Smartphone und Pferd © Imago

Im Dunkel des Internet lauern Gefahren. Cybergrooming ist eine davon.

Kittel hat den Fall der Polizei gemeldet und öffentlich davor gewarnt. Was dahintersteckt, ist kein Einzelfall: Beim sogenannten Cybergrooming versuchen Täter, das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen im Netz zu gewinnen. Gerade die Begeisterung für bekannte Reiterinnen und Reiter kann dabei gezielt ausgenutzt werden.

Dressurreiter Patrik Kittel wies vor Kurzem auf Instagram auf mehrere Fake-Accounts hin, die unter seinem Namen auf TikTok betrieben wurden. Besonders drastisch: Über einen der Accounts wurde offenbar Reitunterricht bei Kittel angeboten – gegen unangemessene Fotos oder Videos. Nur: Kittel selbst besitzt gar keinen TikTok-Account.

„Eine Frau hat mich auf den Account aufmerksam gemacht und bei mir sind sofort alle Alarmglocken losgegangen.“
– Patrik Kittel –

Weitere Personen hätten sich anschließend bei ihm gemeldet. Dabei sei deutlich geworden, dass mehrere Fake-Accounts existierten, über die unter anderem Jobs und Partnerschaften angeboten wurden.

Besonders erschüttert habe ihn aber das vermeintliche Angebot von Reitunterricht. „Als Vater einer Tochter kann ich es nicht ertragen, wenn Kindern in meinem Namen womöglich so etwas angetan wird“, sagt Kittel. Den Account meldete Kittel im Gespräch mit HOOFORIA. Inzwischen ist er gelöscht.

Patrik Kittel

Patrik Kittel hatte die unter seinem Namen existierenden Fake-Accounts selbst nicht bemerkt. (© S. Lafrentz)

Was ist Cybergrooming?

Der Begriff Cybergrooming bezeichnet das gezielte Anbahnen sexueller Kontakte zu Kindern oder Jugendlichen über das Internet. Täter versuchen zunächst, Vertrauen aufzubauen. Anschließend drängen sie Minderjährige beispielsweise dazu, intime Bilder oder Videos zu verschicken, sexuelle Handlungen vor der Kamera vorzunehmen oder sich persönlich zu treffen. Dabei nutzen sie gezielt die Unerfahrenheit und das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen aus.

Die Vorgehensweisen unterscheiden sich, folgen aber häufig ähnlichen Mustern: Täter geben sich als Gleichaltrige aus, täuschen gemeinsame Interessen vor oder versprechen Vorteile, Geschenke und besondere Möglichkeiten. Im Fall des gefälschten Kittel-Accounts wurde offenbar ausgerechnet die Begeisterung für den Pferdesport dafür genutzt.

Smartphone

Wer schreibt da eine Nachricht? (© Klicksafe)

Wenn das Reiter-Idol plötzlich eine Nachricht schreibt

Gerade für junge Pferdefans können bekannte Reiterinnen und Reiter große Vorbilder sein. Ein Lehrgang beim Idol, ein Praktikum im Stall oder sogar persönlicher Kontakt zu einem Profi kann entsprechend verlockend wirken. Genau darin sieht auch Patrik Kittel eine Gefahr. „Kinder und Jugendliche identifizieren sich stark mit den sozialen Medien und können oft noch gar nicht abwägen, was Fake ist und was real“, sagt er. Deshalb müsse früh ein Bewusstsein dafür entstehen, wie unwahrscheinlich manche vermeintlichen Angebote seien.

„Es ist beispielsweise völlig unrealistisch, dass ein Reiter, den man gar nicht persönlich kennt, einen anschreibt und Reitunterricht anbietet“, betont Kittel. Bei entsprechenden Nachrichten sollten Kinder und Jugendliche niemals private Informationen, Fotos oder Videos verschicken und möglichst gar nicht reagieren. Stattdessen, so sein Rat, sollten sie sich an einen Erwachsenen wenden.

Patrik Kittel

Ein Angebot für Reitstunden auf der Anlage von Patrik Kittel? Kann das sein? (© S. Lafrentz)

Cybergrooming-Fake-Profile sind keine Seltenheit

Susanne Wohmann von klicksafe, einer bundesweiten Initiative zur Förderung von Medienkompetenz und Sicherheit im Netz, beschäftigt sich mit genau solchen Gefahren. Eine gesicherte Statistik dazu, wie häufig Täter beim Kontaktaufbau gezielt gestohlene Identitäten oder Fake-Profile verwenden, gäbe es nicht.

Häufig seien es erwachsene Männer oder männliche Jugendliche, die über entsprechende Profile Kontakt zu Minderjährigen suchen und sie sexuell belästigen, wie sie gegenüber HOOFORIA berichtet.

„Oft geben sich die Täterinnen und Täter als Gleichaltrige aus und gaukeln den Kindern und Jugendlichen gleiche Hobbys, Musikvorlieben und Konsumgewohnheiten vor.“
– Susanne Wohmann –

Auf diese Weise bauten sie Vertrauen auf und verleiteten Minderjährige anschließend zu sexuellen Handlungen im Netz. Auch bekannte Persönlichkeiten können dafür instrumentalisiert werden – wie im Fall des Fake-Accounts unter Patrik Kittels Namen.

Viele Kinder werden im Netz angesprochen

Daten der Landesanstalt für Medien NRW von 2025 zeigen, wie verbreitet problematische Kontaktversuche im Netz sind.

  • Sieben Prozent der befragten Kinder wurden demnach bereits aufgefordert, ihre Handykamera einzuschalten oder sich vor einer Webcam auszuziehen.
  • Elf Prozent haben Nacktbilder zugeschickt bekommen.
  • Zwölf Prozent wurde von älteren Personen eine Gegenleistung versprochen, wenn sie Bilder oder Videos von sich verschicken.
  • 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen wurden bereits von Erwachsenen zu einer persönlichen Verabredung aufgefordert.
Reiterin mit Smartphone

Smartphones sind für Kinder und Jugendliche allgegenwärtig. (© Imago)

Cybergrooming beschränkt sich dabei nicht auf einzelne soziale Netzwerke. Kontakte können über TikTok, Instagram oder Snapchat entstehen, aber ebenso über YouTube, Twitch, Discord, Steam oder andere Gaming- und Kommunikationsplattformen.

KI macht Fake-Profile noch schwerer erkennbar

Zusätzlich erschweren neue technische Möglichkeiten die Einschätzung, ob ein Profil oder Inhalt echt ist. „Die neueste KI-Technologie macht es möglich, fast fehlerlose, täuschend echte Bild- und Audiodateien zu erstellen, die nicht mehr von der Realität unterscheidbar sind“, erklärt Susanne Wohmann. Bereits vorhandene Aufnahmen könnten so in vollkommen neue Zusammenhänge gestellt werden. Auch Fake-Profile ließen sich dadurch glaubwürdiger gestalten.

Beim Account unter Kittels Namen wurden beispielsweise Inhalte und Stories veröffentlicht, die den Eindruck eines tatsächlich betriebenen Profils vermitteln sollten. Für Kinder und Jugendliche wird es damit noch schwieriger zu beurteilen: Schreibt mir hier wirklich mein Idol – oder jemand, der nur dessen Identität benutzt?

Jugendliche und Laptop

Echt oder unecht? Manchmal ist das bei Fake-Profilen kaum zu erkennen. (© Klicksafe)

So bauen Cybergroomer Vertrauen auf

Täter gehen nicht immer sofort mit sexuellen Forderungen auf Kinder und Jugendliche zu. Häufig beginnt der Kontakt scheinbar harmlos. „Dazu stellen sie viele Fragen und verraten wenig über sich“, beschreibt Wohmann. Manche behaupteten beispielsweise, eine Model- oder Musikagentur zu betreiben.

Andere machten Geschenke oder täuschten gemeinsame Interessen vor. Teilweise wird behauptet, man wohne zufällig ganz in der Nähe. Ist erst einmal ein Vertrauens- oder Abhängigkeitsverhältnis entstanden, können Täter versuchen, die Betroffenen zunehmend zu manipulieren und zu kontrollieren.

Diese Warnzeichen für Cybergrooming sollten Eltern und Jugendliche kennen

Ein einzelnes Merkmal bedeutet nicht automatisch, dass Cybergrooming vorliegt. Hellhörig sollte man jedoch werden, wenn beispielsweise:

  • das Gespräch plötzlich auf Sexualität oder sexuelle Erfahrungen gelenkt wird
  • Geld, Geschenke oder andere Vorteile angeboten werden
  • Fotos oder Videos verlangt werden
  • die Webcam eingeschaltet werden soll
  • der Kontakt schnell von einer öffentlichen Plattform in einen privaten Messenger oder anderen Kommunikationskanal verlagert werden soll
  • persönliche Daten oder der Aufenthaltsort erfragt werden
  • ein Treffen außerhalb des Internets vorgeschlagen wird.

Besonders skeptisch sollten junge Pferdefans außerdem sein, wenn bekannte Reiterinnen oder Reiter, Ställe oder andere Personen aus der Pferdebranche unvermittelt Kontakt aufnehmen und außergewöhnliche Angebote machen.

Im Zweifel gilt: Nicht antworten, keine persönlichen Daten oder Bilder schicken und mit einer vertrauten erwachsenen Person darüber sprechen.

Kind und Pferd

Unterstützung ist wichtig, wenn das Kind etwas belastet. (© Imago)

Auch Reitvereine und Ställe tragen Verantwortung

Nicht nur Eltern sind gefragt. Auch Reitvereine, Reitschulen und andere Einrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche betreut werden, können dazu beitragen, Risiken zu reduzieren.

„Medienkompetenz ist für alle Personen und Einrichtungen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, das A und O“, sagt Susanne Wohmann. Kinder müssten lernen, digitale Inhalte kritisch einzuschätzen und Risiken zu erkennen. Gleichzeitig brauche es Erwachsene, bei denen sie sich melden können, ohne Angst vor Vorwürfen oder Strafen haben zu müssen. Denn Medienkompetenz entsteht nicht automatisch.

Kinderfotos im Netz: So wenig Informationen wie möglich preisgeben

Klicksafe rät grundsätzlich zur Vorsicht beim Veröffentlichen von Fotos und Videos Minderjähriger. Denn Bilder können heruntergeladen, weiterverwendet oder mithilfe von KI verändert werden. Selbst Abdeckungen oder verpixelte Gesichter bieten laut klicksafe keine vollständige Schutzgarantie.

Wer Bilder von Kindern oder Jugendlichen veröffentlicht, sollte deshalb möglichst wenig persönliche Informationen preisgeben.

Dazu gehört beispielsweise:

  • keine Adressen oder eindeutig erkennbaren Orte zu zeigen
  • Vereins- oder Stallnamen nicht unnötig sichtbar zu machen
  • keine sensiblen persönlichen Daten zu veröffentlichen
  • die Privatsphäre- und Sicherheitseinstellungen von Accounts zu überprüfen
  • den Zugriff fremder Personen auf Profile möglichst einzuschränken

Was Eltern konkret gegen Cybergrooming tun können

Der wichtigste Schutz besteht nicht darin, Kindern Angst vor dem Internet zu machen – sondern darin, mit ihnen im Gespräch zu bleiben.

Eltern können:

  • Accounts und Privatsphäre-Einstellungen gemeinsam mit ihren Kindern einrichten
  • regelmäßig nach Erlebnissen in sozialen Netzwerken und Online-Spielen fragen
  • erklären, dass Menschen im Internet nicht immer diejenigen sind, für die sie sich ausgeben
  • deutlich machen, dass intime Bilder niemals als Gegenleistung für Geschenke, Unterricht, Jobs oder andere Vorteile verlangt werden dürfen
  • Kindern vermitteln, dass sie jederzeit Hilfe holen können

Besonders wichtig: Wenn ein Kind bereits Bilder verschickt, auf Nachrichten reagiert oder persönliche Informationen preisgegeben hat, helfen Schuldzuweisungen nicht weiter. Kinder und Jugendliche sollten wissen, dass sie sich trotzdem anvertrauen können – ohne Angst davor haben zu müssen, bestraft zu werden oder dauerhaft Smartphone und Internet zu verlieren.

Zuschauer beim Reiten

Die Eltern sollten bewusst infrage stellen, was sie über ihre Kinder preisgeben. (© Christiane Slawik)

Cybergrooming ist strafbar

Das gezielte Einwirken auf Kinder über das Internet mit dem Ziel, sexuelle Kontakte oder Handlungen anzubahnen, ist in Deutschland strafbar. Entsprechende Fälle können von Polizei und spezialisierten Ermittlungsstellen verfolgt werden. Problematisch bleibt jedoch häufig die Identifikation der Menschen hinter anonymen oder gefälschten Profilen. Gerade deshalb ist es sinnvoll, verdächtige Nachrichten, Profilnamen und andere Hinweise zu dokumentieren und Vorfälle zu melden.

Was tun bei einem verdächtigen Kontakt?

Wer einen verdächtigen Account oder entsprechende Nachrichten entdeckt, sollte:

  • nicht auf Forderungen eingehen
  • keine weiteren persönlichen Informationen, Bilder oder Videos verschicken
  • Screenshots beziehungsweise Beweise sichern
  • den Account auf der jeweiligen Plattform melden
  • den Kontakt blockieren
  • eine erwachsene Vertrauensperson einbeziehen
  • bei konkreten sexuellen Forderungen oder Bedrohungen Polizei oder Beratungsstellen kontaktieren

Auch Patrik Kittel appelliert daran, verdächtige Accounts konsequent zu melden.

Sein Fall zeigt: Ein bekanntes Gesicht und ein vertrauter Name machen ein Profil noch lange nicht echt. Gerade dort, wo Kinder für ihren Sport und ihre Idole brennen, braucht es deshalb Aufmerksamkeit – bei jungen Nutzerinnen und Nutzern ebenso wie bei Eltern, Vereinen und der gesamten Pferdebranche.

Smartphone im Stall

Das Smartphone ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. (© Imago)

Hier gibt es Hilfe

Das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch informiert über sexuelle Gewalt und vermittelt Beratungsstellen vor Ort. Angeboten werden unter anderem anonyme telefonische und digitale Beratungen.

Nummer gegen Kummer e.V. bietet kostenlose und anonyme Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern. Für Kinder und Jugendliche gibt es zusätzlich eine Online-Beratung.

Bei JUUUPORT beraten Jugendliche andere junge Menschen bei Problemen im Internet.

Vorfälle und problematische Inhalte können unter anderem über jugendschutz.net und die Internet-Beschwerdestelle gemeldet werden.

Weitere Informationen zum Thema Medienkompetenz und Cybergrooming gibt es bei klicksafe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert