Kürbiskopf und Geisterpferd - doch wo haben sie ihren Ursprung? © Valerie Jenner

Kürbiskopf und Geisterpferd - doch wo haben sie ihren Ursprung?

31. Oktober. Geister und zahlreiche andere Unholde ziehen durch die Straßen, laufen von Tür zu Tür und wünschen sich ‚Süßes oder Saures‘. ‚Trick or Treat‘ – so lautet die Originalversion aus dem Englischen. Von dort schwappte die Halloween-Welle vor wenigen Jahrzehnten auch nach Deutschland. Doch eigentlich ist das Fest keine Erfindung der USA, sondern hat seine Ursprünge in der keltischen Mythologie, wo es den mitteleuropäischen Allerheiligen und Allerseelen-Festen am 1. und 2. November erstaunlich nahe steht.

Halloween ist Gruselzeit

Halloween ist Gruselzeit (© IMAGO / Pond5 Images)

Das keltische Samhain Fest

Die Wurzeln von Halloween reichen unter anderem zum keltischen Fest Samhain zurück, das einst den Übergang in die dunkle Jahreshälfte markierte. Es wurde um den 1. November begangen. In mittelalterlichen irischen Erzählungen erscheint Samhain als eine besondere Zeit, in der Begegnungen mit Wesen aus der Anderswelt möglich waren und sich die Tore zwischen den Welten öffneten. Über die Jahrhunderte entwickelten sich daraus unterschiedliche Traditionen, die schließlich in die Geschichte des heutigen Halloween einflossen und sich historisch veränderten. Während im Europa ruhiges Totengedenken in den Mittelpunkt gerückt wurde, entstand im britischen und daraufhin US-amerikanischen Sprachraum ein buntes Fest, bei dem die Anderswelt durch Erschrecken verbannt werden sollte.

Und die Pferde? Sie spielten in der keltischen Vorstellungswelt durchaus eine besondere Rolle. Ein Beispiel ist Epona. Die Göttin wurde mit Pferden, Fruchtbarkeit und Schutz in Verbindung gebracht. Ihre Verehrung verbreitete sich selbst bis ins Römischen Reich. Insbesondere Angehörige der römischen Kavallerie verehrten sie. Darstellungen zeigen Epona unter anderem zwischen Pferden oder mit Fohlen.

Der kopflose Reiter

Kopfloser Reiter

Der Kopflose Reiter spukte schon in den 1940er Jahren durch einen Disney-Episodenfilm. (© IMAGO / Everett Collection)

Er ist Hollywoods liebster Kumpel für einen Ausritt, denn seine Geschichte wurde über ein Jahrhundert hinweg gleich mehrfach verfilmt. Wenn ein Pferd untrennbar mit Halloween verbunden ist, dann wohl der Rappe des kopflosen Reiters. Seine berühmteste literarische Heimat ist die Erzählung „The Legend of Sleepy Hollow“ des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving aus dem Jahr 1820. Die Handlung spielt im heutigen Bundesstaat New York. Der schreckhafte Lehrer Ichabod Crane verliebt sich in Katrina van Tassel, die allerdings auch von seinem Rivalen Brom Bones umworben wird. Nach einem geselligen Abend mit allerlei Geistergeschichten macht sich Ichabod auf den Heimweg. Im Dunkeln begegnet ihm ein geheimnisvoller Reiter ohne Kopf. Es beginnt eine Verfolgungsjagd, die für den Lehrer böse endet. An der Stelle, wo er verschwindet, bleiben nur ein zerbrochener Kürbis und sein zurückgelassenes Pferd zurück.

Ist der Reiter tatsächlich ein Geist? Oder steckt ein ziemlich irdischer Streich dahinter? Genau das lässt Washington Irving am Ende offen.

Doch Washington Irving hat den ‚kopflosen Reiter‘ als Figur wohl nicht erfunden. Ähnliche Gestalten sind aus älteren europäischen Erzähltraditionen bekannt. Dazu zählt der irische Dullahan, ein kopfloser, unheimlicher Reiter, welcher in der Folklore mit dem Tod verbunden wird. Auch deutsche und niederländische Sagenwelten kennen kopflose Reiterfiguren. Als mögliche literarische Inspirationsquelle für Irving gilt zudem die Geschichte vom Wilden Jäger, die über Gottfried August Bürgers Ballade und Walter Scotts Übersetzung beziehungsweise Bearbeitung womöglich bis zu Irving gelangte.

Sleepy Hollow

Durch die Verfilmung von „Sleepy Hollow“ mit Johnny Depp wurde der kopflose Reiter zum Gruselstar. (© IMAGO / Everett Collection)

Hollywoods Gruselklassiker

Die Geschichte von Sleepy Hollow wurde mehrfach von Hollywood aufgegriffen – als Stummfilm, Disney-Zeichentrick, Horrorfilm und Fernsehserie. Die erste Verfilmung entstand 1922 vor über 100 Jahren. Bekannt wurde zunächst die Disney-Version von 1949. Sie erzählt unter dem Titel „Die Abenteuer von Ichabod und Taddäus Kröte“ jedoch nicht nur vom Kopflosen Reiter, sondern als Episodenfilm beispielsweise auch die Geschichte „Der Wind in den Weiden“. Tim Burtons Kinofilm von 1999 wurde zum erfolgreichsten Auftritt der Figuren. Johnny Depp ist als Ichabod Crane zu sehen, Christina Ricci als Katrina van Tassel und Christopher Walken als kopfloser Reiter. Die Serie Sleepy Hollow von 2013 bis 2017 greift das Motiv auf andere Weise auf. Tom Mison spielt Ichabod Crane, welcher in der Gegenwart erwacht und gemeinsam mit der Polizistin Abbie Mills übernatürliche Bedrohungen bekämpft. Die Serie verbindet die Legende mit Verschwörungen, historischen Figuren und einer größeren Mythologie. Der kopflose Reiter ist dabei eine zentrale Figur.

Der Dullahan

Doch nochmal zurück zum bereits erwähnten irischen Dullahan. Irland steuert mit ihm eine besonders düstere Figur zur Halloween-Feier bei. Anders als bei vielen modernen Halloween-Kostümen handelt es sich nicht bloß um einen Reiter, der seinen Kopf verloren hat. Er kann seinen abgetrennten Kopf stattdessen bei sich tragen, statt ihn auf den Schultern zu haben.

Dullahan

Eine Illustration aus Crokers Fairy Legends zeigt den Dullahan. (© W. H. Brooke, Croker, Fairy Legends /Quelle: Wikipedia)

Der irische Schriftsteller Thomas Crofton Croker sammelte im 19. Jahrhundert Erzählungen über den Dullahan in seinen „Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland“. Eine dieser Geschichten trägt schlicht den Titel „The Headless Horseman“. Die Sammlung wurde auch außerhalb Irlands bekannt und beeinflusste die Beschäftigung mit irischer Folklore im englischsprachigen Raum.

Die literarische Heimat des berühmtesten Halloween-Reiters ist bis heute ein realer Ort: Sleepy Hollow. Die Gemeinde am Hudson River ist eng mit Washington Irvings Erzählung verbunden.

Der Púca

Der Púca ist ein Gestaltwandler und Kobold aus der irischen Folklore. Er kann verschiedene Tiergestalten wie Ziegen oder Hunde annehmen, erscheint aber besonders häufig als schwarzes Pferd. In manchen Erzählungen trägt er feurige Augen. Die Begegnung beginnt mitunter verlockend. Ein Wanderer sieht ein scheinbar gewöhnliches Pferd und steigt auf. Doch das Tier galoppiert mit ihm durch die Nacht. Der Reiter verliert die Kontrolle und wird erst wieder abgeworfen, wenn das Pferd genug von seinem nächtlichen Spiel hat. Andere Varianten schildern den Púca als gefährlicheren Verführer, der Menschen in bedrohliche Situationen lockt.

In irischen Erzählungen erscheint mitunter auch ein geisterhafter Wagen, der mit dem Tod in Verbindung gebracht wird. Der Cóiste Bodhar, der unheimliche Totenwagen, wird von übernatürlichen Pferden gezogen. Seine Ankunft gilt als Vorzeichen eines Todesfalls; in manchen Überlieferungen sind sowohl die Pferde als auch der Kutscher kopflos.

Die wilde Jagd

Wenn ein ganzes Geisterheer ausreitet, wird es entsprechend unheimlich! Denn eigentlich ist doch ein einzelner kopfloser Reiter schon unheimlich genug! Die sogenannte Wilde Jagd beschreibt allerdings eine große nächtliche, übernatürliche Prozession, die je nach Überlieferung aus Geistern, Verstorbenen, dämonischen Gestalten und einem Anführer besteht. Der Begriff der ‚wilden Jagd‘ wurde im frühen 19. Jahrhundert durch den deutschen Gelehrten Jacob Grimm (Teil der Gebrüder Grimm mit den legendären Märchenbüchern) geprägt, der dafür unterschiedliche historische und folkloristische Überlieferungen zusammenführte.

