbearbeitung und Deep Fakes verändert werden können. Jedoch nicht nur zum Negativen. So kann beispielsweise ein Bild auf Social Media kursieren, auf dem eine Zunge des Pferdes blau eingefärbt wurde. Jedoch könnte genauso gut eine blaue Zunge wieder in einem normalen, gesunden Ton verändert werden. Retuschieren ist heutzutage einfach. Was wir im Netz sehen, ist nicht immer die Realität.

Ebenso heißt es nicht, dass wenn ein positives Bild ausgewählt wurde, dass der restliche Ritt oder das restliche Training pferdegerecht verlaufen ist. Umgekehrt kann es aber wirklich mal Momentaufnahmen geben, die nicht schön aussehen. Ein Pferd kann sich zum Beispiel mal erschrecken, und schon haben wir unschöne Aufnahmen. Doch feines Reiten sollte auch unabhängig von Social Media, Fotoaufnahmen und Co. immer das Ziel sein. Nicht nur für einzelne Momente.

Und selbst wenn das Bild einer blauen Pferdezunge eine Momentaufnahme wäre, bleibt die Frage, ob es denn in Ordnung ist, wenn sie auch nur für einen Moment blau wird. Dazu ist es wichtig, die Hintergründe zu kennen, was im Pferdekörper passiert, wenn sich die Zunge bläulich verfärbt.

Blaue Zungen: Anatomische und physiologische Grundlagen

Die Zunge eines Pferdes ist stark vaskularisiert, das heißt, sie ist gut durchblutet, da sie von vielen Blutgefäßen versorgt wird. Sie ist zudem muskulös, aber auch mit vielen Nerven versehen und sehr empfindlich. Wenn Blut in den Gefäßen nicht mehr richtig zirkulieren kann, etwa durch Kompression, Verdrängung oder durch Druck des Gebisses, kann ein Blutstau entstehen.

Insbesondere die Ansammlung von venösem Blut führt dann zur Blaufärbung, auch Zyanose genannt. Im Extremfall kommt es zu Ischämie: Das Gewebe wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, und schädliche Prozesse können einsetzen.

Individuelle Gebissauswahl

Kein Pferdemaul gleicht dem anderen. Die individuelle Beschaffenheit der Maulhöhle, die Dicke der Zunge, aber auch die Breite der Laden müssen bei der Auswahl eines Gebisses beachtet werden. Ebenso gibt es Pferde, die bestimmte Gebisse nicht mögen, zum Beispiel, weil sie empfindlicher darauf reagieren. Wird die Zunge zwischen Gebiss und harten Strukturen im Maul gedrückt, steigt der Druck auf Blutgefäße und Gewebestrukturen.

Auch wenn ein kurzzeitig zu hoher Druck nicht vertretbar ist, mag er möglicherweise erst mal reversible Verfärbungen verursachen. Also solche, die möglicherweise nur kurz sichtbar sind. Längerer oder wiederholter Druck kann hingegen sogar zu dauerhaften Schäden führen. Eine Rolle spielt nicht nur die Auswahl des Gebisses, sondern auch die Verschnallung des Zaumes. Ob Nasenriemen, Sperrriemen oder die Kinnkette der Kandare, hier gilt es darauf zu achten, dass alles entsprechend korrekt und nicht zu fest verschallt ist.

Pferd mit Kandare

Die Kandare muss immer zur Maulhöhle und der Zunge des Pferdes passen. (© Christiane Slawik)

Tierärzte und Verhaltensforscher mit eindeutigem Urteil

Nach Veröffentlichung der Bilder haben Tierärzte die Bilder im Auftrag von „Aftonbladet“ begutachtet. Dass eine blauviolette Zunge nicht normal ist, stand bei keiner Person zur Diskussion. So sieht die finnische Tierärztin Kati Tuomola auf den Bildern Zungen, die stark geschwollen sind, womit eine Sauerstoffunterversorgung einhergehe, so die Veterinärmedizinerin, die an der Universität von Helsinki über Verletzungen durch Gebisse promoviert hat.

Der Verhaltensforscher Paul McGreevy von der University of New England erkennt bei den Ritten von Fry, Kittel und Werth in Amsterdam blaue Zungen sowie zu eng verschnallte Nasenriemen in Verbindung mit strammen Kinnketten. Daraus resultiere eine eingeschränkte Durchblutung der Zunge, einer Ischämie. Er erläutert in „Aftonbladet“: „Ischämie ist schmerzhaft. Wenn die Zunge blockiert ist, kann das Pferd nicht schlucken und die Atemwege nicht frei machen.“

Auch Reitmeister Martin Plewa stützt die Aussagen und sieht in blauen Zungen ein klares Zeichen für zu viel Druck auf die Zunge durch das Gebiss, was zu einem Blutstau führt. Nun kommen wir zu einem ganz entscheidenden Punkt, denn das Pferd läuft ja nicht einfach so mit Gebiss im Maul durchs Viereck oder den Parcours: Da ist immer noch der Reiter, der die Zügel in der Hand hat!

Blaue Zungen verhindern: Feine Kommunikation statt Krafteinwirkung

„Eine feine Reiterhand hält einen federleichten Kontakt zum Pferdemaul. Das Pferd tritt von hinten nach vorne an die fühlende und freundliche Hand heran. Man kann sich vorstellen, dass zwischen Reiterhand und Pferdemaul ein seidenfeines Fädchen gespannt ist. Darüber wird flüsternd kommuniziert“, sagt Andrea Lipp, die nach den Grundsätzen der klassischen Reitlehre unterrichtet. Das Pferdemaul sollte dem Reiter heilig sein. Krafteinwirkung habe da keine Berechtigung.

„Die Zügel sind im Konzert der Hilfen immer sekundär. Ein In-Form-Pressen von Kopf und Hals verbietet sich und hat mit richtiger Ausbildung nichts zu tun“, so die Ausbilderin. Sie gibt zu bedenken: „Leider denken noch zu viele Reiter: Wenn der Kopf des Pferdes unten ist, dann geht es auch korrekt über den Rücken. So viele Pferde gehen zwar vermeintlich durch das Genick, sind aber sehr fest in ihrem Körper.“ Eine korrekte Anlehnung ergebe sich, indem das Pferd von hinten nach vorne an die Hand des Reiters herantrete. Die Bewegungsenergie der Hinterhand könne ungehindert durch den Körper fließen und münde in der oben beschriebenen seidenfeinen Verbindung zur Reiterhand.

Die Reiterhand korrekt eingesetzt

Sieht man bei Reitern ständiges Ablockern, Abparieren oder Durchstellen, ist dies laut Andrea Lipp ein Zeichen für einen Irrweg. Bei neuen Reitschülern erlebt sie immer wieder, dass zuvor nie die Zügelfäuste korrigiert wurden, was jedoch elementar für eine feine Kommunikation mit dem Pferd ist. „Zur feinen Zügelführung gehört eine aufrecht getragene Zügelfaust, die sanft geschlossen ist. Das heißt, die Fingerkuppen sind nicht eingedreht. Man könnte, würde man ohne Handschuhe reiten, noch seine Fingernägel sehen“, erklärt Andrea Lipp. Der Daumen ist dabei der höchste Punkt.

Alle Finger liegen ordentlich und sortiert übereinander. Ringfinger und kleiner Finger sind die Schaltzentrale zum Pferdemaul. Der Zügel ist bis an den Fingergrund geschoben und wird stets mit feiner Verbindung geführt. Außerdem betont unsere Expertin, dass nicht nur die Finger wichtig sind: „Alle Gelenke der Reiterhand, des Ellenbogens und der Schulter sind locker. Das Gleiche gilt für die Muskulatur von Hand bis Schulter. Ist der Reiter dort verspannt und fest, mag das Pferd nicht an die Reiterhand herantreten.“ Zudem fehle im Unterricht nicht selten auch die Korrektur der Zügelführung, die zum Reitersitz gehöre.

