Pferde sind von Natur aus lernwillig und können Dinge schnell aufnehmen. Doch dafür braucht es Vertrauen in den Menschen. © Christiane Slawik

Pferde sind von Natur aus lernwillig und können Dinge schnell aufnehmen. Doch dafür braucht es Vertrauen in den Menschen.

Pferde sind intelligent. Sie lernen schnell, behalten viel. Und: Pferde sind in der Regel äußerst aufmerksame Schüler. Diese Aufmerksamkeit ist ihnen gewissermaßen in die Wiege gelegt, denn in freier Wildbahn müssen Pferde auf die kleinsten Reize adäquat reagieren, um zu überleben.

Aber: Wenn (An-)Reize fehlen, wie beispielsweise bei nicht artgerechter Haltung, kann das für Pferde und ihre angeborene Lernbereitschaft negative Folgen haben: Die Pferde langweilen sich nicht nur und zeigen unter Umständen Verhaltensstörungen, sie verlieren tatsächlich auch ihre Lernfähigkeit. Sie stumpfen zunehmend ab und geraten in eine „erlernte Hilflosigkeit“. Der beste Weg, Ihr Pferd so aufmerksam, motiviert und lernfähig zu halten, wie die Natur es vorgesehen hat, ist, eine abwechslungsreiche, stimulierende Umgebung und eine facettenreiche Ausbildung, die Pferd und Reiter Spaß macht.

Eine Expertin, die genau diese Faktoren in den Mittelpunkt ihrer Forschung und Lehre gestellt hat, ist die Verhaltenswissenschaftlerin Dr. Vivian Gabor. Sie ist promovierte Pferdewissenschaftlerin und Buchautorin. Ihr Spezialgebiet ist das Lernverhalten des Pferdes und die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt bei der Optimierung der Mensch-Pferd Kommunikation und der Verbesserung des Tierwohls. Sie ist Inhaberin eines Ausbildungsstalles und Gründerin des Instituts für Verhalten und Kommunikation (IVK). Dort werden Pferdeverhaltenstrainer ausgebildet, die das Wissen über pferdegerechtes und erfolgreiches Training weitertragen. Neben ihrer praktischen Tätigkeit ist sie als Sachverständige für Pferdeverhalten tätig und Lehrbeauftragte der Universität Göttingen. Hier ist das Interview:

Sieben Fragen an Dr. Vivian Gabor

Unsere Interviewpartnerin, die Verhaltensexpertin Dr. Vivian Gabor.

Verhaltensexpertin Dr. Vivian Gabor (© Cara Dörpmund)

Welchen Einfluss haben Haltungsbedingungen auf das Lernverhalten von Pferden?

Lernen bedeutet, dass ein Pferd Erfahrungen aus seiner Umwelt aufnimmt, verarbeitet, abspeichert und sein Verhalten daran anpasst. Damit ist Lernen immer an Wahrnehmung, Gedächtnis, Motivation und Emotion gekoppelt. Ein Pferd, das in einer reizarmen, sozial eingeschränkten oder körperlich monotonen Umgebung lebt, hat weniger Gelegenheit, seine Sinne, sein Problemlöseverhalten und seine Anpassungsfähigkeit zu nutzen. Eine artgerechte und zugleich inspirierende Umwelt schafft dagegen die Grundlage dafür, dass ein Pferd aufmerksam, neugierig und lernbereit bleibt.

Artgerechte Haltung bedeutet für mich nicht nur „viel Platz“, sondern vor allem: Sozialkontakt, freie Bewegung, Licht, Luft, bedarfsgerechte Fütterung, Rückzugsmöglichkeiten und eine Umwelt, die nicht überfordert, aber anregt. Systeme wie Aktivstall, Offenstall oder gut geführte Gruppenhaltung können deshalb sehr förderlich sein, wenn sie pferdegerecht gestaltet sind. Entscheidend ist nicht das Etikett der Haltungsform, sondern, ob das Pferd dort seine Grundbedürfnisse ausleben kann.

Erhöht eine inspirierende Umwelt Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit?

Ja, grundsätzlich schon. Pferde lernen durch Reize, Erfahrungen und Wiederholung. Wenn sie regelmäßig mit unterschiedlichen, aber bewältigbaren Situationen konfrontiert werden, lernen sie auch, mit Neuem umzugehen. Man kann sagen: Pferde lernen zu lernen. Je häufiger ein Pferd sinnvolle Lernerfahrungen macht, desto leichter fällt es ihm, neue Aufgaben zu lösen.

Wichtig ist dabei die Balance. Eine Umwelt darf inspirierend sein, aber sie sollte nicht dauerhaft bedrohlich oder chaotisch wirken. Gute Lernreize liegen in der Zone zwischen Unterforderung und Überforderung: Das Pferd muss sich anpassen, darf aber nicht in Angst oder Hilflosigkeit geraten.

