Jessica von Bredow- Werndl und Dalera in Leipzig 2022.
Vor exakt 40 Jahren – 1986 – gab es zum allerersten Mal ein Weltcup-Finale der Dressurreiter. Die Springreiter hatten – wie HOOFORIA in Folge 7 des „Lebendigen Lexikons“ berichtete – bereits in der Saison 1978/79 ihre Weltcup-Geschichte mit dem ersten Sieger Hugo Simon begonnen.
Startschuss für die Dressur-Kür
Alles begann mit einem einschlägigen Erlebnis: Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles im Jahr 1984 erlebte der Niederländer Joep Bartels den Auftritt von Dr. Reiner Klimke und seines legendären Hannoveraner-Wallach Ahlerich. Die beiden zeigten ihre Einerwechsel im Galopp zu John Williams‘ „Olympic Fanfare“. Diese war durch Zufall für diese Lektion als Untermalung eingespielt worden.
Bartels arbeitete zunächst als freiberuflicher Journalist und schuf 1974 den Verlag BCM, der unter anderem das international renommierte Magazin ‚Horse International‘ herausgab. In dieser Funktion war er in LA vor Ort. Später wurde Bartels Professor an der Landwirtschaftlichen Hochschule in ’s-Hertogenbosch.
Der Niederländer entwickelte in Anlehnung an Klimke die Idee, eine Dressurprüfung zu schaffen, in der Reiter ihre eigene Kür gestalten und mit Musik unterlegen konnten. Inspiration dazu lieferte ihm beispielsweise der Eiskunstlauf. Zuvor war nämlich das Format ‚Kür‘ im Reitsport überhaupt nicht bekannt. Bartels‘ Idee wurde zum Ausgangspunkt für den Dressur-Weltcup. Die Serie sollte Spitzenleistungen in der Dressur einem Hallenpublikum näherbringen und den Reitern zugleich Raum für künstlerische Gestaltung geben.
Erstes Finale in ‘s-Hertogenbosch
Das erste Finale fand dann auch in Bartels‘ Heimatland und sogar Heimatstadt ‘s-Hertogenbosch statt. Es gab 14 Qualifikationsturniere in Europa, unter anderem Aachen, und insgesamt zwölf Startplätze im Finale. Zehn Plätze waren für europäische Reiter vorgesehen, zwei weitere für Teilnehmer aus Übersee. Ann Kathrin Linsenhoff sammelte bei acht Turnieren die meisten Qualifikationspunkte.
Den Premierensieg holte jedoch die Dänin Anne Grethe Jensen mit Marzog. Christopher Bartle (Ja, wir reden von DEM Chris Bartle, der sowohl Deutschland als auch Großbritannien an die Spitze der Vielseitigkeitsreiterei brachte) aus Großbritannien belegte mit Wily Trout Rang zwei, die Schweizerin Christine Stückelberger wurde mit Rubelit von Unkenruf Dritte. Ann Kathrin Linsenhoff ritt mit der Oldenburger Stute Vallauris auf den vierten Platz. Ebenfalls aus deutscher Sicht dabei: Gabriela Grillo mit Losander als Fünfte.
Christine Stückelbergers große Stunde bei der Equitana
Das zweite Weltcup-Finale fand in Deutschland statt – und zwar in Essen im Rahmen der Weltmesse des Pferdesports, der Equitana. Dieser Veranstaltungsort blieb einmalig in der Weltcup-Geschichte.

Das Buch „Equitana: Welt der Pferde“ berichtet vom legendären Weltcup-Finale. (© FN-Verlag Screenshot)
Nach der Dänin Jensen schlug die große Stunde der Schweizerin Christine Stückelberger. Sie gewann das zweite Finale mit Gauguin du Lully vor Anne Grethe Jensen und Marzog. George Theodorescu, Vater von Monica, belegte mit Sunny Boy Rang drei. Danach ging es zurück nach s’Hertogenbosch. Wieder siegte Stückelberger, dieses Mal vor Cindy Neale-Ishoy aus Kanada mit Dynasty. Erstmals stand damit eine Reiterin aus Übersee auf dem Podest. Der Schweizer Otto Hofer ritt mit Andiamo auf Platz drei.

Christine Stückelberger, hier im Jahr 1990 bei den ersten Weltreiterspielen, gewann gleich zwei Finals in Folge. (© Dirk Caremans)
1989 zog das Finale erstmals ins schwedische Göteborg, das ja zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach als Austragungsort der Springreiter geglänzt hatte. Dieses Mal gewannen die Französin Margit Otto-Crepin und ihr legendärer Corlandus. Es waren schon damals die großen Namen, die vorn standen. Sowohl Stückelberger als auch Jensen und Crepin zählten zu den Besten ihrer Zeit. Die Doppel-Olympiasiegerin des Jahres 1988, Nicole Uphoff, war mit Rembrandt jedoch nicht im Weltcup-Geschehen aktiv, ebenso wenig wie Dr. Reiner Klimke.
