In Kontakt mit Artgenossen sammeln Pferde wichtige Erfahrungen, auch in Bezug auf den Menschen.
Was ist soziales Lernen beim Pferd?
Hooforia: Soziales Lernen oder nur Gewöhnung des Pferdes: Was ist der Unterschied?
Dr. Isabell Marr: Generell kann man sagen, wenn ein Pferd auf einen wiederholt dargebotenen Reiz NICHT mehr reagiert, weil er gewissermaßen folgenlos für das Pferd blieb, spricht man von Gewöhnung. Beim sozialen Lernen schauen sich Pferde neue Verhaltensweisen ab.
Können Sie das bitte an einem Beispiel verdeutlichen?
Von einer Gewöhnung oder auch einer Habituation spricht man, wenn ein Pferd wiederholt einem Reiz ausgesetzt wird und es dabei lernt, diesen Reiz mehr oder weniger zu ignorieren. Ich erkläre das einmal am Beispiel der Gewöhnung an eine Satteldecke: Am Anfang, wenn wir dem Pferd die Satteldecke zeigen und sie ihm auflegen wollen, haben wir gegebenenfalls noch eine Reaktion wie beispielsweise Angst, eine Irritation oder ähnliches.
Wenn wir das Pferd nun aber stetig, konsequent und ruhige mit der Decke konfrontieren und dem Pferd dabei nichts passiert, lernt es, dass es der Satteldecke vertrauen kann und sie keine negative Bedeutung hat. Das ist systematisches Gewöhnen und spielt bei vielen alltäglichen Situationen im Umgang mit dem Pferd eine wichtige Rolle.
Und kann das Pferd das Akzeptieren der Satteldecke auch durch soziales Lernen erlernen?
Beim sozialen Lernen schauen sich Pferde eine Gegebenheit von anderen Pferden ab. Dieser Aspekt kann uns in der Habituation, also der Gewöhnung, nützlich sein, indem wir dem Youngster beispielsweise erlauben zuzuschauen, wie wir einem erfahrenen Pferd die Satteldecke auflegen. Es sieht, dass nichts passiert und das erfahrene Pferd sich ruhig und gelassen verhält. Nicht selten folgt daraufhin Neugierde vom Jungpferd. So kann man eine Gewöhnung spielerisch einfach gestalten.
Werden die Erkenntnisse des sozialen Lernens von Pferden in der Haltung und insbesondere der Ausbildung Ihrer Meinung nach ausreichend genutzt?
Es gibt Reitställe, deren Boxen, Paddocks oder Weiden direkt neben dem Reitplatz oder der Reithalle sind, sodass die Möglichkeit zum Zuschauen besteht. Im besten Fall sollten die Zuschauerpferde dann aber nur gelungene Interaktionen beobachten.
Wo kann soziales Lernen eingesetzt werden? Was lernt ein Pferd so?
Bei welchen Skills als Reit- oder Fahrpferd könnte man soziales Lernen noch bewusster einsetzen, um Pferd und Reiter davon profitieren lassen?
Es sind tatsächlich die mentalen Skills, die hier eine große Rolle spielen. Natürlich wird das junge Pferd nicht durchs Imitieren lernen, dressurmäßig durchs Genick zu gehen, aber es schaut sich die Reaktion des Älteren auf die Situation an: Von der Ruhe, die ein souveränes älteres Pferd ausstrahlt, können sowohl junge Fahr- als auch Reitpferde deshalb enorm profitieren.
Erfahrene Pferde strahlen im günstigen Fall auch in brenzligen Momenten, in denen ein junges Pferd schon mal unsicher wird, so viel Gelassenheit aus, dass sich die Youngster schnell wieder beruhigen. Das ist wirklich Gold wert. Reiten Sie das junge Pferd also beispielsweise in Anwesenheit eines erfahrenen Pferdes an.
Was können Pferde nicht im Rahmen des sozialen „Imitierens“ lernen? Ich nehme mal an, dass ein Pferd, das auf der Weide neben dem Dressurviereck steht, keine Serienwechsel lernt.
Hier steckt die Forschung tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Ich denke, man kann grob sagen: Je komplexer der Sachverhalt, desto schwieriger und unwahrscheinlicher ist es, dass es ein Beobachterpferd rein über das soziale Lernen lernt. Aber es gibt immer wieder Überraschungen.
Wie ist das mit dem Überwinden von Hindernissen, mit dem furchtlosen Galoppieren durchs Wasser oder mit dem Fahren im Anhänger?
Die Furchtlosigkeit erfahrener Pferde gegenüber Hindernissen kann durchaus das Interesse der Jungspunde wecken. Zum Wassergraben: Oft haben wir mit unseren Pferden Probleme, sie ins oder durchs Wasser zu bekommen. Wildlebende Fohlen folgen hingegen selbstverständlich ihren Müttern.
Sie lernen von Kindesbeinen an, dass das Wasser nichts Schlimmes ist, und stellen sich neben ihrer Mutter in das Wasserloch. Hier arbeitet das soziale Lernen schon sehr früh. Falls unsere Pferde nicht früh mit ihrer Mutter gemeinsam gelernt haben, kann ein bekanntes, ranghöheres und älteres Pferd oftmals später trotzdem noch helfen.
Warum lernen die Alten nicht von den Jungen?
Also dass ältere Pferde von jüngeren lernen, ist wirklich eher selten. Und zwar – rein biologisch – aus gutem Grund: Die Wahrscheinlichkeit ist zu hoch, dass das abgeschaute Verhalten nur Energie kostet und effektiv nichts bringt. So wird es in der Wissenschaft diskutiert. Unsere Pferde sind aber darauf ausgelegt, Energie zu sparen, damit genug vorhanden ist, wenn sie doch einmal flüchten müssen.
So zumindest ist das bei den wild lebenden Pferden. Dass unsere domestizierten Pferde keine Raubtiere fürchten müssen, hat sich, salopp gesagt, unter ihnen leider noch nicht herumgesprochen. Es sind einfach tief verankerte Instinkte, die noch in unseren Pferden stecken und gerade auch ihr Verhalten und ihre Lernstrategien beeinflussen.