Ausbilderin Andrea Lipp mit Pferd

Andrea Lipp unterrichtet nach den Grundsätzen der klassischen Reitlehre und betreibt seit über 15 Jahren ihre Reitschule im Bergischen Land bei Köln. Sie achtet besonders auf die Korrektur des Reitersitzes als Basis für eine Hilfengebung und unterrichtet Reiter aller Ausbildungsstände. Andrea Lipp war langjährige Schülerin von Oberbereiter Andreas Hausberger und ist Buchautorin. (© Friederieke Scheytt)

Blaue Zungen bedeuten Schmerzen und Abwehrreaktionen

Pferde haben keine laute Stimme wie Menschen. Sie können nicht schreien. Als Reiter haben wir die Aufgabe, auf feinste Signale der Körpersprache zu achten. Dazu gehört auch, mögliche Schmerzsignale zu erkennen. „Wenn zu stark auf Zunge und Kiefer eingewirkt wird, ist eine der häufigsten Reaktionen zunächst ein festgehaltener Unterkiefer sowie eine Zunge, die das unangenehm einwirkende Gebiss unterpolstert. So viele Pferde mussten lernen, diesen empfindlichen Bereich des Körpers zu schützen“, sagt Andrea Lipp. Stellen Sie sich vor, jemand würde Ihnen ein Stück Metall in den Mund legen und grob damit hantieren.

Ein starrer Blick, eine angespannte Gesichtsmuskulatur und permanent nach hinten gerichtete Ohren sind ebenfalls Anzeichen eines Unwohlseins des Pferdes. – Andrea Lipp –

Ebenso nennt unsere Expertin weitere Hinweise wie ein Klappern mit dem Gebiss, zu hektisches Kauen, ein Aufsperren des Mauls oder gar das Rausstrecken der Zunge. Gleichzeitig sei darauf hinzuweisen, dass manche dieser Maulfehler bei Korrekturpferden oder jungen Pferden auftreten können. „Sie sollten immer sorgsam beobachtet werden und mit laufender Ausbildung komplett verschwinden“, meint Andrea Lipp.

So kam ihr Andalusier elfjährig zu ihr und verschob damals den Unterkiefer sehr stark einseitig. Zudem kaute er extrem laut auf dem Gebiss. Mit fortschreitender Ausbildung waren diese Auffälligkeiten kein Thema mehr gewesen. Sie dürfen allerdings nicht ignoriert werden. „Denn bei korrekt ausgebildeten Pferden wollen wir einen beweglichen und lockeren Unterkiefer und ein sanftes Spielen mit dem Gebiss. Dies darf mit einem leisen, klimpernden Geräusch zu hören sein“, so die Trainerin.

Blaue Zungen und klare Schmerzsignale

In Bezug auf die blauen Zungen bei den genannten bekannten Reitern und Pferden waren ebenfalls deutliche Stresssignale zu erkennen. Darauf verweist Katarina Brunstedt, Zahnärztin an einer Stockholmer Pferdeklinik. Auch sie verweist explizit auf das Sperren, auf verkrampfte Gesichtsmuskulatur und den Umstand, dass das Weiße im Auge der Pferde von Kittel, Fry und Werth in Amsterdam zu sehen seien. Für sie Anzeichen eines Schmerzgesichtes.

Bei einem solchen Schmerzgesicht können folgende Signale einzeln oder kombiniert auftreten: Die Ohren sind steif und seitwärts nach hinten gerichtet. Die Gesichtsmuskeln sowie die Kaumuskulatur sind angespannt, ebenso beide Augen, die oft zudem teilweise oder ganz geschlossen sind. Dabei kann die Augenhöhle mehr oder weniger deutlich zu sehen sein. Am Maul wird auch die Anspannung sichtbar. Dadurch wirkt das Kinn schnell kantig oder markant. Die Nüstern können angespannt, erweitert oder abgeflacht sein.

Schmerzen und Stress durch Reiterhand und Gebiss

Eine gefühllose, zu harte Hand und Reitweise führt zu Schmerzen und Stress. In letzter Zeit sind immer wieder Diskussionen um die Nutzung bestimmter Gebisse im Reitsport aufgetreten. Nicht nur über die Kandare in der Dressur, sondern auch über Zäumungen im Springsport.

