Es ist wieder Zeit der Hengstkörungen. In fast allen Verbänden in Deutschland werden im November oder Dezember die jungen Aspiranten vorgestellt. Wie gehen Zuchtverbände mit der Kritik an der Körung um?
Es ist wieder Zeit der Hengstkörungen. In fast allen Verbänden in Deutschland werden im November oder Dezember die jungen Aspiranten vorgestellt. Sie werden gemustert, freilaufen gelassen, sie werden teilweise longiert, gehen durch eine Freispringreihe. Körungen entscheiden, welche Hengste ins Hengstbuch eingetragen und später zur Zucht zugelassen werden. Doch die frühe Vorbereitung ist ein Punkt, an dem Kritik ansetzt. Tierschutzverbände, aber auch einige Fachleute aus der Praxis stellten in der Vergangenheit immer wieder infrage, ob zweijährige Pferde für die Belastungen einer Körung – Transport, fremde Umgebung, Training – ausreichend gefestigt sind. Wir haben dazu ein umfassendes Dossier in der jüngsten Hooforia veröffentlicht. Weiterführend haben wir dazu Interviews geführt mit dem Oldenburger und Hannoveraner Verband. Die stellvertretende Zuchtleiterin im Oldenburger Verband, Janou Mayer, hat sich den Antworten den Hannoveraner Zuchtleiters Ulrich Hahne angeschlossen. Nur bei der letzten Frage gibt es verschiedene Antworten.
Zuchtverbände im Interview: Die Ziele der Hengstkörungen
Hooforia: Könnten Sie uns kurz das Ziel der Zucht im Verband beschreiben?
Im Zuchtziel des Hannoveraner Verbandes (und auch des Oldenburger Verbandes) wird das anzustrebende Pferd als aufgrund seiner inneren Eigenschaften, der Rittigkeit, seines äußeren Erscheinungsbildes, des Bewegungsablaufs, der Springveranlagung und der Gesundheit als Leistungs- und Freizeitpferd geeignet ist beschrieben.
Hooforia: In welchem Alter werden bei Ihnen Hengste typischerweise vorgestellt?
Die Hauptkörung des Hannoveraner Verbandes ist für 2 bis 4-jährige Hengste offen. Die Vorauswahlen hierfür finden im Oktober und die Körungen Ende November statt. Auch die Oldenburger Hengststage sind terminiert auf Mitte November. Üblicherweise werden die Hengste zweijährig zur Vorauswahl vorgestellt. Bis zu diesem Alter sind die Züchter noch in der Lage, die Hengste selbst aufzuziehen. Werden die Hengste älter, können viele vor allem kleinere Züchter die Hengste nicht mehr in ihrem Bestand halten. Bei den Springpferden haben wir seit einigen Jahren immer auch eine kleine Gruppe älterer Hengste dabei. Bei den Dressurhengsten ist dieses noch nicht gelungen.
Hooforia: Welche Anforderungen werden an die Vorbereitung eines Hengstes gestellt – z. B. Exterieur, Bewegung, Fundament, Freispringen, Verhalten? Wie sieht bei Ihnen der Ablauf aus?
Hinsichtlich Exterieur und Fundament sind die Vorbereitungsmöglichkeiten begrenzt. Überprüft werden diese Merkmale bei einer Pflastermusterung. Beim Freispringen muss die Vorbereitung so gestaltet sein, dass die Hengste bei der Vorauswahl vertrauensvoll und selbstbewusst einen abschließenden Oxer von 1,20 m absolvieren. Von den 3- und 4-jährigen Hengsten verlangen wir auch einen Sprung unter dem Reiter. Allerdings nicht in dieser Höhe. Die Bewegungen werden bei der Vorauswahl nur im Freilaufen überprüft. Bei der Körung werden die Dressurhengste zusätzlich zum Freilaufen longiert. Das Verhalten der Hengste wird über alle Selektionsschritte beobachtet. Hier ist es uns wichtig, dass die Hengste vertrauensvoll, ausgeglichen und mit ausreichend Selbstbewusstsein auftreten. Bei der ruhiger verlaufenden Vorauswahl versuchen wir einen Eindruck davon zu gewinnen, ob der Hengst die Atmosphäre bei der Körung bewältigen kann. Auch das fließt in die Selektionsentscheidung mit ein.
Der Ablauf der Hengstvorauswahl ist in den letzten Jahren soweit optimiert worden, dass die Hengste für die Selektion, die Produktion von Foto- und Videomaterial und die tierärztliche Untersuchung nur einmal vorgestellt werden müssen.
