Pferde galoppieren auf der Weide © Christiane Slawik

Am Ende kostet ein verantwortungsvoll aufgezogenes Jungpferd schnell 16.000 bis 17.000 Euro - noch bevor es angeritten oder ausgebildet wurde.

Charlotte Karlinder ist Unternehmerin und Mutter der 18-jährigen Springreiterin June Karlinder. Gemeinsam haben sie sich in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt im internationalen Nachwuchssport etabliert – ohne klassischen Profi-Hintergrund oder großen Reitbetrieb. Stattdessen setzen sie auf ein Netzwerk aus Kontakten, Kooperationen und kreativen Lösungen wie Leasing- und Investorenmodelle.

Doch zuvor fing alles ganz klein und unspektakulär an, wie uns Charlotte Karlinder im Hooforia-Interview erzählt – das aufgrund des eng getakteten Zeitplans der Familie im Lkw Richtung Tschechien zum Nationenpreis geführt wird.

Vom ersten Pony bis zur Deutschen Meisterschaft

„Wir haben eine Weile in Spanien gelebt“, berichtet Charlotte Karlinder, hier gab es für June den ersten Kontakt zu Pferden. Nach der Rückkehr aus Barcelona nach Hamburg kam Corona. June verbrachte also viel Zeit im Stall, mit dem importierten Spanier. Weil es aber für June unbedingt in den Parcours gehen sollte, gab es die ersten Springstunden auf den ersten richtigen Springpferden. „Ihr erstes Springpony bekam sie zur Verfügung, weil der ehemalige Reiter zu groß geworden war, aber die Familie das Pony nicht verkaufen wollte – ein Riesenglück für June“, erzählt die gebürtige Schwedin mit Wahlheimat Hamburg.

„Und weil June so ambitioniert war, hat sie mich dann zusätzlich überredet, ihr mein eigenes Pferd für ein Turnier mitzugeben – und damit gleich die Prüfung gewonnen. Damit war ich dann mein Pferd endgültig los“, erzählt Charlotte und lacht. Und dann ging es plötzlich ganz schnell: die nächsten erfolgreichen Turniere, Nominierungen, Deutsche Meisterschaft. „Wir sind da so ein bisschen reingestolpert“, sagt Charlotte Karlinder. „Ehrlicherweise waren wir selbst überrascht.“ Mit dem sportlichen Level kam aber auch die Realität: bessere Pferde kosten viel Geld. Sehr viel Geld.

Ein Springpferd leasen statt kaufen?

„Für das, was June im Junioren-Bereich braucht, reden wir über sechsstellige Summen“, sagt sie. „Und von diesen Pferden für die schweren Klassen braucht man mehrere, um verlässlich mithalten zu können. Zum Beispiel wenn eins mal gesundheitlich ausfällt.“ Also musste eine Lösung her. Und die ist – wie so oft im Pferdesport – nicht geplant, sondern mit viel Kreativität und auch Wille entstanden. Über Kontakte, Gespräche und Mut. „Ich habe mir irgendwann gedacht: Ich finde einen Weg, ihr das zu ermöglichen – auch, weil June gerne später beruflich reiten möchte“, erzählt Charlotte.

Ja, den hat sie dann auch gefunden. Er lautete in einem Fall: Ein Springpferd leasen. Ein Modell, das im Spitzensport längst existiert – aber für viele immer noch abstrakt klingt. „Viele stellen sich das Leasing wie beim Auto vor: Man zahlt eine Rate und gibt das Pferd danach einfach zurück. So funktioniert das im Pferdesport aber meistens nicht“, sagt Holger Hetzel, international erfolgreicher Springreiter, Ausbilder und einer der bekanntesten Pferdehändler im deutschen Springsport. „In der Regel sprechen wir von einem klar definierten Zeitraum, oft ein Jahr, und von einer engen Abstimmung darüber, wie das Pferd eingesetzt wird.“

Ein Ausnahmepferd auf Zeit

Für die Karlinders wurde es ganz konkret. „Mein Bekannter, Holger Hetzel, hatte die Idee – und durch ihn entstand der Kontakt zu Mario Stevens. Und der wiederum hatte ,sie‘: Botakara OLD, ein erfahrenes Pferd, zahlreiche internationale Erfolge in der schweren Klasse – plötzlich Möglichkeiten, die vorher nahezu unerreichbar schienen.“

„Ohne Botakara wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin“, sagt June, die beim Nationenpreis mit Botakara fürs deutsche Team auch gleich wieder erfolgreich war.

Ein solches Ausnahmepferd im Leasing angeboten zu bekommen, ist allerdings eine absolute Seltenheit. „Das funktioniert nur über persönliche Kontakte“, erklärt Hetzel. „Ich muss wissen, wer da drauf sitzt, wie der Reiter reitet, wie der Stall geführt ist und wie das Pferd im Alltag gemanagt wird. Am Ende habe ich nichts davon, wenn ich nach einem Jahr ein verrittenes Pferd zurückbekomme.“

June und Charlotte Karlinder: Springpferd leasen

Ohne Vertrauen, ohne Netzwerk und ohne ein absolut professionelles Management der Pferde funktioniert das Leasing-Modell nicht.

Beim Springpferd leasen ist Vertrauen entscheidend

Für June selbst macht es dabei erstaunlich wenig Unterschied, ob ein Pferd ihr „gehört“ oder nicht. „Wir stellen ja auch Pferde für Besitzer auf Turnieren vor – und jedes Pferd soll das Gefühl haben, die Nummer 1 im Stall zu sein“, sagt sie, „egal, ob es meins ist oder nicht.“ Die Beziehung entsteht trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb. „Ich liebe dieses Pferd wirklich schon mindestens genauso sehr wie unsere eigene Stute“, sagt sie über Botakara.

Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel auch: Leasing ist kein Modell, das sich beliebig übertragen lasst. „Es geht immer um das einzelne Pferd“, sagt Hetzel. „Nicht jeder Charakter eignet sich dafür. Und auch die Dauer spielt eine große Rolle: Ein Jahr ist absolut sinnvoll – aber nicht, jeden Monat den Reiter zu wechseln. Das wäre weder fair noch praktikabel.“

Verleasen: Die andere Seite des Leasings

Auch aus sportlicher Sicht kann Leasen von einem Springpferd sinnvoll sein. „Das ist ein klassisches Problem der Altersklassen“, erklärt Hetzel. „Ein Pferd kann in der Children-Tour hervorragend laufen und sich im Juniorenbereich plötzlich schwertun. Dann ist es oft die bessere Lösung, einen jüngeren Reiter zu suchen, für den genau dieses Niveau passt, anstatt das Pferd permanent über seine Grenzen gehen zu lassen.“

Damit das ganze Modell möglich wurde, haben die Karlinders auch die andere Seite erlebt – und selbst eins ihrer eigenen Pferde verleast. „Das war Junes erstes Pferd, mit der sie sich alles selbst erarbeitet hat – sie zu verkaufen hätte uns das Herz gebrochen“, sagt Charlotte. „Es fiel uns nicht leicht, aber da auch dieser Kontakt über Holger Hetzel kam, hatte ich Vertrauen. Sie hat ein richtig gutes Zuhause dort – wir haben viel Kontakt und die Gewissheit, dass sie eines Tages zu uns zurückkommen kann.“

Leasing ist für sie deshalb vor allem eins: eine Chance. „Aber eben nur, wenn man es richtig macht, es birgt natürlich auch Gefahren“, sagt sie. Denn klar ist auch: Ohne Vertrauen, ohne Netzwerk und ohne ein absolut professionelles Management der Pferde funktioniert dieses Modell nicht.

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