Die Suche nach einem passenden Sattel führte sie in ihre berufliche Zukunft: Kathrin Boesen hat sich als Sattelergonomin selbstständig gemacht.
Mit Zahnbehandlungen fängt es oft an. Doch die Frage, wer eigentlich qualifiziert genug ist, am Pferd zu arbeiten, hört dort längst nicht auf. Auch im Sattelbereich gibt es unzählige Berufsbezeichnungen, Fortbildungen und Philosophien – von der klassischen Reitsportsattlerei bis zur Sattelergonomie. Aber woran erkennt man, wer wirklich Ahnung hat? Und reicht es, ein paar Tage mit einem Hersteller unterwegs zu sein oder einen Wochenendkurs besucht zu haben?
Sattler oder Sattelergonomin – wo ist der Unterschied?
Schon in unserem Schwerpunktthema der letzten Ausgabe von Hooforia „Der Wochenend-Therapeut: Kann das jeder?“ zeigte sich: Titel sagen oft weniger aus, als viele Pferdebesitzer glauben. Das gilt bei Zahnbehandlern, Osteopathen und Therapeutinnen – und eben auch bei Menschen, die Sättel verkaufen, anpassen oder verändern.
Denn auch im Sattelbereich gibt es keine Berufsbezeichnung, die automatisch Qualität garantiert. Wer sich Sattler, Saddlefitter, Sattelergonom oder Sattelanpasser nennt, kann ganz unterschiedliche Hintergründe haben. Manche haben den klassischen Beruf des Reitsportsattlers gelernt, andere kommen über therapeutische Ausbildungen, Herstellerschulungen – oder den eigenen Leidensweg mit dem eigenen Pferd in die Branche.

Solche hellen Stellen am Widerrist können dafür sprechen, dass hier ein Sattel mal schlecht gepasst und somit Druckstellen erzeugt hat. (© Christiane Slawik)
Wie Kathrin Boesen in die Sattelbranche kam
Kathrin Boesen ist so ein Beispiel. Sie ist keine klassische Sattlerin, sondern ursprünglich gelernte Außenhandelskauffrau. Weil sie mit ihrem eigenen Pferd massive Sattelprobleme hatte, begann sie sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Sie bekam gebrauchte Sättel verkauft, die nicht passten, experimentierte mit Pads und suchte nach Lösungen.
Schließlich empfahl ihr eine Sattlerin einen Sattel von Jochen Schleese. Als Schleese selbst in ihren Stall kam, entstand daraus nicht nur eine neue Lösung für ihr Pferd, sondern auch eine berufliche Perspektive. Kathrin Boesen ließ sich weiterbilden, fuhr mit erfahrenen Sattlerinnen durch ganz Europa, arbeitete bei Schleese und später als selbstständige Sattelergonomin. Heute hat sie ihre eigene Marke entwickelt und bildet selbst andere aus.
Warum Titel im Sattelbereich oft wenig aussagen
Für sie zeigt genau dieser Weg, warum pauschale Aussagen nicht weiterhelfen. „Schwarze Schafe gibt es überall“, sagt sie. „Nur weil jemand ein staatlich anerkanntes Zertifikat hat oder eben keines, heißt das noch lange nicht, dass die Person gut oder schlecht arbeitet.“
Gerade auf Social Media beobachtet sie zunehmend harte Fronten. Dort werde schnell behauptet, nur ein Sattlermeister könne überhaupt einen Sattel anpassen. Gleichzeitig gebe es aber auch Menschen, die nach wenigen Kursen oder Schulungen glauben, alles zu wissen. „Ich arbeite lieber mit Leuten zusammen statt gegeneinander“, sagt Kathrin Boesen. „Das bringt niemanden weiter. Aber leider ist dieses Gegeneinander im Reitsport sehr verbreitet.“

„Am Ende geht es nicht darum, welcher Name auf dem Sattel steht, sondern ob er zum Pferd passt“, sagt Sattelergonomin Kathrin Boesen. (© Liviana Uhl-Jansen)
Reitsportsattler & Co.: Wer lernt eigentlich was?
Dabei lohnt sich ein Blick darauf, wer eigentlich was lernt. Die klassische Ausbildung zum Reitsportsattler ist ein anerkannter Handwerksberuf. Dort geht es um Leder, Nähte, Polsterungen, Reparaturen und den Bau von Sätteln, Trensen und Zubehör. „Das handwerkliche Können ist enorm wichtig – keine Frage. Wer einen Sattel verändern, aufpolstern oder reparieren will, muss wissen, wie Material funktioniert“, sagt Kathrin Boesen.
Sie kritisiert aber, dass in der klassischen Ausbildung häufig zu wenig über Pferdebewegung, Reitlehre oder Biomechanik vermittelt werde. „Ein Gesellenstück ist zum Beispiel oft eine Trense“, sagt sie. „Das heißt aber noch lange nicht, dass jemand weiß, wie ein Pferd sich bewegt oder wie ein Sattel auf einem Pferderücken wirken muss.“
Deshalb hält sie das Verständnis für Pferde und Reiter fast für wichtiger als das reine Handwerk. „Du musst einfach selbst reiten können“, sagt sie lachend. „Wenn ich jemandem erklären soll, wie sich Fahrradfahren anfühlt, muss ich doch selbst Fahrrad fahren können.“ Wer Sättel anpasst, müsse verstehen, wie sich Pferde bewegen, wie sich Rückenformen verändern und wie sich unterschiedliche Reiter auf ein Pferd auswirken.

Welche passt nun? Wer das Sattlerhandwerk klassisch erlernt, muss meist als Gesellenstück eine Trense bauen. (© Christiane Slawik)
Viele Sattler-Grundlagen sind erlernbar
„Der Sattel ist das Bindeglied zwischen Pferd und Reiter“, sagt sie. „Aber das ist keine Mathematik. Zwei plus zwei ist bei der Anpassung nicht immer vier. Man braucht Gefühl, Erfahrung und ein Verständnis dafür, wie alles zusammenspielt.“ Viele Grundlagen seien trotzdem erlernbar. Wo liegt die letzte Rippe? Wie verläuft das Schulterblatt? Wie viel Platz braucht der Widerrist? Liegt das Kopfeisen parallel zur Schulter? Ist der Sattel zu lang, zu kurz, zu eng, zu weit?
„Jeder kann lernen, die letzte Rippe zu fühlen oder das Schulterblatt zu finden“, sagt Kathrin Boesen. „Auch Polstern ist kein Hexenwerk. Aber man braucht Technik, Gefühl und einen Blick fürs Pferd.“ Genau dieser Blick fehlt ihrer Meinung nach häufig. Viele Dienstleister könnten hervorragend mit Leder und Maschinen umgehen, aber hätten wenig Gespür für Bewegung, Anatomie oder den Reiter im Sattel.
Im Austausch bleiben: Niemand kann alles wissen!
Andererseits gebe es auch Menschen mit großem Pferdeverstand, die handwerklich an ihre Grenzen kommen. „Ich habe einen anderen Blick als jemand, der nur das Handwerk gelernt hat, aber wenig Ahnung vom Pferd hat“, sagt sie. „Ich zeichne beim Kunden an, wo anatomische Besonderheiten liegen, schaue auf die Bewegungen und habe ein osteopathisches Hintergrundwissen.“
Trotzdem betont sie immer wieder, dass niemand alles allein wissen könne. Deshalb pflegt sie den Austausch mit anderen Sattlern, Marken und Experten. „Wenn ich selbst nichts Passendes habe, dann empfehle ich eben jemanden anderen“, sagt sie. „Man muss sich auch mal etwas gönnen können. Es geht am Ende nicht darum, welcher Name auf dem Sattel steht, sondern ob er zum Pferd passt.“

Genug Platz am Widerrist? Wer am Pferd arbeitet, braucht unbedingt Kenntnisse von Anatomie, Bewegungsmechanik und den individuellen Besonderheiten von Pferd und Reiter. (© Christiane Slawik)
Woran Pferdebesitzer gute Sattler und Sattelberater erkennen
Für Pferdebesitzer bedeutet das vor allem: Fragen stellen. Welche Ausbildung hat die Person? Wie lange hat sie gedauert? Wurde praktisch gearbeitet oder nur theoretisch gelernt? Wird nur eine Marke verkauft oder auch offen gesagt, wenn etwas anderes besser wäre? Kann jemand erklären, warum ein Sattel passt oder nicht passt?
Misstrauisch sollte man werden, wenn jemand nur in Extremen spricht. Wenn jemand behauptet, nur seine Methode sei richtig. Oder wenn keine Bereitschaft da ist, mit Tierärzten, Trainern, Osteopathen oder anderen Sattlern zusammenzuarbeiten. Denn auch im Sattelbereich gilt am Ende das Gleiche wie bei Dentisten, Therapeuten oder Osteopathen: Gute Arbeit erkennt man selten am lautesten Auftritt. Sondern daran, dass jemand Fragen beantworten kann, Zusammenhänge versteht – und die eigenen Grenzen kennt.