Das Handy wackelt nur kurz, dann ist ein Pferd zu sehen, das sich scheinbar mühelos bewegt – ein harmonischer und zugleich kraftvoller Ritt wirkt bemerkenswert athletisch. Kurze Zeit später ist der Clip online. Drei Tage lang wird er fleißig geteilt. Drei Wochen danach klingelt das Telefon: Einladung, Förderung, Sponsoring. Kein offizielles Ergebnis, kein Richterprotokoll – aber Bilder, die überzeugt haben.
Was genau kann ein Video heutzutage noch beweisen? Eine sportliche Leistung – oder lediglich einen gelungenen Eindruck? Wer entscheidet im digitalen Zeitalter, was als Leistungsnachweis gilt? Und auf welcher Grundlage? Wie belastbar sind Bilder, die zur Eintrittskarte für Förderprogramme, Kaderstrukturen oder Sponsorenverträge werden? Wer prüft diese Bilder – und nach welchen Maßstäben?
Existieren im Sport verbindliche Regeln für visuelle Nachweise? Oder bewegen sich Trainings- und sogar vermeintliche Turniervideos bislang in einer Grauzone, in der Wirkung wichtiger ist als Wahrheit? Denn wenn Karrieren, Geld und sportliche Anerkennung zunehmend an visuelle Medien geknüpft sind, stellt sich eine unbequeme Frage: Wie anfällig ist dieses System für Manipulation – und wer trägt die Verantwortung dafür?
Bearbeitung von Reitvideos mit KI
Schleichend und beinahe unbemerkt sind Bilder zu einer Währung geworden. Und wo Bilder Wert haben, entsteht ein Markt. Wo ein Markt entsteht, wächst die Versuchung. Aufmerksamkeit wird zu Reichweite, Reichweite zu Reputation, Reputation zu Geld. Wer sichtbar ist, gilt als leistungsfähig. Wer gut aussieht, muss es auch sein.
In einer Welt, in der Turnierstarts begrenzt, Förderplätze knapp und Sponsorengelder umkämpft sind, entscheidet oft nicht mehr allein das Ergebnis, sondern der Eindruck. So werden neuerdings Karrieren gemacht – nicht ausschließlich, aber zunehmend.

Ein kurzer Clip genügt meist, um Aufmerksamkeit, Reichweite und Interesse zu erzeugen – lange bevor eine formale Leistungsbewertung erfolgt. (© Susanne Kreuer, KI-generiert)
KI-Manipulation ist leicht umsetzbar
Das Tückische daran: Jedes Bildmaterial lässt sich nicht nur optimieren, sondern kinderleicht manipulieren – unauffällig und technisch so versiert, dass es für Außenstehende kaum erkennbar ist. Künstliche Intelligenz verschiebt dabei die Grenze zwischen Darstellung und Wirklichkeit. Bewegungsabläufe können subtil geglättet, Fehler heimlich eliminiert und Leistungen visuell stark aufgewertet werden. Bilder verlieren an Glaubwürdigkeit – und dies in einem Ausmaß, dass es Entscheidungsträgern in der Sportwelt kaum auffällt.
KI-generierte Manipulationen werden immer attraktiver; vielleicht nicht unbedingt aus Boshaftigkeit, aber ganz sicher aus Konkurrenzdruck. Es braucht zwar ausreichend Willen, zu betrügen, aber tatsächlich nur sehr wenig Technikkenntnisse. KI-Tools entwickeln sich rasend schnell und verfügen nicht nur über erstaunliche Funktionen, sondern sind auch kostenlos zugänglich und wirklich leicht bedienbar.
Neue Technik, alte Strukturen
Die Folge ist ein systemisches Risiko für Sport, Sponsoring und Fairness. Eine Gefahr, die bislang kaum als solche wahrgenommen wird. Denn während sich die technischen Möglichkeiten schnell weiterentwickeln, bleiben die Strukturen, die sportliche Leistungen bewerten, prüfen und einordnen sollen, weitgehend unverändert.
Entscheidungsprozesse in Verbänden, Turnierorganisationen und Förderinstitutionen beruhen noch immer auf einem impliziten Grundvertrauen in die Authentizität visueller Nachweise. Videos gelten als Anschauungsmaterial, nicht als potenziell manipulierbare Belege. Ein systematisches Problembewusstsein fehlt – ebenso klare Zuständigkeiten, Prüfprozesse oder verbindliche Standards im Umgang mit digitalem Bildmaterial, und zwar disziplinübergreifend.
KI im Reitsport: Fehlendes Problembewusstsein
Es entsteht ein Ungleichgewicht, das eine Schwachstelle offenbart: Das Problem ist weniger die Existenz manipulierter Bilder, sondern die Strukturen, die die Augen verschließen. Wo Prüfmechanismen fehlen und Verantwortung diffus bleibt, entsteht ein wachsendes Vakuum, das sich Findige zunutze machen.
Solange Trainings- und Turniervideos als „harmloses Beiwerk“ betrachtet werden, obwohl sie längst über Karrieren, Förderungen und Geldflüsse mitentscheiden, bleibt der Sport anfällig, und zwar für eine schleichende Erosion von Vertrauen und Aufrichtigkeit – unbemerkt, akzeptiert und leider auch strukturell begünstigt.

Während technische Möglichkeiten in einem nie dagewesenen Ausmaß wachsen, bleiben Bewertungs- und Prüfstrukturen oft unverändert. Das muss sich ändern! (© Susanne Kreuer, KI-generiert)
Videos als Erfolgsfaktor
Digitale Bildnachweise sind längst kein beiläufiges Begleitmaterial mehr. Sie beeinflussen Förderentscheidungen, Kaderstrukturen, Sponsorings und die öffentliche Wahrnehmung sportlicher Leistung. Dennoch werden sie in vielen Verbänden und Organisationen weiterhin wie unverbindliche Illustrationen behandelt.
Wer ihre Wirkung unreflektiert und vor allem ungeprüft hinnimmt, überlässt zentrale Entscheidungen einem ungeregelten Raum. Das wird uns auf die Füße fallen – das ist sicher!
Wenn Bewegtbild wichtiger ist als Turnierergebnisse
Im organisierten Turniersport gelten Ergebnisse, Platzierungen und Richterprotokolle als formale Leistungsnachweise. Sie sind dokumentiert, nachvollziehbar und üblicherweise in Datenbanken archiviert. Diese Systeme bilden die Grundlage sportlicher Vergleichbarkeit – jedoch nur dort, wo Leistung tatsächlich offiziell erhoben wird.
Parallel dazu hat sich eine zweite Ebene etabliert: Handyvideos, Social-Media-Clips, Trainingsaufnahmen und sorgfältig kuratierte Highlight-Reels. Sie sind nicht standardisiert, nicht geprüft, aber hochwirksam. In der Praxis prägen sie zunehmend den Eindruck von sportlichen Qualitäten – unabhängig davon, ob sie aus Training, Turnier oder inszeniertem Kontext stammen.
Reitvideos sind keine Belege!
Für Sponsoren zählt Sichtbarkeit. So entscheiden Reichweite, Ästhetik und Wiedererkennbarkeit oft stärker als formale Ergebnislisten. Videos fungieren dabei als vermeintlicher „Proof of Performance“ – schnell konsumierbar, emotional wirksam und leicht teilbar. Ihre Authentizität wird meist vorausgesetzt und nicht überprüft.
Was dabei häufig übersehen wird: Manipuliertes Bildmaterial dient nicht selten als Türöffner. Es ermöglicht Zugang zu Sichtbarkeit und Ressourcen, noch bevor eine reale Überprüfung stattfindet. Das tatsächliche Leistungsvermögen von Pferd und Reiter zeigt sich zwar später, aber zu einem Zeitpunkt, an dem Chancen bereits ungleich verteilt sind. Der Mechanismus, dass manipulierte Bilder zunehmend als Sprungbretter fungieren, geht stets zu Lasten jener, die fair und ehrlich geblieben sind.

Subtile Eingriffe reichen aus: Bewegungsabläufe, Fehler oder Übergänge lassen sich unauffällig verän-dern – mit großer Wirkung. (© Susanne Kreuer, KI-generiert)
KI ist heute für jedermann
Dass die Technikschwelle sinkt, ist eigentlich kein Geheimnis. Und doch lassen wir uns alle „gerne“ täuschen. Was früher Spezialwissen, teure Software und erhebliche Rechenleistung erforderte, ist heute mit wenigen Klicks verfügbar. KI-basierte Video-Tools arbeiten weitgehend automatisiert, sind intuitiv bedienbar und über gängige Plattformen frei zugänglich. Manipulationen lassen sich in kurzer Zeit erstellen, speichern und verbreiten. Die Geschwindigkeit, mit der Inhalte produziert und geteilt werden, überholt dabei jede nachgelagerte Kontrolle.
Der Reitsport bietet besondere Voraussetzungen, die visuelle Manipulation begünstigen: Große Distanzen zwischen Kamera und Geschehen, wechselnde Perspektiven, Hallenlicht, Staub, Bewegungsdynamik und natürliche Unschärfen erschweren eine visuelle Einordnung. Feinabstimmungen in Takt, Rhythmus, Sprungverlauf oder Anlehnung lassen sich subtil verändern, ohne dass der Eingriff offensichtlich wirkt.
Kurzübersicht über konkrete KI-ManipulationsszenarienManipulation im Sport zeigt sich selten als grobe Fälschung. Sie wirkt subtil, plausibel und fügt sich nahtlos in bestehende Darstellungsformen ein. Gerade deshalb bleibt sie vielerorts unbemerkt. Die folgenden Szenarien zeigen typische Muster, wie visuelle Inhalte verfälscht werden können – ohne offensichtlich manipuliert zu wirken.
Die größte Gefahr: Über diese Formen hinaus können mittels Deepfake-Technologie auch vollständig neue Videosequenzen erzeugt werden, die keinen realen Ritt, kein tatsächliches Turnier mehr abbilden, sondern eine sportliche Situation simulieren, die so nie stattgefunden hat. |

Ohne Kontext sind Trainingsaufnahmen und Turniervideos visuell kaum zu unterscheiden; formen aber Karrieren und Lebenswege. (© Susanne Kreuer, KI-generiert)
Nicht Misstrauen schützt den Sport, sondern klare Regeln
Wenn visuelle Inhalte mitentscheiden, was unbestritten und kaum veränderbar ist, dann müssen sie anders behandelt werden als bloßes Marketingmaterial. Entscheidend ist dabei nicht technische Perfektion, sondern ein institutioneller Rahmen, der Zuständigkeiten, Prüfmaßstäbe und Transparenz definiert.
Korrekter Umgang mit Bildmaterial im Reitsport
Klare Abgrenzung: Nachweis oder Darstellung
Verbände und Turnierorganisationen benötigen einen Minimalstandard, der eindeutig trennt, was als offizieller Leistungsnachweis gelten kann – und was lediglich der Selbstdarstellung dient. Trainingsclips, Social-Media-Videos oder Highlight-Reels dürfen nicht implizit den gleichen Stellenwert erhalten wie dokumentierte Turnierergebnisse.
Gestufte Prüfprozesse statt Vollkontrolle
Eine vollständige technische Prüfung jedes Videos ist weder realistisch noch erforderlich. Sinnvoll ist ein mehrstufiges Verfahren, das bei Auffälligkeiten greift und nachvollziehbar dokumentiert ist:
- Plausibilitätsprüfung: Stimmen Datum, Ort und Kontext mit der behaupteten Leistung überein?
- Quellenprüfung: Liegt Originalmaterial vor, sind Metadaten konsistent, ist der Veröffentlichungsweg nachvollziehbar?
- Abgleich: Passen Angaben zu Startlisten, Ergebnissen oder offiziellen Daten?
- Eskalation: Bei Zweifeln sollte eine Weiterleitung an Fachstellen oder Kommissionen erfolgen.
Zuständigkeiten und Dokumentation
Damit Prüfprozesse wirksam sind, müssen Rollen definiert sein: Wer darf Hinweise entgegennehmen? Wer prüft? Wer entscheidet? Und wer dokumentiert den Vorgang revisionssicher? Die Dokumentation muss belastbar genug sein, um Entscheidungen zu begründen – zugleich aber praxistauglich, damit der Turnierbetrieb nicht gelähmt wird.
Meldewege, Kennzeichnung und Konsequenzen
Ergänzend braucht es niedrigschwellige Meldewege für Beteiligte und Dritte – geschützt vor Missbrauch, vertraulich und nachvollziehbar geregelt. Parallel dazu sollten Kennzeichnungen etabliert werden, etwa für bearbeitetes oder KI-unterstütztes Material oder für verifizierte Originaldateien. Sanktionen müssen dabei nicht sofort repressiv sein: Hinweise, Auflagen, Transparenzpflichten und erst in letzter Konsequenz sportrechtliche Maßnahmen schaffen Akzeptanz und Prävention zugleich.
Sponsoren als Mitakteure
Auch Sponsoren sind Teil des Systems. Vertragsklauseln zur Authentizität, Offenlegungspflichten und einfache Prüfchecklisten erhöhen die eigene Rechtssicherheit. Entscheidend ist die Zusammenarbeit: Einheitliche Standards zwischen Sponsoren, Verbänden und Veranstaltern verhindern, dass Verantwortung einseitig verlagert wird oder Lücken ausgenutzt werden.

Fairness beginnt nicht bei der Technik, sondern bei der Haltung – gegenüber dem Sport, den Partnern und dem Pferd. (© Susanne Kreuer, KI-generiert)
Saubere Bilder als Fairplay-Standard
Täuschungen treffen selten nur einzelne Akteure isoliert, sondern das gesamte System. Deepfakes sind kein Randphänomen und kein reines Technikproblem. Sie sind ein gesellschaftliches Thema, das die Reitszene an ihren empfindlichsten Punkten trifft: Vertrauen, Gemeinschaft, Leistung und Fairness. Es werden gewichtige Entscheidungen über Lebensverläufe auf einer Grundlage getroffen, die völlig verzerrt sein kann.
- Sponsoren riskieren Reputationsschäden und Fehlinvestitionen.
- Verbände verlieren Vertrauen, geraten in sportrechtliche Konflikte und müssen Vergleichbarkeit sowie Gerechtigkeit neu erklären.
- Veranstalter sehen sich ggf. Anfechtungen, öffentlichem Druck und Haftungsfragen ausgesetzt.
Eine Frage der Redlichkeit
Die Integrität des Sports wird untergraben, ohne dass klassische Kontrollmechanismen greifen. Der Umgang mit digitalen Leistungsnachweisen braucht Prävention statt Generalverdacht, klare Regeln statt Grauzonen, Verantwortung statt Naivität. Der Reitsport hat die Chance, hier Vorreiter zu sein. Es muss um Haltung und das unmissverständliche Bekenntnis zu Ehrlichkeit, Transparenz und Glaubwürdigkeit gehen – auch im digitalen Raum.
Der Pferdesport lebt von Vertrauen, Regelkonformität, Unverfälschtheit und dem Respekt gegenüber dem Partner Pferd. Deepfakes stellen diese Werte auf die Probe. Ein zukünftiger Fairplay-Kodex könnte präzise Leitlinien für digitale Authentizität enthalten: von technischen Standards bis zu Regeln für die Weitergabe und Prüfung von Videomaterial. Damit entstünde ein Schutzraum, in dem Leistungen wirklich das widerspiegeln, was auf dem Platz passiert – und nicht, was KI am Bildschirm generiert. Wir haben noch viel zu tun!
Ein Text von Susanne Kreuer
