Feines Reiten entsteht nicht durch mehr Einwirkung, sondern durch bewusste Zurückhaltung.
Man kann effektiv sein, ohne effizient zu sein. Dafür streicht man eine Wand mit einem kleinen Pinsel. Das ist effektiv, auch wenn das Erreichen des Ziels viel Zeit kostet. Wer die gleiche Wand mit einer großen Farbrolle streicht, arbeitet hingegen effizient. Dasselbe Ziel wird nämlich in einer viel kürzeren Zeit erreicht. Wie wird etwas gemacht? Genau um diese Frage dreht sich der Begriff der Effizienz, der auch eine zentrale Rolle beim Reiten spielt und die Grundlage für feines Reiten bildet.
Feines Reiten bedeutet effizient reiten
„Er bedeutet größtmögliche Wirksamkeit bei kleinstmöglichem Aufwand – sei es körperlich oder mental. Es geht darum, nur so viel Energie einzusetzen, wie für die Aufgabe tatsächlich erforderlich ist“, erklärt der Ausbilder und Bewegungscoach Stephan Fischer. Im Fokus stehen die reiterliche Einwirkung und die Ausführung der Hilfengebung.
„Die niedrigste Intensität einer Hilfe ist der innere Wunsch nach Veränderung – ein klares inneres Bild davon, was sich der Mensch vom Pferd wünscht.“ Darauf erfolgt unbewusst eine minimale körperliche Veränderung des Reiters. Auf diesen ersten Impuls reagieren wiederum die Tiere – eigentlich.
Die richtige Balance der Hilfen
Doch oft spüren wir die feinen Bewegungen, die in unserem Körper stattfinden, nicht (mehr). So verlieren die subtilen Signale, wie z. B. das Schließen der Finger als annehmende Zügelhilfe, an Bedeutung für die Pferde, „weil sie gelernt haben, dass die eigentliche Aufforderung erst später kommt, wenn wir uns vollständig positioniert haben“. Sie ignorieren die sanfte Hilfe und warten auf eine stärkere. Die unbewusste Konditionierung führt aber zu einer Spirale, in der die Hilfengebung zwangsläufig immer stärker wird, heißt es in seinem Buch Reiten ist Kommunikation (Kosmos Verlag). Von Effizienz keine Spur.
Prasseln die Hilfen auch noch pausenlos auf das Pferd ein, wird jegliche Art des Dialogs bereits im Ansatz unterbunden. Das ist, als würde man den Gesprächspartner nicht zu Wort kommen lassen. Die Folge: Irgendwann verstummt er. „Nur wenn jeder den anderen aussprechen lässt, gelingt eine gemeinsame Kommunikation“, betont der Ausbilder. Man müsse dafür Kontrolle und Loslassen in Balance bringen, dem Pferd klare Aufgaben geben und dabei den eigenen Einsatz so weit wie möglich minimieren.
„Indem wir lernen, loszulassen und Raum zu geben, fördern wir die Motivation und die Eigenständigkeit unseres Pferdes“, ist er sich sicher. Dann könnten sich Körperkompetenz, Bewegungsintelligenz und Gleichgewicht überhaupt erst entwickeln.
Feines Reiten beginnt bereits vor der Hilfe
Damit eine sanfte Hilfe zum Erfolg führt, unterteilt Stephan Fischer sie in fünf Phasen: Begleiten, Spüren, Planen, Verändern und Umsetzen. „In der ‚Nullposition‘ begleiten wir das Pferd still, fügen uns in seine Bewegung ein und verhalten uns zurückhaltend, ohne Wertung, wohlwollend, und ohne es beeinflussen zu wollen“, erklärt er. Dann spüre man sowohl den eigenen Körper als auch den Pferdekörper und nehme die aktuelle Balancesituation wahr.
„Sobald die Analyse abgeschlossen ist und ich wahrgenommen habe, was ich verändern möchte, beginne ich mit der Planung und der Auswahl der Hilfe. Wenn ich z. B. im vorherigen Schritt gespürt habe, mein Pferd hat sein Gleichgewicht über die äußere Schulter verloren, nehme ich dann als Unterstützung den äußeren Zügel oder den äußeren Schenkel? Ändere ich vielleicht die Belastung meiner Sitzbeinhöcker oder meiner Knie, um dem Pferd zu helfen?“
Welche Hilfe passt wirklich?
Nun folgt ein Plan zur Verbesserung des Ist-Zustandes. „Die Hilfe ist platziert, die Balance verändert, der Sitz wieder organisierter, das Pferd besser, die Lektion leichter! Oder? Im Optimalfall ist das so, dann kann ich das Pferd einfach selig grinsend weitergehen lassen. Aber oft stellen wir fest, dass der Plan nicht funktioniert hat. Dann springen wir zurück zum ersten Punkt“, erläutert der Ausbilder. Dieses „Spiel“ wiederholt sich immer und immer wieder – wie ein Wasserrad, das ständig in Bewegung bleibt.
