Dressurreiterin und Züchterin Julia Köhler © Mandy Köhler

Dressurreiterin und Züchterin Julia Köhler sitzt ausschließlich im Sattel von Barhufern, hier auf Jazz Joel.

Stirnrunzeln, Fragezeichen, ein ungläubiges Kopfschütteln. Manchmal ein abschätziges Lächeln. Wer von der Konvention abweicht und mit der Tradition bricht, erntet genau das. Wie bitte kann das sein? Wie kann ein Sportpferd barhuf laufen – und dann auch noch richtig erfolgreich sein?

Justin Verboomen und sein Hengst Zonik Plus, die neuen Stars am Dressurhimmel, machen es vor. Die Newcomer krönten sich im vergangenen Jahr im französischen Crozet zum Europameister. Im belgischen Lier knackten sie kürzlich die 90-Prozent-Marke bei der FEI Grand Prix Freestyle to Music der CDIO4* Big Tour, einer der anspruchsvollsten und kreativsten Dressurprüfungen überhaupt.

Eine Toprunde folgt aktuell der nächsten. In einem EQWO.net-Interview sagte Justin Verboomen: „Ich möchte, dass Zonik Plus aufs Paddock kommt. Aber aufgrund seines hengstigen Temperaments hat er sich die Eisen dauernd abgezogen. Also habe ich mich dazu entschlossen, sie abzunehmen.“ Es blieb dabei. Bis heute tanzt der Rappe barhuf durchs Viereck.

Justin Verboomen und sein Hengst Zonik Plus

Dressurreiter Justin Verboomen und sein Hengst Zonik Plus heimsen ohne Eisen einen Sieg nach dem anderen ein. (© Stefan Lafrentz)

Warum immer mehr Topreiter umdenken

Ein paar Jahre zuvor, Olympia-Stimmung in Tokio: Die schwedischen Springreiter Henrik van Eckermann und Peder Fredricson reiten 2021 zu olympischem Team-Gold. Letzterer heimst auch noch Einzel-Silber ein. Sein Wallach H&M All In hatte 2019 die Eisen vor einer längeren Pause abgenommen bekommen und sich dann sehr schnell umgewöhnt. „Er fühlt sich ohne Eisen einfach wohler“, erklärte Fredricson dem US-amerikanischen Pferdemagazin „The Chronicle of the Horse“.

Ähnliches berichtete Henrik van Eckermann der britischen Zeitschrift „Horse & Hound“ über seinen King Edward, der früher ebenfalls beschlagen war. Er sei unzufrieden mit der Art und Weise gewesen, wie der Wallach über die Hindernisse sprang. Ständig zog dieser stärker zu einer Seite. „Als wir ihm die Eisen abgenommen haben, hat sich das komplett geändert. Man spürte sofort, dass er entspannter und zufriedener war. Seitdem trägt er keine mehr.“

Henrik von Eckermann mit King Edward

Der schwedische Springreiter Henrik von Eckermann holte mit King Edward in Tokio Olympia-Gold mit der Mannschaft. (© Stefan Lafrentz)

Der Barhuf als Erfolgsrezept?

Auch Julien Epaillard zeigt, dass internationale Siege im Springsattel ohne Eisen möglich sind. Wenn der „Flying Frenchman“ im Stechen ist, weiß man: Jetzt wird es schnell. Durch Michael Hécart, dessen Pferde er reitet, kam er zum Barhuf. „Meine eigenen Pferde waren zu oft verletzt. Ich musste anfangen, mein System zu überdenken“, erklärte der Franzose am Rande der Partner Pferd 2025.

„Toupie de la Roque hatte mit Beschlag zweimal eine Sehnenzerrung. Danach, ohne Eisen, hatten wir damit nie wieder Probleme. Auch Safari d’Auge war immer mal wieder nicht 100 Prozent fit. Also habe ich es auch bei ihm probiert. Danach hatte er eine zweite Karriere. Er hat danach jede Menge gewonnen. Und nie zuvor hatte er mehr Spaß dabei. Also habe ich gedacht, warum mache ich das nicht mit allen Pferden? So bin ich dazu gekommen“, wird er auf spring-reiter.de zitiert. Generell würden alle seine Springpferde barhuf gehen, außer wenn es ein besonderes Turnier mit Grasplatz oder der Boden nicht gut genug sei.