Kritik an früher Körung: So sehen es die Zuchtverbände
Hooforia: Die aktuellen Leitlinien des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) empfehlen, Pferde frühestens mit 30 Monaten in zielgerichtete Ausbildung zu nehmen. Wie reagiert der Hannoveraner Verband auf diese Vorgabe? Wird das Alter von 30 Monaten als praktikabel gesehen?
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit die Vorbereitung auf die Körung bereits als zielgerichtete Ausbildung gesehen werden muss. Wir stehen hier in einem sehr engen Austausch mit den überwachenden Behörden. Vor einigen Jahren gab es hierzu Beratungen auf Bund-Länderebene mit den Zuchtverbänden. Letztlich ist die individuelle Reife der Hengste wichtiger, als ein Stichtag. Es gibt Pferde, die sind auch zu einem späteren Zeitpunkt noch nicht genügend entwickelt, um auf eine Körung vorbereitet zu werden und einige Hengste haben auch mit weniger als 30 Lebensmonaten schon die genügende Reife.
Das Horsewatch-Projekt von Prof. Christine Aurich, bei dem die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung als Projektträger auftritt, hat die Vorbereitung von Hengsten verschiedener Altersgruppen (24 Monate/30 Monate) untersucht. In einem hierzu erschienen Artikel kommt sie zu folgendem Fazit: „Die bisherigen Ergebnisse ergeben keine Hinweise darauf, dass ein moderates, systematisches Vortraining von zweijährigen Warmbluthengsten tierschutzrelevant ist.“ Hier arbeiten wir in den Kommissionen auch eng mit den Tierärzten zusammen, die die Reife der jungen Hengste zusätzlich überprüfen.
Tierwohl auf den Hengstkörungen
Hooforia: Wie geht der Verband mit dem Thema Tierwohl im Rahmen der Körung und Hengstvorstellung um – insbesondere mit Blick auf Vorbereitung, Training, Stressreduktionsmaßnahmen (Transport, Umfeld, Zuschauer, Sprunghöhen)?
Das Tierwohl ist uns ein wichtiges Anliegen. Die Kritik an der Entwicklung der Junghengstkörung ist uns durchaus bewusst und da, wo sie berechtigt ist, steuern wir dagegen. Durch die Optimierungen der Hengstvorauswahl haben wir die Anzahl der notwendigen Transporte bereits reduziert. In den Vorbereitungsställen werden die Hengste behutsam an diese Situationen herangeführt. Das beinhaltet auch den Transport der jungen Hengste. Mit den Vorbereitungsställen gibt es bundesweit einheitliche Vereinbarungen für die Vorbereitung auf Hengstvorauswahlen und Körungen. Diese regeln die Intensität und Dauer der Vorbereitung.
Die Anforderungen an den Körveranstaltungen wurden reduziert. Die Springhengste werden nicht mehr longiert und die Dressurhengste werden nicht mehr im Freispringen gezeigt. Dadurch haben wir auch die Aufenthaltsdauer der Hengste am Körstandort um einen Tag reduzieren können. In besonderer Kritik steht das Longieren der Hengste. Hierzu hat der Hannoveraner Verband bereits vor einigen Jahren ein Video produziert, wie wir uns das Longieren vorstellen. In der Zusammenarbeit mit den Hengstvorbereitungsställen haben wir außerdem das Drumherum optimieren können. So wird den Hengsten bereits am Tag vor dem Longieren der Zirkel im Schritt an der Hand gezeigt, damit die Hengste sich mit dem Umfeld vertraut machen können. Außerdem gibt es Absprachen zwischen den Longenführern, die gleichzeitig in der Bahn sind, um Stresssituationen zu vermeiden. Dies hat zu einem deutlich verbesserten Ablauf des Longierens geführt. Das kommt im Übrigen nicht nur dem Tierwohl zugute, sondern auch der Qualität der Selektionsentscheidung. Die Sprunghöhen des Freispringens sind behördlicherseits für die Körung auf maximal 1,30 m festgelegt.
Hooforia: Haben Sie Unterschiede festgestellt in der Stressresilienz oder Sicherheit im Auftreten von Hengsten im Alter von 24 Monaten gegenüber 30 Monaten? Wird das Alter in Ihrer Bewertung berücksichtigt?
Die Stressresilienz der Hengste ist eher typ- als altersabhängig. Auch hier verweise ich auf die Ergebnisse des Horsewatch-Projektes von Prof. Christine Aurich.
Hooforia: Wie transparent sind die Bewertungskriterien und der Ablauf der Körung für Züchter und Öffentlichkeit?
Die Bewertungskriterien sind in der Satzung definiert. Die einzelnen Noten sind nicht öffentlich. Die Hengste werden bei der Körung linear beschrieben. Für den Fall eines Zuchteinsatzes wird dieses Linearprofil im Hengstverteilungsplan des Verbandes veröffentlicht.
