Pferde lernen nicht nur vor Artgenossen, sondern in vielen Fällen auch vom Menschen.
Wenn es um das Lernverhalten geht, werden Pferde häufig unterschätzt. Doch tatsächlich sind sie schnelle und gelehrige Schüler – und hervorragende Beobachter. Das Imitieren von Verhalten gehört zum Komplex des sozialen Lernens. Pferde lernen sehr intensiv voneinander. Man kann immer wieder sehen, dass Pferde neugierige Zaungäste sind, wenn beispielsweise auf dem Reitplatz reger Trubel herrscht.
Dass junge Pferde, die von ihrem Paddock aus das Dressurviereck im Auge haben, nun den Grand Prix in all seinen komplexen Einzelheiten lernen und folglich Serienwechsel, imposante Trabverstärkungen oder hoch versammelte Pirouetten imitieren, ist jedoch nicht zu erwarten.

Neugierige Zaungäste: Nicht selten beobachten Pferde auf dem Paddock oder auf der Weide das Zusammenspiel zwischen Menschen und Pferden um sie herum, sei es auf dem Reit- oder dem Putzplatz. (© Christiane Slawik)
Steckt Angst wirklich an?
Was sie aber sehen und woraus sie lernen, ist: Wie verhält sich das beobachtete Pferd unter dem Reiter? Zieht es ohne Widersetzlichkeit seine Runden? Folgt es ihm willig beim Führen? Zeigt es Stress-Symptome bei der gemeinsamen Arbeit mit dem Menschen oder fühlt es sich sichtbar wohl? Pferde sind also interessiert an Verhaltensabläufen und dabei ganz sensibel für die Stimmung bestimmter Situationen:
Beim sozialen Lernen geht es immer auch um die emotionale Ansteckung, die wissenschaftlich bewiesen ist.
– Verhaltensforscherin Dr. Isabell Marr –
„Beobachten Pferde eine Interaktion zwischen Menschen und Pferd, in der das Pferd zum Beispiel Angst hat oder anderweitig Stress empfindet, dann zeigt das Beobachterpferd auch Angst. Andersherum zeigte das Beobachterpferd bei einer gelungenen Interaktion – wie beispielsweise dem Putzen eines anderen Pferdes, das das Putzen genoss – ebenfalls ein zufriedenes Putzgesicht. Die Pferde beobachten uns und unsere Interaktion mit anderen Pferden also genau.“
Schon im jungen Alter können Pferde voneinander lernen
Auch bei der Ausbildung von Springpferden wird natürlich nicht ganz exakt das fehlerfreie Überwinden von Hindernissen kopiert. Es wird aber wahrgenommen und gelernt, dass bunte Stangen, klobige Ständer und blaue Plastikplanen keine Ungeheuer sind und man sich ergo entspannt über einen Springplatz bewegen kann und dass diese Gegenstände ohne größere Dramatik per Sprung zu überwinden sind. Die Professorin Konstanze Krüger, Kopf des Equine Behaviour Teams, sagt dazu: „Pferde können sich einfaches Folgeverhalten abschauen.“
Und ihre Kollegin Dr. Isabell Marr ergänzt: „Man kann das soziale Lernen beispielsweise nutzen, um jungen Pferden in ihrer Ausbildung eine Orientierung zu geben und Vorerfahrung zu sammeln. Das klassische Beispiel ist hier das junge Pferd als Handpferd im Gelände. Es lernt alle Gegebenheiten im Gelände kennen und sicherlich auch die Stimmkommandos, wenn diese denn eingesetzt werden. Zudem sieht es dabei bereits den Reiter aus dem Augenwinkel erhöht und hinter sich – ähnlich wie dann später beim Gerittenwerden.“

Von sicheren, gut ausgebildeten Führpferden zu lernen unterstützt die Ausbildung oder die Korrektur optimal. (© Christiane Slawik)
Können Pferde um die Ecke denken?
Pferde lernen übrigens nicht nur von Artgenossen, sondern in vielen Fällen auch vom Menschen. Hierzu gibt es Studien unter anderem von Mitarbeitern des Equine Behaviour Teams um Konstanze Krüger. Beobachtet und analysiert wurde, ob Pferde das Öffnen eines Futterbehälters eben nicht nur durch das Abschauen von einem „Lehr“-Pferd, sondern auch durch das Beobachten eines Menschen erlernen können.
Mit einem deutlichen Ergebnis: Ja, Pferde sind so schlau, dass sie das Prinzip des Öffnens verstehen und es dann mit ihren eigenen Skills umsetzen. Denn sie sind nicht nur brillante Nachahmer: Das – nennen wir es mal „Daumen-Dilemma“ – zwingt die Pferde dazu, das Öffnen des Behälters strategisch neu zu überdenken. Schließlich verfügen sie nicht über zupackende Hände, können einen Strick zum Aufziehen der Futterbox also nicht in der Hand, sondern nur im Maul halten.