Lernanreize schaffen, ohne zu überfordern: Pferde sind von Natur aus darauf ausgelegt, schnell Reize zu verarbeiten und aus ihnen zu lernen. Daher sollten sie sich immer wieder ausprobieren dürfen in einem sicheren Lernumfeld.

Lernanreize schaffen, ohne zu überfordern: Pferde sind von Natur aus darauf ausgelegt, schnell Reize zu verarbeiten und aus ihnen zu lernen. Daher sollten sie sich immer wieder ausprobieren dürfen in einem sicheren Lernumfeld. (© Christiane Slawik)

Was passiert bei nicht artgerechter Haltung?

Isolation, Bewegungsmangel und ungünstige Fütterung können erheblichen Einfluss auf Verhalten, Stressregulation und Lernvermögen haben. Pferde sind soziale Bewegungs- und Dauerfresser. Werden diese Bedürfnisse dauerhaft eingeschränkt, kann das zu Stress, Frustration, erhöhter Reaktivität, Apathie oder Stereotypien führen. Kurzfristige soziale Isolation kann bereits Stress auslösen. In Lerntests zeigte sich, dass Isolation die Ergebnisse verfälschen kann, weil nervöse Pferde schlechter lernen.

Auch die Fütterung spielt eine große Rolle: Pferde sind darauf ausgelegt, viele Stunden am Tag rohfaserreiches Futter aufzunehmen. Lange Fresspausen können Unwohlsein, Frustration und Verhaltensauffälligkeiten begünstigen. Eine Studie zu Slow Feedern zeigte zum Beispiel, dass die Art der Heufütterung Verhalten und Wohlbefinden messbar verändern kann. Für das Lernen bedeutet das: Ein Pferd, das innerlich mit Stress, Hunger, sozialer Unsicherheit oder Bewegungsdrang beschäftigt ist, hat weniger Kapazität, sich auf eine Trainingsaufgabe einzulassen.

Stress lähmt Lernen – aber Wildpferde lernen doch unter Gefahr?

Hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Wild lebende Pferde sind nicht dauerhaft im pathologischen Stresszustand. Sie sind wachsam. Wachsamkeit ist aber nicht dasselbe wie Dauerstress. Außerdem müssen wir zwischen bewältigbarem Stress, also Eustress, und überforderndem Stress, also Distress, unterscheiden. Ein gewisses Maß an Aktivierung ist für das Lernen sogar notwendig: Wenn ein Pferd mit einer neuen, aber lösbaren Situation konfrontiert wird, entsteht Aufmerksamkeit: Das Pferd nimmt wahr, probiert aus, vergleicht und speichert die erfolgreiche Lösung ab. Genau durch solche bewältigbaren Herausforderungen entwickelt ein Pferd Lernfähigkeit, Selbstvertrauen und Handlungsstrategien.

Akuter Stress kann kurzfristig überlebenswichtig sein und Lernen sogar verstärken – vor allem bei Gefahr. Das Pferd speichert dann: „Das war bedrohlich, das muss ich künftig vermeiden.“ Das ist ein sehr wirksames Lernen, aber es ist nicht unbedingt das Lernen, das wir in der Ausbildung fördern möchten. Für die Ausbildung ist eine andere Art von Lernen gewünscht. Wir wollen nicht nur Fluchtvermeidung, sondern Kooperation, feine Kommunikation, Körperkoordination, Vertrauen und Abrufbarkeit. Dafür braucht das Pferd einen Zustand, in dem es wahrnehmen, nachdenken, vergleichen und ausprobieren kann. Bewältigbarer Stress kann diesen Lernprozess anstoßen. Zu viel Stress dagegen blockiert ihn. Bei Distress übernimmt das Überlebenssystem: Flucht, Erstarren, Abwehr oder hektisches Ausprobieren. Das Pferd ist dann nicht mehr wirklich lernoffen, sondern versucht nur noch, die Situation zu überstehen. Das ist kein guter Zustand für differenziertes Lernen.

Ist artgerechte Haltung ein stressregulierender Faktor?

Ja. Eine gute Haltung kann Stress nicht vollständig verhindern, aber sie verbessert die Voraussetzungen, Stress zu regulieren. Sozialkontakte, Bewegung, Raufutter, Ruhephasen und eine vorhersagbare Umgebung geben Sicherheit. Ein Pferd, das seine Grundbedürfnisse erfüllt bekommt, geht meist mit mehr innerer Stabilität in Training und Alltag.

Aufregend, aber lösbar: Pferde lernen immer dann, wenn die Situationen nicht überfordern.

Aufregend, aber lösbar: Pferde lernen besonders gut, wenn die Situationen nicht überfordern. (© Christiane Slawik)

Was fördert die Fähigkeit zu lernen zusätzlich?

