Tabuisierte Verhaltensweisen nehmen zu. Dazu zählen das Fressen von Erde und Sand, die Aufnahme von Kot und das Knabbern an Mähne und Schweif. Welche natürlichen Triebe stecken dahinter? Und wann wird aus einem normalen Verhalten eine gefährliche Angewohnheit?
Afrikanische Elefanten tun es, Kühe, Alpakas, Antilopen und Paviane auch. Sie fressen Erde seit jeher. Bei rund 1.400 Säugetieren konnte Geophagie, so der Fachbegriff, bereits beobachtet werden. Pferde zählen mit ihrem Fressverhalten ebenfalls dazu. „Die Aufnahme von nicht nutritiven Stoffen wie Erde, die keinen Nährwert im Sinne von Energie haben, ist ein natürliches und soziales Verhalten, das oft in Gruppen gezeigt wird“, erklärt Constanze Röhm, Pferdeernährungsexpertin und Leiterin des tierwissenschaftlichen Instituts in Rheinland-Pfalz.
Welche Erde Pferde fressen
Die Erde wird jedoch nicht willkürlich aufgenommen, sondern nur von bestimmten Stellen. „Das Interesse der Pferde wird vermutlich über ihren Geruchssinn geweckt, oder aber es ist reiner Zufall. Suchen die Tiere immer wieder dieselben Leckstellen auf, erinnern sie sich an diese.“
Dabei werden dunkle Erden in Laub- oder Mischwäldern bevorzugt, die einen relativ hohen organischen Anteil besitzen, sowie eisenhaltige Plätze, weil diese oxidieren und daher süß schmecken. Viele Studien zur Geophagie berichten von einem saisonalen Auftreten, besonders im Frühjahr und Herbst, und der Vorliebe für feuchte Bodenkonsistenzen.
Erde fressen ist keine Mangelerscheinung!
Aber warum fressen Pferde Erde? Weil im Boden Mengen- und Spurenelemente vorhanden sind und sie damit eine unzureichende Versorgung mit Mineralstoffen ausgleichen, so eine weit verbreitete Antwort. Das aber sei Nonsense, ein reiner Mythos. Man könne sich nicht darauf verlassen, dass Pferde wissen, was sie brauchen, klärt Constanze Röhm auf.
Die Ergebnisse von Bodenproben bevorzugter Leckstellen belegen, dass je nach Standort zwar Gehalte an Phosphor, Zink, Selen, Eisen, Kalzium oder Kalium in unterschiedlicher Zusammensetzung zu finden sind, aber nicht in überdurchschnittlicher Menge. Und: Alle Pferde, die dort leckten, wiesen keinen Mangel auf.
In einer wissenschaftlichen Untersuchung wurden einer Pferdegruppe Erden aus verschiedenen Bodenproben vorgesetzt. Die Tiere entschieden sich immer für die Erde, die am interessantesten schmeckte. Sie selektierten nicht nach Nährstoffdichte. Es ist einfach ein natürliches Verhalten, das aber leider aufgrund nicht artgerechter Haltung häufig unterbunden wird, vor allem jetzt im Winter, wenn den Tieren meist nur ein Sandpaddock zur Verfügung steht. – Constanze Röhm –

Aufgrund der Haltungssituation im Winter können viele natürliche Bedürfnisse nicht ausgelebt werden. (© Christiane Slawik)
Wann abnormales Fressverhalten beim Pferd problematisch wird
Zum Problem wird die Aufnahme von Erde erst im Übermaß. „Frisst ein Pferd spontan und exzessiv oder wiederkehrend am Tag viel Erde oder Sand, kann dies ein Ausdruck von massivem Rohfasermangel, also Hunger, sein. Oft aber steckt eine schwere Erkrankung im Magen-Darm-Trakt dahinter, z.B. ein akutes Magengeschwür oder eine Darmentzündung. Es kommt zu einem Übersprungsverhalten aufgrund von starkem Schmerz“, weiß Constanze Röhm. In diesem Fall setzt das selektive Fressverhalten aus.
Die Tiere unterscheiden nicht mehr, was sie fressen, sondern futtern Sand, Reitplatzboden mit Zellstoffanteilen oder Giftpflanzen wie Kirschlorbeer, an dem sie sonst nie knabbern würden. Röhm berichtet von einem Fall, wo ein Pferd über Nacht acht Kilogramm Sand aufgenommen hat. Das führt unweigerlich zu einer Kolik. Wird allerdings nur wenig Sand durch eine bodennahe Futteraufnahme oder das Herausreißen von Grasbüscheln aufgenommen, ist die Sorge von Besitzern unbegründet. Trotzdem sollte die Sandmenge im Kot regelmäßig geprüft werden.
Pferd frisst Kot – Wie viel ist zu viel?
Wie viel ist zu viel? Die Frage stellt sich auch bei der Aufnahme von Kot. Dass Fohlen und Jungpferde Kot fressen, sei völlig normal, sofern sie etwa einmal am Tag hineinbeißen würden. „Sie bevölkern damit immer mal wieder ihre Darmflora neu. Adulte Pferde tun dies ebenfalls ab und zu. Ansonsten riecht und schmeckt der Kot von anderen, auch Kühen, einfach lecker. Da sind Vitamine, Rohfaser, Eiweiße und viele andere Stoffe drin“, erläutert die Expertin.
Meerschweinchen haben als reine Pflanzenfresser übrigens eine sehr ausgeprägte Koprophagie, wie es wissenschaftlich korrekt heißt. Kleine Köttelkunde: Sie scheiden einen weichen, traubenförmig aneinanderklebenden Blinddarmkot aus, der eine Fülle an aufgespaltenen Nährstoffen, B-Vitaminen und Bakterien enthält, die für die Tiere tatsächlich lebensnotwendig sind.

Durch das Kotfressen nimmt das Fohlen Mikroorganismen für den Dickdarm auf. Adulte Tiere tun dies nur noch selten. (© Christiane Slawik)
Veränderungen im Fressverhalten des Pferdes
Zurück zu den großen Kotfressern: Ein Pferd produziert in 24 Stunden ca. alle zwei Stunden einen Haufen. Wenn es davon aber die Hälfte wieder aufnimmt, ist das kein gutes Zeichen. Hier könnten Magen-Darm-Erkrankungen und Mangelerscheinungen ursächlich sein.
Beim Holznagen hingegen geht es nicht um die Menge, sondern um den Inhalt. Was wird beknabbert? „Früher wurde das Holzfressen pauschalisiert und als Stereotypie abgetan. Heute weiß man, dass es nicht so einfach ist“, merkt sie an. Als Verhaltensauffälligkeit wird es ohne Ziel oder Funktion ständig wiederholt. Pferde fressen zum Beispiel an in Teer getränkten Bahnschwellen, an druckimprägnierten Holzzäunen oder Boxenwänden aus Pressspan. „Etwas völlig anderes ist das Abnagen von Blättern, jungen Trieben und Rinde als natürliches Browsing-Verhalten“, so die Expertin.
Mehr Bäume und Büsche fürs Pferd!
Auf der Suche nach Futter reißen sie hier ein bisschen Grünzeug, dort ein paar Zweige ab oder beißen herzhaft in den Stamm eines Baumes. Insbesondere in der inneren Rinde, dem Bast, finden sich in Wasser gelöste Nährstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Da sind Kohlenhydrate und für das Pferd leckere Bitter- und Gerbstoffe drin, die für ihre Verdauung und Gesundheit elementar sind.
Das Problem: Unsere Hauspferde haben nur selten Zugriff auf Bäume und Büsche. „Das ist skandalös“, meint Röhm und beschreibt eine Reitsportanlage, auf der sie kürzlich zu Besuch war. „Schick, groß, alles, was man als Reiter haben möchte, aber kein Busch, kein einziger. Der einzige Bewuchs bestand aus für Pferde problematischem Bergahorn und giftigem Buchsbaum. Manchmal haben wir eine ganz absurde Idee von Pferdehaltung.“

Das Fressen von Blättern und Zweigen kann über ungiftige Holzschnitte ermöglicht werden – Spitzahorn ist ungefährlich, Bergahorn jedoch giftig. (© Christiane Slawik)
Grünschnitt fördert natürliches Fressverhalten beim Pferd
Seit den 80er Jahren gibt es schon zahlreiche Untersuchungen, die darlegen, was in welcher Intensität befressen wird, vor allem in Wild- und Semiwildbeständen. Und man weiß schon lange, dass diese Art der Nahrungsaufnahme zwar nicht primär nur der Sättigung dient, wohl aber einen enormen Einfluss auf die Psyche und das Mikrobiom hat. Dürfen die Tiere sie nicht ausleben, fehlt ihnen etwas in ihrem natürlichen Verhaltensrepertoire.
Die Folge kann Binge-Eating sein. Das heißt, es werden unabhängig vom Hungergefühl unverhältnismäßig große Nahrungsmengen gefuttert. Was tun? „Fresshecken anpflanzen und den Holzschnitt ganzjährig zur Verfügung stellen, auch blattlos in den kalten Monaten!“, empfiehlt Röhm. Ungiftige Gehölze sind z.B.:
- Birke
- Linde
- Pappel
- Salweide
- Hasel
- Hainbuche
- Obstbäume
Das Pica-Syndrom: Wenn Pferde Haare fressen
Richtig gefährlich wird es bei der Trichophagie, dem Fressen und Verschlucken von Mähnen- und Schweifhaaren. „Das ist ein echtes Pica-Syndrom, eine Fressverhaltensstörung.“ Werden Haare über einen längeren Zeitraum konsumiert, besteht die Gefahr einer Magenballbildung. Ein sogenannter Bezoar sammelt sich im hohlen Raum des Mageninneren und verklumpt dort. Das führt zu Obstruktionen, also Verengungen oder Verstopfungen des Magens, und zu schwerwiegenden Verdauungsstörungen.
„Veterinärmedizinisch ein absoluter Supergau, denn die Haare bestehen aus einer sehr starken Keratinverbindung, welche die Magensäure nicht gut auflösen kann“, betont Constanze Röhm. Als mögliche Therapie verabreicht man Cola über eine Ernährungssonde, kein Scherz. „Wenn der Bezoar vorwiegend aus Fasern besteht, kann das kohlensäurehaltige Getränk tatsächlich helfen“, bestätigt sie.

Aus einer harmlosen Fellpflegesituation kann eine Fressverhaltensstörung entstehen. (© Christiane Slawik)
Bei Pica mit unangenehmen Gerüchen arbeiten
Das Knabbernde und das Befressene sollten sofort getrennt und beide untersucht werden. Beide? „Ja, denn das Pferd, das befressen wird, kann das Pica-Verhalten bestärken. Leidet es beispielsweise unter Juckreiz aufgrund von Haarlingen, bietet es sich dem Artgenossen immer wieder an. So entsteht aus einer gewöhnlichen Fellpflegesituation ein gesundheitsschädliches Fressverhalten.“
Um dies zu unterbinden, bietet der Handel Sprühflaschen mit verschiedensten Inhaltsstoffen an. „Aber“, so die Ernährungsexpertin, „das funktioniert alles nur mäßig. Wenn, dann sollte eine Geruchs-, aber keine Geschmacksaversion entstehen. Steinöl riecht für die Tiere zum Beispiel wirklich unangenehm.“
Fressverhalten: Welche Signale sollte man ernst nehmen?
Außer bei der Trichophagie und der Geophagie, die mit der Aufnahme von Sand einhergeht, lautet Constanze Röhms generelle Empfehlung: „Das jeweilige Pferd näher beobachten und schnell die Ursache finden!“
- Gibt es eine bestimmte Uhrzeit, zu der das Pferd ein abnormales Fressverhalten zeigt?
- Ist es eine Verhaltensstörung, oder wird das Pferd getriggert durch etwas anderes, eine Fressaggression vielleicht?
- Liegt eine psychische Belastungssituation vor?
