Reflektiert und verantwortungsbewusst: Nachwuchsspringreiterin Romy Tietje.
Der Weg zu einer der erfolgreichsten deutschen Nachwuchsreiterinnen im Springsport führt in den hohen Norden, nahe Eckernförde. Wir fahren durch das Örtchen Osterby, wo gerade Kindergartenkinder den Weihnachtsbaum an einem Park schmücken. Am Rande des Ortes führt eine Einfahrt durch ein weiß gestrichenes Tor, rechts daneben das Wohnhaus und der weihnachtlich geschmückte Stall. Eine kleine, feine Reitanlage mit viel Auslauf, Reitplatz, Reithalle und Stallungen mit Platz für 15 Pferde – willkommen bei den Tietjes.
Romy Rosalie Tietje lebt hier und begrüßt uns in Winterjacke und Mütze. Freundlich und aufgeschlossen tritt sie uns entgegen und nimmt uns mit über den Hof, entlang zwischen Reitplatz und Paddocks, wo sich gerade die Jungpferde die Wintersonne auf den Pelz scheinen lassen. Neugierig blicken sie uns hinterher. Romys Eltern Wiebke und Timm kommen uns entgegen, begrüßen uns mit einer umarmenden Herzlichkeit. Hinter den Paddocks befindet sich eine große Wiese, auf der ein rotes Schwedenhäuschen steht.
Romy Tietje zwischen Alltag und Auszeichnung
Was früher eine Art Abstellraum war, ist nun ein geschmackvoll eingerichtetes Haus mit Billardtisch, Küche und Bad. Romys Eltern haben den Ofen für den Besuch angeheizt, Plätzchen und Kaffee auf den großen Holztisch gestellt. Eine Kleiderbüste steht an einer Ecke des Raums, mit Schärpe und einer Medaille. Erinnerung an den jüngsten großen Erfolg von Romy Tietje und ihrem Cascadino, den sie zwei Wochen vor dem Termin mit Hooforia feiern konnte.
Romy Tietje ist 20 Jahre alt. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht, Fachrichtung Wirtschaft. Ein wenig Hintergrundwissen könne später nicht schaden, wenn sie eine Ausbildung beginne, erzählt sie. Aber aktuell stehen die Pferde im Mittelpunkt.
Romy Tietje gehört seit mehreren Jahren zu den konstanten Namen im deutschen Nachwuchs-Springsport. Sie war Teil von Nationenpreis-Teams, bestritt Europameisterschaften, gewann Titel auf nationaler Ebene. In Schleswig-Holstein ist sie früh aufgefallen, auch über die Landesgrenzen hinaus. „Am liebsten würde ich natürlich den ganzen Tag reiten, aber ich hätte Angst, dass es zu einem Zwang wird – und dass man den Spaß verliert.“

Mit Schwung den Wald entlang: Romy ist Abwechslung im Training wichtig für ihre Pferde. Insbesondere in der Winterzeit nutzt sie jede Gelegenheit, um ins Gelände zu reiten. (© Stefan Lafrentz)
Ein schüchternes Mädchen?
Romy stammt nicht aus einer klassischen Reiterfamilie. Papa Timm arbeitet im Kunststoffhandel, Pferde spielten früher in seinem Alltag keine Rolle. Dafür sorgte dann aber seine Frau Wiebke. Eine Powerfrau, die eine Schuss Blut mehr drin hat als andere, wie Timm liebevoll zu sagen pflegt. Sie ist Physiotherapeutin und als Kind vom Pferdevirus angesteckt worden. Alles über Pferde zu lernen, sich Gedanken über sie zu machen, mit ihnen Zeit zu verbringen – das war stets ihr Antrieb, ihre Leidenschaft. „Das Pferd kam über meine Mutter in unsere Familie“, sagt Romy, „sie wollte das immer.“
Romys ältere beiden Brüder Josef und Jakob ritten als Jugendliche Vielseitigkeit, hörten aber schon früh auf. Als Romy begann, war sie kein besonders mutiges Kind. „Ich war eher ängstlich“, sagt sie, „ich hab mich nicht mal getraut, dem Shetty die Hufe auszukratzen.“ Und dann überwand sie sich doch.
Der Einstieg in den Reitsport verlief über die Ponys Marylin und Charmeur – ihre ersten wichtigen Lehrmeister, allein wegen ihrer unterschiedlichen und vor allem durchweg stark ausgeprägten Charaktere. Typisch Pony eben. Das eine war leistungsbereit, das andere erforderte etwas mehr Motivationskunst. Sie habe früh gelernt, dass Fortschritt nicht selbstverständlich sei: „Ich musste mich mit jedem Pony und jedem Pferd anders auseinandersetzen.“
Zwischen Gemüsegarten und Galoppstrecke
Anfangs hatten die Tietjes noch keine Reitanlage. „Wir waren ganz früh in Nortorf, da hatten wir die Pferde auf einer Koppel stehen, mit so einem kleinen Stall. Später sind wir nach Gnutz gezogen, das war das erste Größere, ein Resthof.“ Gemüsegarten, Schwimmteich, drei Boxen, eine Galoppstrecke, viel Wald, ein Reitplatz, aber keine Halle. Ihre Eltern hatten dort „mit ganz viel Liebe“ etwas aufgebaut, Schritt für Schritt.
Geritten wurde bei Wind und Wetter. „Von da dann das erste Mal zu den Aachen Youngstars in eine wahnsinnig geschmückte Halle, das war ein krasser Kontrast“, erzählt Romy Tietje und lacht.

