Przewalski-Pferde auf einer Weide © Christiane Slawik

SIe verdanken ihren Namen einem russischen Offizier, der sie als erster für die westliche Wissenschaft beschrieb: die Przewalski-Pferde.

Es war ein strahlender Frühjahrstag im Jahr 1986, als in der Ukraine das Atomkraftwerk Tschernobyl einen Notfall meldete – und von dem Tag an war in der Gegend nichts mehr wie es vorher gewesen war. Der Atommeiler, der strahlte, kam unter eine Betonhaube, die Menschen aus der Gegend wurden evakuiert, die Städte, Dörfer und Gehöfte aufgegeben.

Die Fauna übernimmt Tschernobyl

Ungefähr 2.500 Quadratkilometer rund um das ehemalige AKW wurden als „Todeszone“ deklariert, das Betreten ist seitdem strengstens verboten. Die Menschen waren weg, die Tiere übernahmen und für sie entwickelte sich das Gebiet zum Paradies. Sie konnten sich ungestört ausbreiten, sie wurden nicht bejagt, hatten keine Futterkonkurrenz in den Haustieren der Menschen – Tierherz, was willst du mehr?

2004 kamen drei Dutzend Przewalski-Pferde in der Ukraine an. Sie stammten aus einem vor allem in europäischen Zoos laufenden Arterhaltungsprogramm. Die Przewalskis, in ihrer ursprünglichen Heimat Mongolei übrigens „Takhis“ genannt, galten nämlich in der freien Natur als ausgestorben. Aber kurz nach ihrer „Entdeckung“ durch den russischen Offizier Nikolai Michailowitsch Przewalski 1878 waren sie bei Zoos und Wildparks in Mode und wurden en masse eingefangen und dort zur Besichtigung freigegeben.

Przewalski-Pferde haben mehr Chromosomen

Ihren wissenschaftlichen Namen – Equus ferus Przewalski – verdanken sie jenem russischen Offizier, der 1878 die Haut und den Schädel eines Wildpferdes aus der Mongolei mit nach St. Petersburg brachte und als erster für die westliche Wissenschaft beschrieb. Der Haken war nur, dass die robusten Falben schon Namen hatten. Die Mongolen, die seit Jahrhunderten mit ihnen lebten, nannten sie Takhi.

Sind Przewalski-Pferde Vorfahren der Hauspferde?

Früher war man davon überzeugt, dass die Takhis Vorfahren unserer Hauspferde waren. Inzwischen weiß man es besser. Sie haben gemeinsame Vorfahren – aber die Aufspaltung der Equiden in den Stamm Equus caballus (Hauspferd) und Equus ferus (Wildpferd) fand schon vor ungefähr 240.000 bis 120.000 Jahren statt. Inzwischen ist sie so weit fortgeschritten, dass Takhis und Hauspferde sich zwar uneingeschränkt miteinander vermehren können, es gibt aber dennoch drei grundlegende Unterschiede.

  1. Hauspferde haben 64 Chromosomen. Damit geben sich Takhis nicht zufrieden – sie haben 66.
  2. Fellwechsel: Bei den Takhis wechseln die Randhaare von Mähne und Schweif alle halbe Jahre mit. Bei den Hauspferden dagegen wechselt das Langhaar nicht.
  3. Takhis haben gerne von allem ein bisschen mehr – im speziellen Fall: Sehr viele haben 19 Brustwirbel statt der 18, die die meisten Hauspferde haben.

Als Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts gemeldet wurde, dass die Takhis ausgestorben seien, waren die Nachkommen der Zootiere noch da. Und als man dann in den 70ern ein Zuchtbuch gründete, gab es noch 41 Individuen. Inzwischen sind es rund 1.400 in europäischen Zoos und Tiergärten – und dazu kommen noch an die 3.000, die wild in der Mongolei, in China und sogar in Ungarn leben.

Przewalski-Pferde in Tschernobyl

Die Todeszone in Tschernobyl wird von Przewalski-Wildpferden bevölkert, die uns wichtige Informationen über ihre Haltungsbedürfnisse liefern. (© Getty Images)

Wild geboren oder wild gemacht?