Neben guter Haltung sind wichtig: passende Aufgaben, klare Signale, Pausen, positive Emotionen, Wiederholung ohne Monotonie, ausreichend Schlaf und Regeneration, körperliche Gesundheit und eine gute Mensch-Pferd-Beziehung. Besonders wertvoll sind Aufgaben, bei denen das Pferd selbstwirksam sein darf: Es probiert etwas aus, findet eine Lösung und erlebt einen positiven Ausgang. Dadurch wächst nicht nur das Wissen, sondern auch das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.

Durch die Natur streifen und Erfahrungen sammeln: Besonders Jungpferde profitieren davon, wenn sie gemeinsam mit ihren Menschen Situationen erleben und bewältigen.

Durch die Natur streifen und Erfahrungen sammeln: Besonders Jungpferde profitieren davon, wenn sie gemeinsam mit ihren Menschen neue Situationen erleben und bewältigen. (© Christiane Slawik)

Gibt es eigentlich dumme und intelligente Pferde?

Ich wäre mit diesen Begriffen sehr vorsichtig. Es gibt Pferde, die schneller lernen, stärker generalisieren, mutiger ausprobieren oder motivierter an Aufgaben herangehen. Aber eine Lernleistung hängt von sehr vielen Faktoren ab: Motivation, Angst, Vorerfahrung, Rasse, Alter, Gesundheit, Tagesform, Trainingsaufbau und Art der Belohnung. Ein Pferd kann in einem Belohnungstest sehr gut abschneiden und in einer Aufgabe mit Vermeidungslernen schlechter – oder umgekehrt. Deshalb sage ich lieber: Pferde haben unterschiedliche Lernprofile. Ein Pferd ist nicht „dumm“, nur weil es in einer bestimmten Situation langsam reagiert. Vielleicht ist es unsicher, überfordert, abgelenkt, körperlich eingeschränkt oder die Aufgabe wurde für seine Wahrnehmung nicht verständlich gestellt. Übrigens können auch Pferde, die unter ungünstigen reizarmen Bedingungen aufgewachsen sind,  noch „lernen zu lernen: Denn auch im Alter können Nervenzellen wachsen und sich neu verflechten. Das nennt man dann Neuroplastizität. Und sie kann auf zwei verschiedene Weisen geschehen, nämlich in Form der Strukturellen Plastizität und in Form der Funktionellen Plastizität. Bei der Strukturellen Plastizität verändert das Gehirn sein neuronales Gerüst als Reaktion auf Lernanreize: Es wird komplexer. Viele neue Verknüpfungen entstehen, und die Reizweiterleitung wird deutlich beschleunigt. Die Funktionelle Plastizität spielt nach Erkrankungen eine wichtig Rolle und ist die Fähigkeit des Gehirns, Funktionen aus einem geschädigten Bereich des Gehirns in andere, nicht geschädigte Bereiche zu verlagern. Also: „Wiederholte Aktivierung stärkt neuronale Verbindungen, nicht genutzte Bahnen werden schwächer. Lernen verändert also auch beim Pferd das Gehirn.“

Wichtig für Dr. Gabor ist aber: Wir sollten nicht einfach menschliche Modelle eins zu eins auf Pferde übertragen. Pferde nehmen ihre Umwelt anders wahr als Menschen. Ihre Sinneswelt, ihre Motivation und ihre evolutionären Bedürfnisse unterscheiden sich. Trotzdem kann man sagen: Ein Pferdegehirn bleibt formbar. „Junge Pferde haben hier besonders gute Voraussetzungen, aber auch ältere Pferde können lernen – oft mit dem Vorteil größerer Gelassenheit und Erfahrung.“

Immer wieder Neues ausprobieren: Auch das Pferdegehirn lernt ein Leben lang. Auch im Alter kann man Pferden etwas beibringen.

Immer wieder Neues ausprobieren: Auch das Pferdegehirn lernt ein Leben lang. Auch im Alter kann man Pferden etwas beibringen. (© Christiane Slawik)

Buch-Tipp: Sinnvoll lernen

„SINNvoll lernen: Intelligentes Pferdetraining für mehr Balance, Bindung und starke Nerven“ – so lautet der Titel des 2025 erschienenen Buches von Dr. Vivian Gabor und Myriam Zimmer. In dem 160 Seiten starken Ratgeber geht es darum, die Umwelt des Pferdes bewusst in Training und Alltag einzubeziehen. Sie zeigen, wie unterschiedliche Untergründe, Geräusche, Gerüche, optische Reize, Wetterbedingungen und kleine Herausforderungen genutzt werden können, um Wahrnehmung, Körperbewusstsein, Selbstwirksamkeit und Vertrauen zu fördern. Es geht ausdrücklich nicht darum, Pferde mit Reizen zu überfluten, sondern sie schrittweise, individuell und fair an Aufgaben heranzuführen, die sie mental und körperlich wachsen lassen.

Interview: Jessica Kaup

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