Allmacht des Königs drückt die Reiterstatue von Friedrich dem Großen aus, die Christian Daniel Rauch schuf.
Dass Berlin die Hauptstadt Deutschlands ist, weiß jedes Schulkind (hoffentlich). Dass es auch die Hauptstadt der Pferde ist, wissen dagegen die Wenigsten. Gemeint sind allerdings nicht Pferde aus Fleisch und Blut. Denn mit dem Reit- und Pferdesport tut sich die Stadt schwer. Bedeutende internationale Veranstaltungen wie etwa die Weltcup-Turniere in der legendären Deutschlandhalle, die bereits 1998 geschlossen wurde, sind ebenso schon lange Geschichte wie die Versuche, Etappen der Riders Tour dort zu etablieren.
Gemeint sind die künstlerischen Pferdeskulpturen aus Metall und Stein in Berlin. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es im öffentlichen Raum so viele Denkmäler und Skulpturen mit Pferden wie in Berlin. Das hat auch historische Gründe. Denn Berlin als Hauptstadt Preußens und ab 1870 des Deutschen Kaiserreiches verfügt über zahlreiche Denkmäler, die an Fürsten, Könige und Kaiser erinnern, die sich vorzugsweise auf Pferden sitzend darstellen ließen. Allerdings war Berlin auch traditionell eine Metropole der bildenden Kunst.

Auf der Museumsinsel darf natürlich auch die Darstellung des Pegasus nicht fehlen. (© Thomas Hartwig)
Warum Berlin voller Pferde steckt
Thomas Hartwig hat für Hooforia einige der interessantesten Pferdeskulpturen besucht und fotografiert. Begleitet wurde er dabei von dem Maler und Fotografen Ulrich Diezmann, der unter anderem 2008 die vielbeachtete Ausstellung „Bilder von Pferden“ im Stadtmuseum von Oldenburg mitinitiierte und kuratierte. Diezmann ist selbst Reiter und Pferdefreund. Im niedersächsischen Gifhorn geboren, lebt er seit 1988 in Berlin und kennt daher fast alle Reiter- und Pferdeskulpturen der Stadt.
Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts war Berlin auch die Hauptstadt der lebendigen Pferde. 1913 etwa, als bereits seit Jahren Eisenbahnen und Automobile zahlreiche Transportaufgaben übernommen hatten, lebten im Stadtgebiet zusammen mit gut zwei Millionen Menschen noch mehr als 45.000 Pferde. Sie prägten damit das gesamte Stadtbild, waren allgegenwärtig und immer noch von essenzieller Bedeutung für zahlreiche Lebensbereiche. Teilweise waren die Pferde sogar in mehrstöckigen Pferdeställen untergebracht.

Ziemlich machohaft erscheint diese Perspektive auf die Amazone an der Nationalgalerie und den dahinter „hoch zu Ross“ reitenden Friedrich Wilhelm IV., den Gustav Blaeser und Alexander Calandrelli 1886 fertigstellten. (© Thomas Hartwig)
Welche Pferdeskulpturen Berlin besonders prägen
Den Auftakt der „Sightseeing Tour Berliner Pferdeskulpturen“ macht eines der jüngsten Exponate. In der Clayallee in Berlin-Dahlem steht ein wenig versteckt eine ungemein spannende und dynamische Skulptur mit dem Namen „The Day the Wall Came Down“ der amerikanischen Bildhauerin Veryl Goodnight. Fünf lebensgroße realistisch gestaltete Pferde galoppieren über die niedergerissene Berliner Mauer. US-Präsident George Bush Senior schenkte sie der Stadt Berlin im Jahr 1998 zur Feier des 50. Jahrestages der Berliner Luftbrücke.
Die Mauer, die von den Pferden übersprungen wird, trägt Aufschriften wie „Free, free, set them free“ oder „Vision“. Dort stehen auch die Zitate „Ich bin ein Berliner“ von John F. Kennedy und „Tear down this wall“ von Ronald Reagan. Erinnert wird dort ebenfalls an Menschen, die an der Berliner Mauer erschossen wurden, wie etwa Chris Gueffroy, der im Februar 1989 das letzte Todesopfer war.

„The Day the Wall Came Down“ der amerikanischen Bildhauerin Veryl Goodnight begeistert durch seine Dynamik und Natürlichkeit. (© Thomas Hartwig)
Berlins bekannteste Pferdeskulptur ist die weithin sichtbare Quadriga auf dem Brandenburger Tor, dem wohl symbolträchtigsten Wahrzeichen Deutschlands. Die das Tor krönende Skulptur der Quadriga ist ein Werk nach den Entwürfen des Bildhauers Johann Gottfried Schadow (1764–1850), der einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Klassizismus und Begründer der Berliner Bildhauerschule war.
1793 errichtet, stellt sie die Siegesgöttin Victoria in einem römischen Kampfwagen dar. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, konnte sie dank einer Schutzabformung 1958 nach schwierigen Verhandlungen zwischen Ost- und Westdeutschland auf dem Brandenburger Tor wieder errichtet werden. Eine „lebendige“ Quadriga kann übrigens bei den Hengstparaden des NRW-Landgestütes in Warendorf erlebt werden.
Zwischen Fohlen und Amazone
Eine der kleinsten, aber sympathischsten Pferdeskulpturen in Berlin ist die von der Bildhauerin Renée Sintenis (1888–1965) geschaffene Bronzeplastik eines Fohlens, das auf dem nach der Künstlerin benannten Renée-Sintenis-Platz in Berlin-Friedenau steht. Sintenis, die unter anderem 1957 auch den Berliner Bären an der AVUS als Wahrzeichen der Stadt kreierte, schuf die Plastik des Fohlens bereits 1929.
Die in den 1920er-Jahren erfolgreiche Künstlerin mit teilweise jüdischen Vorfahren überlebte mit viel Glück die NS-Zeit und konnte ab den 1950er-Jahren an ihre früheren Erfolge anschließen. Dass die Bronzeplastik keinerlei Verwitterungsspuren zeigt, ist der großen Beliebtheit bei den Kindern geschuldet: Unzählige Jungs und Mädchen genießen auf ihr noch heute ihre erste Reitstunde.
Gleich eine ganze Reihe von Amazonen zu Pferde bevölkert Berlin. Ihre Schöpfer sind Louis Tuaillon (1862–1919) und die Eisengießerei von Christoph Heinrich Fischer. Tuaillons Amazone zu Pferde ist gleich zweifach vertreten. Einmal kann man sie im Tiergarten bewundern, und zugleich bereichert sie die Museumsinsel gemeinsam mit weiteren Pferdeskulpturen.
Louis Tuaillon schuf die lebensgroße Bronzeplastik in den Jahren 1890 bis 1895 in Rom. Das Werk war eine Überraschung auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1895 und machte Tuaillon schlagartig bekannt. Die Nationalgalerie kaufte es an und stellte es 1898 auf. 1905 ließ Kaiser Wilhelm II. eine überlebensgroße Kopie von drei Metern Länge und mehr als fünf Metern Höhe anfertigen und im Berliner Tiergarten aufstellen.

Die Amazone im Tiergarten ist eine vergrößerte Version des Originals von Louis Tuaillon an der Nationalgalerie. (© Thomas Hartwig)
Die Pferdeskulpturen in Berlin erzählen spektakuläre Geschichten
Ausgesprochen dramatisch wirkt eine weitere Amazone auf der östlichen Treppenwange des Alten Museums im Stil des Realismus. Sie gehört zu den Meisterwerken der Berliner Bildhauerschule und zeigt eine berittene Amazone, die sich mit einer Lanze gegen einen angreifenden Panther wehrt. Nicht minder aktionsgeladen wirkt auf der westlichen Treppenseite der Löwenkämpfer zu Pferde von Albert Wolff (1815–1892).

Dramatisch wirkt der von Albert Wolff (1815–1892) geschaffene Löwenkämpfer zu Pferde am Alten Museum. (© Thomas Hartwig)
Ganz in der Nähe, im Garten des neuen Museums, befindet sich auch eine der seltsamsten Pferdeskulpturen Berlins. Beim ersten Anblick fragt man sich, was ein amerikanischer Ureinwohner zu Pferde auf der Museumsinsel zu suchen hat. Tatsächlich stellt die Bronzeplastik des Bildhauers Erich Hösel (1869–1953) aber einen hunnischen Krieger dar.
Der Hunne zu Pferde ist eines der ungewöhnlichsten Reiterstandbilder des späten 19. Jahrhunderts. Es zeigt einen lebensgroßen berittenen Krieger, dessen Pferd vor einem auf dem Boden liegenden Totenschädel scheut. Im Gegensatz zum ausweichenden Pferd steht der Reiter, der sich mit einem Lächeln im Gesicht hinabbeugt, um den Schädel zu begutachten.

Eine der auffälligsten Pferdeskulpturen Berlins ist der hunnische Krieger von Erich Hösel. (© Thomas Hartwig)
Verborgene Meisterwerke entdecken
Louis Tuaillon war von 1896 bis 1902 auch der Schöpfer einer außerordentlich anmutigen Plastik, die seit 1961 auf dem Steubenplatz im Berliner Westend aufgestellt ist. Der Jüngling, der ohne Sattel reitet, vermittelt eine große Leichtigkeit, auch wenn das Pferd im Sinne der Richtlinien für Reiten und Fahren vielleicht etwas zu viel vor der Senkrechten geht.

Nicht nur für Ulrich Diezmann gehört der Jüngling zu Pferde von Louis Tuaillon zu den besonderen Pferdeskulpturen der Stadt. (© Thomas Hartwig)
Der Heinrich-von-Kleist-Park in Schöneberg liegt recht versteckt hinter einer der großen Verkehrsadern der Stadt und ist daher auch manchem Berliner unbekannt. Nur 200 Meter entfernt fragte der Autor zwei Berliner nach diesem Platz und bekam die Antwort: „Kenn ick nischt.“ Dabei stehen mit den beiden Skulpturen der Rossebändiger des Bildhauers deutschbaltischer Abstammung Peter Clodt von Jürgensburg (1805–1867) in dem kleinen Park zwei besonders eindrucksvolle Plastiken.

