Wer bewusst im Moment lebt, erlebt Zeit intensiver – egal ob beim Pferd, mit dem Partner, Freunden oder der Familie.
Viele Reiter und Pferdehalter klagen darüber, dass ihnen die Zeit fürs Pferd fehlt. Tatsächlich ist Reiten ein sehr zeitaufwendiges Hobby. Zunächst muss das Pferd von der Koppel geholt, geputzt, gesattelt und getrenst werden, und die Box und das Futter müssen auch noch vorbereitet werden – schnell werden daraus viele Stunden am Tag. Hinzu kommen Termine mit dem Tierarzt und dem Hufschmied sowie die Pflege des Reitzubehörs. Kein Wunder also, dass der Spruch „Früher hatte ich Zeit und Geld – jetzt habe ich ein Pferd“ so weit verbreitet ist.
Wie viel Zeit wir jedoch tatsächlich zur Verfügung haben, hängt stark von uns selbst ab. „In unserer Gesellschaft herrscht ein enormer Leistungsdruck. Man soll immer mehr tun und immer produktiver sein. Dadurch entsteht das Gefühl, ständig zu wenig Zeit zu haben. Viele Menschen definieren ihren Wert sogar über Zeitmangel – je weniger Zeit jemand hat, desto wichtiger fühlt er sich. Viel Zeit zu haben wird dagegen oft negativ bewertet“, erklärt Renate Zach. Die Psychologin, Pädagogin sowie Lebens- und Sozialberaterin aus Burgstall (Österreich) arbeitet seit über zehn Jahren mit Pferden und Eseln als Coaches und bietet unter anderem Seminare zum Thema Zeitmanagement an.
Prioritäten setzen und Zeit fürs Pferd bewusst einplanen
Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Setzen von Prioritäten. Nicht jede Aufgabe ist gleich dringend. Es lohnt sich, Tätigkeiten zu bewerten: Was muss sofort erledigt werden? Was kann warten? Und wie viel Zeit nimmt jede Aufgabe realistisch in Anspruch? Ebenso wichtig ist es, sich jeweils nur einer Aufgabe zu widmen. Multitasking spart nämlich keine Zeit – im Gegenteil, es verlängert Arbeitsprozesse.
Reiter sollten für ihr Hobby großzügige Zeitfenster einplanen. Wer zwei oder dreimal pro Woche reiten möchte, sollte diese Termine fest im Kalender verankern. „Wenn mir mein Hobby wichtig ist, dann bekommt es auch einen festen Platz“, so Zach.
Dauerhafter Zeitstress ist ein rein menschliches Phänomen.
– Renate Zach –
Pferde leben in ihrem natürlichen Rhythmus – geprägt von Tag und Nacht, Jahreszeiten, Wärme und Kälte. Der Mensch hingegen entfernt sich zunehmend von diesen natürlichen Abläufen. Elektrisches Licht erlaubt Arbeiten bis spät in die Nacht, Arbeitszeiten und Pausen werden vorgegeben. Die Beobachtung von Pferdeherden lenkt den Blick zurück auf das Ursprüngliche und zeigt, wie wichtig es ist, das eigene Tempo zu finden.
Nicht Egoismus, sondern Selbstfürsorge
Pferde leben im Hier und Jetzt. Sie planen nicht voraus und heben sich nichts für später auf. „Pferde sind mit ihrer Aufmerksamkeit immer ganz bei dem, was sie gerade tun“, erklärt Zach. Genau das empfiehlt sie auch uns Menschen: präsent zu sein und der aktuellen Tätigkeit volle Aufmerksamkeit zu schenken. Wer bewusst im Moment lebt, erlebt Zeit intensiver – egal ob beim Pferd, mit dem Partner, Freunden oder der Familie.
Ein weiterer zentraler Rat lautet: Stellen Sie Ihre eigenen Ressourcen an erste Stelle. Das wird häufig als Egoismus missverstanden, dabei ist Selbstfürsorge die Grundlage dafür, auch für andere da sein zu können. Pferde machen es vor: Sie achten klar auf ihre Grenzen. Das Nein spielt dabei eine entscheidende Rolle. „Nein sagen kann man lernen“, ist Zach überzeugt.
Auch die Zeit fürs Pferd braucht klare Grenzen
Wichtig ist, die eigene Grenze frühzeitig zu kommunizieren. Je selbstsicherer ein Mensch ist, desto leichter fällt ihm das. Ein Nein zu anderen ist immer auch ein Ja zu sich selbst. Pferde zeigen ihre Grenzen sehr deutlich, vor allem, wenn es um ihren persönlichen Raum geht. Körpersignale wie Ohrenanlegen, Schweifschlagen oder Auskeilen sind klare Botschaften: Bis hierhin – und nicht weiter.
Diese Klarheit fehlt oft in der Mensch-Mensch oder Mensch-Pferd-Kommunikation. Setzt der Mensch keine Grenze, übernimmt das Pferd diese Aufgabe. Bei Pferden ist ein Nein vollkommen wertneutral und überlebenswichtig. Menschen hingegen lernen oft schon in der Kindheit, ihre Bedürfnisse zurückzustellen. Dabei ist Gelassenheit ein weiterer Schlüssel im Umgang mit Zeitdruck.
Das zeigt sich auch beim Füttern: Ruhige, entspannte Pferde sind schneller am Futter als hektische. Übertragen auf den Menschen bedeutet das: Aufregung kostet Zeit, Ruhe spart Zeit. Wer gelassen bleibt, arbeitet effizienter. Wenn Sie also das nächste Mal das Gefühl haben, dass Ihnen die Zeit davonläuft, lohnen sich eine Selbstreflexion sowie ein Blick auf Ihr Pferd.