Die 36, die in der Ukraine aufschlugen, stammten nicht nur aus dem Zoo-Zuchtprogramm, sondern hatten obendrein ihren „Job“ als Wildpferd regelrecht gelernt. Zum Arterhaltungsprogramm der Takhis gehört nämlich, dass die in Zoos geborenen Fohlen so wenig Kontakt zu Menschen wie möglich haben, dafür aber sehr früh mit ihren künftigen Lebensgefährten zusammen leben. Dazu werden sie in Semi-Reservaten – relativ kleinen, übersichtlichen Gebieten, in denen sie beobachtet und im Notfall versorgt werden – gehalten, bis sie reif zum Auswildern sind.

Dass dabei für drei Dutzend Pferde die „Todeszone“ bei Tschernobyl als neuer Lebensraum ausgesucht wurde, ist übrigens kein Widerspruch in sich. Die Strahlung dort ist bei Menschen krebserregend, wobei es allerdings einige Jahre Aufenthalt in diesem Gebiet braucht. Bei Pferden wirkt sie auch – aber bei einer Lebensdauer, die in der Wildnis selten länger als 25 Jahre beträgt, kommt sie meist nicht zum Tragen.

Takhis haben es gerne gemütlich

Doch ihre Situation ist nicht nur bezüglich der Verstrahlung besonders, sondern auch, weil sie in einer ursprünglich dicht besiedelten Gegend leben. Damit eröffnen sich ihnen Möglichkeiten, die ihre Kumpels in anderen Ecken nicht haben. Bei denen hat man nämlich sorgfältig darauf geachtet, dass sie möglichst keine Berührung mit Menschen und ihren Ansiedlungen haben.

Die Herrschaften im Sperrbezirk aber leben inmitten aufgegebener Bauernhöfe – und als sich einige Forscher von der University of Georgia dort umschauten, stellten sie fest, dass die Ställe benutzt worden waren. Da lagen relativ frische Rossäpfelchen, da fanden sich Pferdehaare. Also installierte man Kameras mit Bewegungsmeldern – und die haben insgesamt 11.000 Bilder von den scheuen Pferden geschossen. Bei der Auswertung haben die Verhaltensforscher vermutlich Bauklötzchen gestaunt, denn sie hatten jede Menge Schnappschüsse von Takhis im Stall.

Ruinen im Wald

Alte Ruinen bieten den Tieren gute Unterschlupfmöglichkeiten. (© Imago Images)

Entspannter als erwartet: Przewalski-Pferde im Stall

In Gruppen und einzeln, bei eisigem Wind und bei strahlendem Sonnenschein, bei Regen und Schnee, im Frühjahr und im Sommer. Und mehr noch: Im Stall wirkten die lieben Tiere total entspannt. Es gibt Bilder von dösenden und schmusenden Pferden, von raufenden und kuschelnden Youngstern, es gibt Mutter-Kind-Idyllen und jede Menge Pferdepornos – das sogar in relativ niedrigen Ställen, wo die Herren Hengste die Köpfe einziehen müssen.

Und dann gibt es da auch Pferde, die selig auf der Seite liegend, alle Viere von sich gestreckt, schlafen und damit zeigen, dass sie den Stall als sichere Zone sehen. Darin finden sie nicht nur Schutz vor den Unbilden des Wetters – und wir erinnern uns: In der Ukraine wird’s im Winter eisig kalt – sondern auch vor Fressfeinden. Und ja, in der Todeszone ist das ein Thema. Da gedeihen nämlich nicht nur Przewalski-Pferde, sondern auch Luchse, Wildkatzen, Wölfe und große Greifvögel, die zumindest jungen oder schwachen Pferden gefährlich werden können.

Hier ist die Hausung, hier ist der Hort …

… schrieb der Dichter Albrecht Goes. Die Takhis sehen ihre Ställe wohl als Hausung und Hort. Sie kommen immer wieder dahin, sie schlafen und wohnen da – vermutlich gehen sie nur raus, um Futter zu suchen und sich die Beine zu vertreten. Den Zeiten nach, die sie im Stall verbringen, tun sie das aber gar nicht so oft, wie man bisher angenommen hat. Ihre angeblich so ausgeprägte Bewegungsfreude und Wanderlust zeigen sie nämlich nur dann, wenn das Futter knapp ist und sie weit herumziehen müssen, bis sie das Nötige zusammen haben.

Eigentlich ist das, was uns die Takhis, die da ganz vom Menschen unbeeinflusst leben, zeigen, eine Sensation. Es widerspricht nämlich in Einigem dem, was wir bisher über Pferde und ihre Bedürfnisse zu wissen glaubten. Und so kann man nur hoffen, dass die freien Takhis in der Todeszone uns noch mehr über Pferde beibringen werden.

Videoaufnahme von Wildpferden im Stall

Forscher der University of Georgia stellten durch Videoüberwachung fest, dass die Wildpferde sehr viel in den Stallungen sind und dort extrem ruhig und entspannt sind. (© University of Georgia)

Von den Przewalski-Pferden lernen

Wie sagte einer meiner Reitlehrer einmal? „Reiten ist die teuerste Art, sich täglich zu blamieren.“ Bei mir kann man das noch erweitern: Ich kann mich sogar blamieren, ohne in den Sattel zu steigen. Ich schaff’s nur mit der großen Klappe – die mir so an die 40 Jahre dazu gedient hat, zu erzählen, dass Pferde nicht „offen“ genug gehalten werden können und ein ausgeprägtes Bewegungsbedürfnis haben. Raus mit ihnen auf die Wiese, wer braucht schon einen Stall? Vom Wuschelpony bis zum Edelblüterprinzen – raus mit ihm!

Aber dann kam er, der elegante, schwarzbraune Oldenburger mit der verkorksten Biografie, der es schaffte, mich jeden Tag mindestens ein Mal infrage zu stellen. Mein Tagesprogramm sah entsprechend aus: Morgens ab in den Stall, Hottemax putzen, bespaßen – natürlich mit einem wohlüberlegten, täglich wechselnden Programm – und beschmusen. Danach kam der Knabe auf die Wiese, allerdings – und es war mir immer ein wenig peinlich, weil ich ja schon x-mal geschrieben hatte, dass Pferde Herdentiere sind und Gesellschaft bringen – alleine, weil er jedes andere Pferd angiftete und angriff.

Persönlicher Wendepunkt in der Pferdehaltung

Danach ging ich meist einkaufen – und ich schaffte es selten einmal, aus dem Laden rauszukommen, ohne dass mein Telefon vermeldet hatte: „Dein Monster steht brüllend am Koppeltor!“ Dann fuhr ich wieder in den Stall und packte meinen Dicken in die Box – worauf er zufrieden döste und aussah, als ob er kein Wässerchen trüben könnte. Ich konnte mich auf den Kopf stellen: Er begriff einfach nicht, wie toll er Koppel finden sollte, wie sehr er sich über Pferdekumpels freuen und wie sehr er Bewegung genießen sollte.

Er erinnerte mich an die Affeneinfangmethode des Züricher Zoodirektors und Verhaltensforschers Heini Hediger. Wann immer in Zürich ein Affe flitzen gegangen war, holten sich die Tierpfleger eine Schlange und zeigten sie dem Ausbrecher, worauf der im sprichwörtlichen Affenzahn in seinen Käfig flüchtete. Manche zogen sogar die Tür noch hinter sich zu. Der Käfig war für sie Sicherheit vor der instinktiv gefürchteten Schlange.

Pferde liegen im Stall

Und dann gibt es da auch Pferde, die selig auf der Seite liegend, alle Viere von sich gestreckt, schlafen und damit zeigen, dass sie den Stall als sichere Zone sehen. (© Christiane Slawik)

Przewalski-Pferde bringen uns zum Umdenken

Bei meinem Oldenburger rechnete ich sein „komisches“ Verhalten als Resultat seiner verkorksten Aufzucht. Und bei den Affen – ja, mei, das waren Zootiere. Aber jetzt sind da die Przewalskis, eine Gruppe mit drei Generationen, von denen zwei – die in der Ukraine geborenen – nie Kontakt zu Menschen hatten. Und alle, alle wollen sie in den Stall.

Ich denke, es wird Zeit zum Umdenken – und Weiterforschen. Vielleicht sollten wir einmal den „Versuchsbetrieb“ eröffnen, auf dem die Pferde unter verschiedenen Möglichkeiten auswählen können? Ein Chip ans Halsband, der Türen öffnet – und schon kann der Hottemax selbst entscheiden, ob er sich in eine ruhige Einzelbox verzieht oder mit den Kumpels in den Gruppenstall, ob er sich aufs Paddock stellt und für sich bleibt oder lieber auf die Kieskoppel zum Gruppenkuscheln. Oder vielleicht doch lieber Gräschen knabbern auf der Wiese? Der Chip zeichnet es auf – und nach ein paar Monaten können wir dann hoffentlich herausfinden, was Pferde wirklich wollen und wie wichtig ihnen der Stall ist.

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