Zwei Pferde beim Transport in einem Anhänger © Christiane Slawik

Diesen Anblick wünscht man sich. Doch was, wenn sich ein Pferd nicht mit anderen transportieren lässt?

Meine elfjährige Fuchsstute ist charakterlich nicht ganz unkompliziert, ließ sich über Jahre hinweg aber normal transportieren. Sie mochte andere Pferde im Alltag nicht besonders gern, das war aber insgesamt händelbar. Beim Transport hatte es bis dahin keine auffälligen Probleme gegeben.

Wenn das Pferd beim Transport ausrastet

Dann begann sie plötzlich, sobald sie gemeinsam mit anderen Pferden transportiert wurde, massiv auszurasten. Sie schlug vorne und hinten aus, wurde im Transporter oder Lkw gefährlich unruhig und ließ sich in solchen Situationen kaum noch kontrollieren. Es wurde so schlimm, dass man sie teilweise vom Fahrzeug wieder herunterholen musste.

Mit der Zeit weitete sich das Problem auf alle Transporte aus, bei denen ein anderes Pferd neben ihr stand. Es kam zu gefährlichen Situationen: Sie fiel hin, schlug sich hinten die Eisen ab und verletzte sich. Besonders auffällig ist: Sobald man sie alleine auf einen Lkw, einen Zweier-Transporter oder einen Anhänger stellt, ist sie völlig unproblematisch. Dann steht sie brav und ruhig. Das Problem tritt offenbar nur dann auf, wenn ein anderes Pferd neben ihr steht.

Pferdeanhänger auf dem Parkplatz eines Reitsportturniers

Im Einzeltransport zum Turnier gibt es keine Probleme. Sobald es einen Hänger-Nachbarn gibt: Volle Eskalation! (© Christiane Slawik)

Nicht mal sedieren half beim Pferdetransport

Besonders dramatisch wurde es auf einer Fahrt nach Holland: Auf dieser Fahrt musste dreimal angehalten werden, um die Stute zu sedieren. Am Ende hielt die Sedierung nicht lange genug an, sodass sie unterwegs in einem Stall abgeladen werden musste. Danach kam jemand mit einem Anhänger hinterher, während der Lkw mit den anderen Pferden weiter zum Turnier nach Holland fuhr.

Meine bisherige Lösung war, sie möglichst nur noch alleine zu transportieren. Das funktioniert zwar, ist aber im Turnier- und Stallalltag natürlich sehr einschränkend. Für mich wäre besonders interessant:

  1. Was kann hinter einem so plötzlich auftretenden Verhalten stecken?
  2. Welche körperlichen, hormonellen oder verhaltensbedingten Ursachen sollte man abklären?
  3. Und wie kann man mit einem Pferd umgehen, das alleine problemlos transportierbar ist, aber neben anderen Pferden gefährlich reagiert?

Pferd rastet beim Transport aus: Tipps von der Verhaltensexpertin

„In dem Moment, in dem die Stute das heftige Verhalten im Hänger in Verbindung mit anderen Pferden zeigt, befindet sie sich in einem Zustand von hoher Aktivierung im Nervensystem. Das bedeutet, sie hat großen Stress und reagiert mit Kampf und Flucht“, lautet Moirin Ferlemanns erste Einschätzung. Sie ist Trainerin und Verhaltensexpertin für traumatisierte Pferde und ist deshalb unsere erste Ansprechpartnerin für Fälle wie diesen.

Moirin Ferlemann, Verhaltensexpertin für traumatisierte Pferde

Kennt sich bestens mit verhaltensauffälligen Pferden aus: Die Trauma-Expertin Moirin Ferlemann. (© Jördis Brunke)

Mögliche Ursachen für einen Crashout beim Pferdetransport

  • Wenn das Verhalten plötzlich auftritt, obwohl es vorher in dieser Form noch nicht aufgetreten ist, kann das damit zusammenhängen, dass ihre Kapazität mit Stress umzugehen, geringer geworden ist. Es könnte daran liegen, dass die Stute sich im sogenannten Stacking (Stressansammlung) befindet. Das bedeutet, dass es mehrere Stressauslöser im Alltag gibt, die für sich genommen nicht so dramatisch sind. Aber sie bewirken, dass die Stute keine Kapazität mehr dafür hat, wenn noch ein etwas größerer Stressauslöser dazu kommt, und dass sie dann „explodiert“.
  • Eine andere mögliche Ursache wäre, dass es ein Ereignis gab, bei dem die Stute unter hohem Stress stand und dabei ein Stück weit traumatisiert wurde. Es kann sein, dass das nicht bekannt ist, weil es ohne das Beisein von Menschen passiert ist. Wenn die Stute dann mit einem anderen Pferd im Hänger steht, kann es sein, dass es dort einen Auslöser gibt, der sie an das erlebte Ereignis erinnert und sie dadurch die heftigen Reaktionen zeigt.
  • Es kann auch sein, dass ein Vitamin- oder Mineralstoffmangel vorliegt oder eine Erkrankung besteht, die zu einer erhöhten Stressanfälligkeit führen kann.

Was kann man bei einem ausrastenden Pferd tun?

Zunächst sollten Sie mögliche Erkrankungen und Mängel durch eine tierärztliche Untersuchung und ein Blutbild abklären lassen. Zusätzlich kann eine osteopathische Untersuchung sinnvoll sein, um körperliche Spannungen oder Bewegungseinschränkungen zu erkennen.

Zudem rät Ferlemann dazu, Tierkommunikation und alternative Heilungsmethoden einzubeziehen. Und immer gilt: Mögliche Stressfaktoren im Alltag reduzieren, um einer Stressansammlung (Stacking) entgegenzuwirken. Dazu zählen:

  • Regelmäßiger bzw. dauerhafter Zugang zu Raufutter
  • Die Möglichkeit zur Futtersuche bzw. zum Grasen
  • Möglichkeit für ausreichend Bewegung
  • Passende Kontakte zu anderen Pferden
  • Entspannter Kontakt zu Menschen im Alltag und Training

Der Kontakt zu anderen Pferden ist im Fall der Fuchsstute ein sehr wichtiger Punkt, weil der Stress in Verbindung mit anderen Pferden ausgelöst wird. Die Stute braucht stabile, nicht wechselnde Kontakte in einer Herde mit Pferden, mit denen sie Freundschaften entwickeln kann. – Moirin Ferlemann –

Die Begegnung und das Zusammenleben in der Herde sollten in einer Umgebung stattfinden, in der es genug Fläche zum Ausweichen gibt und jedes Pferd jederzeit Zugang zu Futter haben kann.

Trainingstipps für einen entspannteren Pferdetransport

Punkt Eins ist, die Stute in näheren Kontakt mit anderen Pferden bringen. Dazu ein befreundetes Pferd wählen und mit diesem Pferd zusammen folgende Schritte durchgehen.

Zwei Trakehner auf der Weide

Bei der Gewöhnung an andere Pferde ist es wichtig immer sicherzustellen, dass es genügend Platz gibt, um sich auch mal aus dem Weg zu gehen. (© Christiane Slawik)

Übung 1: Nebeneinander führen

In einem Abstand beginnen, in dem die Stute die erste Stressreaktion zeigt. Wenn es bei 5 Metern Abstand beginnt, dann auf 5 Metern Entfernung so lange laufen, bis sich die Stute komplett entspannt.

Falls eine Entspannung im ersten Durchgang nicht möglich ist, dann nur kurz in den Kontakt auf 5 Metern Abstand gehen und die Stute anschließend wieder weggehen lassen, warten, bis sie sich entspannt, und dann erneut in den Kontakt gehen. So lange diesen Wechsel machen, bis die Stute weniger Stress auf der 5-Meter-Entfernung zeigt.

Die gleiche Übung auf mehrere Sessions verteilt wiederholen, bis sie entspannt dicht neben dem anderen Pferd laufen kann. Dann die Seite wechseln, sodass die Stute auf der anderen Seite vom Pferd läuft, und dort den Übungsprozess neu beginnen.

Übung 2: Kontakt von allen Seiten

Dann auch anfangen, ein Pferd stehen zu lassen und das andere Pferd um das stehende Pferd herumzubewegen. In verschiedenen Richtungen, seitwärts, rückwärts und in verschiedener Geschwindigkeit.

Übung 3: Gewöhnung an den Anhänger

Wenn das alles entspannt klappt, mit den beiden Pferden in Richtung Anhänger gehen und dort die bereits bekannten Übungen auf mehrere Sessions verteilt wiederholen. Erst mit etwas Entfernung zum Anhänger und dann auch direkt am Anhänger.

Wenn es neben dem Anhänger gut klappt, kann begonnen werden, direkt am Anhänger zu üben. So, dass das zweite Pferd mit zwei Hufen auf der Klappe steht und die Stute dann für einen kurzen Moment neben das Pferd gestellt wird und sich anschließend wieder entfernen kann.

Dann Schritt für Schritt immer weiter in den Anhänger hineingehen. Dass das andere Pferd zum Beispiel bis zur Hälfte in den Hänger geführt wird und die Stute dann auch ganz kurz bis zur Hälfte in den Hänger hineingeht, neben dem anderen Pferd, danach aber sofort wieder hinausgehen darf.

Das so lange wiederholen, bis die Stute entspannt neben dem anderen Pferd im halben Hänger stehen kann.