Grand-Prix-Reiterin Uta Gräf pflichtet ihm bei. „Früher hat man gelernt: Mit allen Hilfen ran ans Pferd, damit es gut läuft. Beine dran, Hände dran, Kreuz dran. Viele Reiter denken so noch immer und reiten mit einer zu starken Einwirkung. Ich habe das Gefühl, dass die Pferde häufig viel zu sehr mit den Hilfen eingerahmt werden.“

Nur wenn sich das Pferd in seiner Haltung wohlfühlt, entwickelt es Balance und Körpergefühl. (© Christiane Slawik)
Feines Reiten im Alltag
Hakt es bei einem Paar, fragt die Ausbilderin nach: „Auf was kommt es dir gerade an? Was willst du jetzt verändern? Und wie kannst du dein Ziel erreichen?“ Oft könnten die Reiter nicht beschreiben, was sie im Sattel fühlen. Hält sich das Pferd in der Bewegung fest? Drückt es gegen die innere Hand? Ist das Tempo zu eilig? „Man muss all das spüren, um sich ein direktes Feedback vom Pferd zu holen, ansonsten kann keine korrekte Einwirkung und keine Veränderung eintreten.“
Greift der Reiter in den Bewegungsablauf des Tieres ein, empfiehlt sie, sich zunächst auf eine einzelne Veränderung zu fokussieren. „So, das ist jetzt besser, und dann kommt das nächste“, kommentiert Uta Gräf. Dabei sollte dem Vierbeiner unbedingt ermöglicht werden, wie gewünscht auf die Hilfen zu reagieren. Die Dressurreiterin spricht vom „Öffnen einer Tür“ und davon, dass „eine offene Tür nicht gleichzeitig geschlossen sein kann“. Klingt logisch, oder?
Hilfen wirken nur mit klarer Richtung
Doch manchmal verabschieden sich Theorie und Praxis beim Betreten des Vierecks. „Da sagt der äußere Schenkel der Hinterhand, komm bitte nach innen, während der innere Schenkel sagt, bleib du mal schön draußen. Oder man fordert das Pferd auf, fleißiger zu gehen, und im selben Moment klammern sich die Hände um die Zügel. Viele denken, je mehr man tut, desto mehr hilft man dem Pferd“, meint sie. Doch das Gegenteil sei richtig. Ein Großteil der Einwirkungen würde außerdem unbewusst oder automatisiert erfolgen, was zu widersprüchlichen Signalen und Missverständnissen führe.
„Es ist unrealistisch, von einem Reiter zu erwarten, dass er alle Hilfen gleichzeitig und koordiniert geben kann“, merkt Stephan Fischer an. Von einem „Konzert der Hilfen“ zu sprechen, sei für ihn irreführend. Niemand könne in einem Orchester alle Instrumente zur gleichen Zeit spielen. „Statt Harmonie entsteht oft Chaos“, gibt er zu bedenken.

Auf dem richtigen Weg, aber (noch) nicht ideal: Fehlertoleranz ist eine Grundvoraussetzung für feines Reiten. (© Christiane Slawik)
Feines Reiten erfordert Fokus
Hinzu kommt, „dass Pferde sensorisch nicht in der Lage sind, alle gegebenen Hilfen so aufzunehmen, wie wir es beabsichtigen. Sie reagieren auf Reize, aber meist nur auf den ersten oder den stärksten Reiz. Sie können nicht erraten, worauf wir unsere Aufmerksamkeit legen – sie reagieren auf das, was für sie am deutlichsten ist“. Er lehrt daher, sich auf eine zentrale Hilfe, auf eine Hauptinformation, zu konzentrieren, die – falls nötig – durch Sekundärhilfen ergänzt wird.
„Wenn die Aufmerksamkeit des Pferdes zwischen den verschiedenen reiterlichen Einwirkungsmöglichkeiten (z. B. Hand, Schenkel, Sitz) hin und her springt, sollte jede Hilfe dasselbe Signal senden. So entsteht ein klarer Korridor, der dem Pferd die Richtung weist.“ Es wird quasi ein Rahmen um den Pferdekörper gelegt, und seine Bewegungen werden strukturiert, ohne ihn einzuengen. Dafür ist ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Selbstdisziplin erforderlich.
Zurückhaltung üben ist wichtig
Im Sattel unterscheidet der Ausbilder zusätzlich zwischen einem aktiven und einem passiven Rahmen. „Der aktive Rahmen wird genutzt, um eine Bewegung einzuleiten. Angenommen, ich reite auf einem Zirkel, der an der Bande entlangführt, und möchte abwenden. In diesem Moment verändere ich die Balancesituation des Pferdes: Ich rotiere meinen Oberkörper leicht in die gewünschte Richtung, richte mein Becken aus und visualisiere ein klares inneres Bild der Bewegung. Durch diese aktive Einwirkung unterstütze ich das Pferd, die neue Richtung einzunehmen.
Sobald das Pferd jedoch in die gewünschte Bewegung, etwa den Zirkel oder eine Volte, übergegangen ist, wechsle ich in den passiven Rahmen. Das bedeutet, mein Körper bleibt weiterhin in die gewünschte Richtung ausgerichtet, aber meine Einwirkung wird schrittweise passiver. Ich gebe dem Pferd die Möglichkeit, die Balance eigenständig zu halten und die Bewegung selbstständig fortzusetzen“, gibt Stephan Fischer ein Beispiel. Das Pferd befindet sich also dann zwischen den Hilfen, wenn (fast) keine Hilfen mehr nötig sind. Effizientes Reiten wird so zu einem feinen Zusammenspiel aus Intuition, Zurückhaltung und gezielter Einwirkung.

Verlässt das Pferd die gewünschte Stellung, kann eine kurze Korrektur mit anschließender Zurückhaltung erforderlich sein. (© Christiane Slawik)
Feines Reiten heißt auch: Fehler zulassen können
Doch was tun, wenn das Pferd den Rahmen verlässt? „Abwarten“, sagt Stephan Fischer. „Das Pferd spürt ja auch den stärkeren Kontakt zum Rahmen, das heißt den Schenkel, Zügel etc. Es kann an den Rahmen stoßen und lernen, sich selbst wieder in den Rahmen einzufügen.“ Hierbei geht es eigentlich um die Frage, wie groß die Bereitschaft des Menschen ist, „Fehler“ zu akzeptieren. Fehlertoleranz sei kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Grundvoraussetzung, um das Pferd zum Mitdenken zu ermutigen.
„Pferde lernen durch Ausprobieren. Wichtig ist dabei, dass dieses Ausprobieren immer zu einem Ziel führt. Es muss sich zwischen den Hilfen frei bewegen und ausprobieren können, sonst bilden wir keinen Rahmen, sondern einen Käfig“, meint der Ausbilder. Die Herausforderung besteht also darin, nicht in einer dauerhaften Korrektur zu verharren.
Warum ständige Korrektur Entwicklung verhindert
„Stellt sich das Pferd zu sehr nach links, nützt es nichts, wenn ich seinen Hals sein Leben lang nach rechts stelle“, scherzt Uta Gräf. Mut zu „Fehlern“, lautet deshalb auch ihr Rat. Sie bietet dem Pferd immer wieder an, auf eine minimale Einwirkung zu reagieren, und geht dabei bewusst „Risiken“ ein. Fällt es beispielsweise auf die Vorhand oder kann es seine Biegung nicht so gut halten, denkt sie: „Ich helfe dir, in ein schönes Gleichgewicht zu kommen.“
Im Anschluss übt sie sich in Zurückhaltung – auch auf die Gefahr hin, dass die Balance erneut verlorengeht. Unter feinem Reiten versteht sie eine nahezu unsichtbare Hilfengebung. Mühelosigkeit und ein „Denken pro Pferd“ sind ihr wichtig, dabei schließen sich Fleiß und Ehrgeiz jedoch nicht aus, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.

Der Dialog mit dem Pferd gelingt mühelos, wenn sein Feedback wirklich ernst genommen wird. (© Christiane Slawik)
Feines Reiten als Maßstab für individuelles Wohlbefinden
„Mein erster Wunsch ist immer, dass sich das Pferd in dem Rahmen, den ich ihm gebe, wohlfühlt. Es soll spüren, wie angenehm es ist, sich darin zu bewegen. Daran wird alles andere gemessen. Dabei muss jedes Pferd als Individuum betrachtet werden, und für jedes muss der Reiter den optimalen Weg finden, der zum Teil völlig unterschiedlich aussehen kann.“ Pferd A bewegt sich vielleicht zunächst besser in einem ruhigeren Tempo mit der Stirn-Nasen-Linie kurz hinter der Senkrechten, wobei das Langzeit-Ziel stets ein weiterer Rahmen ist. Pferd B bevorzugt ein frischeres Tempo mit der Nase weit vor der Senkrechten.
Der Rahmen und die Hilfengebung dürften nicht als starre Schablone verstanden werden. Man könne weit kommen, wenn man authentische und intuitive Entscheidungen darüber trifft, was einem selbst und dem Pferd guttut. „Mein zweiter Wunsch ist, dass ich den Rahmen jederzeit verändern kann“, so Gräf. Bei einem rittigen Pferd tut sie dies sehr oft – in verschiedenen Lektionen, in der Versammlung, vor der Turnierprüfung, im Gelände.
Die Pferde würden durch den Rahmenwechsel noch konzentrierter mitarbeiten und so einen Extra-Eifer entwickeln, sagt die Grand-Prix-Reiterin. Scheinbar ganz plötzlich erzielt sie mit dem kleinstmöglichen Aufwand die größtmögliche Wirksamkeit. Uta Gräf nennt das scherzhaft „Kaffee trinken in der Pirouette“.