Peter Clodt von Jürgensburg schuf die beiden gewaltigen Rossebändiger im kleinen Heinrich-von-Kleist-Park. (© Thomas Hartwig)
Sind Pferdeskulpturen in Berlin politisch?
Fühlten sich Künstler von der Anmut, Dynamik und Ästhetik der Pferde motiviert, waren in Auftrag gegebene Reiterstandbilder von Fürsten und Königen auch immer Machtdemonstrationen. Dies wird sehr deutlich an zwei bekannten Reiterstandbildern Berlins.
- Die Skulptur des Alten Fritz unter den Linden erinnert an den preußischen König Friedrich den II. (1712–1786). Geschaffen in den Jahren 1839–1851 von Christian Daniel Rauch (1777–1857), zählt es zu den zentralen Werken der Berliner Bildhauerschule und markiert den Übergang vom Klassizismus zum Realismus. Das insgesamt 13,50 Meter hohe Denkmal zeigt den „Alten Fritz“ zu Pferd über einem mehrfach gestuften Sockel mit Bildnissen der wichtigsten Feldherren, Staatsmänner, Künstler und Wissenschaftler, die ihn umgaben.
- Ähnlich beherrschend wirkt das Standbild seines Vorfahrens, des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620–1688). Das Modell zu diesem Denkmal schuf der Hofbildhauer und spätere Hofbaumeister Andreas Schlüter (1660–1714). Ihm standen für das Bildnis des Großen Kurfürsten etliche künstlerische Vorbilder zur Verfügung. Für eine möglichst naturgetreue Pferdedarstellung porträtierte der Maler Johann Christof Merck (1695–1726) das besonders schöne und edle Reitpferd des Markgrafen Philipp Wilhelm von Brandenburg-Schwedt.

Vor dem Charlottenburger Schloss beherrscht der Große Kurfürst von Johann Jakobi die Szenerie. (© Thomas Hartwig)
Der spannende Abschluss der Tour
Bevor es dem Maler vorgeführt wurde, war es extra dafür warmgeritten worden, damit die Adern deutlich hervortraten. Den Bronzeguss besorgte ab Oktober 1700 der Hof- und Artilleriegießer Johann Jakobi (1661–1726). Mehrere Mitglieder des Hofes, darunter der Kurfürst selbst, überzeugten sich bei Besuchen im eigens dafür vergrößerten Berliner Gießhaus vom Gelingen des außerordentlich schwierig herzustellenden Hohlgusses. Dabei wurden Reiter und Ross in einem Stück gegossen, was eine bis dahin einzigartige technische Meisterleistung in Brandenburg war.
Die wohl jüngste Pferdeskulptur der Hauptstadt ziert seit 2007 den Berliner Hauptbahnhof. Rolling Horse ist ein von Jürgen Goertz (1939) entworfenes Kunstwerk aus Edelstahl, Aluminium, Kunststoff, Glas und Stein. Die einem Pferd nachempfundene Gestalt, die sich kreisförmig biegt, erinnert an ein Eisenbahnrad. Im Sockel sind Überbleibsel des alten Lehrter Bahnhofs verarbeitet. Auftraggeber war seinerzeit der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn Hartmut Mehdorn. Neben den aufgeführten Beispielen existieren in Berlin noch zahlreiche weitere Pferdeskulpturen, die darauf warten, von pferdebegeisterten Berlinbesuchern entdeckt zu werden.
Literaturtipps für Fans von Pferden und Kunst
- Das letzte Jahrhundert der Pferde von Ulrich Raulff
- Berliner Hufgetrappel von Gerd von Ende
Diese Ausstellungen sollten Pferdefans 2026 nicht verpassen
Anlässlich des 200-jährigen Bestehens des NRW-Landgestütes in Warendorf präsentieren gleich vier Museen der Region Kunstausstellungen zum Thema Pferd:
- Dezentrales Stadtmuseum Warendorf:
Von Romantik bis Jugendstil – Das Pferd in der Kunst des 19. Jahrhunderts (3. Mai bis 16. August) - Westfälisches Pferdemuseum in Münster:
Von Dürer bis Stubbs – Das Pferd in der Kunst des 16. bis 18. Jahrhunderts (30. Mai bis 27. September) - Museum Abtei Liesborn:
Vom Arbeitspferd bis Zirkuswelt (12. Juli bis 20. September) - Westpreußisches Landesmuseum Warendorf:
Trakehner – Pferde, Menschen, Wege. Geschichte und Schicksal einer legendären Rasse (18. Juli bis 18. Oktober) - Auf Einladung der Volkshochschule Warendorf wird Ulrich Raulff am 12. Juli zum 200-jährigen Jubiläum eine Lesung im NRW-Landgestüt Warendorf abhalten.
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