Dazu schreibt Dr. Martin Swoboda in seiner Dissertation, dass die freie Gebisswahl im internationalen Springsport in der Kritik stehe. Dort heißt es: „Oft wird irrtümlicherweise angenommen, Pferde mit schmerzhaften Zuständen der Maulhöhle würden besonders sensibel auf Zügeleinwirkung reagieren. In Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall.“ Wenn Reiter nun zu einem schärferen Gebiss greifen, beginne ein Teufelskreis.

In Bezug auf den Sport hat auch Ausbilderin Andrea Lipp eine klare Meinung: „Solche Aufnahmen sind eine Bankrotterklärung für den jeweiligen Reiter. Ich wünsche mir von den Stewards und Richtern ein kompromissloses Handeln für die Pferde. Es muss egal sein, wie bekannt der jeweilige Reiter ist.“ In ihrer Wahrnehmung seien wir dort von Neutralität leider noch weit entfernt.

Richtiges Gebiss und korrekte Reiterhand verhindern blaue Zungen

Als Reiter haben wir die Zügel in der Hand und sind für das Wohl unseres Pferdes verantwortlich. (© Christiane Slawik)

Gründe für blaue Zungen: Ist es immer das Gebiss?

Dass blaue Zungen im Reitsport durch falsche Gebisse und/oder eine zu grobe, starke Einwirkung mit der Hand entstehen, ist nicht zu bestreiten. Dennoch gibt es auch noch andere Ursachen für die Blaufärbung einer Pferdezunge.

  • Kardiovaskuläre (Herz-)Erkrankungen: Für ein gesundes Pferd ist es essenziell, dass das Herz ausreichend Blut durch den Körper pumpt. Kann das Herz diese Funktion nicht mehr vollständig erfüllen, kann es zu einem Rückstau von venösem, sauerstoffarmem Blut kommen – insbesondere in den Extremitäten und auch in der Zunge. Eine bläuliche Verfärbung der Zunge (Zyanose) kann also entstehen, weil zu wenig sauerstoffreiches Blut ankommt. Mögliche Ursachen können zum Beispiel eine Herzinsuffizienz (Herzschwäche) oder angeborene Herzfehler sein. Ebenso eine Kardiomyopathie (Erkrankung des Herzmuskels) oder Klappeninsuffizienz (eine Herzklappe ist undicht und schließt nicht vollständig).
  • Atemwegserkrankungen: Erkrankungen der Lunge oder Atemwege führen zu einer unzureichenden Sauerstoffaufnahme. Auch hier kann die Folge eine zentrale oder periphere Zyanose sein – sichtbar an Schleimhäuten, Lippen und Zunge. Eine blaue Zunge in Verbindung mit COPD ist ein Symptom eines Sauerstoffmangels, der durch die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung verursacht werden kann. Auch im meist fortgeschrittenen Stadium einer Lungenfibrose kann es zu einer Blaufärbung kommen.
  • Vergiftungen: Bestimmte Toxine können die Sauerstoffbindung des Hämoglobins beeinträchtigen. In solchen Fällen erscheint die Zunge statt rosa eher braun-bläulich oder schiefergrau. Eine bläuliche Verfärbung der Zunge entsteht, wenn das Gewebe schlecht mit Sauerstoff versorgt ist oder das Sauerstofftransportsystem (Hämoglobin) beeinträchtigt ist. Ebenso, wenn es zu Blockaden der Atmung oder Sauerstoffaufnahme kommt. Denn Toxine können die Lunge, die Atemwege oder den Blutkreislauf stören und so die Gesamtsauerstoffversorgung beeinträchtigen. Die sichtbare Zungenzyanose ist nur ein Teil; oft sind auch andere Schleimhäute betroffen, wie Lippen, Nüstern oder Maulwinkel.
  • Anämie oder Kreislaufprobleme: Bei extrem schweren Formen der Anämie kann es zu einer Zyanose kommen, da nicht mehr genügend Hämoglobin (das den Sauerstoff transportiert) vorhanden ist, um die Schleimhäute rosa zu färben, was wiederum zu einer bläulichen Färbung führen kann. Eine blaue Zunge bei einem Pferd kann außerdem auf Kreislaufprobleme wie eine Unterversorgung mit Sauerstoff hindeuten.
  • Splitter oder andere Traumata: Eine mechanische Verletzung kann eine Hämatombildung zur Folge haben und damit einen blauen Fleck auf der Zunge. Zum Beispiel durch Fremdkörper, wie einen Holzsplitter, oder eine traumatische Einwirkung im Maulraum. Das ist ein wichtiger Differentialbefund zu einer durchblutungsbedingten blauen Zunge (Zyanose), wie sie eben bei Gebissdruck oder anderen Erkrankungen auftreten kann. Ein Holzsplitter, ein Ast oder auch scharfe Kanten am Futtertrog führen schneller als gedacht zu punktuellen Verletzungen der Zunge. Ebenso abgebrochene Zähne oder Haken oder aber eine zu schnelle, hektische Futteraufnahme (je nach Futtermittel).