Julien Epaillard springt barhuf

Einer der schnellsten Springreiter kommt aus Frankreich: Julien Epaillard ist mittlerweile Barhuf-Fan. (© Stefan Lafrentz)

In der Haltung sieht er weitere Vorteile. „Zu Hause gehen meine Pferde alle zusammen auf die Weide, die Stuten und die Wallache zusammen, die Hengste natürlich nicht. Aber da ist es besser, wenn sie nicht beschlagen sind, wenn sie ausschlagen oder so.“ Durch den Verzicht auf einen Beschlag sei die Verletzungsgefahr minimiert.

Überzeugungstäter seit fast vier Jahren ist Olympiasieger Christian Kukuk. „Acht von zehn Pferden laufen bei mir inzwischen ohne Eisen. Ich habe oft das Gefühl, dass sie sich leichter fühlen, und der Bewegungsablauf ist schneller. Das macht natürlich in unserem Sport einen Riesenunterschied“, erzählte der Deutsche im Gespräch beim Internationalen Festhallen Reitturnier in Frankfurt vor zwei Jahren, bei dem er mit drei Pferden barhuf startete. Sein damaliges Erfolgspferd Mumbai wäre in demselben Parcours ohne Eisen mindestens zwei Sekunden schneller als mit.

Wie macht der Barhuf Pferde schneller?

Wie kann das sein? Dieser Frage ging Professor Lars Roepstorff von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Tierversicherer Agria Djurförsäkring nach. In einer Barhufstudie untersuchten sie vier Parameter: wie sich der Huf in der Bewegung verhält, wie die Rotation des Hufes beeinflusst wird, wie lange der Huf in der Luft ist und wie die Gleitphase aussieht, wenn er auf dem Boden aufkommt. Die Ergebnisse wurden 2023 auf der Göteborger Pferdeshow vorgestellt.

Lars Roepstorff berichtete, dass die Springpferde ihre Beine durch das geringere Gewicht am Huf im Vergleich zum Eisenbeschlag in der Schwebephase nicht so hoch anheben müssten und so schneller zwischen der Stützphase und der Schwebephase wechseln könnten. Auch die Bodenkontaktzeit verändert sich: Die Hufe blieben länger am Boden, sodass die Pferde die Schrittzahl bei gleicher Geschwindigkeit erhöhen konnten.

Jeder Schritt wird präziser

Beim Aufsetzen war die Gleitphase der Barhufer zudem etwas länger. Da jegliche Bewegungsarbeit während des Bodenkontakts des Hufes stattfindet, arbeitet das barhuf laufende Pferd effizienter, so sein Fazit. Es kann schneller beschleunigen und abbremsen, ist trittsicherer und ausbalancierter in Wendungen, fußt kraftvoller ab – und schon ist es im Stechen schneller. Dahinter steckt ein hochkomplexes biologisches System: die Propriozeption.

Der Pferdehuf ist kein toter Hornschuh, sondern ein hochsensibles Tastorgan. In ihm befinden sich Milliarden mikroskopisch kleiner Nervenzellen und Rezeptoren, die entscheidend für die Eigenwahrnehmung und Motorik sind. Sie registrieren zum Beispiel kleinste Vibrationen, Druckveränderungen und Stöße, fühlen Temperaturunterschiede und ertasten den Boden: Ist er weich, steinig, schräg, hart oder rutschig?

Sie liefern dem Nervensystem und dem Gehirn kontinuierlich Daten, damit sich der Körper immer wieder optimal koordinieren kann. Wie und wo sind die Gliedmaßen im Raum positioniert? Darüber muss das Pferd nicht nachdenken. Das geschieht automatisch – wie bei uns Menschen.

