Roberto ist ein echter Pferdemensch – durch und durch. Er betrachtet die Tiere aus verschiedenen Blickwinkeln, er möchte sie möglichst ganzheitlich verstehen.
In diesen Tagen beginnen sie wieder: die Jungpferdeprüfungen für Geländetalente. Mittendrin: Roberto Scherneck. Er fällt nicht nur durch besonders schönen Stil auf, sondern auch dadurch, dass er im Sattel von Ponys sitzt – und das als erwachsener, gestandener Mann.
Robert Scherneck: Der Mann auf dem Pony
„Irgendwie hat sich das so ergeben“, erinnert sich der Wahl-Warendorfer und erklärt: „Aufgrund meiner Größe kam es immer wieder vor, dass ich Anfragen hatte, das ein oder andere junge Pony vorzustellen – und irgendwie passt das für mich. Ponys – so verschieden sie sind – haben in der Regel etwas mehr Dickkopf als die meisten Pferde und sind genauso eigensinnig wie ich“, lacht er und erzählt, wie wichtig es ihm ist, die kleinen Nachwuchstalente auf seine Seite zu ziehen und gemeinsam voranzukommen.
Dabei fühlt er sich wohl und absolut richtig am Platz: „Dass ich als Mann Ponys reite, sorgt eigentlich weniger für komische Sprüche, als man vielleicht denkt. Eher im Gegenteil. Man merkt manchmal, dass Leute zwar genau hinschauen, weil sie sich zunächst einmal fragen, wie das mit Größe und Gewicht passt. Wenn das dann aber funktioniert, bekommt man viel Anerkennung dafür, dass man das Pony gut und fein reitet.“

Der 35-jährige Roberto Scherneck ist mit seinen 1,68 Metern der ideale Ponyreiter. Er ist Pferdewirt, Tiermedizinischer Fachangestellter und Pferdepfleger bei der Olympiareiterin Sara Algotsson-Ostholt. Sein größter Erfolg im Sattel: vielfacher Landesmeister in allen Disziplinen. (© Julia Packeiser)
Der Traum vom Bundeschampionat
Genau das tut Roberto seit vielen, vielen Jahren, und der Erfolg bleibt nicht aus: „In den Aufbauprüfungen auf den normalen Turnieren starten Ponys gegen Pferde und Amateure gegen Berufsreiter. Ich starte mit meinen Ponys also oft genug gegen namhafte Reiter – davon gibt es im Großraum Warendorf natürlich eine ganze Reihe –, sodass es mich schon stolz macht, in der Aufstellung der Platzierten zu stehen. Und wenn ich dann vielleicht auch noch vor dem ein oder anderen Berufsreiter platziert werde, bekomme ich wirklich viel Zuspruch und Anerkennung, immer wieder auch von Richterseite.“
Roberto und Rambazamba
Das war im vergangenen Jahr besonders häufig der Fall. Denn da qualifizierte Roberto Rambazamba zum Bundeschampionat: Die quirlige Stute (v. Benito M.v. Rock Grey Tycoon) ging dort nicht nur unter „ferner liefen“ an den Start, sondern galoppierte am Ende als bestes fünfjähriges Geländepony Deutschlands durchs große Finale.
Ein Erfolg, der nicht von ungefähr kam: „Es war schon immer mein ganz großer Traum, in Warendorf beim alljährlichen Bundeschampionat an den Start zu gehen. Schließlich wohne ich nur ein paar Hundert Meter vom DOKR entfernt und bin natürlich auch als Pfleger schon oft bei diesem wichtigen Event dabei gewesen. Dort einmal selber in den Sattel zu steigen und eine möglichst gute Leistung zu zeigen, darauf habe ich viele Jahre hingearbeitet“, verrät Roberto.
„Ponys müssen von Kindern zu reiten sein“
Die Braune, die Roberto gemeinsam mit seiner guten Freundin Dr. Eva Muschweck gehörte, hat Roberto behutsam über zwei Jahre lang reiterlich aufgebaut und schonend in den Sport gebracht. „Die Ponys, die ich ausbilde, sollen eine lange und gesunde Karriere haben können, der Grundstein dafür wird in ihrer Aufzucht und Ausbildung gelegt. Und: Meine Ponys müssen von Kindern zu reiten sein, denn der Ponysport wird ja in der Regel eben von Kindern und Jugendlichen bestritten – die Jungpferdeprüfungen mit Erwachsenen im Sattel bilden hier die Ausnahme“, erklärt Roberto.
Rambazamba hat ihr neues Zuhause inzwischen in Finnland gefunden und ist dort in fördernde Hände verkauft worden. „Ich bin ganz gespannt, wann ich die Kleine auf internationalen Events wieder treffe! Ich fiebere schon jetzt mit und drücke ihr und ihrer Reiterin fest die Daumen.“
Zwischen Bungee und Babykost
Roberto ist dafür bekannt, das, was er tut, grundsolide, planvoll und strukturiert anzugehen, aber: Er liebt auch den Nervenkitzel – das kalkulierte Risiko. Und so stürzt er sich nicht nur beim Bungee-Jumping kopfüber in die Tiefe, sondern saust auch mal beim Zipline in schwindelerregender Höhe einen nur daumenbreiten Draht entlang. „Ich mag dieses Gefühl, wenn das Adrenalin durch meine Adern schießt, das ist Freiheit pur“, so der Fitnessfreak, der – gerade auch weil er hauptsächlich Ponys reitet – nicht nur fit sondern auch „in shape“ bleiben muss.
Und das ist gar nicht so leicht: „In der Regel wiege ich so zwischen 63 und 64 Kilo. Das ist für die Ponys, die ich reite, absolut in Ordnung, denn das sind ja Sportponys im Endmaß. Beim Bundeschampionat ist es allerdings so geregelt, dass man als Ü18-Reiter in den Ponyprüfungen inklusive der Ausrüstung nicht mehr als 62 Kilo auf die Waage bringen darf.“

Roberto ist fitnessbegeistert – mit Pferd oder ohne Pferd, aber immer fürs Pferd. (© Julia Packeiser)
Für das Championat: Robertos Abnehm-Programm
„Das hieß für mich schwitzen, schwitzen, schwitzen, so wie Boxer oder Rennreiter das kennen“, schmunzelt Roberto und berichtet von den zehn ausgesprochen harten Wochen im Vorfeld des Jungpferde-Championats in letzten Jahr: „Da habe ich mit einer strikten Diät begonnen, bin im Sommer ganz dick eingepackt etliche Kilometer gelaufen und habe mich fast nur noch von diesen Babygläschen ernährt.“ Mit 57 Kilo Wettkampfgewicht ist Roberto dann in Warendorf zunächst auf die Waage und dann an den Start gegangen.
„Ich finde es grundsätzlich auch wirklich wichtig, dass man nicht nur vom Gewicht, sondern auch von der Größe her auf ein Pony passt. Das Pony muss einen gut tragen und ausbalancieren können. Alles andere ist meiner Meinung nach nicht tierschutzkonform! Außerdem würde es aus meiner Sicht auch die Leistungsfähigkeit der Ponys einschränken, wenn die ein zu großes Schwergewicht über die Hindernisse schleppen müssten.“
Die Turnierplanung ist essenziell
Dieses Jahr wird Roberto das Bundeschampionat nur als Besucher erleben. Auf einen erneuten Start allerdings arbeitet er bereits jetzt hin: „Ich habe ein tolles neues Pony im Stall: Le Mans, ein gerade vierjähriger brauner Wallach (v. Mescal, M.v. AMD Mr Hobbs). Ich setze große Hoffnungen in dieses Pony. Ich werde Le Mans ganz behutsam ausbilden, ihn spielerisch an seine ersten Geländesprünge heranführen und so abwechslungsreich arbeiten, dass er auf jeden Fall den Spaß behält“, verrät Roberto, der seinen jungen Ponys immer auch längere Weidezeiten von mehreren Wochen am Stück gönnt.
Bei der Auswahl der ersten Turniere kommt dem 35-Jährigen seine große Erfahrung zugute. „Ich kenne wirklich jeden Turnierplatz und weiß natürlich auch, wie die Geländestrecken gestaltet sind. Ganz besonders achte ich auf die Bodenverhältnisse. Das Tierwohl geht immer vor – auch bei der Planung der Turniersaison.“ Wenn Roberto merkt, dass seinen Ponys etwas zu viel wird, dann passt er den Plan an. Das Bundeschampionat sei zwar das große Ziel, aber nicht in Stein gemeißelt: „Ich habe schon talentierte Ponys unter dem Sattel gehabt, die ich ganz bewusst nicht in Warendorf vorgestellt habe!“

Möglichst große Turniere zu reiten, ist natürlich das Ziel. Dennoch steht das Tierwohl an erster Stelle. (© Julia Packeiser)
Wenn Olympia dazwischenkommt…
Manchmal kommen ihm auf dem Weg zum bundesdeutschen Jungpferde-Meeting allerdings auch internationale Top-Events dazwischen. Olympische Spiele beispielsweise: „Ich muss meine Saisonplanung natürlich immer eng mit der von Sara abstimmen“, erklärt Roberto, der die schwedische Vielseitigkeitsreiterin Sara Algotsson-Ostholt als Pferdepfleger zu den Großereignissen begleitet. Und wenn Rio ruft oder der Flug nach Tokio ansteht, dann hat das für ihn Vorrang.
Er selber bleibt bei diesen internationalen Championaten im Hintergrund und ist mehr im Stall als in der Arena. Aber in dieser besonderen Welt der Pferdepfleger fühlt er sich absolut wohl: „Wir sind wirklich eine große Familie. Und eine bunte. So viele Nationen, so viele verschiedene Charaktere. Natürlich fiebert jeder mit „seinem“ Reiter und „seinen“ Pferden mit, aber wenn es drauf ankommt, halten wir zusammen, unterstützen und beraten uns“, so Roberto, der als kleiner Junge nur davon geträumt hat, einmal Teil der großen Bühne des Reitsports zu sein. Denn der Start seiner reiterlichen Karriere, der Beginn seiner Partnerschaft mit dem Pferd war durchaus „ab vom Schuss“ und sehr rustikal.
Von Fischbach nach Rio – die Karriere des Roberto Scherneck
Der Kaltblüter vom Nachbarhof war es, der die Aufmerksamkeit des Fünfjährigen als Erstes auf sich zog, und tatsächlich: Auf seinem breiten Rücken durfte der stolze Knirps Platz nehmen. Dort oben entdeckte er seine Passion für Pferde und war schon bald nicht mehr aus dem Stall wegzudenken.
„Meine Begeisterung für Pferde war irgendwie immer in mir, obwohl ich nicht aus einer Reiterfamilie stamme. Mich hat die Stärke dieser Tiere total fasziniert. Die Pferde haben mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Außerdem wollte ich als Junge etwas machen, was nicht jeder andere macht. Ich hab von früher Kindheit an viel für mein Hobby gearbeitet und die Erfolge wirklich erkämpft“, blickt der Familienmensch auf seine Kindheit und Jugend in Thüringen zurück.
Dort schaffte er es bis in den Landeskader und trug sich gleich mehrfach in die Liste der Landesmeister ein. Nicht nur in der Vielseitigkeit, sondern auch in Dressur und Springen. Auch die Schärpe des hessischen Meisters konnte sich Roberto einst umlegen lassen, als Azubi des Landgestüts Dillenburg, wo er seine Lehre zum Pferdewirt begann.
Der Weg zum Pferde-Organisations-Talent
Dann aber wollte er gerne in einen professionellen Sportstall wechseln und bekam die einmalige Gelegenheit, seine Ausbildung bei Frank Ostholt, Bundestrainer des deutschen Vielseitigkeitsnach wuchses, abzuschließen. „Hier habe ich mich um alle Pferde gekümmert, war als Bereiter und Pfleger tätig und stellte die jungen Pferde in Nachwuchspferdeprüfungen vor.“ Seitdem ist er auch als Top-Groom an Saras Seite. 2016 begann Roberto dann die Ausbildung zum Tiermedizinischen Fachangestellten an der bekannten Pferdeklinik in Telgte bei Münster.

„Roberto bereichert unser Team hier in Telgte seit inzwischen zehn Jahren. Er arbeitet super sorgfältig und zuverlässig und engagiert sich außerordentlich für unsere vierbeinigen Patienten. Was ihn wirklich auszeichnet, ist, dass er absolut ruhig und lösungsorientiert handelt. Er behält einfach immer den Überblick – selbst an den stressigsten Tagen“, lobt Dr. André Böhmer von der Pferdeklinik Telgte. (© Julia Packeiser)
„Die zusätzliche Weiterbildung habe ich gemacht, weil ich es wichtig finde, die Pferde ganzheitlich zu verstehen. Als Bereiter arbeitet man jeden Tag mit ihnen, und je mehr man über Gesundheit, Pflege und Management weiß, desto besser kann man ihnen helfen und Probleme früh erkennen.“ Mit dieser Lehre komplettierte der „Meister der Organisation“ seine bewegte, komplexe und ein bisschen ungewöhnliche Welt rund um die Pferde, in der er auch rund um die Uhr unterwegs ist und – egal wo er ist und was er tut – vor allem eines bleibt: einfach Roberto!
Roberto Scherneck im Kurzinterview
Roberto, der (Pony-)Reiter
Hooforia: Was zeichnet Sie als Reiter aus?
Roberto Scherneck: Ich bin ruhig und geduldig. Ich bemühe mich, ein fühlsam zu reiten und die Ausbildung abwechslungsreich anzulegen. Außerdem bin ich klein. (lacht)
Haben Sie Grundsätze für das Reiten?
Ich bemühe mich sehr, sensibel zu sein, und behandle jedes Pony individuell, denn ich weiß, jedes Pony braucht seine eigenen Pläne, seine eigene Zeit. Da muss ich als Ausbilder flexibel sein. Dabei verliere ich nicht die jeweiligen Ziele aus den Augen, passe sie aber bei Bedarf an. Ich möchte mit dem Pony zusammenzuwachsen und eine echte Einheit bilden. Eine Ausbildung, die auf den sogenannten ethischen Grundsätzen für Pferdefreunde basiert, ist mir sehr wichtig. Die sollten sich alle Reiter ruhig einmal durchlesen …
Ist es vielleicht ein geheimer Wunsch, bei großen Events selbst mal mitzureiten und oben auf dem Treppchen zu stehen?
Natürlich – das wäre schon ein großer Traum. Aber ich bin auch sehr zufrieden mit meiner Arbeit im Hintergrund, weil sie unglaublich wichtig ist und man Teil des Erfolgs der Pferde und Reiter ist.
Roberto, der Groom
Roberto Scherneck ist seit 16 Jahren im Team Al gotsson-Ostholt und arbeitet seit dem Abschluss seiner Lehre zum Pferdewirt als Groom von Sara. Bei den Olympischen Spielen in Rio und Tokio, bei Welt- und Europameisterschaften sowie vielen weiteren großen Turnieren ist er an ihrer Seite.
Hooforia: Was ist Ihnen besonders wichtig als Groom?
Roberto Scherneck: Sara kann sich hundertprozentig auf mich verlassen. Ich halte ihr den Rücken frei, sodass sie sich komplett auf das Reiten konzentrieren kann. Ich mache wirklich alles, packe und fahre den Lkw, richte vor Ort alles ein und habe irgendwie alles im Kopf und in der Hand. Eines mache ich allerdings nicht: kochen.
Worauf legen Sie besonderen Wert?
Natürlich achte ich darauf, dass die Pferde perfekt herausgebracht sind und dass mit der Ausrüstung alles stimmt. Mein besonderes Augenmerk aber lege ich auf das Wohlbefinden der Pferde. Sie kriegen von mir das Rundherum-Wohlfühl-Programm. Wir gehen spazieren und grasen, und sie bekommen Massagen. Ich weiß, was jedes Pferd besonders mag, und danach richte ich mich. Die Pferde müssen in der Vielseitigkeit über Tage Höchstleistung bringen. Da liegt es an mir, dass sie bestmöglich versorgt sind und es ihnen an nichts fehlt.
Haben Sie Lieblingspferde?
Ich mag sie alle – aber Dinathia und Dynamite Jack sind schon meine Favoriten.
Sie sind seit 2010 im Stall Algotsson-Ostholt, zunächst als Lehrling, dann als Groom. Wie ist das, wenn man so lange zusammenarbeitet?
Ich sage immer „in guten wie in schlechten Zeiten“. Wir halten zusammen und meistern alles, und egal wie ein Turnier gelaufen ist, die Laune auf der Rückreise ist irgendwie immer positiv.
Robertos Pferdepflegetipps
Roberto ist absolut pragmatisch, und das gilt auch für die Pflege, die er den Pferden und ihrer Ausrüstung zukommen lässt: „Ich brauche nicht einen ganzen Schrank voller verschiedener Pflegeprodukte für Pferd und Ausrüstung. Ich benötige die Basics – aber die müssen eben hochwertig sein.“
- Sattelzeug: Die regelmäßige Pflege ist das A und O, und zwar mit wirklich guten Pflegemitteln. Das zahlt sich aus. Also: Nicht einmal „viel“ reinigen, sondern nach jedem Reiten kurz abwischen, trocknen lassen und dann Pflegemittel auftragen und polieren.
- Weiße Gamaschen: Direkt nach dem Gebrauch ausspülen, solange der Schmutz noch frisch ist.
- Gebisse: Nach jedem Reiten mit Wasser abspülen, damit sich keine Rückstände festsetzen können.
- Schimmel: Da hilft vor allem konsequente Pflege: oft bürsten und Flecken schnell auswaschen.
- Einflechten: Ich nähe meistens ein, weil ich das einfach schöner finde. Eine feste Zahl habe ich aber nicht, da bin ich tatsächlich weniger abergläubisch als viele meiner Kollegen. Ich mache das schlichtweg abhängig von der jeweiligen Mähne.
- Mein Outfit: Wichtig ist mir, dass alles sauber, ordentlich und funktional ist – für mich und für das Pony. Wenn das Gesamtbild stimmt, fühlt man sich automatisch wohler im Sattel.
- Nach einer Geländestrecke ist für mich wichtig, das Pferd erst mal ruhig runterkommen zu lassen. Kreislauf und Geist müssen sich beruhigen können. Das braucht Zeit. Als Erstes wird die Ausrüstung abgenommen, dann geführt. Danach wird gekühlt – oft mit fließendem Wasser an den Beinen. Je nach Situation auch mit Kühlgamaschen.
- Pferde sind Gewohnheitstiere. Routine hilft ihnen, zu entspannen und sich wohlzufühlen. Deshalb gibt es auch auf Turnieren Reisen möglichst viel Routine – gleiches Futter, gleiche Zeiten.


