Am Handy scrollen mit Pferd © Valerie Jenner

Es ist wichtig, sich zu fragen, warum etwas geteilt wird – und für wen. Orientierung im Reitsport entsteht nicht durch Lautstärke.

Scrollen, liken, teilen, kommentieren, speichern, reposten, markieren: Social Media ist längst kein Nebenraum im Reitsport mehr. Es ist Bühne, Debattenraum, Lernort – und für viele junge Reiterinnen und Reiter die erste, manchmal sogar einzige Informationsquelle. Wer heute wissen will, was „gutes Reiten“ ist, wie Pferde gehalten, trainiert oder beurteilt werden sollten, scrollt. Stundenlang. Täglich.

Dabei fällt auf: Die Stimmen, die den Ton angeben, sind nicht mehr zwangsläufig Trainer, Ausbilder oder Fachmedien. Es sind Influencerinnen und Influencer mit sechs- oder siebenstelligen Followerzahlen, mit klaren Meinungen, starken Bildern. Sie erklären, bewerten, empören sich und ordnen ein oder auch nicht. Und sie tun das oft in Sekundenclips, in prägnanten Aussagen, in kuratierten Bildkompositionen.

Auswirkungen von Social Media auf den Reitsport

Mit der wachsenden Sichtbarkeit wächst auch die Wirkung. Vorwürfe verbreiten sich schnell, ebenso Skandale. Einzelne Personen, Betriebe oder ganze Disziplinen werden öffentlich verurteilt, teils auf Basis kurzer Ausschnitte, teils ohne Kontext, ohne gesicherte Fakten.

Dabei wäre es zu einfach, Social Media pauschal als Problem zu beschreiben. Influencer erreichen viele Menschen, auch junge Zielgruppen. Sie prägen Haltungen, Werte und Erwartungen. Ob sie wollen oder nicht.

Was bedeutet „Cancel Culture“?

Es waren nur drei Sekunden. Aus dem Kontext gerissen, waren sie jedoch – digital gesehen – der Anfang vom Ende. Was folgte, waren Hasskommentare, Forderungen nach Konsequenzen, Kontaktabbrüche, Blockierungen und öffentlicher Druck, der sich lawinenartig verstärkte: Cancel Culture.

Dieses Social-Media-Phänomen beschreibt das öffentliche Abwerten, Ausgrenzen oder „Ausschalten“ von Personen nach (vermeintlichen) „Fehltritten“ – oft ohne vollständigen Kontext. Kritik wird dabei schnell kollektiv, emotional und moralisch aufgeladen. Reichweite ersetzt Einordnung. An die Stelle von Auseinandersetzung tritt öffentlicher Druck, der Existenzen, Karrieren oder den Ruf nachhaltig schädigen kann.

Mann filmt Reiter mit Smartphone

Immer direkt live: Heutzutage sind überall Handys, es kann überall gefilmt werden. Videos verbreiten sich in Sekundenschnelle, können geteilt und verschickt werden. (© Lafrentz)

Online gibt es andere Werte

Petra Grimm, Professorin für Medienethik und Leiterin des Instituts für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien Stuttgart, beschreibt einen grundlegenden Wandel der Öffentlichkeit, vor allem in den vergangenen 20 Jahren. Über Jahrzehnte habe ein sogenanntes Arena-Modell gegolten: In der Mitte standen Experten, Institutionen oder Eliten, Journalisten vermittelten, prüften und ordneten ein, das Publikum, also Bürgerinnen und Bürger, hörte zu. Social Media habe dieses Modell aufgebrochen.

„Heute sprechen alle im digitalen Raum gleichzeitig. Öffentliche und private Räume sind kaum noch zu trennen. Es entsteht eine Fragmentierung.“ Man bezeichne das auch als eine „Kakophonie“. Das bedeutet, „es gibt ein gleichzeitiges Durcheinander vieler unterschiedlicher Stimmen, bei dem keine Ordnung, Gewichtung oder Orientierung mehr erkennbar ist. Für Nutzerinnen und Nutzer ist kaum noch sichtbar, welche Inhalte sorgfältig recherchiert, seriös oder überprüft sind und welche nicht.“