„Ich würde erst eingreifen, wenn das Verhalten auffällig, hektisch oder aggressiv aussieht oder als Übersprung gezeigt wird. Nichts im Übermaß ist gut“, so die Expertin. Später sollten die Beobachtungen in den Kontext des restlichen Verhaltens und Managements gesetzt werden. „Alles, was mir außer dem Fressverhalten noch verrät, dass irgendetwas nicht stimmt, sollte professionell abgeklärt werden. Wenn das Pferd müde und lethargisch wirkt, Fieber hat, Auffälligkeiten beim Satteln oder Reiten zeigt und sich schlichtweg anders verhält als gewohnt.“
Das Fressverhalten des Pferdes ganzheitlich betrachten
Die nachfolgenden Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten (von Fütterungsumstellungen über Beschäftigungsstrategien bis hin zu verhaltenstherapeutischen oder veterinärmedizinischen Maßnahmen) sind wiederum sehr individuell, abhängig vom jeweiligen Auslöser und dem, was das Pferd aufgenommen hat.
Neben dem Tierarzt ist ein Ernährungsprofi für Pferde der richtige Ansprechpartner. Doch es gibt keinerlei staatliche Regulation für den letzteren Fachbereich, warnt Constanze Röhm. Futterberater könnten einen Zweitageskurs oder eine zweijährige Fortbildung absolviert haben. „Vieles, was Pferdebesitzern geraten wird, stimmt einfach nicht, und Tierärzte sind nicht automatisch Ernährungsexperten“, warnt sie. Dabei sei das Thema so wichtig. „Ernährung, Krankheiten und Psyche sind, wie bei uns Menschen auch, eng miteinander verbunden. Das eine bedingt immer das andere.“

Krankheiten lassen sich häufig verhindern, wenn das Pferd genau die Ration erhält, die es wirklich braucht. (© Christiane Slawik)
Präventive Maßnahmen – abnormalem Fressverhalten vorbeugen
Eine Rationsberechnung kann gesundheitliche Probleme sichtbar machen, bevor sie überhaupt entstehen. Was ist im Pferdefutter drin? Und was braucht mein Pferd eigentlich? Diese Informationen müssen zusammengebracht werden.
Rationen
„Würden Pferdebesitzer die Rationen für ihre Tiere bilanzieren oder bilanzieren lassen, wären ganz viele Erkrankungen vermeidbar“, ist sich Constanze Röhm sicher. Eine Raufutteranalyse, die von Laboren übernommen wird, und zwei jährliche Rationsberechnungen (Umstellung von Sommer auf Winter und Winter auf Sommer) können als vorbeugende Maßnahmen dienen. Bei Sportpferden sollte eine weitere Bilanzierung zu Beginn der Leistungsphase erfolgen.
Defizite
„Viele Pferde sind immer wieder krank, weil sie nicht das gefüttert bekommen, was sie wirklich brauchen“, bemängelt unsere Expertin. Hat das Heu beispielsweise ein Selendefizit, zeigen sich Haarbruch, Müdigkeit oder allgemeine Schwäche. Deutlichere Mangelerscheinungen sind kolikartige Muskelkrämpfe und Steifheiten. „Viele Symptome kommen mit Ansage, wenn Defizite nicht abgefangen werden.“
Blutbild
„Das Blutbild gibt keinen Aufschluss über die Versorgungssituation eines Pferdes“, sagt Constanze Röhm. Es zeigt zwar den temporären Status an Selen, Zink, Mangan oder Eisen an, doch diese Aussage reicht nicht aus. Eine Mangelversorgung kann zum Beispiel bei von Geophagie betroffenen Pferden dadurch oft nicht nachgewiesen werden. Ein Blutbild ist daher aktuell nur bei spezifischen Krankheitslagen, Infektionen oder Entzündungsgeschehen empfehlenswert.
Futtermittel
„Es gibt eine riesige Auswahl an Futtermitteln auf dem Markt. Wir finden eigentlich für jedes Problem das richtige Produkt. Man darf sich nur nicht im Futtermitteldschungel verirren“, so Röhm. Dafür müssen Marketingaussagen und schöne Bilder gedanklich zur Seite geschoben und nüchtern die Inhaltsstoffe studiert werden, rät sie.
Management
„Im Zuge der Rationsberechnung muss auch die Haltung betrachtet werden. Hat das Pferd genügend Auslauf, ausreichend Sozialkontakte oder Stress? Es gibt Dinge, die kann man nicht wegfüttern“, betont Röhm. Stehen die Fütterung und das sonstige Management auf dem Prüfstand, findet sich meist die Lösung für das abnormale Fressverhalten.