Lernen, durchs Wasser zu laufen: Ein mutiger Freund an der Seite kann hier Vorbild sein. (© Christiane Slawik)
Was Pferde voneinander lernen können
Diese Fähigkeit, selbst „um die Ecke zu denken“, mündet im innovativen Lernen, das Pferde ebenfalls beherrschen und das einen größeren Teil im Repertoire der Lernstrategien einnimmt, als man Pferden im Allgemeinen zutraut. Pferde kopieren und modifizieren also nicht nur: Sie legen sogar gänzlich neue Verhaltensweisen an den Tag, um an ein Ziel zu gelangen.
Dabei können sie äußerst kreativ werden und beispielsweise Werkzeuge zielgerichtet einsetzen. So hat man beobachtet, wie sich Pferde mit einem Ast unterm Bauch kratzen oder mit einem Stock nach Heu angeln – und zwar, ohne das Ganze vorher vorgemacht bekommen zu haben.
Was macht ein gutes Vorbild aus?
Pferde lernen am besten von guten Bekannten, sagt Konstanze Krüger, und nennt familiäre Bande oder Freundschaften als begünstigende Faktoren für das soziale Lernen. Wichtig für das Interesse und die Bereitschaft, vom anderen zu lernen, ist auch die Alters- und Hierarchiestruktur. Je jünger die Pferde sind, desto besser lernen sie – und zwar von den Älteren. Rangniedere schauen sich in der Regel von Ranghöheren gezeigtes Verhalten ab.
Neben der Beziehung zwischen Vorbild und Nachahmer hat auch die Atmosphäre einen entscheidenden Einfluss auf das Lernen: Stress, Schmerzen und Angst wirken sich negativ auf das Lernverhalten von Pferden aus. In mehrfacher Hinsicht, das belegen nicht nur etliche Studien, die den Einfluss von Stress auf den Lernerfolg dokumentieren – das zeigt auch der Alltag!

Fohlen kann man spielerisch und ganz nebenbei für vieles sensibilisieren, was eine gelassene Mutterstute schon entspannt meistert. (© Christiane Slawik)
Lernen Pferde auch negatives Verhalten voneinander?
Zum einen kann ein Pferd, das selbst gerade gestresst ist, gar nicht in Ruhe lernen. Darüber hinaus schaut sich das Beobachter-Pferd auch die negativen Stressreaktionen des Vorbild-Pferdes in besonderen Situationen und in Interaktion mit dem Menschen ab und kopiert sie.
Übrigens: Auch wenn der Reiter gestresst ist, kopiert das Pferd dessen Stimmung und lässt sich von dessen Nervosität anstecken. So kann man immer wieder beobachten, dass Pferde von besonders ängstlichen Reitern auch unsicher und schreckhaft sind und häufig scheuen. Ein älteres Pferd, das bereits Sicherheit gelernt hat, kann die Furcht des Reiters eher kompensieren.
Was Vorbildpferde leisten können
Wenn Sie das Ausbilden mit Vorbildpferden praktizieren, müssen Sie immer Folgendes im Hinterkopf haben: Der Aspekt des sozialen Lernens ist eine Hilfestellung und ein begünstigender Faktor in der Ausbildung. Lehrpferde bieten Orientierung, ersetzen aber nicht ein achtsames und behutsames Vorgehen des Menschen. Das lernende Pferd muss stets genügend Zeit und Ruhe haben, sich individuell mit der Situation vertraut zu machen und auch selber Gewöhnung und Sicherheit zu erfahren.

Achtung: Nicht nur erwünschtes Verhalten kann bei Artgenossen abgeschaut werden. (© Christiane Slawik)
Merke: Gerade Pferde in Führungspositionen sind ausgezeichnete Lehrer. Und strenge. Das kann man gut in Herdenverbänden und zwischen Mutterstuten und Fohlen beobachten.
Bitte nicht nachmachen! Auch Widersetzlichkeiten oder (stereotype) Unarten werden von Artgenossen beobachtet und im ungünstigen Fall dann eben auch nachgemacht! Also Achtung: Soziales Lernen kann auch gewissermaßen nach hinten losgehen …