"Die wilde Jagd von Odin", ein Gemälde von Peter Nicolai Arbo.

„Die wilde Jagd von Odin“, ein Gemälde von Peter Nicolai Arbo. (© Wikipedia)

In der nordischen Sagenwelt wird die Wilde Jagd häufig mit Wotan beziehungsweise Odin oder anderen übernatürlichen Anführern in Verbindung gebracht. Im althochdeutschen und altsächsischen Sprachraum begegnet uns die verwandte Namensform Wodan, aus der sich die im Deutschen geläufige Form Wotan entwickelte. Im Altnordischen lautet sein Name Óðinn.

Er reitet auf Sleipnir, seinem achtbeinigen Pferd. Diese acht Beine machen es zum schnellsten und wohl ungewöhnlichsten Reittier der Mythologie. Übrigens könnte mit dem achtbeinigen Pferd schlicht und einfach ein Islandpferd mit seinen Gangarten Tölt und Pass gemeint sein. Das zumindest vermuten neuere Forschungen. Doch Wotan/Odin ist kein Symbol für Halloween allein. Er galoppiert vielfach durch die Sagenwelt zu unterschiedlichsten Anlässen.

Vermittler zwischen Leben und Tod

Über Jahrhunderte waren Pferde eng mit Reisen, Krieg, Jagd und gesellschaftlicher Macht verbunden. Ein nächtlicher Reiter konnte deshalb schon ohne Geistererscheinung eine imposante und mitunter bedrohliche Gestalt sein. Die Folklore musste ihn nur noch mit einem Schuss Übernatürlichem versehen.

Die Verbindung zwischen Pferden und dem Übernatürlichen ist nicht auf Halloween beschränkt. In verschiedenen europäischen Erzähltraditionen erscheinen Pferde als Begleiter Verstorbener, als Tiere mit besonderer Wahrnehmungsfähigkeit oder als Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. So spricht man auch bei den irischen Connemara Ponys davon, dass sie eine Verbindung zwischen der Gegenwart der Menschen und den Verstorbenen herstellen können.

Connemara-Pony im Wasser

Connemara Ponys haben eine Menge Legenden erobert. (© Christiane Slawik)

Es heißt, dass in der Gestalt von Connemara Ponys geliebte verstorbene Menschen zurückkehren und auf die Lebenden achten können. In der keltischen Mythologie und irischen Volksüberlieferung wurde ihnen eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit zugeschrieben: Sie sollten Dinge erkennen können, die Menschen verborgen blieben, darunter Geister der Verstorbenen. Ein Pferd, das plötzlich scheut, in die Dunkelheit starrt oder sich weigert, einen bestimmten Ort zu betreten, könnte in einer traditionellen Erzählung etwas wahrnehmen, das seinem Reiter verborgen bleibt.

Eine der bekanntesten Erzählungen ist die Geschichte von Oisín und Niamh aus Tír na nÓg, dem Land der ewigen Jugend. Niamh, eine Frau aus der Anderswelt, kommt auf einem weißen Pferd zu Oisín und nimmt ihn mit in ihre Heimat. Das Pferd wird zum Transportmittel zwischen den Welten – und ermöglicht Oisín den Übergang aus der menschlichen Wirklichkeit in eine Sphäre, in der andere Zeitgesetze gelten.

Eine etwas abgewandelte mystische Geschichte wurde auch in dem Film „Die Legende der weißen Pferde“ („The Legend of Longwood“) aus dem Jahre 2014 verarbeitet. Sie verbindet jedoch irische und niederländische Legenden.

Zwischen Mythos, Literatur und Kürbis

Happy Halloween!

Happy Halloween! (© Valerie Jenner)

Pferde und Halloween verbindet keine einzelne, durchgehende Tradition. Vielmehr treffen mehrere Erzählwelten aufeinander: keltische Vorstellungen von der Anderswelt, europäische Sagen über nächtliche Geisterzüge, irische Geschichten vom kopflosen Dullahan und die amerikanische Literaturgeschichte rund um den Reiter von Sleepy Hollow.

Das Pferd ist dabei weit mehr als ein dekoratives Reittier. Es steht für Bewegung zwischen Welten, für Macht und Jagd, für die Angst vor dem Unbekannten – und manchmal schlicht für eine spektakuläre Verfolgungsjagd. Und wenn am 31. Oktober am Stalltor ein kopfloser Reiter auftaucht? Vielleicht ist er ja ganz harmlos und möchte nur ‚Süßes oder Saures‘. Oder sein Pferd ein Leckerli?

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert