"Muskelkater hat einen destruktiven Charakter in der Muskelzelle. Ein moderater Muskelkater ist in Ordnung, ein starker sollte vermieden werden." - Tierarzt Dr. Stephan Plank
Es ist Sommer, und die Reitsaison läuft auf Hochtouren. Die Tage sind endlich wieder lang, die Ställe voller Leben, und die Reiterherzen blühen auf. Lange Ausritte, häufigeres Training, Lehrgänge und Turniere gehören jetzt für viele Reiter wieder zum Alltag. Wo mehr Bewegung und Belastung ins Spiel kommen, kann jedoch Muskelkater beim Pferd zum Thema werden. Hooforia hat sich dieses Phänomen genauer angeschaut. So selbstverständlich diese Reaktion im Trainingsalltag erscheint, so wenig klar ist oft, was im Körper wirklich passiert und wie wir ihn unterstützen können.
Pferdemuskeln bestehen aus Bündeln von Muskelfasern, die sich unter Belastung anpassen und wachsen. Muskelkater tritt vor allem dort auf, wo der Körper stark gefordert wird – häufig sind das Schulter, Vorderbrust, Hinterhand und Rücken. Muskelkater entsteht durch mikroskopisch kleine Verletzungen in den Muskelfasern – meist nach ungewohnt intensiver Belastung. In der Folge kommt es zu Entzündungsreaktionen: Flüssigkeit tritt ins Gewebe aus, der Muskel schwillt an, und der erhöhte Druck im Gewebe verursacht die typischen Schmerzen. In der Fachsprache wird das als Myalgie bezeichnet.

Muskelkater: In dieser Phase sind Muskeln oft druckempfindlich und leicht angeschwollen. (© Christiane Slawik)
Der richtige Umgang mit Muskelkater beim Pferd
Für den Umgang mit Pferden ist es wichtig, erkennen zu können, welche Symptome zu einem Muskelkater gehören und welche nicht. Es gilt, darauf zu achten, dass es zu keinem starken Muskelkater kommt, bei dem die Muskeln und der gesamte Organismus Schaden nehmen. Laut Tierarzt Dr. Stephan Plank zeigen Pferde bei einem leichten, moderaten Muskelkater einen steiferen Gang, wohingegen sie bei einem starken Muskelkater vermehrt mit den Hufen scharren und schwitzen können.
Ebenfalls Zeichen für eine übermäßige, gesundheitsschädigende Belastung sind häufiges Umschauen sowie Zittern und wenn die Pferde insgesamt angespannt wirken. Manche Symptome ähneln denen einer Kolik. Typisch ist auch der zeitliche Verlauf: Die Schmerzen treten oft erst 12 bis 24 Stunden nach der Belastung auf und können mehrere Tage anhalten – besonders, wenn es zu tieferen Muskelfaserrissen gekommen ist.
- Direkt nach intensiver Belastung kann Kühlen helfen, Entzündungen zu lindern und Schwellungen zu reduzieren.
- Nach etwa 12 bis 24 Stunden sind dagegen Wärme, Rotlicht und leichte Bewegung sinnvoll.
- Auch durchblutungsfördernde Salben können die Regeneration unterstützen.
Besonders Wärme spielt eine wichtige Rolle, weil sie die Heilung der Mikroverletzungen fördert. Bei stärkeren Schäden können Tierärzte entzündungshemmende Medikamente einsetzen. Auch Anwendungen wie Magnetfelddecken werden genutzt, um die Durchblutung anzuregen.

