Sieht fast zu perfekt aus, um wahr zu sein. Unsere Kolumnistin Jessica Kaup schaut mit großen Augen von Lupendorf nach Aachen zu dem perfekt getrimmten Rasen. © Stefan Lafrentz

Sieht fast zu perfekt aus, um wahr zu sein. Unsere Kolumnistin Jessica Kaup schaut mit großen Augen von Lupendorf nach Aachen zu dem perfekt getrimmten Rasen.

Was war das für eine traumhafte Geländestrecke, die die Vielseitigkeitsreiter in Aachen gemeistert haben – mit Mut im Herzen und der Zeit im Nacken. Mehr als fünf Kilometer, voller Jumbo-Enten, gewaltiger Abmessungen und Schmalspur-Klippen, auf denen man ohne Zielwasser und eingebauten Routenplaner hoffnungslos verloren war. Und dann dieses getrimmte Grün. Gepflegter geht es kaum. Ich bin ziemlich sicher, dass der Greenkeeper den finalen Schliff rund um die Windmühlen hier mit der Nagelschere gesetzt hat.

Perfektes Grün unter Nickels Hufen. War hier wohl jemand mit der Nagelschere am Werk, bevor unsere Vielseitigkeitsreiterinnen und -reiter auf die Strecke gingen? Hier im Sattel sitzt Julia Krajewski.

Perfektes Grün unter Nickels Hufen. War hier wohl jemand mit der Nagelschere am Werk, bevor unsere Vielseitigkeitsreiterinnen und -reiter auf die Strecke gingen? Im Sattel sitzt Julia Krajewski. (Foto: Stefan Lafrentz)

Aachener Golfplatzrasen versus verbrannte Erde

Und dann Lupendorf. Wir konnten die sengende Sonne einfach nicht davon abhalten, sich durch das inzwischen anständig gemulchte Gras zu brennen. Sommer 2026 halt. Heiß, trocken und inzwischen ziemlich ockerfarben. Mit der  bunten Vielfalt und der tobenden Masse völlig geflashter Busch-Fans können wir noch nicht so ganz mithalten. In einem Punkt allerdings gelten bei uns dieselben Regeln wie auf dem WM-Kurs in der Soers: Bei der Sicherheit gibt es keine Kompromisse. Jedem Ast, jeder Wurzel und wahrscheinlich auch dem einen oder anderen Grashalm, der im Weg war, habe ich eigenhändig und mit schwerem Gerät den Garaus gemacht. Bis irgendwann sämtliche Akkus leer waren.

Sieht ja fast genauso aus wie in Aachen: Die Trockenheit und die ständig brennende Sonne haben den Geländeplatz in Lupendorf in eine Steppe verwandelt.

Sieht ja fast genauso aus wie in Aachen: Die Trockenheit und die ständig brennende Sonne haben den Geländeplatz in Lupendorf in eine Steppe verwandelt. (Foto: Jessica Kaup)

 

Wir haben Steine gesammelt, Karnickellöcher aufgefüllt und Maulwurfshügel abgetragen. Die Hindernisse sind sicher verankert und haben neue Füße bekommen. Nägel wurden gekürzt, Monster-Schrauben versenkt, Flaggen in Rot und Weiß geklippt. Und nicht zu vergessen unser Wasser: perfekter Boden, frisch geflutet, barfuß getestet.

Baumstämme, Brombeeren und Tante Inges Ruderboot

Und das ist nur das Finish. Seit Wochen schon dürften die Sägereien rund um Lupendorf erhöhten Absatz vermelden. Jeder verfügbare Baumstamm wurde von meiner Tochter designt, gesägt, verbaut und auf die Strecken gesetzt. Jetzt stehen sie da, mit viel Liebe zum Detail dekoriert: mit geliehenen Blumenpötten, allerlei Grünzeug und einem alten, leider nicht ganz dichten Ruderboot, das einst auf dem Speicher der verstorbenen Tante Inge sein Dasein fristete. Auch schon fast Geschichte, aber noch lange nicht vergessen: mein erbarmungsloser Kampf mit den Brombeeren. Die hatten sich über Wochen breitgemacht, Mauern und Gräben verschlungen und sich meiner Mission „Weise Ranken in die Schranken“ mit ganzer Dornenkraft widersetzt. Und wenn ich Dornen sage, meine ich Dornen. Dornen im Format von Toblerone-Dreiecken, die sich durch Handschuhe und Haut fraßen und so tief in meinen Fingern steckten, dass ich kurz darüber nachdachte, meine Texte künftig ausschließlich dem Sprachassistenten zu diktieren.

AUA! Die Brombeeren, die für das Vielseitigkeiststurnier in Lupendorf beseitigt werden mussten, hatten ihren ganz eigenen Willen.

Aua! Die Brombeeren, die für das Vielseitigkeitsturnier in Lupendorf beseitigt werden mussten, hatten ihren ganz eigenen Willen. (Foto: Alexandra Koch) (© Alexandra Koch)

Am Ende kniet irgendwo jemand im Gras

Natürlich liegen zwischen einer Weltmeisterschaft in Aachen und unserem Turnier in Lupendorf Welten. Hier ein Kurs, bei dem jedes Detail nach großer Bühne aussieht. Dort Karnickellöcher, Sonnenbrand im Gras und ein Ruderboot von Tante Inge. Aber je länger ich mir das alles anschaue, desto mehr denke ich: Ganz so verschieden sind diese Welten vielleicht gar nicht.

Der Aachener Rasen: Gar nicht so viel anders!

Der Aachener Rasen: Gar nicht so viel anders! (© Imke Perne-Harms)

Denn egal, ob Weltmeisterschaft oder ländliches Vielseitigkeitsturnier – am Ende kniet irgendwo jemand im Gras, schaut noch einmal ganz genau hin und fragt sich: Ist hier wirklich alles so, dass Pferd und Reiter sicher durchkommen? Und dann findet man doch noch einen Stein.

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