Wichtige Fakten zur Social Media Nutzung

  • Mit einer Durchschnittsverweildauer der User von 1,5 Stunden pro Tag allein in Deutschland und monatlich rund 4,6 Milliarden aktiver Nutzer weltweit ist die Nutzung von sozialen Netzwerken sowohl für Private als auch für Unternehmen fester Bestandteil des Alltags geworden, wie die Kanzlei Buse Herz Grunst auf ihrer Webseite vermeldet.
  • Der mit der Nutzung verbundenen Rechte und Pflichten seien sich allerdings die wenigsten User in Gänze bewusst. Die meisten Probleme ergäben sich dadurch, dass Nutzer die Rechte anderer verletzten. Plattformen wie Facebook, Instagram und TikTok lebten von der Interaktion zwischen Usern und Content Creatorn. Schwierig werde es dann, wenn Handlungen nachgemacht würden, die rechtlich problematisch seien. Am häufigsten betroffen sind Persönlichkeitsrechte und Urheberrechte.
  • „Social-Media-Recht“ ist an sich kein eigenes Rechtsgebiet, sondern setzt sich aus diversen Teilgebieten zusammen und erfordert nicht zuletzt aufgrund der Neuartigkeit des Gegenstands kreatives Denken und Flexibilität durch sich ständig ändernde Rechtsprechung, heißt es auf der Webseite weiter.
  • Die Social-Media-Guidelines könnten dabei sehr variieren und würden nicht zuletzt aus Unwissenheit durch User und Influencer sehr oft falsch interpretiert.
Reitsport: Filmen für Social Media

Das Handy ist immer dabei: Reitsport-Influencer lassen die Follower meist am Stallalltag teilhaben. (© Scarlet Wyrobnik)

Fehlende journalistische Orientierung

Kristina Sehr ist Marketingexpertin und beschäftigt sich mit strategischer Kommunikation im Reitsport. Hooforia hat sie um ihre Einschätzung zum Thema gebeten. Kristina Sehr weiß, dass sich auch Social Media selbst schnell verändert. „Inhalte sind heute viel stärker verkürzt, zugespitzt und müssen ab der ersten Sekunde Aufmerksamkeit erzeugen. Wir sind einer enormen Contentflut ausgesetzt und entscheiden innerhalb von Sekundenbruchteilen, ob wir etwas anschauen oder weiterscrollen. Dabei geht zwangsläufig viel Tiefe und Information verloren.“

Was damit einhergeht? In Petra Grimms Augen ein Verlust klassischer journalistischer Orientierung. „Die Prinzipien des Journalismus, Wahrhaftigkeit, Neutralität, Ausgewogenheit, Nachvollziehbarkeit, gelten in Sozialen Medien nicht automatisch. Social Media folgt anderen Werten. Dort zählen vor allem Authentizität, emotionale Nähe und Einfachheit. Expertise wird häufig stark verkürzt verstanden: Expertin oder Experte ist man schnell, oft schon dann, wenn man persönliche Erfahrung vorweisen kann.“

Das Problem sei nicht, dass persönliche Erfahrungen per se wertlos wären. Aber sie würden häufig nicht als das gekennzeichnet, was sie sind: subjektive Perspektiven. Für das Publikum verschwimme dadurch die Grenze zwischen Meinung, Erfahrung und gesichertem Wissen.

Auch im Reitsport: Social Media als Meinungsraum

Nutzungskompetenz sei deshalb entscheidend. Junge Menschen müssten lernen, Informationen selbstbestimmt zu suchen, Quellen einzuordnen, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen und Inhalte zu kontextualisieren. „Dafür braucht es Wissen, aber auch kritische Distanz. Etwa gegenüber den Interessen von Influencern: Warum äußert sich jemand? Gibt es wirtschaftliche Motive?“

Im Reitsport trifft dieser Umstand auf ein sensibles Feld. Denn hier geht es nicht nur um persönliche Meinungen, sondern um einen Sport mit einem Lebewesen. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) beobachtet, dass Social Media sich zu einem der zentralen Meinungsräume entwickelt hat. „Einzelne Szenen können das Bild ganzer Disziplinen prägen, unabhängig vom fachlichen Kontext“, heißt es aus der Presseabteilung der FN. „Diese Entwicklung nehmen wir sehr ernst, weil sie die Deutungshoheit über unseren Sport verändert hat.“

Reitsport: Pferd fotografieren für Social Media

Erfolge dokumentieren oder Missstände aufdecken? Die schnelllebige digitale Welt wird immer vernetzter. (© Imago)

Was macht Social Media mit dem Reitsport?

Das habe unterschiedliche Aspekte: „Einerseits finden Diskussionen heute oft in Echtzeit statt und erreichen auch Menschen, die mit dem organisierten Pferdesport bislang wenig Berührung hatten. Andererseits treffen in Social Media viele unterschiedliche Interessengruppen rund um das Thema Pferd aufeinander, jede beansprucht für sich, den einzig richtigen Umgang mit dem Pferd gefunden zu haben. Im Pferdesport kann der richtige Weg nur ein Miteinander sein. Entscheidend ist, dass das Wohl des Pferdes stets der Leitgedanke ist“, so die FN weiter.

Genau an diesem Punkt setzt auch die Initiative #doitride an, die aus dem Umfeld des Medienhauses entstanden ist, aus dem später Hooforia hervorgeging. Unter dem Hashtag wurde und wird dazu aufgerufen, das eigene Handeln mit dem Pferd immer wieder kritisch zu hinterfragen, Routinen zu reflektieren und Verantwortung nicht nur einzufordern, sondern selbst zu übernehmen. Statt öffentlicher Vorverurteilung steht der Gedanke im Mittelpunkt, den Reitsport pferdegerechter, bewusster und transparenter zu gestalten unabhängig von Leistungsniveau, Disziplin oder Reichweite.

Neue Zielgruppen in Social Media

Im Rahmen der Initiative wurde auch die FN eingeladen, ihre Perspektive und Werte in #doitride einzubringen. Sie wünscht sich mehr Bewusstsein dafür, dass Likes und Views keine Qualitätskriterien sind. „Pferdegerechter Sport, fundierte Ausbildung und Regelkenntnis müssen auch digital der Maßstab bleiben“, heißt es. Creator und Influencer seien relevante Multiplikatoren im Pferdesport, die vor allem pferdeinteressierte Kinder und Jugendliche mit ihren Botschaften erreichten. „In diesem Umfeld deutlich zu machen, für welche Werte und Inhalte der organisierte Pferdesport steht, halten wir für richtig und wichtig.“

Wir haben zu dem Thema auch mit Annica Hansen gesprochen. Sie ist seit Jahren als Moderatorin und Influencerin tätig und nutzt ihre Reichweite, um ihre Entwicklung mit ihrem eigenen Pferdehof und in den Bereichen Reitsport, Pferdehaltung und Pferdewohl zu teilen. Grundsätzlich, das erzählt sie im Interview mit Hooforia, seien Dinge durch Social Media vor allem sichtbarer geworden.

Früher sind Dinge im Stall oder auf Turnieren passiert, ohne dass sie sofort überall waren. Heute sind überall Handys, überall Videos, Fotos, Nachrichten. Es geht weniger um Transparenz im eigentlichen Sinne, sondern um Sichtbarkeit und die ist im Guten wie im Schlechten enorm gestiegen. – Annica Hansen –

Reitunterricht mit Trainerin

Das Wort der Trainerin gilt: Die Auswahl an Meinungen und Informationen ist durch Social Media beinahe unendlich geworden. (© Christiane Slawik)

Der Reitsport verändert sich durch Social Media

Gleichzeitig habe sich der Reitsport selbst in den letzten Jahrzehnten stark verändert: die Pferde, die Zucht, die Anforderungen. „Was ich positiv finde: Kritische Stimmen werden lauter, weil mehr Menschen über unseren Umgang mit den Pferden nachdenken und auch Themen wie Biomechanik, Schmerz usw. verstehen. Da war das Internet sicher auch ein Verstärker.“ Vor 25 Jahren war das Wort des Trainers Gesetz. Heute gebe es unendlich viele Informationen, Meinungen und Inhalte.

„Das ist Chance und Risiko zugleich. Die größte Herausforderung ist, zwischen Meinung und Fakten zu unterscheiden“, konstatiert Annica Hansen. Im Internet werde vieles vermischt, verdreht oder für eigene Zwecke genutzt. Man müsse wachsam sein. „Diese Verantwortung liegt nicht nur beim Creator, sondern auch bei jedem Einzelnen.“ Gerade heute sei es in ihren Augen auch wichtig, Kritik anzuhören und sie ein Stück weit auszuhalten.

„Viele deklarieren Kritik vorschnell als Hate, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen und sie schnell abtun zu können. Das halte ich für falsch. Es gibt abseits der gängigen Erfolgswege auch im Internet viele kluge Menschen mit viel Fachwissen. Dieses Wissen einfach abzutun, weil es ‚aus dem Internet kommt‘, ist bequem, aber nicht zielführend, wenn man an das Wohl der Pferde denkt“, findet Annica Hansen.