Wie der Barhuf Stöße natürlich abfedert

Wichtig scheint dabei die Flexibilität des Hufes zu sein, der hinten offen ist, wodurch eine vertikale Verschiebung der Hornkapsel möglich wird, heißt es weiter in der Barhufstudie. So zeigten die inneren und äußeren Trachten eine höhere Beweglichkeit, eine verstärkte Kontraktion beim Abrollen sowie der Barhuf insgesamt einen größeren Bewegungsspielraum.

Wenn die natürliche Architektur aus Strahl, Strahlpolster und Lamellen gemeinsam aktiv wird, werden die Stoßwellen von empfindlichen Strukturen weggeleitet. Die Fähigkeit, sich auszudehnen und zusammenzuziehen, unterstützt diese Funktion. Es kommt zu einem natürlichen Dämpfereffekt, der, so vermutet Lars Roepstorff, darüber hinaus zu einer Stoßdämpfung weiter oben in der Gliedmaße führt.

Was Hufeisen verändern

Dr. Michael Zanger, staatlich geprüfter Hufbeschlagschmied/NL, Autor und Gründer des Ausbildungs- und Weiterbildungsbetriebs LTZ, bestätigt: „Das Pferd kann über die Hornkapsel, die bei Belastung ihre Form verändert, viele Ungleichbelastungen und eine hohe Vibrationsenergie beim Aufkommen des Hufes auf dem Boden abfangen, sodass diese nicht mehr in den übergeordneten Gelenkstrukturen ankommen.“

Stahl- und Metallbeschläge verändern jedoch die angeborenen stoßdämpfenden und neurosensorischen Eigenschaften. Sie schränken v.a. die vertikale Beweglichkeit stark ein. Die Rezeptoren nehmen nur noch wenige Reize wahr, die sie weiterleiten können.

„Das beschlagene Pferd besitzt also eine Körperstruktur, die nicht genutzt wird, aber von Natur aus eigentlich eine wichtige Funktion innehat“, bringt es Julia Köhler, S-Dressurreiterin und Sportpferdezüchterin aus Sondershausen in Thüringen, auf den Punkt.

Sie sitzt ausschließlich im Sattel von Barhufern und meint: „Sie fühlen den Boden deutlich besser und setzen ihre Hufe viel bewusster und koordinierter ein. Gerade bei Sportpferden, die eine hohe Belastung aushalten müssten, kann die natürlichste und funktionellste Form des Hufes zur Gesunderhaltung beitragen.“

Hat der Barhuf genug Grip?

Doch was ist mit dem mangelnden Grip? „Die meisten Dressur- und Springpferde bewegen sich auf idealen Hallenböden oder Außenplätzen. Selbst auf kleineren Turnieren stehen mittlerweile Sandplätze zur Verfügung. Die Frage stellt sich heute gar nicht mehr“, antwortet die Reiterin. Eine Ausnahme würden Grasplätze bilden, auf denen Vielseitigkeitspferde ihre Geländeprüfungen absolvieren. Hier brauchen sie mehr Halt, auch weil sie im Galopp durch Wasserkomplexe müssen. Das gelingt nur mit Stollen – und dafür braucht man Eisen.

Mit extremen mechanischen Anforderungen kommt man wahrscheinlich nicht um einen Beschlag drumherum. Ohne würden sich die Tiere ansonsten ganz anders bewegen. – Julia Köhler –

Julia Köhler springt barhuf

Euphorie, die selbst gezogene Stute von Julia Köhler, ist bis M** platziert, Vize-Landesmeisterin Thüringen 2025, hier mit ihrer Ausbilderin Letizia Lendholt. (© Sophie Stein)

Welche Kompromisse sind notwendig

Wer sich als Dressur- oder Springreiter für den Barhuf entscheidet, könnte jedoch, so Julia Köhler, in Kauf nehmen, auf einem Grasplatz nicht zu starten. „Das sehe ich persönlich nicht als nachteilig an. Für mich stand schon immer die Pferdegesundheit vor dem sportlichen Erfolg. Ich bin aber auch nicht zwingend vom Reitsport abhängig. Dieser Luxus erlaubt es mir, den Barhuf und damit langfristig physiologisch korrekte Bewegungen zu priorisieren. Vielleicht sehen diejenigen, die damit ihr Geld verdienen müssen, es anders.“

Im Spitzensport, wo eine kontinuierliche sportliche Leistung gefragt ist, kann der Blick auf den Barhuf ein anderer sein. Wo setze ich meine Priorität? Muss mein Pferd den maximalen Turnieranforderungen genügen, vielleicht sogar auf internationaler Ebene jederzeit und uneingeschränkt nutzbar sein? „Dann muss ich versuchen, mein Pferd ideal darauf einzustellen“, meint Dr. Michael Zanger.

Barhuf und Eisen kombinieren

Von Peder Fredricson weiß man, dass er auf Rasen zeitweise einen Kunststoffbeschlag wählt. „Wenn das Pferd eine gute Hornstruktur hat, kann dieser Wechsel gelingen. Die Klebetechnik bei Kunststoffeisen hat sich in den vergangenen Jahren wirklich gut entwickelt. Man muss offen sein und verschiedene Möglichkeiten anschauen und ausprobieren“, rät der Hufschmied.

Julia Köhler sieht einen Wechsel zwischen Barhuf und Eisen sowie Barhufphasen von ansonsten beschlagenen Pferden eher kritisch. „Sehnen- und Bänder, alle Knochenstrukturen, die vom Huf nach oben führen und weiter in den Pferdekörper hineingehen, stellen sich auf das ein oder andere ein. Ich verlange da schon sehr viel von der gesamten Körperstruktur.“ Eine kontinuierliche Lösung mit allen Konsequenzen ist ihrer Meinung nach die bessere Lösung. „Ich würde wahrscheinlich immer sagen: Bleib beim Barhuf“, merkt sie lächelnd an.

Wann Hufeisen wirklich sinnvoll sind

Dr. Michael Zanger empfiehlt einen Beschlag – egal, ob Kunststoff, Aluminium oder Stahl – in der Regel nur, wenn damit eine bestimmte Funktion an den Huf gebracht werden soll. „Ich kann vorne im Zehenbereich für ein schnelleres Abrollen sorgen, um Gelenke und Sehnen zu entlasten, oder den Hinterhufen eine bessere Unterstützungsfläche bieten, wenn der Boden vor einem Hindernis tief ist. Mehr Grip auf Grasböden bieten definitiv nur Stollen. Und der Abriebschutz ist bei allen Beschlägen hoch, um nur ein paar Funktionsbeispiele zu nennen.“

Bei herkömmlichen Sandplätzen besteht tatsächlich das Risiko, dass sich der Huf mehr abreibt, als er nachwachsen kann. „Da müsste man dann wahrscheinlich Maßnahmen ergreifen, aber wenn man einmal pro Woche auf schmirgelndem Sand reitet, macht das dem Barhuf nichts aus“, weiß Julia Köhler. Sie selbst kennt das Problem allerdings nur vom Hörensagen.

Warum Bewegung den Barhuf stärkt

Ihr tägliches Training findet auf einem Textil-Allwetterreitplatz statt. „Aber wir gehen auch regelmäßig ins Gelände, machen Dressurarbeit auf der Wiese. Unsere Pferde laufen nicht nur auf optimalen Böden. Sie haben gelernt, mit allen Bodenverhältnissen umzugehen, die sich je nach Witterung ergeben. Ihre Hufe müssen sich ständig auf neue Umweltfaktoren einstellen. Und das können sie auch. Wenn ich ihre Funktion nicht einschränke, machen die Strukturen einfach das, was biologisch für sie vorgesehen ist. Ich hatte barhufbedingt noch nie ein lahmes Pferd oder Probleme mit Strahlfäule, Mauke, hochgeschobenen Trachten usw.“, betont die Züchterin.

„Bewegung stärkt die Hufe“, bestätigt der Hufschmied. „Je mehr ein Pferd auf verschiedenen Untergründen läuft, desto besser werden sie.“ Doch durch unsere Nutzung, Haltung und Zucht schaffen wir oft ungewollt problematische Hufsituationen. Wildpferde, die bis zu 40 Kilometer am Tag zurücklegen, hätten eine viel stabilere Hufstruktur und höhere Knochendichte als unsere Reitpferde, die, wenn sie beispielsweise 24 Stunden auf dem Paddock stehen, nur auf etwa 500 bis 1.000 Meter am Tag kommen.

Pferd wird barhuf geritten

Um erfolgreich Dressur zu reiten, braucht es nicht zwingend einen Beschlag. Da zählen andere Kriterien. (© Renke Klaproth)

Was wir von Wildpferden lernen können

„Der Huf ist ein Bewegungsorgan, kein Standorgan, aber wir schränken die Tiere häufig allein durch unsere Haltungsform in ihren Bewegungsmöglichkeiten ein. Darüber müssen wir nachdenken, wenn wir über gesunde Hufe sprechen.“ Über ein korrektes Training auch. Das sei nämlich hilfreich für ein belastbares Fundament. „Aus dieser Perspektive betrachtet, hätte wiederum ein gut ausgebildetes Sportpferd eigentlich beste Voraussetzungen, um ohne Eisen zu laufen“, meint er.

Gesundheit habe ferner einen emotionalen Faktor, ergänzt die Züchterin. Werden Pferde artgerecht in der Herde gehalten, trägt das zur Gesunderhaltung bei. Die Fütterung spielt ebenso eine Rolle. Bei Julia Köhler gibt es keine Mischfuttermittel mehr, nur noch Einzelfuttermittel und Heu aus eigener Ernte. „Die Hufgesundheit muss man gesamtheitlich betrachten“, sagt die Züchterin.

Der Barhuf braucht die richtige Pflege

Dazu gehört die korrekte Barhufbearbeitung. Da ihr Schmied vor rund zwölf Jahren verletzungsbedingt für ein Dreivierteljahr ausfiel und sie keinen adäquaten Ersatz fand, entschied sich die Reiterin, unter seiner Aufsicht selbst Hand anzulegen. „Das war eine 1:1-Schulung über viele, viele Male“, erinnert sich die Dressurreiterin. Später habe sie sich selbst weitergebildet. Bei der Bearbeitung versucht Julia Köhler, die funktionalen Strukturen des individuellen Hufes zu berücksichtigen.

„Man drängt dem Pferd keine Hufform auf, sondern bleibt bei seinen natürlichen Grenzen, die durch verschiedene Referenzpunkte, z.B. an den Trachten oder Sohlen, erkennbar sind.“ Bei den Sportpferden hält sie Bearbeitungsintervalle von etwa acht Wochen ein. „Learning by doing“ empfiehlt sie aber nicht uneingeschränkt weiter. „Beim Huf sprechen wir über Millimeter, die entscheiden, ob ein Pferd gut laufen oder gar nicht mehr laufen kann.“ Sich mehr Wissen anzueignen, sei wichtig, aber nach einem Dreitageskurs dürfe man keinesfalls von sich behaupten, jeden Huf bearbeiten zu können.

Nahaufnahme von Hufen

Barhuf oder Eisen? Diese Frage kann nur für jedes Pferd individuell beantwortet werden. (© Louisa Schuricht/LouSchu Bilderwerke)

Was bei der Umstellung wichtig ist

Ist die Entscheidung für den Barhuf gefallen, braucht es ihrer Meinung nach vor allem eines: Geduld. „Stellen Sie sich vor, Sie laufen ein Leben lang mit festem Schuhwerk, und dann sagt Ihnen jemand: ‚Ab heute laufen Sie jeden Tag barfuß.‘ Da rufen Sie auch nicht: ‚Juhu, finde ich gut.‘“ Eine Umstellung könne mehrere Wochen oder gar Monate dauern.

