Neel Friedrich Dehn wurde 2025 in den Nachwuchskader der Jungen Reiter der Vielseitigkeit berufen und startet regelmäßig bei internationalen Vielseitigkeitsprüfungen.
Gelassenheit, sagt Neel Friedrich Dehn, sei eine Eigenschaft, die er an anderen erfolgreichen Reitern besonders bewundere. Diese Ruhe und Selbstverständlichkeit, mit der manche an den Start gingen und ihre Routinen abarbeiteten. Er glaubt, dass ihm davon noch ein Stück fehlt. Ein Satz, der hängenbleibt – vor allem, weil er im Widerspruch zu dem steht, was Neel an diesem Morgen ausstrahlt.
Bei Familie Dehn nahe Husum steckt der Schlüssel. Die Tür steht offen, der Ofen brennt, auf dem Tisch warten frische Brötchen, Lachs, Selbstgemachtes. Der Blick nach draußen wirkt beinahe märchenhaft: Der Teich liegt ruhig im Gegenlicht, dahinter erstrecken sich bis zum Horizont die hofeigenen Weiden. Frostig ist es Ende Januar, alles ist überzogen von einem hellen Schleier, die Sonne schickt die ersten wärmenden Strahlen. Und damit das Bild perfekt wird, kommen noch zwei Rehe vor die Terrasse gestapft. Ländliche Idylle.

Hoch hinaus: Am Springsport hat der 18 Jahre alte Vielseitigkeitsreiter besonders viel Spaß. Zu Hause auf dem elterlichen Hof hat er dafür beste Bedingungen, und die Stute Liva freut sich, mal wieder Platz zum Galoppieren zu haben. (© Valerie Jenner)
Eine feste Größe im Sport
An diesem Samstag ist die Familie komplett. Auch Neels älterer Bruder Nane ist aus Hamburg angereist, wo er inzwischen wegen seiner Ausbildung lebt. Jetzt sitzt er wieder mit am Tisch, so wie früher. Dass der 18-jährige Neel heute im Mittelpunkt unserer Homestory steht, erfüllt auch die Eltern Angela und Malte Dehn mit Stolz.
Der Name Dehn ist besonders im Vielseitigkeitsbereich seit vielen Jahren eine feste Größe. Das hat der Jüngste im Bunde erneut bewiesen. Neel Friedrich Dehn wurde 2025 in den Nachwuchskader der Jungen Reiter der Vielseitigkeit berufen und startet regelmäßig bei internationalen Vielseitigkeitsprüfungen. Zuletzt war er erfolgreich in Strzegom (Polen), wo er mit dem Pferd Haptika in der Einzelwertung zu den besten deutschen Paaren gehörte. Auch in regionalen Ranglisten belegt Neel regelmäßig Top-Platzierungen, derzeit steht er an dritter Stelle in der Landesrangliste Schleswig-Holstein.
Neel Friedrich Dehn und der Familienhof
Und das geht nur, wenn alle zusammenarbeiten. Pferde gehören bei den Dehns seit Jahrzehnten zum Alltag. Der Hof, auf dem wir uns heute bewegen, gehörte einst den Großeltern, seit zehn Jahren ist die nächste Generation am Werk. Die Großeltern züchten bis heute Holsteiner, über viele Jahre hinweg sind Linien entstanden, die den Weg in den Sport gefunden haben. Besonders bekannt ist die Stute Dynastie D, die unter Jan Mewes hocherfolgreich im Springsport aktiv ist.
Neels und Nanes Vater Malte ritt selbst Vielseitigkeit auf Turnieren, auch seine Schwester war in der Disziplin erfolgreich. Und doch war es Malte und Angela Dehn wichtig, dass ihre Söhne ihren eigenen Zugang finden. Reitsport gerne – aber kein Zwang. „Ich habe als Kind viele Sportarten ausprobiert“, erzählt Neel uns: Handball, BMX. Geblieben ist das Pferd.

Als Fohlen aufwachsen gesehen, dann selbst angeritten und ausgebildet: Das ist Liva, Neels siebenjähriges Springpferd, das er im vergangenen Jahr erstmalig erfolgreich in der Klasse S vorgestellt hat. (© Valerie Jenner)
Stärken, die man nicht trainieren kann
„Es gibt nichts Vergleichbares“, sagt er. Kein Sportgerät ersetze das Lebewesen Pferd. „Besonders liebe ich die Arbeit mit jungen Pferden. Sie von Anfang an zu begleiten, sie auszubilden, gemeinsam zu wachsen und zu sehen, wie sie sich entwickeln, macht richtig Spaß.“ Seine Eltern benennen genau das als eine seiner großen Stärken, neben seiner Körperspannung und Sportlichkeit:
Neel kann sich sehr gut auf jedes Pferd neu einstellen. Er hört zu, beobachtet und hat ein tolles Gespür dafür, was bei welchem Pferd funktioniert. Das können nicht alle von sich behaupten.
– Malte Dehn –
Ein Alltag Hand in Hand
Angela Dehn kommt im Übrigen nicht aus einer Reiterfamilie und ist auch hier zu Hause im pferdigen Leben eher „das Backup im Hintergrund“, wie sie sich lachend selbst bezeichnet: Die Turnierversorgung organisieren, im Alltag Schule, Nachhilfe und die Zeit für die Pferde im Blick behalten, für alles Ansprechpartnerin sein.
„Zu den Turnieren kann ich sowieso nicht mitfahren. Das schaffe ich nervlich nicht. Ich sitze dann aufgeregt zu Hause und lasse mich von Freunden via Handy updaten. Erst, wenn ich weiß, dass Neel sicher durchs Ziel ist, kann ich wieder durchatmen.“ Den Sohn durch die Geländeparcours fliegen zu sehen, das obliegt dann dem Papa. Der ist inzwischen so eingespielt mit Neel, dass vieles Hand in Hand läuft. Und das muss auch sein, denn die Turnierwochenenden sind lang, der ganze Sommer ist getaktet rund um die Turniertermine.
Welche Ponys prägten Neel Friedrich Dehn?
Die Ponys, mit denen alles begann, haben bei den Dehns noch einen großen Platz im Herzen. Brav mussten sie sein, artig, klein genug, aber dennoch willig, auch ein bisschen sportlich unterwegs zu sein. Beim Blick auf die alten Fotos mit zum Beispiel Bingo, dem kleinen Schecken, müssen beide Eltern unwillkürlich lächeln. „Das war ein unglaublich tolles Pony für den Einstieg, ehrlich und lieb. Der macht heute die Kinder von Jan Mewes glücklich“, berichtet Malte Dehn.
Und auch an die nächste „Pony-Etappe“ erinnern sich die Dehns gern. Rumkey hieß die athletische braune Ponystute, Neel erritt sich im E- und A-Bereich viele Erfolge mit ihr. „Jetzt gehört sie Hendrik von Paepke und ist tragend von Del Piero. Wir sind noch im guten Kontakt und total gespannt, wie die Nachzucht wohl wird.“

Bingo! Das erste Pony für die Dehn-Jungs war artig, aber dennoch sportlich. Die Familie denkt gern an den kleinen Schecken zurück. (© Familie Dehn)
Vom Fohlen bis zum S-Erfolg
Der Hof der Dehns als Dreh- und Angelpunkt ist nicht nur gepflegt und geschmackvoll gestaltet. Über die Jahre hinweg ist er immer mehr den Bedürfnissen angepasst geworden. Zwei Außenplätze, eine Reithalle, ein Stall, der mehr Platz bietet, als aktuell genutzt wird, Springmaterial, viele Weiden. „Im vergangenen Jahr haben wir eine Wellenbahn neben dem großen Reitplatz angelegt. Das war ein ganz schönes Unterfangen“, gibt Malte Dehn zu, während wir einen Hofrundgang bekommen und Neel sich bereit macht, um bei Liva in den Sattel zu steigen.
Vorher prüft der Papa fachmännisch mit den Stiefeletten, ob der Boden hier schon bereitbar ist. Ein Daumen hoch Richtung Sohnemann, der weiß Bescheid. Er kann antraben. Insgesamt elf Pferde leben hier in Süderholz, vier Turnierpferde hat Neel täglich im Training. Papa Malte unterstützt, nimmt ihm hier und da eins ab, gibt Unterricht, sattelt, wäscht Hufe und Gebisse, legt Gamaschen an, baut Springreihen auf und ab. Richtige angestellte Stallhelfer gibt es keine. Alles ist Family Business. Und in diesem weiß jeder, was zu tun ist. Und das ist Gold wert, wie Malte Dehn weiß. „Zu Hause sind wir richtig erfolgreich“, sagt er lachend.

Selbst ist der Mann: Zu Hause bei den Dehns müssen alle mit anpacken, der Hof und der Reitsport sind „Family Business“. Aber auch alles rundherum macht Neel Friedrich Dehn Freude: Platzpflege, Füttern – und eben auch Parcours auf- und abbauen. (© Valerie Jenner)
Neel Friedrich Dehn: Wenn der große Bruder vorausgeht
Das war schon so, als der große Bruder Nane Dehn noch aktiv war. Sein sportlich erfolgreichstes Jahr war 2021: Er siegte beim Preis der Besten im Junioren-Bereich, wurde in den Nachwuchskader der Junioren berufen und holte sich auch noch den Titel bei den Europameisterschaften mit Zilia, die noch heute auf dem Hof lebt und demnächst ein Fohlen bekommen soll.
Inzwischen hat sich Nane auf seinen beruflichen Weg konzentriert, aber auch Papa Malte Dehn weiß, dass die Erfolge des großen Bruders für den jüngeren Neel manchmal einschüchternd gewirkt haben können: „So, als müsste er ihm hinterherreiten. Dabei finde ich, dass er da sein Licht sehr unter den Scheffel stellt. Neel reitet so diszipliniert und gefühlvoll, dass er sich keineswegs verstecken muss.“

Sprung ins kalte Wasser: Mit der Stute Rumkey sammelte Neel im Einsteigerbereich die ersten Erfolge. Die Familie hält noch Kontakt zu den neuen Eigentümern und freut sich auf das erste Fohlen. (© Familie Dehn)
Mehr Vertrauen in sich selbst
Eine gute Portion mehr Selbstvertrauen stünde seinem Jüngsten gut, findet Malte Dehn. Ein tolles Beispiel für die besonderen Fähigkeiten von Neel ist die Stute Liva. Malte Dehn hatte die Mutterstute damals tragend gekauft, Liva kam hier in Husum zur Welt. „Als Fohlen rannte sie hier über die Weiden, und als es Zeit zum Anreiten war, habe ich Neel dabei geholfen. Aber es ist alles sein Werk.“
Im Verlauf der Jahre habe beinahe niemand anderes dieses Pferd geritten, und Neel habe es geschafft, sie 2025 erstmalig in der Klasse S erfolgreich im Springen vorzustellen. „Dass ein so junger Reiter diesen Weg geht, ist alles andere als selbstverständlich“, finden die Eltern.
Wie Neel Friedrich Dehn Sport und Leben vereint
Doch diese Qualität ist besonders in der so aufwendigen Vielseitigkeit von entscheidender Bedeutung. Drei Disziplinen müssen vorbereitet werden, Training, Material, das Einfühlen für jedes Pferd, die minutiöse Planung greifen ineinander. Schule, Freunde, Turniere – das alles unter einen Hut zu bekommen sei manchmal herausfordernd, sagt Neel. „Aber die meisten meiner Freunde sind ebenfalls im Reitsport, die Treffen finden dann eben oft auf dem Turnier statt.“
Außerdem hält er sich an einen Leitgedanken, den sein großer Bruder einst mal für die Familie geprägt hat: „Alles, was man im Leben braucht, lernt man auf dem Turnierplatz.“ Die Familie muss lachen. Aber ja, da ist viel dran: Die Konstanz, die Disziplin, die Fähigkeit, nach einem Rückschlag den Kopf nicht in den Sand zu stecken – all das lehrt, auch dann weiterzumachen, wenn nicht alles nach Plan läuft.

Immer fokussiert: Mit der Stute Haptika erritt sich Neel im polnischen Strzegom im vergangenen Herbst eine hohe Platzierung und hat damit eines seiner größten Ziele bereits erreicht. (© Mompo Horse Photography)
Ehrgeiz ohne Leistungsdruck
Ob er manchmal Leistungszwang empfinde? „Ich will schon gut sein“, kommentiert Neel ehrlich. „Aber einen richtigen Druck, unbedingt erfolgreich zu sein, bekomme ich nicht. Alle freuen sich, wenn es funktioniert. Aber wenn nicht, dann muss man eben weiter üben.“ Diese Einstellung hat ihn wohl die Vielseitigkeit selbst gelehrt. Ein Vorbeiläufer im Gelände, eine Stange im Parcours – schon ist die Platzierung dahin. „Deswegen ist meiner Meinung nach in diesem Sport der echte Erfolg, wenn man über Jahre auf einem guten Niveau mitschwimmen kann. Gewinnen kann man einfach nicht immer“, weiß der 18-Jährige.
Gerade im Gelände seien Reiterinnen und Reiter noch mehr als sowieso schon auf ihre Pferde angewiesen. „Die Pferde müssen selbst mitdenken, Entscheidungen treffen. Ohne Partnerschaft und Vertrauen geht es dann gar nicht. Und auch nicht ohne einen ehrlichen Blick aufs Tier. Wenn ich merke, dass das Pferd keinen so guten Tag hat, würde ich eher den Start zurückziehen, als etwas zu riskieren.“ Aber, das fügt er schmunzelnd hinzu: „Mein Ehrgeiz ist schon recht groß. Ich mag es, mich zu messen, zu sehen, wo man steht.“
Warum Neel Friedrich Dehn seinen eigenen Weg geht
Und als Nächstes? Profi werden? Neel schüttelt sofort entschlossen den Kopf und winkt ab. „Erst mal kommt jetzt der Abschluss, dann eine Ausbildung oder ein Studium. Der Sport soll mir weiter Spaß machen, ich möchte nicht mein Geld damit verdienen.“ Zu groß sei auch die Sorge, dass aus Leidenschaft ein Zwang werde und dass sich der Blick auf das Pferd verändern könnte.
Vielleicht ist es genau diese Haltung, die Neel selbst noch nicht als Gelassenheit erkennt. Dabei ist sie überall spürbar: im Umgang mit den Pferden, im Familienleben, in den stillen Abläufen auf dem Hof. Und die gehen jetzt auch weiter. Die Kameras sind aus, aber die Routinen laufen weiter.
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