Katharina Hemmer ist erfolgreiche Dressurreiterin und hat ihre Ausbildung zur Pferdewirtin bei Hubertus Schmidt auf dem Fleyenhof in Paderborn absolviert. Wir sprechen mit ihr über Tierschutz und ihre Trainingsphilosophie.
Bei Hubertus Schmidt arbeitet Katharina Hemmer noch heute als Bereiteren und sammelt weiter Erfolge. Mit Denoix gehörte sie in Aachen erstmals zur deutschen Dressurequipe.
Katharina Hemmer: „Tierschutz und Trainingsphilosophie gehen Hand in Hand“
Inwiefern beeinflussen das Thema Tierschutz und die Leitlinien deine Trainingsphilosophie?
Katharina Hemmer: Das geht für mich Hand in Hand – Tierschutz und die Trainingsphiliosophie. Ich habe das von meinem Chef und Trainer Hubertus Schmidt gelernt: die klassische Reitausbildung nach den klassischen Grundsätzen. Ich finde, das ist gelebter Tierschutz, denn am Ende steht das Pferd immer im Fokus. Was kann das Pferd leisten, wie kann ich das Pferd möglichst so trainieren, um das Optimum rauszuholen? Wie kann ich die Stärken weiter fördern und die „Schwächen“ verbessern?
Wenn man das wirklich nach den klassischen Grundsätzen macht, dann ist das mit dem Tierschutz gut zu vereinbaren. Dementsprechend haben die Pferde auch Freude am Training und daran, sich weiterzuentwickeln. Sie wollen alles richtig machen, so wie ich das im täglichen Training mit meinen Pferden sehe, und freuen sich auf ihre Trainingseinheiten und Beschäftigung.
Was sind die größten Herausforderungen, wenn man Spitzenpferde sowohl sportlich fördern als auch tierschutzgerecht halten möchte?
Ich glaube das war früher wirklich ein Ding, dass die meisten Top-Pferde nicht auf die Wiese oder auf Paddocks durften – einfach aus Angst vor Verletzung. Außerdem war damals ja auch die Boxengrößen oft noch ganz anders, als es zum Glück heute Standard ist. Mir ist es wichtig, dass alle meine Pferde raus gehen, denn die Pferde brauchen das. Wer von seinem Sportpartner Spitzenleistung erwartet, muss auch dafür sorgen, dass es ihm gut geht. Da spielt die Haltung eine sehr wichtige Rolle.
Ich sehe es allerdings auch individuell, was für das jeweilige Pferd das richtige ist. Manche gehen am liebsten den ganzen Tag raus, andere eher stundenweise und dafür aber zu Beispiel am Vor- und Nachmittag. Manche brauchen die freie Bewegung vor dem Training, andere lieber danach. Es ist wichtig, seine Pferde diesbezüglich individuell kennenzulernen und dafür zu sorgen, dass ein Pferd wirklich genug Auslauf und Abwechslung bekommt. Das gilt sowohl in Bezug auf die Haltung als auch auf das Training.
Ich bin froh zu sehen, dass es sich immer mehr in die richtige Richtung entwickelt und die Spitzenpferde auch raus auf die Wiese und aufs Paddock dürfen. Die Pferde wissen nicht um ihren Wert und ich finde, wenn sie es gewohnt sind und jeden Tag raus gehen, dann ist die Verletzungsgefahr auch nicht höher als wenn sie in der Box stehen. Das ist ein Irrglaube. Die Pferde waren als Jungpferde draussen und das sollte beibehalten werden, auch wenn die Pferde älter und besser werden. Die Pferde danken einem das.
Und wie setzt du das um?
Alle Pferde kommen aufs Paddock und wenn die Bodenverhältnisse es zulassen im Sommer auch auf die Wiesen. Wir haben da viele Möglichkeiten, so dass die Pferde auch alle lange raus können und wirklich viel Freizeit an der frischen Luft verbringen. Zudem versuche ich sie abseits von Paddock und Reiten möglichst oft noch mal rauszuholen, zum Beispiel zum Spazierengehen oder Ähnliches.
„Die Bedürfnisse des Pferdes vor die eigenen Ziele zu stellen“, wünscht sich Katharina Hemmer
Wo siehst du derzeit die größten Diskrepanzen zwischen den Leitlinien und der gelebten Realität in vielen Ställen?
Wenn ich in meinem Umfeld schaue oder auch bei meinen Schülern und Schülerinnen, dann sind die Diskrepanzen nicht hoch, weil es den Leuten wirklich wichtig ist, dass die Pferde viel rauskommen. Das Pferd mit seinen Bedürfnissen steht im Fokus steht und die Haltungsbedingungen sind wirklich gut. Das ist mit Sicherheit nicht überall der Fall und an vielen Stellen git es bestimmt Verbesserungsbedarf. Aber es ist eben auch nicht so, dass es überall schlecht ist.
Welche Veränderung im sportlichen Bereich wünschst du dir in Bezug auf den Tierschutz und die ethischen Standards in Zukunft?
Ich wünsche mir, dass auch in Zukunft weiterhin das Tierwohl gefördert wird. Gleichzeitig sollte aber auch nicht der Blick verloren gehen, dass Training, Ausbildung und Tierwohl Hand in Hand gehen müssen.
Es ist nicht so, dass die Ausbildung eines Pferdes an sich nicht tierschutzgerecht ist. Es kommt darauf an, wie es gemacht wird. Aber wenn ich es eben im klassischen Sinne mache, dann ist es gelebter Tierschutz. Wir müssen vermehrt darauf achten, dass es von allen Seiten so gemacht wird. Und ich glaube dann sind wir auf dem richtigen Weg unseren Sport auch wieder in der Sicht der Öffentlichkeit nach vorne zu bringen.
Wenn die Pferde es wirklich gerne machen und Freude am Training haben, dann sollten wir das den Leuten auch vermitteln. – Katharina Hemmer –
Welche Botschaft möchtest du (jungen) Reiter:innen mitgeben, wenn es um Verantwortung und Pferdewohl geht?
Was ich jeder Person mitgeben möchte, ist die Bedürfnisse des Pferdes vor die eigenen Ziele oder den eigenen Willen zu stellen. Immer in die Pferde reinzuhören: Wie geht es dem Pferd? Was ist das Beste für das Pferd? Und was ich ganz wichtig finde – was aber oft nicht als so wichtig empfunden wird – ist sich wirklich einen guten Trainer oder eine gute Trainerin zu suchen, gute Hilfe und kompetente Leute. Sie können nicht nur in Bezug auf das Training, sondern auch Haltung und Umgang helfen und die richtige Lösung für das jeweilige Pferd finden. Also offen zu sein für fachkompetente Leute und versuchen, sich jeden Tag ein bisschen zu verbessern.