Wie wichtig sind Routinen für Pferde wirklich?


Bild vergrößern Pferde auf einer Weide im Sonnenlicht

Routinen prägen Pferde und geben Struktur, Sicherheit und Ruhe. (© Christiane Slawik)

Standortwechsel, Fressverhalten, Ruhe und Aktivitätsphasen – der natürliche Tagesablauf der Pferde ist von festen Abläufen geprägt. Der Alltag von uns Menschen auch. Was tun, wenn eine Gewohnheit auf die andere trifft?

Unser Gehirn ist ein faszinierendes Denkorgan. Bei automatisierten, geübten Tätigkeiten, wie zum Beispiel Schleifenbinden, Zähneputzen, Fahrrad oder Autofahren, schont es unsere kognitiven Ressourcen und gibt uns ein Gefühl der Vertrautheit, Sicherheit und Kontrolle. Ohne feste Gewohnheiten würden wir gar nicht überleben können, glauben viele Forscher. Denn das Gehirn wäre mit all unseren täglichen Handlungen und Entscheidungen schlicht überfordert.

Wie gut, dass es wiederkehrende Routinen in unserem Alltag gibt. Und diese werden bitte nicht gestört. So mancher Zweibeiner darf erst nach dem morgendlichen Koffeinschock angesprochen werden – ansonsten ist er, sagen wir es mal so, ein wenig unleidlich.

Offenstall

Der komprimierte Lebensraum vieler Pferde lässt oft nur wenig Platz für ihre Routinen zu. (© Christiane Slawik)

Pferde haben ihre eigenen Routinen

Und die Pferde? „Auch ihre Rituale und Routinen unterliegen festen Abläufen, mit denen sie sich den Tag einteilen. Rituale finden jedoch nur außerhalb der Herde statt. Wenn sich z. B. zwei wild lebende Pferde treffen, die nicht zusammen in einer Herde leben, zeigen sie ein Begrüßungsritual, das immer gleich ist – unabhängig davon, ob die Sonne scheint, es regnet und Winter oder Sommer ist. Beim Rangordnungsritual oder wenn ein Pferd die Herde wechselt, gilt dasselbe“, weiß Marc Lubetzki.

Seit 2012 lebt der Tierfilmer die Hälfte des Jahres zwischen Wildpferden und durchstreift regelmäßig mit 17 verschiedenen Herden in sieben Ländern ihre Lebensräume, beobachtet und filmt ihr Verhalten, ihre Kommunikation und ihr Sozialleben. Die Routinen der Pferde, wie Standortwechsel, Fressverhalten, Ruhe und Aktivitätsphasen, verändern sich jedoch und werden u.a. von den Jahreszeiten, Wetterbedingungen und Topografien beeinflusst.

Herde Wildpferde

Gemeinsam: Die Tiere betrachten die Herde immer als Ganzes. Der Mensch kann es ihnen gleichtun. (© Christiane Slawik)

Standortwechsel und Fressverhalten

„Eine ganz klassische Routine ist der gemeinsame Standortwechsel einer wilden Herde zu einem Fressgebiet nach der nächtlichen Ruhephase. Dieser findet fast jeden Tag wiederkehrend statt, aber die Ruheplätze können unterschiedlich sein. Bei Wind und Kälte im Winter suchen die Tiere andere Plätze auf als bei Hitze im Sommer. Sie passen ihre Standorte immer den äußeren Gegebenheiten an, ohne dabei auf ihre Routinen zu verzichten.“

Mit dem Fressverhalten sei es ähnlich. Es wird über den Tag verteilt in einem gleichen Rhythmus, aber in verschiedenen Zeitspannen gezeigt. Und auch das, was sie fressen, unterscheidet sich im Jahreszyklus.

Brauchen Pferde Routinen?

Unsere domestizierten Pferde leben jedoch in einem komprimierten Lebensraum, der oft nur wenige Möglichkeiten bietet, um ihre Routinen und Rituale ausleben zu können. „In der Boxenhaltung kann man eigentlich nur von Routinen für die Menschen sprechen, die für sie praktischer im Alltag sind. Was für die Tiere vorteilhafter wäre, findet häufig keine Berücksichtigung“, bemängelt Marc Lubetzki.

Die Fütterungszeiten beispielsweise würden viele durcheinanderbringen. „In der Natur, und wenn Pferde im Sommer auf der Wiese stehen, bringt Futter immer Ruhe in eine Herde. Routinen sorgen generell für Entspannung und Ordnung, also für weniger Stress. Doch in einigen Reitställen bewirken sie genau das Gegenteil.“

Heu fressen: Pferde Routinen

Die Aufnahme von Futter sorgt unter natürlichen Bedingungen immer für Entspannung. Bei den Hauspferden sollte es genauso sein. (© Christiane Slawik)

Würde man versuchen, ihren Lebensraum so gut wie möglich im Haltungsmanagement abzubilden, hätten sie wieder die Chance, in ihre natürlichen Gewohnheiten zurückfinden, ist er sich sicher. Dieser Wunsch scheitert aber oft an der Realität. Sein Rat lautet daher, die Aufmerksamkeit ein bisschen mehr auf das zu legen, was die Pferde wann von sich aus tun, und nicht zu stark vorzugeben, was wir wollen.

Wann ist der richtige Moment?

Ein Beispiel: „Nach der Nachtruhephase beginnen sie mit einem langsamen Aufwachen. Dann wandern sie zu ihrem Fressplatz, machen ein ausgiebiges Frühstück und legen erneut eine kleine Ruhephase ein. Viele Menschen tun genau das auch, aber nur im Urlaub. Im Alltag verursachen sie oft Stress durch den eigenen, durchgetakteten Tagesablauf.“ Der Mensch möchte reiten, das Pferd lieber ruhen. Schnell wird der Reiter zum Störfaktor, „zum Elefanten im Porzellanladen“, wie der Tierfilmer es ausdrückt, wenn er nicht wenigstens versucht, sich an ihrem Rhythmus zu orientieren.

Bestimmte Routinen finden sich zudem in der Kommunikation der Pferde untereinander und können, falls der Zweibeiner sie nicht kennt oder beachtet, zu ernsthaften Problemen führen. „Wenn ein Pferd in der Box steht und der Mensch diese betritt, ist das eigentlich eine ritualisierte Begegnung zwischen zwei Individuen, die nicht in einer Familie leben. Hierfür gibt es viele fein abgestufte Kommunikationsschritte, aber der wichtigste Punkt ist, dass der Mensch erst einmal in einem gewissen Abstand zum Pferd stehenbleibt und ihm die Möglichkeit gibt, sich anzunähern.“

Füttern: Pferde Routinen

Werden die natürlichen Kommunikationsregeln nicht beachtet, kann es in einem komprimierten Lebensraum zu Problemen kommen. (© Christiane Slawik)

Wie Routinen Pferde prägen

Hält er sich nicht an das natürliche Ritual, kann es zum Ohrenanlegen, Giften, Wegdrehen, Schnappen oder gar Beißen und Treten kommen. „Besser wäre es“, so der Experte, „wenn wir es schaffen, dass sich der Stallbesuch für das Pferd wie ein familiäres Treffen anfühlt.“

Ein weiterer Tipp lautet, beim Holen des eigenen Pferdes aus einer Herde die anderen Tiere nicht zu ignorieren. Pferde würden die Gruppe immer als Ganzes betrachten. „Daher sollte man mit den fremden Tieren ein Stück weit in den Dialog treten.“ Der Weg aus der Herde heraus bedeutet außerdem einen gewissen Stress, wenn sich das Pferd außer Sicht und Hörweite der bekannten Artgenossen befindet.

Weide: Pferde Routinen

Der Kontaktaufnahme liegen viele, fein aufeinander abgestimmte Kommunikationsschritte zugrunde. (© Christiane Slawik)

Auf dem heimischen Gelände ist dieser für die meisten noch regulierbar, aber bei Ausritten, Turnieren oder Lehrgängen in fremden Umgebungen erhöht sich das Stresslevel zusehends. „Die Artgenossen, auf die es dort trifft, können die eigene Herde nicht ersetzen. Sie spielen einfach keine Rolle“, sagt Marc Lubetzki. Jegliche Umgebungswechsel sind deshalb immer leichter zu vollziehen, wenn sie mit einem weiteren Herdenmitglied stattfinden.

„Das wäre eine Art gemeinsamer Standortwechsel, eine Routine, die deutlich weniger Stress verursacht“, so der Autor. Pferde sind eben auch nur Gewohnheitstiere – wie wir Menschen.

Dressurreiter

Allein auf dem Turnier zu sein lässt das Stresslevel ansteigen. Fremde Pferde können die heimische Herde nicht ersetzen. (© Christiane Slawik)

„Nein, jetzt nicht!“

Pferde achten sehr darauf, in welcher Phase sie sich gerade befinden, und passen ihre Kommunikation der jeweiligen Aktivität an, egal, ob beim Wandern und Fressen, bei der Fellpflege oder beim Spielen. „Daher können wir jederzeit mit ihnen kommunizieren, nur sollten wir unser Verhalten an ihren Stundenplan anpassen. Machen wir das, haben wir die Grundlage für ein gutes Gespräch geschaffen und können durch diese harmonisch verlaufenden Dialoge eine stabile Beziehung aufbauen“, sagt Marc Lubetzki.

Ein Beispiel: Während einer Fressphase vermeiden Pferde einen direkten Körperkontakt mit ihren Artgenossen. Ihre „Unterhaltung“ ist dabei auf ein Minimum reduziert. Sie suchen jetzt nicht nach einem Gesprächspartner. Daher sollten auch wir sie bei der Nahrungsaufnahme – wenn möglich – nicht anfassen, streicheln oder putzen.

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