Der Weg zu einer Weltmeisterschaft beginnt nicht erst mit der Nominierung, erst recht nicht bei der Eröffnungsfeier. Er beginnt Jahre früher, irgendwo zwischen Turnierplanung und Tierarzttermin, zwischen Hufschmied und Futterkammer.
Die Reit-WM in Aachen ist in vollen Gange. Pferde und Reiter müssen jetzt auf den Punkt fit sein. Es werden Medaillen vergeben, Wünsche erfüllt und manche Hoffnungen enttäuscht werden. Aachen kann das. Wer einmal dort war, versteht schnell, warum die Soers für viele Reiter mehr ist als nur ein Turniergelände. Hier wurden Karrieren geschrieben – und sicherlich sind auch schon Träume geplatzt. Sichtbar wird davon meist erst der Moment auf dem Turnier. Was man nicht sieht, sind die Monate davor.
Die wichtigsten Fakten zur Reit-WM in Aachen
Ort: Aachen (Nordrhein-Westfalen)
Zeitraum: 11. bis 23. August 2026
- Springen
- Dressur
- Para-Dressur
- Vielseitigkeit
- Voltigieren
- Vierspännerfahren
Nationen: Rund 70 Nationen.
Pferde: Mehr als 500 Pferde gehen in Aachen an den Start.
Besucherinnen und Besucher: Bis zu 500.000 Menschen werden über die gesamte Veranstaltungsdauer erwartet.
Reichweite: Übertragungen in zahlreiche Länder weltweit machen die WM zu einem der größten Pferdesportereignisse des Jahres.
Heim-WM: 20 Jahre nach den Weltreiterspielen 2006 kehrt eine Weltmeisterschaft im Pferdesport nach Aachen zurück.
Titel: In sechs Disziplinen werden Einzel- und Mannschaftsmedaillen vergeben.
Warum das Pferd im Mittelpunkt steht
Der Weg zu einer Weltmeisterschaft beginnt nicht erst mit der Nominierung, erst recht nicht bei der Eröffnungsfeier. Er beginnt Jahre früher, irgendwo zwischen Turnierplanung und Tierarzttermin, zwischen Hufschmied und Futterkammer. Lange bevor das erste Pferd die Soers betritt, werden Entscheidungen getroffen, die später über Start oder Nichtstart, über Erfolg oder Niederlage entscheiden. „Niederlage“ gehört hier in Anführungsstriche, „Erfolg“ übrigens auch. Manche Entscheidungen im Vorfeld fallen leicht, andere weniger. Es geht um Training, Haltung und Management. Um Rückschläge, Verletzungen, Zweifel. Um Turniere, die gut laufen, und solche, die man lieber schnell wieder vergisst.
Von außen wirkt Spitzensport oft glamourös. Wer genauer hinschaut, entdeckt etwas anderes. Frühe Morgenstunden. Lange Fahrten. Tierarzttermine. Trainingspläne. Die permanente Frage, ob man gerade das Richtige tut. Und mittendrin steht immer das Pferd, ohne das wir diesen Sport schlichtweg nicht ausführen könnten. Das Pferd, unser Partner, der Höchstleistungen bringen soll, ohne erklären zu können, wie es ihm geht. Der weder von Medaillen noch von Weltmeisterschaften träumt. Der keine Interviews gibt und keine Pressekonferenzen besucht und auch keine Turnierkalender studiert.
Was macht die Reit-WM Aachen so besonders?
Denn während ein Läufer selbst entscheiden kann, ob er heute trainiert oder pausiert, ob er ein Risiko eingeht oder lieber verzichtet, müssen diese Entscheidungen im Pferdesport für ein anderes Lebewesen getroffen werden. Das macht Spitzensport mit Pferden kompliziert und irgendwie unbequem. Die Diskussion darüber begleitet den Reitsport seit Jahren. Wie viel Reisen ist vertretbar? Wie viel Training? Wie viele Turniere? Wo endet notwendige Vorbereitung, und wo beginnt Überforderung? Einfache Antworten gibt es nicht.
Wer mit den Athleten spricht, bekommt selten dieselbe Antwort. Und doch fällt auf, dass sich viele Gedanken immer wieder um dieselben Themen drehen: Regeneration. Routine. Vertrauen. Belastungssteuerung. Die Fähigkeit, auf kleine Signale zu achten. Und der Mut, Pläne auch einmal über Bord zu werfen. Denn nicht jeder Weg endet in Aachen. Und nicht jede Entscheidung wird an Medaillen gemessen. Deshalb haben wir im Vorhinein der WM bewusst nicht nach Medaillen gefragt, nicht nach Prognosen, Favoriten oder Podestplätzen. Uns hat interessiert, was davor passiert.
So läuft die Vorbereitung ab
Wie bereitet man ein Pferd auf den wichtigsten Start der Saison vor? Wer entscheidet eigentlich, wann genug trainiert wurde? Was passiert, wenn ein Pferd nicht fit ist? Und wie sehen die Menschen, die jeden Tag mit diesen Pferden arbeiten, ihre Verantwortung?
Dafür haben wir mit Reitern und Athleten aus unterschiedlichen Disziplinen gesprochen. Mit den Dressurreitern Frederic Wandres und Raphael Netz, Paradressurreiterin Regine Mispelkamp, den Voltigierern Philine Lindhorst und Cjell Richert sowie Kathrin Meyer. Überraschend ähnlich waren viele Antworten. Sie handeln von Regeneration, Routine und Vertrauen. Von Menschen, die Verantwortung übernehmen müssen. Und von Pferdeinteressierten.
Wer schafft es zur Reit-WM Aachen?
Die Wege nach Aachen könnten unterschiedlicher kaum sein. Während Frederic Wandres gemeinsam mit seinem Olympiapferd Bluetooth OLD und seinem Verlobten Lars Ligus seit Monaten auf das große Ziel hinarbeitet, jongliert Regine Mispelkamp die Bedürfnisse gleich zweier völlig unterschiedlicher Championatspferde. Philine Lindhorst und Cjell Richert vertrauen kurz vor ihrem ersten Weltchampionat auf die Routinen, die sie und Chagall über Jahre entwickelt haben. Wir haben auch Einzelvoltigiererin Kathrin Meyer gefragt, die auf ihrem besten Freund Capitain Claus OLD ein allerletztes Mal bei einem Championat durch die Lüfte wirbeln möchte.
Und dann gibt es jene Geschichten, die zeigen, dass sich selbst die beste Planung nicht erzwingen lässt: Ingrid Klimke hatte ihren Traum von einer zweiten Heim-WM bereits vor Augen, bevor eine Verletzung ihres Pferdes Vayron alle Pläne durchkreuzte. Andere wie Raphael Netz hoffen dagegen bis zuletzt auf ihre Chance und müssen ihre Pferde in Form halten, ohne zu wissen, ob sie am Ende tatsächlich nach Aachen fahren werden. Am Ende wurde es für Raphi ein Happy End! Gerade in dieser Vielfalt zeigt sich auch, was wir bei Hooforia unter #doitride verstehen. Nicht jeder Weg führt zur Medaille. Nicht jeder Weg führt überhaupt nach Aachen. Ausschlaggebend ist vielmehr, wie die Entscheidungen auf diesem Weg getroffen werden.

Wer ist hier der Star? Raphael Netz und eines seiner Erfolgspferde, Camelot. Der Dressurreiter hofft auf ein Ticket für die Weltmeisterschaft. Sein Plan bis dahin: „Mich möglichst gut um die Pferde zu kümmern.“ (© Stefan Lafrentz)
Ein Blick hinter die Kulissen
Die Weltmeisterschaften ermöglichen uns einen Blick durchs Schlüsselloch auf den Pferdesport. Für einige Tage blickt die Öffentlichkeit auf die Besten der Besten. Umso wichtiger erscheint uns die Frage, was hinter diesen Bildern steckt. Denn über den Pferdesport wird derzeit viel gesprochen. Über seine Zukunft und Akzeptanz, und besonders oft fällt das Schlagwort Verantwortung.
Wir glauben, dass diese Diskussion nicht erst beginnt, wenn etwas schiefläuft. Sie beginnt viel früher: Im Alltag, im täglichen Training und bei den Entscheidungen, die niemand auf der Tribüne sieht. Wer sich durch alle Gespräche dieser Geschichte arbeitet, stößt immer wieder auf dieselbe Erkenntnis: Vier Wochen vor einer Weltmeisterschaft versucht niemand mehr, aus einem guten Pferd ein besseres Pferd zu machen. Die Arbeit ist im besten Fall längst gemacht.
Spitzenreiter trainieren plötzlich weniger
Wer noch nie ein Championatspferd vorbereitet hat, stellt sich die letzten Wochen vor einer Weltmeisterschaft vermutlich anders vor. Mehr Training. Mehr Intensität. Noch ein letzter Feinschliff. Die Realität klingt deutlich unspektakulärer. Bei Frederic Wandres beginnt der Weg nach Aachen nicht vier Wochen vor der Reit-WM. Nicht einmal vier Monate vorher. Eher rund um den Jahreswechsel, wenn sich alle zusammensetzen, die für Bluetooth OLD wirklich eine Rolle spielen:
Wandres selbst, sein Lebensgefährte Lars Ligus, das Team, die Bundestrainerin. Dann geht es um Turniere, Trainingsblöcke, Hufschmiedtermine, Tierarztchecks, Reisen, Pausen und all die Dinge, die später niemand sieht, die aber darüber entscheiden, ob ein Pferd im entscheidenden Moment überhaupt dort stehen kann, wo alle es haben möchten.
Reit-WM Aachen: Gold gewinnt man im Winter
Frühe Planung, so genau wie möglich, aber mit eben diesen ganzen möglichen Variablen ist – vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes – Gold wert.
– Frederic Wandres
Vor Olympia in Paris habe diese genaue Planung sehr gut funktioniert, seitdem werde vieles ähnlich weitergeführt. Nicht starr, aber mit Gerüst. Ein Plan, der angepasst werden kann, wenn das Pferd, das Wetter, die Form oder der Kalender es verlangen. Bluetooth OLD ist 16 Jahre alt, ein fertiges Grand-Prix-Pferd, erfahren, souverän, mit allem vertraut, was auf einem Championat gefragt ist. Genau deshalb wird nicht mehr jedes Wochenende irgendwo ein Viereck angesteuert.

Im Team erfolgreich: Frederic Wandres und sein Partner Lars Ligus managen die Haltung und die Versorgung der Pferde gemeinsam und können sich immer aufeinander verlassen. (© Stefan Lafrentz)
Weniger Training bringt manchmal mehr Erfolg
„Unsere Philosophie ist, dass man es mit den guten Championatspferden auf keinen Fall übertreiben sollte“, sagt Wandres. „Wir sind kein Freund davon, bei zehn internationalen CDIs im Jahr am Start zu sein und noch mal und noch mal und noch mal.“ Stattdessen wird gezielt ausgewählt. Nach einem Turnier darf Bluetooth herunterfahren. Dann werden die Dressuraufgaben auch mal vergessen, wie Wandres erzählt.
Es geht auf die Rennbahn, ins Gelände, um den Hof herum, raus aus der reinen Lektionenwelt. Nicht jedes gute Pferd muss ständig zeigen, dass es eins ist. Kurz vor einem großen Turnier wird das Training deshalb nicht plötzlich neu erfunden. Wandres plant zwei, drei Tage im Voraus, schaut dabei auf das Wetter, die Tagesform und ihr Gefühl. Bei großer Hitze wird nicht nachmittags bei 35 Grad Celsius trainiert, sondern vormittags in der Halle, angepasst, pragmatisch, ohne Drama.
Warum Erfolg Teamarbeit ist
„Es ist wichtig, dass das Pferd dann auf den Punkt voller Kraft ist und Lust hat, zum Turnier zu fahren“, sagt Frederic Wandres. Zu dieser Vorbereitung gehört auch der Futtereimer. Nach einem Turnier wird die Fütterung heruntergefahren; steigt die Leistungskurve wieder an, wird die Fütterung behutsam angepasst. Wandres entscheidet selbst, was Bluetooth bekommt. Auch das ist eine Form von Nähe: wissen, was gestern war, was morgen ansteht, ob es heiß wird, ob Elektrolyte nötig sind und ob das Pferd gerade mehr braucht oder weniger.
Und dann ist da noch sein Partner Lars Ligus. Ohne ihn, das wird in Frederic Wandres’ Erzählung klar, wäre die ganze Championatsvorbereitung eine andere. „Es ist nicht eine Partnerschaft von uns beiden, sondern es ist eher ein Dreigestirn: wir beide und Bluetooth.“ Lars kenne das Pferd in- und auswendig, berichtet Wandres, er sei im Training dabei, betreue Bluetooth auf Turnieren fast rund um die Uhr und treffe im Stall Entscheidungen, während Wandres Presse, Sponsoren oder andere Verpflichtungen wahrnimmt.

Immer dabei während der Turnierveranstaltungen und zu Hause: Lars Ligus kennt die Pferde in- und auswendig und trifft viele Entscheidung für seinen Partner Frederic Wandres. (© Privat)
Die Arbeit, die niemand sieht: Reit-WM Aachen
Jetzt grasen, später noch mal Schritt. Fliegendecke ja oder nein? Wetterwechsel. Dünne Decke. Keine Decke? „All diese kleinen Entscheidungen, die Außenstehende kaum wahrnehmen, laufen im Hintergrund ständig mit. Ich kann bei diesen Themen Lars blind vertrauen. Das nimmt einfach unheimlich viel Druck raus“, zeigt sich der Dressurreiter dankbar.
So wird aus dem viel zitierten „Auf den Punkt vorbereiten“ plötzlich etwas sehr Konkretes. Es ist kein einzelner Trainingsplan, kein letzter Feinschliff, keine magische Einheit kurz vor Aachen. Es ist ein Geflecht aus Erfahrung, Planung, Beobachtung und Menschen, die das Pferd gut genug kennen, um rechtzeitig zu merken, wenn etwas nicht passt. Die große Bühne kommt spät. Die eigentliche Arbeit beginnt lange vorher.
Die unsichtbaren Weltmeister
Wer über Championate spricht, spricht meist über Reiter. Wer mit Championatsreitern spricht, hört dagegen ständig andere Namen:
- Hufschmiede
- Tierärzte
- Physiotherapeuten
- Grooms
- Stallmitarbeiter
- Partner und Familien
Ohne sie würde kein Pferd in Aachen an den Start gehen.
Das Pferd gibt immer den Takt vor
Regine Mispelkamp weiß das nur zu gut. Sie gehört zu den erfolgreichsten deutschen Paradressurreiterinnen der vergangenen Jahre und ebenso zum Kreis der WM-Kandidaten für Aachen. Die Pferdewirtschaftsmeisterin und Diplomtrainerin war ursprünglich im Springsport zu Hause, bevor eine Multiple-Sklerose-Erkrankung ihren Weg veränderte und sie in den Parasport führte. Dort gewann sie Paralympics- und EM-Medaillen und zählt heute mit Highlander Delight’s und Pramwaldhof’s Bayala OLD gleich zwei Pferde im Stall, die auf Championatsniveau erfolgreich, aber beide vollkommen unterschiedlich sind.
Während das eine Pferd mit wenig Aufwand in Form bleibt, braucht das andere deutlich mehr Arbeit. Manche Pferde gehen vor dem Training auf die Wiese, andere danach. Manche profitieren von zusätzlicher Bewegung in der Führmaschine, andere benötigen vor allem Ruhe. Die Frage bleibt jeden Tag dieselbe: Was braucht dieses Pferd heute? Eine einfache Frage. Die Antwort darauf beschäftigt Mispelkamp allerdings beinahe täglich.

Das einzelne Pferd im Fokus: Para-Dressurreiterin Regine Mispelkamp fragt sich täglich: Was braucht dieses Pferd heute? Was für das eine Pferd genau das Richtige ist, passt für das andere gar nicht. Sie versucht, ihre beiden Erfolgspferde individuell fit zu halten. (© Theresa Schepp)


