Hengstkörung in Verden: Interview mit Vorführer Linus Richter


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Körung der Springhengste in Verden (© Imke Perne-Harms)

Wie fühlt es sich an, Vorführer auf Körung zu sein? Und wie wird man das überhaupt? Linus Richter über Stress, Vertrauen und Verantwortung gegenüber jungen Hengsten.

„Linus? Der ist wie immer bei den Pferden“, antwortet einer der Körungshelfer auf die Frage, wo der 24-Jährige wohl zu finden sei. Linus Richter, groß und schlank, hellblonde Locken, schelmisches Lächeln im Gesicht, guckt aus einer der Boxen, die hier in Verden an der Niedersachsenhalle bereitstehen. Hooforia hat sich mit Linus zum Interview verabredet.

Weil naturgemäß die Zeit knapp ist während der Körung der Hannoveraner Springpferde Ende November, wird das eben in der Boxengasse geführt. Gerade deckt Linus einen der Hengste um und so können wir einen schönen Blick hinter die Kulissen dieser traditionellen Veranstaltung erhaschen.

Linus Richter, Vorführer bei der Hengstkörung in Verden

Linus Richter ist seit nunmehr sechs Jahren im Team des Ausbildungsstalls von Uwe Hannöver in Garrel (Landkreis Cloppenburg), in dem jährlich einige der zweieinhalbjährigen Hengste des Umlandes für die Körungen vorbereitet werden. Auf der Veranstaltung selbst werden die Hengste  neben dem Freilauf und teilweise an der Longe auch an der Hand präsentiert, von den sogenannten Vorführern. Linus Richter ist einer von ihnen. Die Vorläufer stehen natürlich nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Aber ohne sie und ihre professionelle Vorstellung der Pferde wäre die Körung nicht möglich.

So wird man Vorläufer für Körungen

Mit zehn Hengsten und fünf Helfern ist der Ausbildungsstall Uwe Hannöver in diesem Jahr angereist. Aber wie wird man Vorläufer? Und worauf kommt es da an? Linus muss bei den Fragen lachen. „Ich bin da eigentlich nur aus Versehen so reingerutscht“, denkt er zurück. Er stammt aus einer Pferdefamilie, ist selbst aktiv im Sattel und war schon in jungen Jahren erfolgreich im Spring– und Vielseitigkeitsbereich. Auch seine Schwester Hanna Richter arbeitet als Bereiterin.  In diesem Umfeld war der berufliche Weg mit Pferden für Linus naheliegend.

Vertrauen zwischen dem Junghengst und Linus Richter: Wir haben mit dem Vorläufer in Verden ein Interview geführt.

Vertrauen zwischen dem Junghengst und Linus Richter: Wir haben mit dem Vorläufer in Verden ein Interview geführt. (© Imke Perne-Harms)

Zur Zusammenarbeit mit Uwe Hannöver kam es, als Linus etwa 18 Jahre alt war. Was zunächst als vorsichtiges „Schauen wir mal, wie es passt“ begann, entwickelte sich über die Jahre zu einer festen Partnerschaft.

„Anfangs bin ich zu den Vorauswahlen für die Körungen nur mitgefahren, habe hier und da mit angepackt und  nur mitgeholfen. Aber nach und nach hat sich herausgestellt, dass es mir liegt, die jungen Hengste selbst vorzuführen. Und nun hat sich das irgendwie so etabliert uns ist so geblieben. Ich habe die Hengste neben mir, Uwe läuft hinterher“, erzählt der 24-Jährige, während Uwe Hannöver das aus der Nachbarbox lachend bestätigt mit einem Hinweis nach dem Motto „Man wird schließlich nicht jünger…“

Kilometerlang durch die Niedersachsenhalle

Und ja, in der Tat müssen die Vorführer eine gewisse körperliche und auch mentale Fitness an den Tag legen. Die Körungen ziehen sich über mehrere Tage, dauern jeweils viele Stunden. Vor allem, wenn man mit mehreren Hengsten anreist, addieren sich die Runden in der Halle. „Da kommen schon einige Kilometer zusammen“, sagt Linus nüchtern. Und währenddessen ist permanente Konzentration gefordert. Wer unaufmerksam ist, bringt sich und andere und eventuell auch das Pferd in Gefahr.

Das zentrale Thema im Gespräch mit Hooforia ist aber ein anderes: das Vertrauen zwischen Pferd und Vorführer. Linus erklärt, dass größere Ausbildungs- und Zuchtställe ihre Hengste meist mit den eigenen Leuten zur Körung schicken. Die Pferde kennen diese Personen aus dem Alltag – und müssen sich in der ohnehin aufregenden Situation nicht auch noch an neue Menschen gewöhnen.

Manche Betriebe greifen zwar auf externe Vorläufer zurück, doch für Linus ist klar, dass er als vertraute Person den Hengsten Ruhe schenken kann. „Und zwar jedem so, wie er es braucht. Wir kennen die Pferde und wissen, wer wie reagiert. Da gibt es welche, die man eher kraulen muss. Anderen hilft die ruhige Stimme als Lob. Jedes Pferd geht anders mit Stress um. Da hilft es enorm, wenn sie uns gut kennen und wir sie“, ist er überzeugt.

Intensive Atmosphäre bei der Hengstkörung in Verden

Die Atmosphäre auf der Körung in Hannover beschreibt Linus als intensiv: volle Ränge, viele Geräusche, gespannte Stimmung. Genau das mache für ihn aber auch den Reiz aus. Wenn die Pferde gut mitarbeiten und die Energie in der Halle stimmt. „Das ist schon besonders, wenn die Hallentüren sich öffnen und der Hengst, den man führt, schon erwartet wird.“

Gleichzeitig verschweigt er nicht die Schattenseiten. Junge Hengste können sich durchaus auch mal vom Stress mitreißen lassen. Sie reagieren sensibel auf die ungewohnte Umgebung oder lassen sich von ihren Hormonen leiten. Dann ist höchste Aufmerksamkeit gefragt. Nicht, weil die Pferde „böse“ wären – sondern weil 500 Kilo Pferd eben im Zweifel auch ein Risiko bergen können.

Teamwork vor dem großen Auftritt: Linus Richter und Uwe Hannöver stellen die Hengste gemeinsam vor.

Teamwork vor dem großen Auftritt: Linus Richter und Uwe Hannöver stellen die Hengste gemeinsam vor. (© Imke Perne-Harms)

Präsent bleiben, Hengsten Ruhe vermitteln

Doch wer Linus schon mal neben einem trabenden Hengst gesehen hat, weiß, dass sich der 24-Jährige kaum aus der Ruhe bringen lässt. Selbst in brenzligen Situationen, wenn ein Hengst mal steigt oder bockt, wird Linus nicht hektisch oder grob. Er bleibt präsent und klar und vermittelt Sicherheit – um dann wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Sportpferde mit eigenem Ehrgeiz

Auf die Frage nach der Belastung für die jungen Hengste macht Linus deutlich, dass Pferde, die zur Körung zugelassen werden, bereits die nötige Reife mitbringen. Natürlich gebe es viele Pferde, für die das nichts sei – und genau deshalb müsse im Vorfeld sorgfältig selektiert und entschieden werden, um sensible Seelen nicht zu überfordern. Seiner Erfahrung nach haben die heute gezüchteten Sportpferde aber einen natürlichen Ehrgeiz und haben Spaß dran, sich zu präsentieren. „Natürlich sind die Hengste früh in der Hand und lernen alles kennen. Aber besonders zur Vorauswahl ist da noch kein großer Leistungsdruck hinter. Es ist eher eine Gewöhnung an alle Abläufe.“

Habe sich ein Hengst dann qualifiziert, gehe es Schritt für Schritt weiter, aber „überfallen“ werde ein Pferd dabei nicht. Besonders stressig und unruhig sei oft der Tag der Ankunft an dem Körplatz: neue Boxen, neue Gerüche, viele Pferde, viele Menschen. Doch nach kurzer Zeit kämen die meisten Hengste gut zur Ruhe. „Wir stellen die Pferde möglichst so nebeneinander, wie sie auch zu Hause stehen, das gibt Sicherheit. Und wir sorgen auch am Tag der Körung selbst dafür, dass die Pferde sich etwas auspowern, sich bewegen und sich gut vor ihrem Auftritt an der Longe aufwärmen. Dann können sie in der großen Halle ihre Leistung abrufen und überdrehen nicht.“

Gekört: Linus Richter ist zufrieden mit dem Ergebnis. Sein Traum: Einmal die Preisspitze einer Körung präsentieren.

Im Schrittring: Sechs von zehn vorgestellten Hengsten des Ausbildungsstalls Hannöver erhielten das positive Urteil „gekört“. (© Imke Perne-Harms)

In diesem Jahr sind von den zehn vorstellten Hengste sechs mit einem positiven Körurteil aus der Halle entlassen worden, auch einen Prämienhengst durfte Linus erneut vor Publikum präsentieren. Eine gute Quote, wie der 24-Jährige findet. Ein Ziel hat Linus trotzdem noch klar vor Augen: Einmal die Preisspitze einer Körung selbst als Besitzer auszustellen.

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