Das Pferd unkompliziert und stressfrei ein- und ausladen. Wer wünscht sich das nicht?
Es gibt sie, diese Pferde, die Experten darin sind, sich nicht verladen zu lassen. Sie steigen partout nicht auf die Klappe, weigern sich teilweise sogar, sich dem Hänger nur zu nähern und werden panisch. Wenn die Fahrt unbedingt sein muss, gibt es möglicherweise eine Sedierung – die im schlechtesten Fall dazu führt, dass die Pferde die Fahrt nicht sicher überstehen. Ob sich ein Pferd sicher verladen lässt oder nicht, kann aber über Leben und Tod entscheiden. Mit einem Pferd nicht zum Turnier fahren zu können, ist das eine. Im Notfall nicht in eine Klinik zu kommen, ist ein ganz anderes Level.
Fallbeispiel aus dem echten Leben
Im Rahmen unserer Transport-Themenwoche haben wir euch nach euren Verlade-Storys gefragt und Experten ins Boot geholt.
Dieser besondere Fall, den HOOFORIA vorstellt, erzählt von einer Stute, die auf den Hänger zwar zügig hinaufgeht – aber nicht mehr herunterkommt. Im Gegenteil, denn die siebenjährige Selle-Français-Stute geht keinen Meter rückwärts. Ihre einzige Strategie, den Hänger zu verlassen: Sie rennt beim Abladen panisch vom Transporter oder Lkw oder springt regelrecht die Rampe hinunter. Dabei hat sie sich selbst mehrfach verletzt und bringt auch jedes Mal ihre geduldigen Zweibeiner in Gefahr. Es wirkt, als hätte sie nie gelernt, rückwärtszugehen.
Man traut sich kaum noch, ein Turnier zu nennen, weil man vorher schon weiß, dass spätestens beim Abladen wieder eine gefährliche Situation entstehen kann.
Versucht man, die Trennwand umzubauen oder herauszunehmen, damit sie sich umdrehen und vorwärts herausgehen kann, entsteht das nächste Problem: Sie sprintet los und springt um die Ecke heraus. Auch ein Zweier-Anhänger mit seitlichem Frontausstieg konnte das Problem nicht lösen. Alle Versuche, die Stute mit Ruhe zu leiten oder sie anderweitig am Herunterspringen zu hindern, scheiterten. Die Folgen: Sie rutschte bei der Landung auf dem Asphalt aus und verletzte sich erneut. Interessant ist, dass das Sorgenkind ähnliches Verhalten im gesattelten Zustand zeigt, wann immer sie aufgefordert wird, durch eine Tür zu laufen, wie der Ausgang einer Box oder der Eingang in die Halle. Sie gerät in Panik und schießt los.
Transporteurin Katrin Bernat von reisePFERDig hat langjährige Erfahrungen mit Transport-Problempferden und den Fall an sich genommen. Für die französische Selle-Français-Stute heißt es von nun an: Statt Kickstart und Weitsprung lieber „tanzen“, und zwar Discofox. So oft es geht.
Gewusst wie: Q&A mit Katrin Bernat!
Liebe Katrin Bernat, was scheint hier das Problem zu sein?
Für mich klingt es nach einer Herausforderung mit seitlichen Engpässen und dem Rückwärtstreten in einen Raum, den die Stute nur fühlen, aber nicht sehen kann. In der Praxis habe ich häufig Pferde, die es zunächst noch ganz spannend finden, in den Pferdetransporter hineinzugehen, dann aber sehr zügig oder sogar springend wieder hinauswollen. Ich löse das über Wiederholungen und ignoriere das Rausspringen weitgehend. Das bedeutet: Ich „bestrafe“ das Rausrennen nicht, sondern lasse das Führseil – mindestens 3,5 Meter lang – so locker wie möglich, gebe am Seil nach und hole den Kopf anschließend wieder zu mir, sodass das Pferd erneut in der Ausgangsposition mit dem Kopf in Richtung Transporter steht.
Worauf muss unbedingt geachtet werden?
Wir Menschen neigen dazu, unerwünschtes Verhalten unbewusst zu verstärken, indem wir genervt, panisch, frustriert oder strafend reagieren. Für das Pferd entsteht dadurch zusätzliche Energie genau an der Stelle, die eigentlich ruhiger werden soll.
Deshalb lege ich meinen Fokus bewusst auf das, was gut und ruhig funktioniert. „Fehler“ ignoriere ich so weit wie möglich, während ich ruhige, gute Ansätze emotional wohlwollend wahrnehme und belohne. Pferde lesen unsere Energie sehr genau. Eine verzeihende, klare Haltung gibt ihnen viel mehr Sicherheit als Einschüchterung, Drohung oder Druck.
Welches Gefährt könnte es der Stute erleichtern, in Ruhe hinauszugehen?
Mit einem Pferdetransporter habe ich den Vorteil, dass ich die Pferde oben drehen lassen beziehungsweise mit ihnen durchlaufen kann, ohne meine eigene Position verändern zu müssen. Dadurch können sie vorwärts wieder herausgehen. Wenn das Runterlaufen zu zügig ist, wiederhole ich den Ablauf so oft, bis ein kurzes Anhalten vor dem Rauslaufen möglich ist. Dieses Anhalten wird dann belohnt, zum Beispiel durch eine Pause oder durch Leckerlis.
Wie kann man in diesem konkreten Fall unserer Leserin vorgehen?
Für das Anhalten an der oberen Rampenkante steht das Pferd rechts von mir. Ich halte es mit einem leichten Zug am Halfter zurück, entspanne dann wieder alles, lasse die Schultern sinken und das Seil locker. Dann genießen wir zusammen kurz die Aussicht. Spätestens jetzt steht niemand mehr vor oder neben der Rampe! Wird immer wieder vergessen.
Kann das Pferd stehen bleiben, achte ich darauf, ob es mich durch ein Neigen des Kopfes in meine Richtung „fragt“, was jetzt zu tun ist. Das ist für mich der Jackpot. Wenn diese Frage vom Pferd kommt, antworte ich innerlich oder auch laut: Danke, dass du fragst. Wir gehen jetzt mit einem deutlichen Ausatmen raus! Mein Blick ist dabei auf die Rampe gerichtet. Und ich wiederhole mich gern: Niemand steht vor der Rampe herum.

In Verbindung sein: Katrin Bernat ist stets in der Kommunikation beim Verladen. (© Jessica Freymark)
Und was, wenn das Pferd nicht “fragt“?
Ist diese Frage vom Pferd noch nicht möglich, gebe ich das Zeichen zum Rausgehen, und zwar bevor sich das Pferd selbst zum Losrennen entscheidet. Dadurch entsteht beim Pferd das Gefühl: „Oh, der Mensch versteht mich. Rausgehen wäre jetzt auch meine Idee gewesen.“ Das schafft Vertrauen.
Wenn das Rückwärtstreten die eigentliche Herausforderung ist, würde ich mit dem Pferd Discofox tanzen. Das bedeutet: vor und zurück in fließenden Bewegungen, bei allen nur denkbaren Gelegenheiten, zum Beispiel auch am Hallentor.
Stimmt – da wäre ja noch die Sache mit den Türen und Toren
Step by Step: Man bleibt vor dem Tor stehen, geht einen Schritt heran, zwei Schritte zurück, wieder einen Schritt heran, zwei Schritte zurück. Auch hier arbeite ich mit Wiederholungen, bis ein ruhiges Anhalten an der engsten Stelle möglich ist.

Das Durchqueren von Toren, Gassen und Durchgängen lässt sich optimal bei der Bodenarbeit üben. (© Christiane Slawik)
Beim Durchgehen durch Tore oder ähnliche Engstellen würde ich das Pferd nicht klassisch führen, sondern eher schicken. Das heißt: Ich bleibe vor dem Tor stehen und schicke das Pferd vor mir her, ohne dass Mensch und Pferd sich gleichzeitig durch die Engstelle quetschen müssen. Wenn mir das Pferd dabei zu schnell wird, schüttele ich leicht am Seil, um es zu verlangsamen.
Das Durchschreiten von Toren oder Türen kann auch mit einer Gasse aus Schwimmnudeln geübt werden. Dabei entstehen seitliche Berührungen am Pferdekörper, die der Stute im beschriebenen Fall scheinbar besonders unangenehm sind.
Woran könnte es liegen, dass die Stute hier Schwierigkeiten hat?
Für mich wirkt es so, als könne die Stute ihre eigene Breite noch nicht gut einschätzen. Das ist ein ähnliches Phänomen wie bei einem Kleinwagenfahrer, der plötzlich einen Lkw fahren soll oder in einem riesigen SUV sitzt: Das Gefühl für die eigene Breite braucht Zeit und Übung.
Ich würde die Engpassübungen deshalb zunächst mit Sprungständern beginnen, die anfangs sehr breit aufgestellt sind und im Laufe der Zeit enger gestellt werden. Später kann man Schwimmnudeln oder andere weiche Materialien befestigen, die die Stute seitlich berühren. Natürlich wird der Schwierigkeitsgrad erst erhöht, wenn der aktuelle Durchgang ruhig absolviert werden kann.
Wie kann man das ruhige, sichere Rückwärtsgehen üben?
Wenn ein Pferd rückwärts schießt, würde ich auf keinen Fall versuchen, mit starkem Druck am Seil gegenzuhalten. Stattdessen lasse ich das Seil eher locker und begleite das Rückwärtsgehen so gut es geht.
Wenn das Rückwärtsgehen – wie hier beschrieben – nicht gut funktioniert, würde ich am Boden das angelehnte Rückwärtsrichten üben. Dabei bekommt die Stute am Po eine ruhige, konstante Begrenzung beim Rückwärtslaufen, zum Beispiel durch einen Stick oder eine Gerte. Wichtig ist: Stick oder Gerte werden nur angelegt beziehungsweise ruhig an den Pferdepo gehalten, ohne klopfende oder treibende Bewegungen.
Dadurch bekommt die Stute eine Orientierungshilfe, an der sie sich gewissermaßen „entlanghangeln“ kann, wenn der visuelle Eindruck fehlt und sie nicht sehen kann, wohin sie tritt. Für mich ist das vergleichbar damit, einem sehbehinderten Menschen den Arm anzubieten, um ihn sicher über die Straße zu begleiten.
Mal ehrlich: Wie sind die Erfolgsaussichten?
Ich denke, wenn wir uns bewusst machen, dass sich dieses Muster über eine gewisse Zeit verfestigt hat und die Stute mindestens ebenso viel Zeit braucht, um dieses Muster in etwas Neues zu verwandeln, steht der nächsten Fahrt und einem gelasseneren Aussteigen nichts im Wege. Ich wünsche von ganzem Herzen viel Erfolg!