Deutschlands erster Sieger
Den ersten Sieg nach Deutschland holte 1990 in ’s-Hertogenbosch Sven Rothenberger auf dem zuvor von Otto Hofer gerittenen Andiamo. Rothenberger war Kür-Spezialist, ritt jedoch auch mit dem deutschen Team bei den ersten Weltreiterspielen in Stockholm im selben Jahr zu Gold. Erst 1994 wechselte er aufgrund der Tatsache, dass er mit Ehefrau Gonnelien in einer Mannschaft reiten wollte, in die Niederlande.

Später war er als Weltcup-Richter unterwegs: Sven Rothenberger, der erste deutsche Sieger. (© Sven Rothenberger)
In den frühen 1990er Jahren folgte eine deutsche Siegesserie. Nachdem noch die Finnin Kyra Kyrklund (heute Trainerin von Cathrine Laudrup-Dufour) mit Matador 1991 den Sieg für sich verbuchte, folgte der erste Erfolg von Dressur-Legende Isabell Werth. Sie ritt im Olympiajahr 1992 nicht mit ihrem damaligen herausragenden Pferd Gigolo zum Sieg, sondern mit der Stute Fabienne. Nach EM-Einzelgold 1991 und diesem Erfolg erschien die erst 22 Jahre alte Sportlerin aus Rheinberg als Top-Favoritin für die Spiele in Barcelona, musste dort aber noch einmal Nicole Uphoff und Rembrandt den Vortritt im Einzel lassen.
1993 und 1994 ging der Sieg im Weltcup-Finale an die heutige Bundestrainerin der Dressurreiter Monica Theodorescu und ihren Rappen Ganimedes. Sie war damit die erste deutsche Dressurreiterin, die ihren Titel im Weltcup verteidigte.
1994 erreichte übrigens Nicole Uphoff mit ihrem ‚1B-Pferd‘ Grand Gilbert Platz zwei. Er war anders als Rembrandt in der Kür zuhause. Nachdem sich ‚Remmi‘ einen schweren Beinbruch zugezogen hatte, konzentrierte sich Uphoff mehr auf Grand Gilbert und holte neben dem Weltcup-Erfolg auch Kür-Gold bei dem erstmals bei der EM 1993 in Lipica ausgetragenen Format. Rembrandt kehrte im Sommer 1994 gleichzeitig mit WM-Gold und -Silber in den klassischen Disziplinen zurück ins Viereck.
Als Austragungsort wechselten sich in dieser Phase des Weltcups Göteborg und ’s-Hertogenbosch mit einer Ausnahme in Paris als Finalorte ab.
Die Ära Bonfire
Die späteren 90er Jahre wurden ganz klar von einem Paar dominiert: Anky van Grunsven und Bonfire. Sie gewannen das Finale 1995, 1996, 1997 sowie 1999 und 2000. Die beiden, die auch bei den Olympischen Spielen in Sydney zu Gold ritten, waren Kür-Spezialisten. 1995 siegten sie beim ersten Weltcup-Finale der Dressurreiter in Nordamerika. Los Angeles war nie dagewesenes Spektakel. Monica Theodorescu wurde dort Zweite vor Sven Rothenberger, der nun für die Niederlande unterwegs war.
Nach weiteren Stationen in Göteborg und ’s-Hertogenbosch kehrte der Weltcup 1999 nach Deutschland zurück und fand in Dortmund ein Zuhause, wieder mit der Siegerin Anky van Grunsven. Sie war aufgrund der damals schon publiken Vorwürfe der ‚Rollkur‘ ebenso umstritten wie erfolgreich. Insgesamt gewann sie das Weltcup-Finale neunmal. Mehr als jeder andere Dressurreiter!
Ein neues Jahrtausend und neue Ufer
Ab der Jahrtausendwende machte sich auch der Dressur-Weltcup auf zu neuen Ufern und Regeln. Die Weltcupserie war zunächst nicht nur ein Wettbewerb um die beste Kür. Von 1985 bis einschließlich der Saison 2000/01 flossen bei den Qualifikationsturnieren sowohl der Grand Prix als auch die Kür in die Weltcupwertung ein. Ab der Saison 2001/02 zählt für die Qualifikationsrangliste nur noch die Grand-Prix-Kür.
2001 und 2002 gab es eine deutsche Doppelsiegerin: Ulla Salzgeber mit ihrem in Lettland gezogenen Rusty, eines der prägenden Paare jener Zeit. Im Jahr darauf gewann mit Debbie McDonald die erste US-Amerikanerin. Auch sie gehörte damals mit Brentina zu den Top-Paaren im Viereck und gewann mehrere olympische und WM-Team-Medaillen. Nach ihr folgte der nächste Lauf von Anky van Grunsven, dieses Mal mit dem Rappen Salinero, der sie auch zu zwei Olympiasiegen 2004 und 2008 trug.
2004, 2005, 2006 und 2008 gewannen die beiden das Weltcup-Finale und machten die Niederländerin zur bereits erwähnten Rekordhalterin. 2004 fand das Weltcup-Finale übrigens in Düsseldorf statt. 2005 ging es nach Las Vegas. Dieses Weltcup-Finale wird für Anky van Grunsven wohl immer in besonderer Erinnerung bleiben, denn sie gewann es nicht nur, sondern gab sich auch mit Sjef Jansen vor der Glamourkulisse in der Wüste Nevadas das Ja-Wort. Ein Moment, der im Weltcup-Geschehen einmalig blieb.
2007, bei der nächsten Auflage des Weltcups in Las Vegas (wie 2005 gemeinsam mit den Springreitern), unterbrach Isabell Werth mit Warum Nicht FRH die Siegesserie von Anky van Grunsven. 2009 in Las Vegas hieß der Sieger dann unter riesigem Jubel des ekstatischen Publikums Steffen Peters aus den USA mit Ravel. Ein Jahr später siegte ein Paar, das sich im Dressursport aufgrund seiner kurzen, hocherfolgreichen Geschichte zum Mythos entwickelte: Edward Gal und Totilas.
Von Parzival bis Valegro von Weihegold bis Damon Hill
Längst war der Weltcup kein Wettbewerb für Kür-Spezialisten mehr. Die Übergänge waren fließend geworden, die Kür hatte sich bei allen Championaten etabliert. Die Vision von Joep Bartels aus den 1980ern war allgegenwärtig. Wohl deshalb gewannen immer häufiger die großen Namen der Sommer-Championate auch das Weltcup-Finale. Adelinde Cornelissen siegte erstmals 2011 in Leipzig und wiederholte diesen Erfolg im Olympiajahr 2012. 2013 hießen die Sieger Helen Langehanenberg und Damon Hill NRW bevor zwei Siege an Charlotte Dujardin und Valegro gingen. 2015 erzielte die Britin in Las Vegas 94,196 Prozent – eines der herausragenden Kürergebnisse der Weltcupgeschichte.
’s-Hertogenbosch und Göteborg blieben Dauerbrenner unter den Austragungsorten, doch kamen neue Austragungsorte wie Lyon und Omaha hinzu – und das Finale wurde nun stets gemeinsam mit den Springreitern abgehalten.
Nach einem Sieg von Hans-Peter Minderhoud und Flirt 2016 startete die Siegesserie von Isabell Werth und Weihegold OLD von 2017 bis 2019. Neben Anky van Grunsven ist sie die einzige Sportlerin, die den Hattrick im Dressur-Weltcup schaffte und drei Titel nacheinander gewann.
Daleras Sternstunden
Dann folgten die beiden großen Hungerjahre in Sachen Weltcup-Finale. 2020 fiel die Veranstaltung aufgrund der COVID-19-Pandemie aus. Ein Jahr später wurde es wegen des Ausbruchs des Equinen Herpesvirus EHV-1 abgesagt. Einen Ausfall hatte es zuvor noch nie gegeben.
Dafür war die Rückkehr ins Weltcup-Geschehen umso glorreicher – insbesondere für Deutschlands Dressurwelt. Denn mit Jessica von Bredow-Werndl und ihrer TSF Dalera BB gab es in Leipzig 2022 einen weiteren triumphalen Moment. Der zweite Sieg der beiden 2023 in Omaha sollte Deutschlands letzter Weltcup-Erfolg sein. Danach hießen die Sieger Patrik Kittel aus Schweden und Touchdown sowie Großbritanniens Charlotte Fry mit Glamourdale und Becky Moody mit Jagerbomb. Nicht selten werden die Weltcup-Final-Sieger (meist in anderen Jahren) auch Olympiasieger und Weltmeister. So geschehen in jüngster Zeit etwa bei Dalera, Glamourdale oder Valegro.
Die Rekordhalter
In der Siegerliste steht Anky van Grunsven mit ihren neun Erfolgen klar an der Spitze. Ebenfalls herausragend ist, dass sie diese mit nur zwei Pferden – Bonfire und Salinero – errang.
Isabell Werth gewann das Weltcup-Finale fünfmal mit drei Pferden: Fabienne, Warum Nicht FRH sowie dreimal mit Weihegold OLD.
Danach können mehrere Sportlerinnen mit zwei Finalsiegen aufwarten: Christine Stückelberger, Monica Theodorescu, Ulla Salzgeber, Adelinde Cornelissen, Charlotte Dujardin und Jessica von Bredow-Werndl. Bemerkenswert: Diese Siege fanden immer in jeweils zwei aufeinanderfolgenden Jahren statt.
Deutsche Sieger waren Isabell Werth, Monica Theodorescu, Ulla Salzgeber, Jessica von Bredow-Werndl mit mehrfachen Erfolgen sowie Sven Rothenberger und Helen Langehanenberg mit jeweils einem Sieg.
Zehn Finals fanden in ’s-Hertogenbosch statt, neun in Göteborg. Danach folgen Las Vegas mit vier Finals sowie Leipzig, Omaha und Paris mit zwei Finals.
2027 wird das Weltcup-Finale nach Göteborg zurückkehren, welches somit den Rekord von ’s-Hertogenbosch einstellt.
Wer dort gewinnen wird? Das steht natürlich nach nur einer Etappe in den Sternen. Den Startschuss im dänischen Herning sicherte sich Lokalmatadorin Cathrine Laudrup-Dufour. In ihrer langen Erfolgsliste fehlt noch der Gewinn des Weltcup-Finals der Dressurreiter.