Zu Hause bei den Tietjes: Wiebke, Timm und Romy. Der Reitsport sei auch etwas, das die Familie zusammenschweißt, findet Romy. (© Stefan Lafrentz)
„Viele kommen aus Pferdefamilien“, berichtet Romy. „Die wissen einfach, wie das läuft.“ Für ihre Familie habe dagegen vieles bei null begonnen – von Haltungsfragen bis zu Turnierstrukturen. Entscheidungen seien deshalb selten übernommen, sondern diskutiert worden.
Das ist bis heute so. Sie sitzen viel zusammen am Tisch, grübeln gemeinsam, wie man was besser machen könnte, besprechen jedes Detail. „Wir durchleben das richtig; vielleicht ist das auch ein Vorteil“, sagt Romy.
Wild Cherry – Das Überraschungspferd
Wild Cherry ist das Pferd, das sich Wiebke Tietje als Freizeitpartnerin kaufte, ein „Hausfrauenpferd“. Doch wie das mit Plänen so ist – manchmal kommt es anders, als man denkt. In der Aljano-Levisto-Z-Tochter aus der Zucht von Peter Rahmcke steckte ein Parcourstalent und eine wichtige Sportpartnerin für Romy. „Wild Cherry hat mir den Übergang aufs Großpferd leicht gemacht. Mit ihr habe ich viele schöne Erfolge erzielt. Sie hat mich da so durchgetragen, sie hat einfach nie etwas falsch gemacht.“
Erfolge wie die Team-Silbermedaille bei den Europameisterschaften 2019 in Zuidwolde sowie Einzel-Achte markieren diesen Abschnitt. Heute ist die mittlerweile 19-jährige Stute aus dem Sport verabschiedet, lebt im Offenstall neben dem Reitplatz und ist Mutter dreier Nachkommen. „Das ist für mich etwas ganz Besonderes“, sagt Romy. „Dass ich noch etwas von ihr habe, was mich immer an die Zeit mit ihr erinnert. Ihr erstes Fohlen sieht genauso aus wie sie.“
Summer, eine Tochter des Uriko, ist bei unserem Termin im Dezember noch dreijährig, wird demnächst angeritten, und Romy wird das erste Mal selbst ein junges Pferd von Beginn an ausbilden. Ein neuer Abschnitt – und sicherlich ein Thema am Abendbrottisch bei Familie Tietje.
Wild Cherry und auch ihr aktuelles Erfolgspferd Cascadino seien Pferde, „die immer auf mich aufgepasst haben. Die waren nie blöd, auch nicht draußen bei Wind und Wetter“, verrät Romy.

Dieser eine besondere Moment, der mit der Kamera festgehalten wurde: Romy zeigt auf das Bild, das bei den letzten Aachen Youngstars entstanden ist. (© Stefan Lafrentz)
Dann kam Cascadino in das Leben von Romy Tietje
Der 14-jährige Wallach Cascadino von Cartani-Lacros aus der Zucht von Johann H. Witt ist seit sieben Jahren bei ihr. Sie lernte ihn über eine Freundin kennen. Er war bereits vorgestellt worden, hatte Qualität, war und ist vorsichtig, leistungsbereit, körperlich sensibel, aber auch kein einfaches Pferd.
„Er war sehr heiß“, erinnert sich Romy, „teilweise kaum zu regulieren.“ Sie haben viel überlegt und getüftelt, haben die Fütterung angepasst, Trainingsabläufe verändert, das Pferd genau beobachtet. „Wir haben uns über Jahre ein Konzept erarbeitet.“ Heute ist Cascadino das Pferd, mit dem Romy ihre größten Erfolge erreicht hat.
Dass sie ihn früh in großen Aufgaben eingesetzt habe, betrachtet sie rückblickend nicht als selbstverständlich. Eine Saison lang war Cascadino nicht fit genug für den Sport. Für Romy bedeutete genau diese Zeit einen Einschnitt. „Bis dahin lief alles einfach durch“, erzählt sie. „Und dann plötzlich nicht mehr.“ Diese Phase habe ihr Verhältnis zum Turniersport verändert. Sie spricht heute häufiger von Schonung, von Pausen, von Zeit.
Ich glaube, ein Pferd hat nur eine bestimmte Anzahl Sprünge in seinem Leben. – Romy Tietje –