Wirtschaftlicher Druck vs. Pferdegesundheit: Gibt es eine Balance?
Hooforia: Welche Maßnahmen ergreift der Verband, um sicherzustellen, dass junge Pferde nicht überfordert oder zu früh auf Hochleistung gebracht werden?
Hier verweise ich noch einmal auf die Vereinbarungen für die Vorbereitung auf Hengstvorauswahlen und Körungen, die mit den Besitzern und Vorbereitungsställen geschlossen werden.
Hooforia: Der wirtschaftliche Druck ist hoch. Wie sieht der Verband die Balance zwischen marktwirtschaftlicher Dynamik und langfristiger Pferdegesundheit?
Wir bewegen uns mit den Körveranstaltungen in einem Spannungsfeld von Selektion, Tierwohl und Markt. Hier müssen wir die Balance finden. Eine verantwortungsvolle Vorbereitung der jungen Hengste ist, wie schon erwähnt, nicht als tierschutzrelevant anzusehen. Es gibt genügend Beispiele von sportlich nachhaltig erfolgreichen Pferden, deren Karriere auf einer Hengstkörung begann. Im Zusammenhang mit der Körung von Junghengsten müssen sich alle Beteiligten ihrer Verantwortung bewusst sein. Nur dann behält das aktuelle Körsystem seine Akzeptanz und nur dann bleibt es erfolgreich. Die Aufgabe der Verbände ist es, dort einzuschreiten, wo ihrer Meinung nach diese Verantwortung fehlt.
Hooforia: Gibt es im Verband Überlegungen oder Reformen, wie Körung in Zukunft aussehen könnten?
Der Hannoveraner Verband hat in den letzten fünf Jahren bereits einige Veränderungen in dieser Hinsicht vorgenommen. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen. Neue Möglichkeiten und Methoden schaffen immer wieder Veränderungen. Wenn diese zu Verbesserungen führen, werden sie auch umgesetzt.

Riesiger Satz: Die springbetonten Hengste gehen auch eine Freispringreihe auf den Körungen. (© Stefan Lafrentz)
„Wünsch‘ Dir was!“ So sehen Verbände die Körung der Zukunft
Hooforia: Wenn Sie den Ablauf einer Hengstkörung neu denken dürften: Was würden Sie ändern und warum? Welche Kernpunkte stünden dabei im Fokus?
Ulrich Hahne: Für mich als Zuchtleiter ist der Kernpunkt der Körung die Selektion. Aus dieser Hinsicht spricht vieles für die Körung als ersten Selektionsschritt zu dem aktuellen Zeitpunkt. Denn dieser sorgt für eine möglichst große Selektionsbasis, da viele Züchter bis zweijährig die Möglichkeit haben, ihre Hengste selbst aufzuziehen. Der Ausbildereinfluss nimmt mit zunehmendem Alter eines Pferdes zu. Auch dieser Fakt spricht für den aktuellen Zeitpunkt. Geschlechts- und Zuchtreife setzen ein. Der wichtige Schritt der Überprüfung unter dem Reiter erfolgt dann in der Hengstleistungsprüfung und im Turniersport. Es hat schon seinen historisch gewachsenen Grund, warum sich die Körungen für die Hengste zweijährig im Herbst etabliert haben. Als sich diese dort manifestierte, spielte die Vermarktung noch keine große Rolle. Das „Wie“ müssen wir dabei im Sinne des Tierwohls im Auge behalten.
Janou Mayer: Aus züchterischer Sicht ist die Körung nach wie vor ein wichtiges Selektionsinstrument – sie markiert den ersten Schritt in der Beurteilung eines Hengstes. Dennoch zeigt sich zunehmend, dass eine Sattelkörung, also die Vorstellung unter dem Reiter im Alter von drei bis vier Jahren, langfristig die aussagekräftigere Form der Selektion darstellt. Während die Junghengstkörung im November wertvolle Erkenntnisse zu Typ, Fundament und Grundqualität liefert, können erst unter dem Sattel wesentliche Kriterien wie Rittigkeit, Leistungsbereitschaft und Interieur fundiert beurteilt werden. Die Sattelkörung schafft somit eine engere Verbindung zwischen Zucht und Sport und ermöglicht es, die züchterische Entscheidung stärker an den tatsächlichen Reiteigenschaften auszurichten. Künftig könnte daher ein stärkerer Fokus der Sattelkörung – etwa als zentraler Selektionsschritt – sinnvoll sein, um die Zuchtziele noch praxisnäher und im Sinne des modernen Reitpferdes weiterzuentwickeln. Entscheidend bleibt dabei: Eine solide Grundselektion im jungen Alter und eine spätere, leistungsorientierte Beurteilung ergänzen sich ideal.