Blaue Zungen: Studien und Dissertationen

Bisher gibt es nur wenige Studien, die konkret messen, wie häufig und unter welchen genauen Bedingungen blaue Zungen auftreten, und noch weniger Studien, die objektiv den Blutfluss, die Sauerstoffsättigung oder Gewebeschäden an der Zunge quantifizieren. Aber es gibt relevante Forschungsarbeiten, die nahelegen, wie verbreitet Gebiss- und Maulläsionen sind, die auf Druckfolgen hinweisen.

Dr. Martin Swoboda (2021)

Eine Dissertation an der Tierärztlichen Hochschule Hannover: „Der Einfluss sportlicher Nutzung auf die Kopf- und Maulgesundheit bei Reitpferden: Bestandsaufnahme und Auswertung pathologischer Befunde des Kopfes und der Gebisslage sowie Entwicklung eines Prototyps eines Bewertungsbogens für den Turniertierarzt“. Untersucht wurden 748 national eingesetzte Turnierpferde, bewertet wurden pathologische Befunde am Kopf und der Gebisslage, inklusive Veränderungen unter anderem an Maulwinkeln, Maulinnenseiten und Laden.

Die Befunde umfassten Erosionen (offene, schmerzhafte Stellen der Mundschleimhaut, die oft als Aphten oder durch Entzündungen entstehen), Ulzera (meist schmerzhafte, weißliche Geschwüre, die als Aphthen bezeichnet werden), Narben und Exostosen (Knochenwucherungen) etc. Martin Swoboda kam zu dem Ergebnis, dass 13,9 Prozent der Pferde so starke Befunde hatten, dass er die Starterlaubnis streichen würde, wenn solche Befunde bei Turnierkontrollen vorliegen würden. Er erklärt, dass eine Pferdezunge „nicht innerhalb weniger Sekunden“ blau werde – bläuliche Verfärbungen erforderten einen gewissen Druck und eine gewisse Zeitdauer.

Wichtige Abgrenzung: Swoboda benennt nicht die Anzahl der Pferde mit sichtbarer blauer Zunge bei Belastung; er befasst sich mit Maulläsionen und anatomischen Befunden, nicht primär mit Farbveränderungen der Zunge. Die Pferde wurden außerhalb von Turnieren, meist im Rahmen von Zahnkontrollen, untersucht. Daher könnten Drucksituationen während eines Turniers oder eine starke Zügeleinwirkung im Training zu anderen Befunden geführt haben.

David J. Mellor (2020)

In „Mouth Pain in Horses: Physiological Foundations, Behavioural Indices, Welfare Implications, and a Suggested Solution“ werden die Grundlagen von Schmerzen im Pferdemaul untersucht, inklusive Kompression, Blutflussbeeinträchtigung, Entzündungsprozesse sowie Gewebeschäden durch Gebisskontakt. Mellor diskutiert, dass viele Verhaltensergebnisse von Gebissdruck nicht erkannt werden, und auch das Fehlen von Abwehrsignalen bei Pferden nicht zwangsläufig Schmerzfreiheit bedeute.

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