Kurzer „Austausch“ unter Generationen: Summer (l.) ist die erste Tochter von Wild Cherry – und tritt vielleicht später einmal in die Hufstapfen von Cascadino. (© Stefan Lafrentz)
Volles Vertrauen in Konny Kugler
Romy trainiert überwiegend allein oder mit ihrer Mutter an der Basis. Ihr Trainer, Konrad Kugler, lebt in Hessen in Dagobertshausen und ist ein international gefragter Mann. Vier gemeinsame Trainings im Jahr schaffen sie, jeweils über mehrere Tage. Dazwischen telefonieren sie, schicken Videos, besprechen Abläufe. „Ich muss aus diesen Einheiten viel mitnehmen und das hier versuchen, selbst umzusetzen.“
Diese Form der Arbeit erfordert Eigenständigkeit. Romy empfindet sie als Herausforderung und als Vorteil zugleich. „Man denkt viel nach, vielleicht manchmal zu viel“, gibt sie zu. Gleichzeitig habe sie gelernt, Entscheidungen selbst zu treffen und natürlich mit ihrer Familie.
Warum Romy keinen weiteren Trainer hinzunimmt? Sie wolle das System, das so gut funktioniert, nicht durcheinanderbringen. Sie und Konny Kugler, das sei von Anfang an ein eingespieltes Team gewesen, eines, das sich blind verstehe und vertraue. Sie sprechen eine Sprache. Und er schreie nicht, übe keinen zusätzlichen Druck aus. „Er weiß, dass ich mir selbst genug Druck mache.“

Romy Tietje gehört seit mehreren Jahren zu den konstanten Namen im deutschen Nachwuchs-Springsport. (© Stefan Lafrentz)
Romy Tietje über Druck im Reitsport
Druck ist für Romy Tietje auch ein Thema, wenn sie auf aktuelle Diskussionen im Reitsport blickt. Initiativen, die das Pferdewohl mehr in den Fokus rücken wollen, verfolgt sie zwar nicht, aber sie hält nicht mit kritischen Worten hinterm Berg. Ruhig, aber klar. „Es wird zu wenig Zeit in die Ausbildung gesteckt“, sagt sie, vor allem bei jungen Pferden. Der Druck, früh leistungsfähig zu sein, sei hoch – auch aus wirtschaftlichen Gründen. „Wenn das dein Beruf ist, machst du Dinge manchmal nicht so, wie du sie eigentlich machen würdest.“
Sie nennt das Bundeschampionat als Beispiel, das sie selbst schon mitgeritten ist. Die Anforderungen seien aus ihrer Sicht zu hoch, das Tempo zu groß. Eine Reduktion würde dem Sport nicht schaden. „Man würde die Qualität trotzdem sehen, und es wäre noch genug Show.“
Auch im Nachwuchsbereich sieht sie strukturelle Defizite. Reitschulen verschwinden, Schulponys werden teuer, der Einstieg werde schwieriger. Eltern ohne hippologischen Hintergrund würden oft allein gelassen. „Man wird ins kalte Wasser geschmissen, wenn man in diesen Sport kommt, vor allem, wenn man ihn leistungssportlich betreibt“, sagt Romy. „Es wird viel vorausgesetzt.“
Wenn ein gemeinsamer Weg endet
Für die kommenden Jahre formuliert Romy ihre Ziele vorsichtig. Sie möchte ihre 2016 geborene Stute Gizeh de Hus weiter aufbauen, ihr Zeit geben. „Wenn es langsamer geht, geht es langsamer“, sagt sie. Cascadino soll so lange im Sport bleiben, wie es sinnvoll ist. Sie weiß, dass dieser Abschnitt endlich ist. Und wenn das Ende naht, dann „wird das schwer. Nicht sportlich, sondern persönlich.“
Mit ihm hat Romy ihre größten Erfolge gefeiert, ritt in der U25-Tour in Wien ganz vorne mit, bestritt mit ihm Junge-Reiter-Europameisterschaften, gewann Bronze bei den Deutschen Meisterschaften – er ist ihr großes Glück, und genau das will sie nicht ausreizen. Zweimal gewann sie mit ihm die Aachen Youngstars – ein drittes Mal „wird es nicht geben, denn besser kann es nicht werden. Beim nächsten Mal nehme ich Gizeh mit“.
Romy möchte jeden Moment mit ihren Pferden genießen und ihn so gestalten, dass die Tiere ihre Freude behalten und klar im Kopf bleiben. Klar im Kopf – ja, das kann man sicherlich auch Romy Rosalie Tietje bescheinigen.