„Vielleicht gibt es auch eine Handvoll Pferde, bei der sie gar nicht gelingt“, sagt sie ganz ehrlich. In der Übergangszeit könnten Hufschuhe zum Einsatz kommen, so wie es die schwedischen Springreiter auf harten oder steinigen Untergründen tun. Es gebe außerdem Substanzen zum Aufstreichen auf die Sohlen, um den Huf zu stärken und den Abrieb zu vermindern. Hufhärter wären eine weitere Option. „Man kann so versuchen, den Barhuf zu unterstützen“, ergänzt Dr. Michael Zanger.

So gelingt der Wechsel zum Barhuf

Vor der Eisenabnahme checkt Zanger zunächst den Beschlag. Wie groß ist die Abnutzung an welchen Stellen? „Dort, wo sich das Pferd das Beschlagsmaterial am meisten abreibt, wird es das auch barhuf tun.“ Dann folgen weitere Fragen: Wie ist die Hufbeschaffenheit? Passen Hornabrieb und Hornwachstum zusammen? Und wie nutze ich das Pferd? Antworten darauf lassen Rückschlüsse auf den Erfolg einer Umstellung zu.

Der beste Zeitpunkt dafür sind die Herbst- und frühen Wintermonate. „Aufgrund der schlechteren Witterung nutzt der Pferdebesitzer das Pferd nicht mehr so intensiv, geht öfter in die Halle, weniger auf Ausritte. Und die Substanz vom Hufhorn ist in dieser Zeit etwas stabiler, weil der Biorhythmus des Tieres noch immer darauf ausgerichtet ist, größere Strecken in den kühleren Monaten zu absolvieren, um Nahrung aufzunehmen.“

Welche Alternativen gibt es?

Gelingt die Umstellung nicht, muss ein Beschlag her. „Kunststoff kommt der Funktion des Barhufes am nächsten, gefolgt von Aluminium. Es muss nicht immer der klassische Stahl sein, bei dem die Vibrationsenergie übrigens fünfmal so hoch ist wie beim Barhuf“, erklärt er. Doch neue Erkenntnisse müssten sich erst gegen langjährige Traditionen durchsetzen.

„Altbewährtes gibt immer ein Stück weit Sicherheit. Man hat vielleicht gute Erfahrungen mit Eisen gemacht und nutzt sie deshalb weiter. Sie gehören für viele im Sport einfach dazu. Wenn ich Pferde beschlage, höre ich häufig: ‚Das Pferd bekommt neue Hufe.‘ Da steckt dieses Denken drin. Als hätte ein Pferd ohne Eisen keine Hufe oder könnte nicht geritten werden“, so der Experte augenzwinkernd.

Reiterin galoppiert durch Wasser

Team Barhuf oder Team Eisen? Das war einmal.Stattdessen wird vermehrt die einzelnen Bedürfnisse des Pferdes geachtet. (© Christiane Slawik)

Warum der Barhuf immer mehr überzeugt

Der Beschlag wurde vielleicht noch nie hinterfragt. Die aktuelle Debatte sei jedoch eine große Chance für den Barhuf und Anstoß für die Weiterentwicklung aller Beschlagsmöglichkeiten. „Ich bin keiner, der sagt, alle Pferde müssen barhuf gehen. Ich möchte, dass sich jedes Pferd gut und schmerzfrei bewegen kann. Jeder Weg ist in Ordnung, wenn es dem Tier dabei gutgeht.“ Er sieht die jetzige Entwicklung eingebettet in einen allgemeinen Gesellschaftstrend: „Auch wir Menschen wollen mehr Natürlichkeit in unserem Leben, hinterfragen unser Schuhwerk oder unsere Ernährung stärker als bisher.“

Wenn jemand, der ganz oben mitreitet, zeigt, dass man ohne Eisen erfolgreich sein kann, hat das einen Einfluss auf die breite Masse, meint Julia Köhler. Der Barhuf rückt so in den Fokus vieler Sport- und Freizeitreiter, aber sie sieht noch keinen flächendeckenden Wandel. „Es entsteht gerade eine Bereitschaft, sich über den Beschlag neue Gedanken zu machen und nach individuellen Lösungen zu suchen. Team Barhuf oder Team Eisen? Das war einmal. Anstatt die Frage ideologisch zu beantworten, werden vermehrt die einzelnen Bedürfnisse des Pferdes betrachtet. Und das kann ich nur begrüßen.“

Brauchen Jungpferde wirklich so früh Eisen?

Dr. Michael Zanger: „Zwei- oder Dreijährige zu beschlagen und zu reiten ist extrem früh, weil sich die Knochen der Gliedmaßen sowie die Strukturen der Hufe erst nach fünf bis sieben Jahren fertig ausgebildet haben. So kann sich eine körperliche Problematik entwickeln, die erst in späteren Jahren sichtbar wird. Man kommt vielleicht früher aufs Pferd, wird es aber nicht so lange nutzen können. Es braucht einfach Zeit zum Wachsen. Abwarten, bis es so weit ist, dass es sich wirklich selbst stabil und in Balance bewegen kann. Ist das nicht der Fall, würde ich es noch gar nicht sportlich nutzen wollen. Da stellt sich für mich die Frage gar nicht, ob ich Eisen draufmache oder nicht.“

Julia Köhler: „Die Übertragung vom Huf auf die Gelenke, Sehnen und Bänder sowie den Rest des Körpers ist hoch. Bei einem zu frühen Beschlag haben die Pferde nicht mehr die Möglichkeit, sich natürlich und gesund zu entwickeln. Es fehlt eine wichtige Zeitspanne, die später nicht mehr nachgeholt werden kann. Doch auf den Körungen sieht man kaum junge Hengste, auf Stutenleistungsprüfungen kaum junge Stuten ohne Hufeisen. Ich frage mich: Wieso?“

Fohlen mit Mutterstute auf Weide

Zwei- oder Dreijährige zu beschlagen und zu reiten ist extrem früh. (© Sonnenlichtfotografie Laura Schütz)

Der Grundstein für starke Barhufe

„Als Pferdebesitzer kann ich Dinge wie Haltung, Training und Fütterung beeinflussen, aber nicht die Genetik. Es macht Sinn, nur Pferde zu züchten, die ein gutes Exterieur aufweisen, sodass alle Hufe gleichmäßig belastet werden. Wir brauchen stabile Reitpferde mit einem guten Fundament„, sagt Dr. Michael Zanger. Die Aufzucht sei ebenso entscheidend. Fohlen sollten so naturnah wie möglich aufwachsen, sich viel bewegen und viele unterschiedlichen Untergründe kennenlernen dürfen. „Das brauchen die Hufe, das braucht der ganze Körper.“

Züchterin Julia Köhler bestätigt: „Genetik spielt eine Rolle. Man sollte darauf achten, nur Pferde mit gesunden Hufe anzupaaren.“ Später müsse auf eine gute Versorgung der Stute und damit auch des Fohlens im Mutterleib geachtet werden. Kritisch sieht sie vor allem frühe Geburten.

Gesunde Hufe schon im Fohlenalter

„Viele Züchter lassen die Fohlen schon im Januar oder Februar auf die Welt kommen. Im Winter können sie aber noch nicht raus. Die stehen viel in der Box oder sehen anfangs nur den Hallenboden. Sie sollten aber frühzeitig alle Bodenverhältnisse kennenlernen. Unsere Fohlen werden nicht vor Ende März geboren, kommen so schnell wie möglich raus und folgen ihren Mutterstuten auch auf Ausritten.“

Die Gesundheit der Stuten sei ebenso wichtig wie die des Nachwuchses. Sie werden von Julia Köhler bis zu einem gewissen Grad der Trächtigkeit geritten und ca. vier bis sechs Wochen nach dem Abfohlen langsam wieder ins „Mutti-Training“ genommen.

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