Ego hinter das Pferdewohl stellen

Sie selbst habe einen intensiven Prozess durchgemacht, habe viele Überzeugungen in puncto Pferd über Bord geworfen und schaue heute viel genauer hin. Auslöser für diesen Wandel war ihr eigenes Pferd, das „nicht mehr funktionierte“ und sie zwang, sich kritisch mit dem eigenen Vorgehen auseinanderzusetzen. Was sie betont: „Ich war früher und bin auch heute nicht gegen den Sport. Aber ich bin klar für das Pferd, mit Blick auf die beste Haltung. Unsere Pferde brauchen Bewegung und Training, um uns gesund zu tragen. Aber wir müssen ihre Bedürfnisse ernst nehmen, Schmerzen erkennen und anerkennen.“

Damit beschreibt Annica Hansen den Ansatz, der auch bei #doitride mitschwingt: weg von reiner Funktionalität, hin zu mehr Selbstreflexion und einem ehrlichen Blick auf das Pferd. Heute stelle sie ihr Ego konsequent hinter dessen Wohl. „Ich weiß heute mehr als vor fünf Jahren und in fünf Jahren werde ich wieder mehr wissen als heute.“

Moderatorin und Influencerin Annica Hansen

Annica Hansen ist Moderatorin und Influencerin. Inzwischen führt sie ihren eigenen Pferdehof. Sie engagiert sich seit Jahren auf ihrem Social-Media-Kanal in den Themenbereichen Pferdewohl, Pferdehaltung und Training und hat selbst eine große Entwicklung erlebt. (© Dorthe Moog)

Haltung zeigen auf Social Media

Warum sie das auf Social Media teilt? „Mein Fokus liegt nicht darauf, Skandale aufzudecken oder ständig Missstände anzuprangern. Ich möchte zeigen, dass Veränderung möglich ist. Dass man umdenken darf. Dass man mit Pferden sogar mehr Freude haben kann, wenn man anders hinschaut.“ Es gebe Dinge, die seien indiskutabel. „Dann benenne ich sie“, sagt sie schlicht und fügt hinzu, dass ihr danach oft gesagt werde, sie schade damit dem Image des Reitsports. „Ich halte das für absurd. Wer schadet dem Image mehr: derjenige, der Missstände benennt, oder derjenige, der sie verursacht?“

Nichts zu sagen sei auch eine Form der Positionierung. „Gleichzeitig ist es logisch, dass Influencer, die ihre Haltung noch nicht ausdefiniert haben, eben nichts sagen. Ich hätte vor fünf Jahren keine klare Position beziehen können, weil ich meine eigenen Werte noch nicht konsequent gelebt habe. Haltung kann man nur zeigen, wenn man sie selbst wirklich fühlt und lebt.“

Wohin führt Social Media den Reitsport?

Was sie sich für die Zukunft wünscht?

Medien, die konstruktiv arbeiten, nicht reißerisch, nicht emotionalisierend, sondern einordnend. Und wenn man sich auf eine Seite schlagen darf, dann auf die der Pferde.

Zum Thema Verantwortung auf Social Media haben wir auch noch weitere aktive Influencerinnen befragt: Laura Goetsch und Mira Müller Steinmann.

Zwei Reiter unterhalten sich

Wichtig: Im Austausch bleiben, und zwar im direkten Kontakt und auch in der digitalen Welt. (© Christiane Slawik)

Vertrauen ist die Währung

Zu diesem Punkt hat auch die Professorin Petra Grimm eine Haltung, denn die „Währung“ Verantwortung scheine speziell in den Bereichen Lifestyle, Gesundheit oder Sport eine große Rolle zu spielen. Deshalb sieht man laut Grimm besonders hier häufig Miss- oder Falschinformation.

„Das Problem ist die große Vertrauensbasis: Influencer wirken nahbar, authentisch, sympathisch. Diese Vertrauensbeziehung führt dazu, dass Inhalte unreflektiert weitergegeben werden. Hinzu kommt, dass manche Influencer ihre Reichweite künstlich erhöhen, etwa durch gekaufte Follower, um für die Werbeindustrie relevanter zu erscheinen. Mit großer Reichweite wächst aber auch die Schlagkraft und damit die Wirkung auf Meinungsbildung und Werte.“

Das Ganze hat aber noch weitreichendere Folgen: „Social Media ist heute selbstverständlich Teil der Werte- und Meinungsbildung. Das macht die Situation für Fachmedien tatsächlich brisant.“ Die Frage lautet in ihren Augen: „Werden Fachmedien heute überhaupt noch gefunden? Durch Suchmaschinen, Messenger-Dienste und inzwischen auch KI-basierte Zusammenfassungen wird der seriöse Journalismus oft unsichtbar.“

Sie erläutert: „Wir erleben derzeit eine massive Schrumpfung journalistischer Angebote. Das hat zur Folge, dass qualitätssichernde Informationen immer seltener werden. Paradoxerweise merken Plattformen inzwischen selbst, dass sie ohne diesen hochwertigen Journalismus langfristig kein verlässliches ‚Futter‘ für ihre Systeme haben, sodass sich da in Zukunft hoffentlich noch mal etwas verändert.“

Was Social Media im Reitsport leisten kann

Die erfahrene Medienexpertin sieht dennoch auch positive Seiten von Social Media. „Nutzerinnen und Nutzer haben heute viel bessere Möglichkeiten, sich auszutauschen, voneinander zu lernen und Erfahrungen zu teilen. Das gab es früher in dieser Form nicht. Auch kleinere Medien oder Nischenangebote haben heute theoretisch die Chance, sichtbar zu werden etwas, das im klassischen Printmarkt kaum möglich war, auch schon durch finanzielle Limitierung.“

Das kann Marketingexpertin Kristina Sehr bestätigen. Sie sagt, dass reichweitenstarke Accounts die Fähigkeit haben, komplexe Themen verständlich zu erklären und eine Identifikationsfläche zu bieten. „Das haben wir beispielsweise bei Diskussionen rund um FEI-Regeländerungen gesehen. Dort sind durch Creator durchaus konstruktive Diskurse entstanden.“

Nicht unwichtig: Auch für Unternehmen sind Influencer wichtig, wie Sehr ergänzt. „Nicht nur, um Produkte zu verkaufen, sondern um Vertrauen aufzubauen. Partnerschaften funktionieren heute weniger über Klickzahlen oder Abverkäufe, sondern über Glaubwürdigkeit und langfristige Bindung.“ Gleichzeitig mache genau diese Bedeutung die Rolle von Influencern so sensibel. „Wer Sichtbarkeit hat, beeinflusst Meinungen, Bilder und Narrative.“

Person mit Handy in der Hand

Mit einer Durchschnittsverweildauer der User von 1,5 Stunden pro Tag allein in Deutschland und mo- natlich rund 4,6 Milliarden aktiver Nutzer welt- weit ist die Nutzung von sozialen Netzwerken so- wohl für Private als auch für Unternehmen fester Bestandteil des Alltags geworden. (© Christian Schwier)

Wünsche für die digitale Zukunft

Welche ethischen Herausforderungen in diesem Zusammenhang Petra Grimm als besonders kritisch sieht? „Social Media ist so gestaltet, dass es uns möglichst lange bindet. Man wird bewusst abhängig davon gemacht. Aus ethischer Sicht wäre es aber notwendig, Plattformen zu designen, die von Beginn an Werte berücksichtigen, statt ausschließlich auf Aufmerksamkeit und die Speicherung von Daten zu setzen.“

Jugendliche brauchten vor allen Dingen Orientierung und auch die Möglichkeit, verschiedene Rollen auszuprobieren. „Wenn diese Orientierung fast ausschließlich von Influencern kommt, dann wird das problematisch. Es geht häufig um fragwürdige Werte, um permanente Vergleiche und Inszenierung. Viele Studien zeigen, dass intensive Social-Media-Nutzung unglücklich machen kann.“

Wer erklärt den Reitsport auf Social Media?

Was Kristina Sehr noch kritisiert, ist die Wirkung der Algorithmen. „Diese spielen Inhalte aus, von denen sie glauben, dass sie uns interessieren. Das Problem ist, dass wir dadurch in Filterblasen geraten. Wir sehen immer wieder Dinge, die unsere eigene Meinung bestätigen. Das verzerrt die Realität. Wir nehmen nicht mehr die ganze Bandbreite wahr, sondern nur noch einen Ausschnitt. Dadurch entsteht der Eindruck: ‚Alle denken so wie ich.‘ Das ist ein klassischer sogenannter Confirmation Bias.“

Was heißt das nun konkret? Vielleicht zunächst, nicht jedes Video als Wahrheit zu nehmen und nicht jede Empörung im Netz weiterzutragen. Es ist wichtig, sich zu fragen, warum etwas geteilt wird und für wen. Orientierung im Reitsport entsteht nicht durch Lautstärke. Die Frage ist also nicht, ob Social Media den Reitsport verändert hat. Das hat es längst. Die Frage ist, wer ihn künftig erklärt und nach welchen Maßstäben. Likes sind schnell verteilt. Verantwortung nicht.

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