Tipp: Eine durchwärmte, vorbereitete Muskulatur ist leistungsfähiger und beugt Verletzungen vor. (© Christiane Slawik)
Mythos vs. Wahrheit: Was stimmt bei Muskelkater eigentlich?
Rund um das Thema Muskelkater kursieren Halbwissen, Mythen und Wahrheiten. Tierphysiotherapeutin und Tierosteopathin Anna Wertenbroch ist das Ganze mit Hooforia durchgegangen und hat für uns viermal Licht ins Dunkel gebracht.
Dehnen vor der Arbeit hilft, um Muskelkater vorzubeugen.
Mythos: Dehnen sollte man die Muskulatur nach dem Sport, wenn sie aufgewärmt ist. Das ist auch durchblutungsfördernd. Muskelkater kann dies allerdings nicht verhindern.
Von einer längeren Hängerfahrt bekommen Pferde Muskelkater.
Wahrheit: Das Pferd muss sich über Stunden ausbalancieren. Das beansprucht die Halte- und Tiefenmuskulatur.
Eine Massage lindert den Muskelschmerz.
Mythos: Muskeln sind in dieser Phase typischerweise deutlich druckempfindlicher. Wenn Muskelschmerzen allerdings durch eine Verspannung verursacht sind, kann eine Massage lindernd wirken.
Pferde zeigen Muskelkater immer an.
Wahrheit: Ja, indirekt über ihr Gangbild. Das Pferd läuft sichtlich steifer und kann Bewegungsunlust zeigen. Es ist allerdings wichtig, seinen Blick so zu schulen, dass man solche Veränderungen auch erkennen kann.
Hat das Pferd Muskelkater oder doch etwas Ernstes?
Wichtig ist laut Dr. Plank die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen wie Kolik oder Kreuzverschlag. Erste Aufschlüsse kann das Trainingsverhalten der letzten Tage geben. Hatte mein Pferd Ruhe oder Belastung? Während Muskelkater typischerweise verzögert nach einer Anstrengung auftritt, entsteht ein Kreuzverschlag häufig nach Ruhephasen bei gleichzeitig hoher Energiezufuhr. Dabei gerät der Muskelstoffwechsel aus dem Gleichgewicht.
Hinweise liefern auch Begleitsymptome: Fieber und dunkler Urin sprechen eher für einen Kreuzverschlag. Betroffene Pferde bewegen sich oft stocksteif oder gar nicht mehr. Eine Blutuntersuchung gibt Aufschluss über erhöhte Muskelwerte. Typisches Wälzen, häufiges Hinlegen und Wiederaufstehen deuten dagegen eher auf eine Kolik hin.

Mindestens zwei bis drei Mal die Woche trainieren beugt Muskelkater vor und baut Muskeln ausreichend auf, um eine gute Tragfähigkeit zu erreichen und zu erhalten. (© Christiane Slawik)
Kontinuität im Training ist wichtig für den gesamten Organismus
Auch in der Wildnis kommt Muskelkater vor – etwa, wenn Pferde plötzlich fliehen oder lange Strecken zurücklegen müssen. Der Unterschied: Sie sind kontinuierlich in Bewegung, ihr Körper ist an gleichmäßige Bewegung angepasst. Laut Dr. Plank wird genau hier der entscheidende Faktor sichtbar. Nicht die Anstrengung an sich ist das Problem, sondern unregelmäßiges oder schlecht aufgebautes Training.
Ziel ist daher zu keinem Zeitpunkt Erschöpfung der Muskeln: Tiefergehende Schäden verlängern die Regeneration und werfen das Pferd im Trainingsaufbau eher zurück. Das Training spielt also eine entscheidende Rolle – nicht nur im Leistungssport, sondern bei jedem Pferd. Training, Belastung und Regeneration lassen sich also nie pauschal betrachten. Jedes Pferd reagiert anders – abhängig von Trainingszustand, Muskulatur, Haltung und individueller Belastbarkeit. Umso wichtiger ist ein Trainingsaufbau mit langsamer, durchdachter Steigerung, um den Körper nicht aus dem Gleichgewicht in eine Überforderung zu bringen.
Expertenrat: Wichtig ist ein regelmäßiges Muskeltraining. Mindestens zwei bis drei Mal die Woche, das beugt Muskelkater vor und baut Muskeln ausreichend auf, um eine gute Tragfähigkeit zu erreichen und zu erhalten.
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