Frau hält Pferdekopf bei Sonnenuntergang © Christiane Slawik

Spüren und handeln statt reden: Die Sensibilität der Pferde verändert das psychotherapeutische Setting.

Depressionen, Angsterkrankungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen, Burnout, somatoforme Störungen, Autismus – die Bandbreite psychischer und psychosomatischer Krankheitsbilder ist groß, die Angebote traditioneller Therapien ebenso. Sie konzentrieren sich meist auf einen verbalen Ansatz in einer künstlichen Situation, einem Stuhlkreis oder einem Rollenspiel.

„Wird man hier zum Beispiel aufgefordert, die Spannung der eigenen Muskulatur zu beobachten, weckt dies oft Widerstände. Das wird schnell lächerlich gemacht, nach dem Motto: Was soll mir das jetzt bringen?“, weiß Dr. Katharina Alexandridis, Leiterin des Alogo-Instituts mit Sitz in Köln und am Chiemsee. Sie verfolgt einen anderen Ansatz und fügt das Pferd in das psychotherapeutische Setting ein. Damit rücken das Körper- und Bewegungserleben sowie das gemeinsame Handeln in den Vordergrund.

Therapie mit Pferden: Frau führt Pferd durch Hütchen

Kommunikationsskills oder Beziehungsgestaltung – in der Reittherapie werden allein durch die Interaktion verborgene Muster sichtbar gemacht. (© Christiane Slawik)

Kann Therapie mit Pferden helfen Anspannung zu lösen?

„Das Pferd bringt eine bewegungstherapeutische Komponente mit in die Behandlung und spricht die körperlichen Manifestationen der Erkrankungen, Störungen und Traumata an.“ Empfindungen, Bewegungen und vegetative Reaktionen werden durch die Arbeit am und mit dem Tier sowie dem eigenen Körper genutzt, um einen alternativen Zugang zum eigenen Erleben zu bekommen. So können – insbesondere bei stark emotional aufgeladenen Themen – verdeckte Muster sichtbar gemacht werden.

„Es ist eine Therapieform, die über die Handlungsorientierung und Interaktions- sowie Emotionsaktivierung methodisch funktioniert.“ Ein Beispiel: Setzt sich eine extrem angespannte Klientin auf das Reitpad, gehen ihre Therapiepferde in der Regel nicht los. Tun sie es doch, entwickelt sich erst dann ein Schreiten im Schritt, wenn ihre Anspannung nachlässt.

„Bei manchen psychischen Erkrankungen sind Festhaltungen im Körper automatisiert. Über die Bewegungsübertragung im Schritt kommt es zu einem Biofeedback, einer Rückmeldung der normalerweise unbewusst ablaufenden Prozesse im Körper“, weiß die Expertin. Das menschliche Verhalten wird unmittelbar „gespiegelt“. Die Klientin spürt, dass ihr beim Loslassen nichts Negatives passiert. Im Gegenteil. Es geschieht etwas Positives, denn auch das Pferd bewegt sich danach losgelassener. „Allein durch den Bewegungsdialog werden echte Selbstwirksamkeitserfahrungen möglich.“

Therapie mit Pferden: Frau steht neben Schimmel

Das Verhalten der Klientin wird direkt vom Pferd gespiegelt, jedoch ohne eine Wertung vorzunehmen. (© Christiane Slawik)

Kann ein Pferd unsere Gefühle lesen?

Das gelingt auch auf anderen Wegen: Trabt ein Pferd trotz intensiven Coachings nicht an, hilft Dr. Katharina Alexandridis manchmal nach. Sie führt es in den Zweitakt. Und plötzlich bricht der Mensch im Sattel in Tränen aus. Dann erklärt die Reittherapeutin: „Das Pferd ist sensibel. Es hat deine Angst gespürt und deswegen nicht die Gangart gewechselt. Wenn du traben willst, können wir uns fragen, wie Angstbewältigung oder eine realistische Zielsetzung gelingt.“ Die Sensibilität der Tiere macht aus dem Dialog zwischen Therapeutin und Klientin einen Trialog.

Die Körpersprache der Pferde und ihre bevorzugt nonverbale Kommunikation sind dabei ebenso hilfreich. „Psychische Erkrankungen haben immer mit Entfremdung zu tun. Die Selbstfürsorge, das Eingehen auf die eigenen Bedürfnisse, wurde oft zurückgestellt oder ist verlorengegangen – entweder, weil es nicht möglich oder zu gefährlich gewesen wäre, für sich zu sorgen. Das führt immer dazu, dass man sich selber nicht mehr gut lesen kann.“ Hier kommt das Pferd als externalisiertes Objekt ins Spiel, „an dem man üben kann, Körpersignale und -sprache zu lesen, bevor man es an sich selbst ausprobiert“. Was zeigt es? Stress? Entspannung? Und wie geht es mir eigentlich gerade?

Zwei Schimmel auf der Weide

Pferde sind sehr soziale Tiere und haben ein Interesse an Berührungen und Nähe. (© Christiane Slawik)

Was Therapie mit Pferden über unser Kommunikation zeigt

In diesem therapeutischen Setting lassen sich ferner Kommunikationsskills erkennen. „Fängt die Patientin sanft an, den Huf anheben zu wollen, und steigert sie ihre Anfrage, wenn das Pferd diesen nicht gibt? Oder fährt sie emotional sofort hoch? Was passiert, wenn sie es nicht schafft? Hört sie verunsichert, beleidigt oder wütend auf?“, fragt die Expertin. Fragen müssen nicht verbal gestellt, Antworten nicht gegeben werden. Sie geschehen einfach. Bei Problemen in der Beziehungsgestaltung sei es ähnlich.

Die Reittherapeutin schildert eine mögliche Situation: „Die Mutter will nicht da lang, wo die jugendliche Person hin will. Diese bleibt einfach stehen und spricht nicht mehr mit ihrer Mutter. Sie guckt sich um, ruft nach Hilfe und sagt: ‚Bringen Sie meine Mutter dazu, dass sie das macht, was ich will.‘“ Das gleiche Muster zeigt sich, wenn das Pferd einer Klientin nicht folgt. „Sehen Sie, der macht nicht, was ich will!“ Dann antwortet sie: „Wenn du das Pferd anschaust, bedeutet das, es soll stehenbleiben. Vielleicht handelt es sich um eine Verständnisfrage?“

Trakehner Kopf

Ob groß, ob klein, jung oder alt: Die Co-Therapeuten sind allesamt offen für die Kommunikation mit Menschen. (© Christiane Slawik)

Ehrliches Feedback ohne Worte

Der Transfer vom Pferd in die Mensch-zu-Mensch-Beziehung gelingt, weil die Tiere nah genug am Menschsein dran sind, betont Dr. Katharina Alexandridis. Er funktioniert ehrlicher und besser als in einer künstlichen Situation oder wenn Alternativvorschläge nur besprochen werden. Misserfolge führen nicht zu persönlichen Kränkungen oder Beziehungsstörungen. Ein Erfolg der Bottom-up-Methodik, die verbale Anteile vorwiegend der Reflexion und der Begleitung des Erlebten überlässt.

Ein riesiges Hindernis in der Mensch-zu-Mensch-Kommunikation ist, dass ein Lob oft nicht angenommen werden kann. Das ist bei Pferden anders. Auf eine besondere Art und Weise vermitteln sie ein wertfreies Feedback, weil sie im Hier und Jetzt leben, ihr Tun immer ehrlich ist. – Dr. Katharina Alexandridis –

Die Therapie mit Pferden führt dann zum Erfolg, wenn die Passungen in dem Beziehungsdreieck stimmen. Dabei muss immer auch Rücksicht auf die tierischen Bedürfnisse genommen werden. Die Arbeit sei weniger körperlich anstrengend, dafür mental herausfordernd, wenn sich ein Pferd beispielsweise in Zurückhaltung üben müsse. Je nach Haltungsform werden ihre vier eigenen und acht „angemieteten“ Therapiepferde „so oft eingesetzt, wie sie möchten“.

Araber-Kopf von hinten

Eine Transferleistung, die erfolgreich ist: erst die Körpersprache des Pferdes lesen und dann an sich selbst üben. (© Christiane Slawik)

Therapie mit Pferden: Nicht die Rasse ist entscheidend

Extrem unterschiedlich sind auch die Therapiepferde: Unter anderem ein polnisches Kaltblut aus dem Zirkus, ein Spanier aus der Working Equitation, ein Paradressurpferd, ein Voltigierpferd, ein Tinker, ein Haflinger und ein Turnierpferd – alle zwischen neun und 35 Jahre alt und mit einem Stockmaß von 1,35 bis 1,75 Metern – hat die Reittherapeutin im Einsatz. „Merkmale des Gangbildes, des Exterieurs und der Größe spielen bei uns eher eine untergeordnete Rolle. Vielmehr treten Persönlichkeitsmerkmale in den Vordergrund, ein Interesse an der Kommunikation mit Menschen, an Berührungen und Nähe.“

Kommen Klientinnen aus dem Reitsport, nutzt sie gern ihr erfahrenes Turnierpferd. „Mit meinem Wallach kann ich sie besser dort abholen, wo sie stehen. Da wäre der Schritt zu einem älteren Haflinger oder untrainierten Tinker zu groß.“ Aber: Nicht jede Reiterin muss zwangsläufig in der Therapie mit Pferden richtig aufgehoben sein. Da dächten viele fallführend Behandelnde aus der Medizin und Psychologie zu kurz.

Zwischen Kontrolle und Loslassen

Die Kunst sei, herauszufinden, wo die pferdegestützte Intervention die Behandlung des Störungsbildes unterstützen kann. Wo schafft sie die größten Synergien für die Zielbereiche der Gesamttherapie? Darum geht es. Nur dann entwickeln sich die Klientinnen weiter. Sie lernen, wieder Vertrauen zu finden, die Kontrolle abzugeben und dennoch führen zu können. Grenzen erfahren, den Mut haben, sie zu erweitern, ohne Schuldgefühle Nein zu sagen, wenn es zu brenzlig wird.

Aber auch andere Denk- und Handlungsmuster auszuprobieren, eine Beziehung gesund zu gestalten, Ängste, Anspannungen und Emotionen zu regulieren. Ihr Selbstwertgefühl steigern, sich selbst und andere besser verstehen. All das, was es auch braucht, um ein guter Reitpartner zu sein. „Das Pferd ist kein Sportgerät. Es gibt immer eine Beziehungsebene, auch wenn ein Pferd immer ein Pferd bleibt. Beides sollte man nie vergessen“, so die Reittherapeutin.

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