Alice Layher, Kathrin Meyer, Annemie Szemes. © www.sportfotos-lafrentz.de/Tanja Becker

Alice Layher, Kathrin Meyer, Annemie Szemes: Nach dem Wettkampf den Erfolg genießen.

Dean Mihaljev ist Musicaldarsteller, Tanzpädagoge und Choreograf – und einer der Menschen, die zu Beginn ihrer Karriere mit Layher an Ausdruck, Ästhetik und dem entscheidenden Quäntchen gearbeitet haben. In Aachen war er als Zuschauer dabei und hat sich Zeit genommen, mit HOOFORIA direkt nach Layhers WM-Sieg sein Hintergrundwissen zu teilen.

Der Moment des Sieges

Tausende Menschen sitzen im Rund des Voltigierstadions auf den Tribünen. Und plötzlich ist es still. Kein beiläufiges Leiserwerden. Sondern diese eigentümliche, gespannte Stille kurz vor einem großen Moment. Dann läuft Alice Layher ein. Mit der 19 Jahre alten FBW Candy und ihrem Longenführer Daniel Zumbrot.

Wenige Minuten später steht fest: Sie hat Gold gewonnen!

Unfassbare Figuren: Alice Layher auf FBW Candy.

Unfassbare Figuren: Alice Layher auf FBW Candy. (© www.sportfotos-lafrentz.de/Tanja Becker)

Wer verstehen will, was in diesen Minuten passiert, kann auf Noten, Schwierigkeitsgrad und technische Ausführung schauen. HOOFORIA fragt jemanden, der den bewegenden Moment des überwältigenden Applauses selbst immer wieder erlebt.

Alice Layher, Daniel Zumbrot und FBW Candy

Alice Layher, Daniel Zumbrot und FBW Candy (© S. Lafrentz)

Dean Mihaljev ist Musicaldarsteller, Tanzpädagoge und Choreograf. Er kennt Alice Layher seit Jahren und hat mit ihr in früheren Jahren an Choreografie, Ausdruck und Ästhetik gearbeitet. Und er kennt das Gefühl, kurz vor einem Auftritt hinter der Bühne zu stehen.

„Wenn man diesen Applaus fühlt – und fast noch mehr, wenn man die Stille kurz vor einem Start fühlt, dieses Knistern – dann ist das etwas, das jeder Profi kennt, der schon einmal auf einer Bühne gestanden hat“, sagt Mihaljev kurz nach Layhers Gold-Kür. Aachen wird gern als Bühne des Pferdesports bezeichnet. Und an diesem Samstag ist der Satz wahrlich keine Metapher.

Alice Layher in der Kür

Alice Layher in der Kür (© www.sportfotos-lafrentz.de/Tanja Becker)

Alice Layher: Vom Weltcup-Sieg zu WM-Gold in Aachen

Dass Layher als eine der Favoritinnen nach Aachen kam, war ein offenes Geheimnis. Ende Mai hatte sie bereits das Weltcup-Finale in Opglabbeek gewonnen. Auf der 19 Jahre alten Stute FBW Candy an der Longe von Daniel Zembrot setzte sie sich damals mit starken Leistungen im Technikprogramm und in der Kür durch. Doch eine Favoritenrolle gewinnt noch keine Weltmeisterschaft.

„Schon beim Einlaufen hat man gesehen: Sie war vom Mindset genau on point“, sagt Mihaljev. Sicher sei trotzdem nichts gewesen. Gerade das mache für ihn den Reiz des Voltigierens aus.

„Das Pferd unter einem ist ein Lebewesen. Man muss wirklich in diesen Flow kommen, in dem man nicht mehr nachdenkt, sondern genießt – und gleichzeitig alles bis in die Haar- und Zehenspitzen austurnt.“ Viele kleine Komponenten müssten in diesem Moment zusammenpassen. Berechenbar sei Erfolg dennoch nie.

Alice Layher

Alice Layher: Auf höchstem Niveau in Aachen unterwegs. (© S. Lafrentz)

„Dieses 0,1 oder 0,01“

Mihaljev selbst macht sich dabei bewusst kleiner, als seine Aufgabe zunächst klingt. „Ich bin nur ein sehr kleiner Baustein auf ihrem langen Weg“, sagt er. „Ich freue mich, dass ich vielleicht die eine oder andere Spur bei Artisten hinterlasse – und dass vielleicht diese 0,1 oder 0,01 Prozentpunkte letztendlich auch zu einem Sieg führen.“

Den WM-Titel sieht er entsprechend nicht als Leistung eines Einzelnen. Pferd, Longenführer, Trainer, Familie, Athletin – hinter den wenigen Minuten im Zirkel steckt ein Team. „Diese ganze Mannschaft hat bei Alice zusammengewirkt wie ein großes Uhrwerk.“

Alice Layher

Spektakulär: Voltigieren mit Alice Layher. (© S. Lafrentz)

Was Layher selbst auszeichnet? Mihaljev muss nicht lange überlegen. „Ihre markantesten Eigenschaften sind wirklich ihr Perfektionismus und vor allem ihr Ehrgeiz.“ Layher wiederhole Abläufe immer wieder, filme sich selbst im Training und analysiere anschließend, was sie verbessern könne. „Wie sie sich selbst reflektiert, ist eine ganz, ganz große Stärke.“ Dazu komme der Rückhalt ihrer Familie und besonders ihrer Schwester als mentale Stütze. Vielleicht, glaubt Mihaljev, sei genau das manchmal jenes kleine Quantum, das im Spitzensport den Unterschied mache.

Ihre Familie stand Alice auch bei, als sie vor ziemlich genau einem Jahr ihr langjähriges Erfolgspferd Lambic verlor. Der 14 Jahre alte Schimmel musste im August 2025 nach einem Weideunfall eingeschläfert werden. „Es fühlt sich an wie ein völlig surrealer Albtraum“, schrieb sie damals auf Instagram. Ihre große Stütze war nicht nur in dieser Zeit, sondern auch bei Verletzungen ihre Schwester Helen. In Aachen sagte Alice, ihr allergrößter Traum sei mit dem WM-Titel in Erfüllung gegangen. Aber jetzt sei ihr Traum, wieder mit Helen an der Longe gemeinsam ein Championat zu bestreiten. Der Familienzusammenhalt, er ist für die junge Sportlerin unersetzlich.

Der letzte große gemeinsame Auftritt von Alice Layher und Lambic: Bei den Voltigier-Weltmeisterschaften in Bern 2025 gewinnen sie Einzelbronze.

Der letzte große gemeinsame Auftritt von Alice Layher und Lambic: Bei den Voltigier-Weltmeisterschaften in Bern 2025 gewinnen sie Einzelbronze. (© FEI/Martin Dokoupil)

Wenn ein Musicaldarsteller an einer Voltigier-Kür arbeitet

„Mein Puzzleteil an der Vorbereitung junger Voltigierer ist die Ästhetik: der Fluss in der Choreografie, der Ausdruck und die Frage, wie man all das so verbindet, dass die Emotion beim Richter und beim Publikum ankommt“, beschreibt Dean Mihaljev.

Er kommt aus dem professionellen Tanz, arbeitet als Musicaldarsteller und Tanzpädagoge. Im Voltigieren treffen für ihn zwei Welten aufeinander, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen – und sich auf den zweiten erstaunlich nahe sind. Er ist selbst begeisterter Reiter und Züchter. „Tanzen und Reiten haben viel mehr gemeinsam als die meisten Leute denken. Aber beides hat ganz viel mit Takt und Rhythmus zu tun. Viele Bewegungsabläufe, die von mir als Reiter verlangt werden, kann ich besser steuern als andere, weil ich ausgebildeter Tänzer bin.“

Bei Layher habe er dafür beste Voraussetzungen gefunden. Sie bringe von Natur aus Geschmeidigkeit und Eleganz mit. Die Arbeit mit einer Profisportlerin aus einer anderen Disziplin empfindet Mihaljev deshalb nicht als Einbahnstraße. „Wenn man diese beiden Disziplinen zusammenführt, entsteht am Ende etwas ganz Neues. Das bereichert mich als Choreografen auch sehr.“

Dean mit Staufer Riviera Star und Staufer Reverence

Dean mit Staufer Riviera Star und Staufer Reverence (© Volker Hagemeister)

Eine Kür ist mehr als Technik

Vielleicht erklärt das auch, warum Mihaljev konsequent von „Artisten“ spricht. Denn für ihn endet Voltigieren nicht bei der möglichst perfekten Bewältigung einer sportlichen Aufgabe. Eine Kür soll etwas transportieren. „Ich finde es erfüllend, dass ich mit meiner kreativen Ader und vielleicht mit einer etwas anderen Sicht auf den Sport – nämlich mit dem künstlerischen Aspekt – noch etwas dazugeben kann, um am Ende ein großes Ganzes zu schaffen.“ Sein Anspruch: Irgendwann soll der Zuschauer nicht mehr nur einzelne Übungen sehen. „Dann spricht man nicht mehr nur vom reinen Sport, sondern kann sagen: Die Artisten haben innerhalb dieser einen Minute Kür ein Kunstwerk geschaffen.“ Heute arbeitet Alice in Sachen Choreographie immer wieder mit Jacques Ferrari, dem Weltmeister des Jahres 2014.

Der Moment des Erfolgs für Alice Layher, Kathrin Meyer und Annemie Szemes.

Der Moment des dreifachen Erfolgs für Alice Layher, Kathrin Meyer und Annemie Szemes. (© www.sportfotos-lafrentz.de/Tanja Becker)

Die Bühne Aachen

Und dann ist da Aachen. Ein Pferdeort. Ein Stadion voller Menschen, internationaler Spitzensport, Kameras, Erwartungsdruck. Für Mihaljev unterscheidet sich dieser Moment gar nicht so sehr von jenem Augenblick, den Tänzer und Schauspieler kurz vor einem großen Auftritt erleben. „Es ist dieser Moment kurz bevor man auf die Bühne geht, dieser eine Schritt – und dann geht es los.“ Genau auf diesen Augenblick werde hingearbeitet: nicht mehr überlegen, sondern da sein. „Abliefern und performen“, nennt es Dean Mihaljev. Und doch: „Am allerwichtigsten ist bei Pferden und eigentlich überall im Leben Reflexion. Man muss immer versuchen herauszufinden, was wirklich das Beste ist und dann kontinuierlich daran arbeiten. Für unsere Pferde haben wir alle diese Verantwortung.“

Dean Mihaljev mit dem Reitpony-Hengst Crown Cafe au Lait.

Dean Mihaljev mit dem Reitpony-Hengst Crown Cafe au Lait. (© Volker Hagemeister)

Alice Layher hat das alles in Perfektion getan. Am Ende dieses Tages ist sie Weltmeisterin. Da haben ziemlich viele kleine Zahnräder genau im richtigen Moment ineinandergegriffen.

Der perfekte Abgang für Alice von ihrer Candy.

Der perfekte Abgang für Alice von ihrer Candy. (© www.sportfotos-lafrentz.de/Tanja Becker)

Wer Alice bei Instagram folgen möchte: layhersisters

Und hier geht es zu Dean: dean_mihaljev

Beitrag: Imke Perne-Harms in Zusammenarbeit mit Alexandra Koch

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert