Pferd mit BH auf dem Kopf, aus der Fotostrecke "Boxenluder" von Reinhard Hunger © Reinhard Hunger

La Perla.

Wer diese Bilder sieht, fragt sich heutzutage nicht nur: „Darf man das?“, sondern gleich darauf: „Ist das überhaupt echt – ist das wirklich passiert?“ Die Antwort: Die Fotostrecke „Boxenluder“ ist inszeniert, nicht gefälscht. Eine gute Idee und ein Fotograf mit Sinn für kontrollierten Unsinn wirkten damals im Jahr 2004 – bis heute, und zwar ganz ohne KI.

Auch den Jurys verdrehte die Serie den Kopf: ADC Bronze in der Kategorie Fotografie und eine Auszeichnung beim Deutschen LeadAward. Ein Bild wurde sogar Titelmotiv des Jahres und krönte wochenlang Hamburgs Deichtorhallen.

Boxenluder: Pferde mit Unterwäsche – auf dem Kopf!

Aber zurück zu den Motiven: Ein Pferd trägt hier einen BH über den Augen. Was wie ein Fall für den Tierschutz aussieht, erwies sich als Stoff für die Preisjury. Spitze wird zur Fliegenhaube, ein Slip zum Nasenschutz: „Haute Couture trifft Hafer“ könnte der Titel ebenfalls lauten. Die Unterwäsche liefert die Pointe, ohne dass die Pferde ihre Würde verlieren. Der Titel war doppeldeutig und wörtlich zugleich, denn die Models kamen aus der Box.

Am Anfang stand ein redaktioneller Einfall, den Reinhard Hunger in Bilder übersetzte: Wie zeigt man Unterwäsche so, dass man auch hinsieht? Ungewöhnliche Bildideen sind seine Handschrift – dafür buchen ihn Werbung und Medien. Für „Boxenluder“ führte ihn die Antwort ausgerechnet ins traditionelle Gestüt Darboven in Hamburg. Dort trafen Polo- und Rennpferde auf bunte Dessous statt auf Zaumzeug.

Als Herr Darboven vorbeischaute, rechnete das Team mit Irritationen. Der Gestütsbesitzer fand die Idee jedoch amüsant. Und auch für das Pferdewohl wurde gesorgt: Argentinische Pferdeflüsterer brachten die Pferde trotz Blitzlicht und Dessous fast zum Einschlafen, und die erwarteten Tierschutzproteste blieben tatsächlich aus.

Der Reiz liegt im Widerspruch

Die Motive sind absurd, aber nicht albern. Hunger fotografiert keine verkleideten Tiere, sondern Pferde, denen menschliche Vorstellungen von Chic herzlich gleichgültig sind. Ihre Unbeeindrucktheit macht aus der Pointe ein Porträt. Der Blick wandert vom BH zu Augen, Ohren, Nüstern und Ausdruck. Ausgerechnet die Verhüllung legt den Blick auf das Tier frei. Der BH fällt auf – aber im Gedächtnis bleibt das Pferd.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert