Julia Mestern steht für einen Pferdesport mit Haltung – auch abseits des Rampenlichts.
Sie ist gewissermaßen „nordisch by nature“ und hat fast ihr ganzes Leben nur ein paar Pferdelängen entfernt von Hamburg, wo sie geboren wurde, verbracht: Nur einmal hatte Julia Mestern dem Norden den Rücken gekehrt und ist zum bayerischen Haupt- und Landgestüt Schwaiganger gen Süden gezogen. Doch irgendwann siegte das Heimweh, und die Lüneburger Heide wurde für längere Zeit ihr Zuhause. Dann kam Corona, die Herpesimpfpflicht folgte: Für Julia Grund genug, den lang gehegten Wunsch, sich eine eigene Anlage zu suchen, nach Skandinavien zu verlegen.
„Die Höfe hier sind bezahlbar und dazu auch wunderschön. Die Nähe zur Nordsee kommt als positiver Effekt noch obendrauf. So ist es Dänemark geworden“, erzählt sie und berichtet: „Mein Bullerbü liegt 20 Minuten vor Rømø, einer Insel mit unendlichen Stränden, an denen man das ganze Jahr reiten darf. Es ist einfach unfassbar schön: Wenn ich das Meer sehe, bin ich in einer anderen Welt. Hier sind die Strände einsam, hier kann man Luft holen und Kraft tanken, mit oder ohne Pferd.“
Ein Hof mit Geschichte und Haltung
Der eigentliche Betrieb befindet sich in einem kleinen Ort namens Bredebro und ist derzeit fünfeinhalb Hektar groß. Der Hof, anno 1842, ist liebevoll saniert und sehr gut instand. Herzstück des in Skagengelb getünchten Wohnhauses mit rotgeziegeltem Dach ist die offene Küche samt riesigem Esstisch nebst dem gemütlichen Ofen im Wohnzimmer. Viele alte, hölzerne Butzenfenster geben dem nach Süden ausgerichteten Heim viel Licht und eröffnen den Blick auf die Pferde.
Die leben übrigens nicht im Stall, sondern inzwischen robust als eine zusammengeschweißte Herde: „Meine Pferde haben sich in den vergangenen anderthalb Jahren von Nachts-im-Stall-Pferden zu entspannten 24/7-draußen-Pferden entwickelt“, schmunzelt Julia und zählt vier XXL-Heuraufen, zwei große Liegehallen sowie vier Stallzelte auf, damit alle immer Zugang zu Futter und trockenen Plätzen haben. „Die Entscheidung, keinen Stall zu bauen und stattdessen diese Hallen, war die beste meines Lebens. Die Pferde sind so zufrieden und glücklich.“

Ein Bild aus dem Jahr 2013: Julia Mestern, in Kaderjacke gekleidet, sitzt auf Ludwig, ihrem Herzenspferd. (© Stefan Lafrentz)
Wie lebt und arbeitet Julia Mestern heute?
In der alten Scheune mit DIY-Sattelkammer, gebaut von Julias Bruder Alexander, gibt es drei Krankenboxen für Notfälle. Eine Reithalle und ein Außenplatz mit bestem Rømø-Sand komplettieren das bezaubernde Ensemble, das nun das Zuhause der ehemals sehr aktiven Spitzensportlerin ist, die gerade plant, einen Trail um die Weiden zu bauen. So will sie ihre außerordentlich bequemen Pferde zur Bewegung motivieren. Sie selber indes bekommt genügend Bewegung, schließlich managt sie ihren Betrieb fast im Alleingang.
„Ich lebe hier mit den Hunden Emma, Peppi und Delia, den Katzen Masterkraftsman und Garfield und meiner Partnerin. Dreimal pro Woche kommt ein ‚Fabelwesen‘ namens Finni, die letzte ihrer Art, die noch Lust hat, richtig anzupacken, und die Verantwortung übernimmt. Sie hilft mir bei der Ausbildung der Pferde und den Arbeiten auf dem Hof. Hinzu kommt Urmel – mein alter Traktor. Er ist ein wirklich wichtiger Mitarbeiter, denn an ihm hängt die Fegemaschine Giesela, und gemeinsam ‚urmeln‘ wir über das Gelände, kehren und sammeln die Äppel auf. So sieht alles immer schön aus, und das macht mich glücklich.“
Klare Haltung, klarer Gegenwind
Julia Mestern mag es nicht nur schön gepflegt – sie mag es auch authentisch: Sie ist geradeheraus, bezieht Stellung und nimmt kein Blatt vor den Mund. „Für mich hat kein Hebel an einem Pferdekopf etwas zu suchen!“, formulierte sie es klar und frei heraus im Gläsernen Studio von #doitride auf der Equitana, und zwar direkt, nachdem Dressurbundestrainerin Monica Theodorescu von den Vorzügen des „besonders feinen Reitens auf Kandare“ geschwärmt hat.
Sie scheut weder Kritik an der Entwicklung des Pferdesports noch an großen Namen und hat sich dabei in der Szene schon das ein oder andere Mal eine blutige Nase gestoßen. Auch wenn sie manch eine Reaktion – gerade auch von Offiziellen und aus der Richterszene – auf ihre deutliche Positionierung zunehmend schockte, steht die ehemalige Aktivensprecherin weiter zu ihrer Meinung – und zu den Pferden.

Julia Mestern (2. v. r.) war Talkgast im Gläsernen Studio von #doitride auf der Equitana. Dort diskutierte sie mit Christoph Hess und Dressur-Bundestrainerin Monica Theodorescu zum Thema „Trense oder Kandare?“, moderiert von Karolin Leszinski (r.). (© Telletic)
Warum Julia Mestern den Turniersport infrage stellt
„Ich war eigentlich nie leise, habe mich immer für die Pferde eingesetzt, immer offen über Missstände gesprochen. Mir war tatsächlich nicht bewusst, dass man sich, wenn man im Spitzensport etwas mehr pro Pferd ist, doch relativ schnell recht viele Feinde macht. Für mich ist Selbstkritik normal. Nur so kann ich besser werden und mich auch nach außen positiv präsentieren. Diese ehrliche Selbstreflexion wünsche ich mir künftig verstärkt für unseren Sport.“ Vom Turniersport hat sich die 49-Jährige auch im Zuge ihrer Auswanderung zurückgezogen. Vorübergehend?
„Ich habe mir bewusst eine Turnierauszeit genommen, um wieder zu dem zurückzufinden, was mich eigentlich ausmacht, und das ist die Liebe zu den Pferden, ihre Ausbildung und das Freuen über diese wundervoll sensiblen Geschöpfe, die so bemüht sind, alles richtig zu machen. Pferde reiten ist eigentlich so einfach, wenn man aufhört, sie unter Schmerzen zu etwas zu zwingen. Vielleicht kann ohne Zwang nicht mehr jedes Pferd zu Höchstleistungen bringen, aber das ist ja eigentlich auch nicht nötig. Ich fühle jetzt immer mal wieder die Idee, doch gern wieder auf Turnier zu fahren, weil ich so super Pferde habe. Aber – und das sage ich ganz offen – ich weiß nicht, ob die aktuelle Lage des Reitsports so ist, dass man sie finanziell durch die Mitgliedschaft im Verband und die Teilnahme an Turnieren unterstützen sollte.“ Ein Satz, der sitzt.
Ihr persönliches Erfolgsrezept: Voltigieren
Anders als das Gros ihrer turnierreitenden Berufskollegen stammt Julia Mestern nicht aus einer Reiterfamilie. Sie kam gewissermaßen „auf Rezept“ zum Pferd. „Ich war ein ziemlich kleines und aus Sicht meines Kinderarztes schwächliches Mädchen“, erzählt Julia und erinnert sich an den ärztlichen Rat, ihren Körper durchs Voltigieren zu kräftigen. Erst mit 17 stieg sie dann in den Sattel, in dem sie noch heute sicher und zufrieden sitzt.
„Nach dem Abi habe ich das Reiten zum Beruf gemacht und war zunächst wirklich erfolgreich im Dressurviereck unterwegs.“ Auf über 80 Siege in S-Dressuren kam sie, dazu Prüfungsauszeichnungen und Goldenes Reitabzeichen. Durch den „kleinen Schorsch“, wie sie ihn liebevoll nennt, ist sie dann in die Vielseitigkeit „gerutscht“, und zwar nach ganz oben an die Spitze: Deutsche Meisterin, 19. bei den Europameisterschaften, Weltcup-Prüfungen gewonnen.

Mit dem kleinen, flinken Hannoveraner-Hengst Schorsch, der eigentlich Dressurpferd werden sollte, galoppierte Julia Mestern an die Spitze der Vielseitigkeitsreiterei. (© Toffl)
Julia Mestern zwischen Ruhe, Arbeit und neuen Ideen
Diese erfolgreiche Turnierkarriere gehört – zumindest derzeit – der Vergangenheit an, und die Uhren in Dänemark und auch im Hause Mestern laufen nun ein bisschen langsamer. Julia hat ihre Mitte, ihren Frieden und eine gesunde Work-Life-Balance gefunden. Sie liebt es „hyggelig“, doch auch geschäftig, ist gerne daheim, kann sich aber auch eine Weltreise im Wohnmobil vorstellen – irgendwann.
Seit Kurzem bietet die Powerfrau selbstgefertigte Seilwaren für Pferde und Hunde an: Vom Halsriemen bis zur Hundeleine ist alles liebevoll „made by meerengel“.
Julia Mestern im Interview
Hooforia: Welche Eigenschaften magst du bei Pferden besonders?
Julia Mestern: Freundlich und zugewandt; Interesse, Neugierde, Sportlichkeit; da ist ein ganz besonderes Gefühl, das manche Pferde in mir auslösen, dafür gibt es keinen Namen, da stimmt einfach die Verbindung.
Bist du geduldig?
Mit Pferden, Hunden und Tieren im Allgemeinen bin ich in der Regel sehr geduldig. Nur ganz selten platzt mir der Kragen: Wenn meine Pferde das Heu bei Westwind aus dem Ballen ziehen und mir die ganzen Halme ins Gesicht wehen, dann schimpfe ich wie ein Rohrspatz. Aber mittlerweile warten sie geduldig und als würden sie denken: „Lass die Alte, die spinnt…“ Mit Menschen bin ich im Unterricht sehr geduldig, nur wenn sie meine Pferde reiten oft eher nicht so, sorry dafür.
Was zeichnet dein Reiten aus?
Ich bin mit nur 1,62 Metern Körpergröße und 50 Kilogramm ein Leichtgewicht und kann die Pferde nicht über Kraft reiten. Ich muss also immer über Gefühl und Technik reiten. Das kommt meinen Pferden und meinen Schülern natürlich zugute.
Was findest du gut an der „Reiterei“ und dem Pferdesport von heute?
Ich finde es gut, dass so vieles über die sozialen Netzwerke direkt gezeigt und aufgedeckt werden kann. Der Reitsport hat sich wenig weiterentwickelt, und Vorreiter werden ausgebuht – „das war schon immer so oder früher war alles besser“. Entschuldigung, nein! Es muss über alles aufgeklärt werden.
Was rätst du deinen Reitschülern in Bezug auf ihr Reiten und ihre Einstellung zum Pferd?
Ich rate ihnen, den Fokus auf sich als Reiter zu setzen. Ich schaffe für meine Schüler immer einen abgeschlossenen, geschützten Raum, hier in Bullerbü oder im Online-Unterricht. Es geht dabei nie um „Kopf runter“, sondern um Balance und Losgelassenheit. Aus einem korrekten, ausbalancierten, losgelassenen Sitz ist alles möglich.
Julia Mestern über ihre Einstellungen und Persönlichkeit
Was sind deine reiterlichen Grundsätze?
Sei pro Pferd! Entwickle dich weiter, schau über den Tellerrand, lerne von anderen, lerne aus Fehlern, lerne von deinem Pferd! Das Pferd ist unser Spiegel. Beweise, dass es pferdefreundlich UND sportlich geht!
Du hast in deinem Leben viele „Brüche“, es lief nie alles so ganz glatt, und du bist nun wirklich nicht das, was man „mainstream“ nennt…
Ich bin eine Wandelfrau, ein Stehaufmännchen, und habe gelernt, mit Niederlagen und Widerständen zu leben. Auch wenn es manchmal im ersten Moment schwerfällt, versuche ich nach ein paar tiefen Atemzügen, das Positive zu sehen und das Beste aus der Situation zu machen. Die Art, wie ich mit Pferden umgehe und lebe und auch mein Privatleben gestalte, hat sich absolut geändert. Auch wenn manch einer getuschelt hat, so, wie es jetzt ist, fühle ich mich wohl.

Mit Neugier, Offenheit und Selbstreflexion begleitet Julia Mestern ihre Pferde Schritt für Schritt durch die Ausbildung. (© Lafrentz)
Wenn du mal wieder mit den Gummistiefeln in der Matsche stecken bleibst, die 50. Pferdedecke zerrissen auf dem Paddock liegt und dein Hoftruck versagt, dann…
Ah, bitte nicht! Dann lache ich mittlerweile und nehme es mit Humor. Ich mag keine schlechte Laune, bin ein positiver Mensch und habe keine Lust, mir das Leben schwerer machen zu lassen. Kopf hoch, Brust raus, und am Ende kann ich mich ja auch immer ausheulen.
Familie und Freundschaft bedeuten dir was?
Gerade in der letzten Zeit haben wir in der Familie einen wundervollen Zusammenschluss zurückerlangt. Bullerbü ist unser Treffpunkt geworden. Freundschaft ist mir sehr wichtig, aber ich bin auch vorsichtig. Ohne dass es sich blöd anhören soll: Ich mag gerne „Bekannte“. Sie können nicht so sehr verletzen wie nahe Freunde. Über die vergangenen Jahre waren die Pferde immer meine Freunde und sind es noch heute. Dennoch habe ich gemerkt, dass wir ihre Artgenossen nicht ersetzen können, sie unsere aber auch nicht. In meiner Partnerin habe ich die beste Freundin, die ich mir wünschen kann.
Julia Mesterns persönliche Favoriten
- Essen: Ich liebe mein Morgenmüsli mit vielen Früchten, Joghurt und Kaffee. Dann mag ich alles, an das man Ingwer und Chili machen kann mit einer ordentlichen Portion Reis.
- Musik: Alles, was gute Laune macht, was mich mitnimmt. Da bin ich total offen und unkompliziert, ich tanze richtig gerne.
- Bücher: Auch hier gilt: Offen für alles! Wenn ich ein Buch anfange, lese ich es zu Ende, und koste es die volle Nacht. Ich bin schrecklich neugierig.
- Filme: Bei Kino und TV bin ich leider ein bisschen sensibel und finde die meisten Filme zu aufregend; als Kind bin ich bei „Graf Zahl“ aus der Sesamstraße hinter das Sofa geflüchtet – ich denke, das sagt alles.
- Mode und mehr: Ich verstehe die Frage nicht? Nein, ernst jetzt: Mein Alltagsstil ist Reithose/Gummistiefel. Und wenn ich mal „on tour“ bin: Jeans, weiße Bluse, dunkler Pullover oder richtig schön dicke Wollpullis; das Ganze mit ein paar knalligen Accessoires in Pink oder Orange. Und ich liebe edle Reitstiefel! Jetzt im Winter sieht man mein Gesicht oft kaum unter der übergroßen Mütze und den kuscheligen Schals.
- Urlaub: Sonne. Ganz viel Sonne. Ich halte 44 Grad wunderbar aus und würde bei 16 Grad am liebsten noch eine Mütze aufsetzen. Gerade war ich bei meiner kleinen Schwester Merle auf Zypern.
- Vorbilder: Jeder, der mich begeistert, das ist nicht an Prominenz gebunden.
- Herzenspferd: Ludwig. Er war mein absolutes Herzenspferd! Dieses Jahr ist er auf der Weide eingeschlafen, mit 29 Jahren. Er hat mich durch alles getragen und ertragen und war vor allem psychisch immer für mich da. Mit ihm konnte ich das Hamburger Derby in der Dressur rocken und am Tag zuvor ungezwungen durch das Gelände galoppieren. Auf ihn war immer Verlass.
Von Jessica Kaup