Übung 4: Einsteigen bitte!

Dann das andere Pferd bis ganz vorne in den Hänger führen und mit der Stute das Gleiche in dieser Position üben.

Pferd, das ausrastet wird in den Anhänger geführt

Jetzt wird es ernst: Ein Pferd kommt in den Hänger, das zweite wird langsam immer weiter hineingeführt. (© Christiane Slawik)

Hierbei ist es wichtig, dass die Stute sich frei genug fühlt, immer wieder zurückzugehen und noch nicht lange dort festgehalten wird. Es geht darum, die Stute nur so weit an die Situation heranzuführen, dass sie noch ansprechbar bleibt und anschließend wieder Entspannung finden kann. Die Stute muss die Erfahrung machen, dass sie anschließend wieder dort weggehen darf.

Wenn das bis ganz vorne in den Hänger gut klappt und die Stute entspannt ist, dann kann es auch andersherum geübt werden. Dass die Stute an einer Stelle steht und dann das andere Pferd dazu geholt wird und wieder weggeht, nachdem es einen kleinen Moment dort neben der Stute gestanden hat.

Übung 5: Stange und Klappe

Wenn das auch gut klappt, dann kann mit der hinteren Stange und der Klappe gearbeitet werden. So, dass, wenn beide Pferde drin stehen, eine Person die Stute hinten mit der Stange berührt.

Wenn sie dabei angespannt ist, dann wieder rausgehen lassen und das mehrmals wiederholen, bis irgendwann die Stange zugemacht wird, wenn die Stute entspannt genug ist. Es ist gut, wenn ein Mensch vorne am Kopf mit den Pferden im Kontakt sein kann, am besten von außen durch eine Tür.

Wenn die Stute mit der Stange entspannt ist, kann auch die Klappe für einen kleinen Moment zugemacht werden und dann sofort wieder geöffnet werden und die Pferde werden herausgeholt.

Nach und nach kann die Zeit, in der die Pferde im Hänger stehen, immer weiter verlängert werden, bevor die Pferde wieder herausgeholt werden. Dabei ist es wichtig, weiterhin vorne durch die geöffnete Tür im Kontakt mit den Pferden zu bleiben.

Wenn das Pferd ausrastet: Transport-Training mit Anhänger

Immer in kleinen Schritten: Steht das Pferd ruhig in Anhänger, kann die Klappe für einen Moment geschlossen werden. Dieser „Moment“ wird dann im Laufe des Trainings immer länger … (© Christiane Slawik)

Übung 6: Bewegung ist Spiel bringen

Wenn es mit dem stehenden Hänger gut klappt, kann angefangen werden, wenige Meter zu fahren und danach sofort wieder auszuladen. Danach kann die Fahrtzeit immer weiter verlängert werden.

Übung 7: Hallo Fremder!

Wenn die Trainingsschritte mit dem befreundeten Pferd gut klappen, kann als Nächstes ein anderes befreundetes Pferd mit der Stute die Schritte durchgehen. Wenn das auch gut klappt, kann ein Pferd genommen werden, mit dem die Stute noch nicht so eng verbunden ist.

Pferde in einem Pferdetransporter

Ziel des Trainings ist, dass sich das Pferd am Ende ganz ruhig transportieren lässt – ganz egal, wer noch dabei ist. (© Christiane Slawik)

Trainings-Hinweise der Expertin für ein entspanntes Pferd beim Transport

  • Es ist bei den Übungen wichtig, sehr viel im Kontakt mit den Pferden zu bleiben und sie nicht alleine regeln zu lassen, sondern vorzugeben, was okay ist und was nicht. Wenn die Stute zum Beispiel anfängt zu beißen, klar zu sagen, dass das nicht in Ordnung ist, und gleichzeitig noch einmal zu schauen, ob vielleicht zu schnell vorgegangen wurde.
  • Es hilft, wenn das Training an einem Ort stattfindet, an dem die Pferde generell entspannt sind. Auch hilft es, während des Trainings denselben Hänger zu verwenden und im besten Fall auch die gleichen Menschen, die das Training machen.
  • Futter als Unterstützung für das Training oder ein Heunetz würde ich nur einsetzen, wenn die Stute das Futter in absoluter Entspannung fressen kann und sie dadurch nicht gestresst wird. Wenn das der Fall ist, kann in jedem Moment das Training mit Futter unterstützt werden.
  • In dem ganzen Übungsprozess ist es wichtig, langsam vorzugehen, ihn auf viele Sessions aufzuteilen und viele Pausen zu machen, damit die Stute alles gut integrieren kann. Jeder einzelne Trainingsschritt muss bis zur Entspannung geübt werden.

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