Schlundverstopfung beim Pferd © Christiane Slawik

Da Pferde bekanntlich nicht erbrechen können, kann eine Schlundverstopfung lebensbedrohlich sein.

Bei einer Schlundverstopfung bleibt Futter in der Speiseröhre des Pferdes stecken. Futterbissen oder andere Fremdkörper verstopfen den weiteren Weg zum Magen. Die Muskeln ziehen sich an der Stelle zusammen, es kommt zu einer anhaltenden, schmerzhaften Verkrampfung. Nach etwa 30 Minuten schwillt die Schleimhaut an, so dass die Passage noch enger wird.

Sitzt der Fremdkörper im hinteren Teil der Speiseröhre also Magen nah, fressen viele Pferde zunächst noch weiter. Das Futter sammelt sich an. Man kann sich das ganze wie einen Damm vorstellen, der einen Fluss aufstaut.

Hat mein Pferd eine Schlundverstopfung? Die Anzeichen

  • Das Pferd hört plötzlich mit dem Fressen auf
  • Es wird unruhig, scharrt, zittert und zeigt Anzeichen von Panik
  • Aus der Nase tritt schleimig-schaumiger Nasenausfluss vermischt mit Futterpartikeln
  • Das Pferd streckt immer wieder Kopf und Hals nach vorne
  • Es wölbt den Rücken auf und würgt
  • Das Pferd hustet, wobei aus dem Maul und den Nüstern Futterbestandteile kommen können
  • An der linken Halsseite erkennt man eine deutliche Beule
Schlundverstopfung beim Pferd: Nahrungsbrei aus den Nüstern

Nahrungsbrei, der aus den Nüstern kommt, lässt auf eine Schlundverstopfung schließen. (© Lothar Lenz)

Wie kommt es zu einer Schlundverstopfung beim Pferd?

Motte ist ein Vielfraß. Egal welches Futter, die kleine Fuchsstute schlägt sich gerne den Bauch voll. Am liebsten so schnell wie möglich. Genau dieses schnelle Schlingen von Futter jedweder Art ist auch der Grund, warum die Zwölfjährige nun bereits dreimal unter einer Schlundverstopfung gelitten hat. Beim letzten Mal, war es besonders dramatisch und sie wäre fast verstorben.

Zitternd steht sie da, mit schaumigen Nüstern, aus denen Futterreste quellen. Mit aufgewölbtem Rücken würgt sie verzweifelt und versucht etwas, das Pferde gar nicht können: Sie probiert sich zu übergeben, um den festsitzenden Futterbrocken auszuspucken.

Karotten, Äpfel, Kraftfutter für Pferde

Obst und Gemüse schmecken Pferden sehr gut, werden aber oft nicht ausreichend gekaut. (© Christiane Slawik)

Was war passiert? Warum hat das Fressen von ganz normalem Heu bei Motte eine Schlundverstopfung verursacht?

Zu schnelles Fressen führt zur Schlundverstopfung

Schlingt ein Pferd sein Futter runter, kaut es die Futtermittel nur unzureichend. Sie werden nicht ausreichend zerkleinert und nicht genügend eingespeichelt. Zu große Futterstücke und ein zu trockener und grob strukturierter Nahrungsbrei gerät in die Speiseröhre und bleibt den Pferden dort sprichwörtlich im Halse stecken.

Zu den typischen Futtermitteln, die nicht genügend gekaut werden, gehören in der Regel kleingeschnittene Karotten oder Rüben. Aber auch Äpfel und rote Beete, die sehr klein und rundlich geformt sind, werden oft einfach „verschluckt“ und rutschen dann nicht bis zum Magen durch.

Werden Zuckerrübenschnitzel oder andere Quell-Futter, die sich vollsaugen und ihr Volumen vervielfachen, nicht lange genug eingeweicht, stellen auch sie ein Risiko für Schlundverstopfungen dar. Aber auch „vermeintlich“ ungefährliche Futtermittel, wie langhalmiges Heu, können zu einer Schlundverstopfung bei Pferden führen, wenn sie nicht genug gekaut werden.

Das ausreichende Kauen ist nicht nur eine Frage der Geschwindigkeit. Es ist also nicht nur wichtig, dass das Pferd lange genug kaut. Auch die Zähne müssen intakt sein, damit das Kauen zu einer genügenden Verkleinerung des Futters führt. Das ist bei jungen Pferden im Zahnwechsel oder bei alten Pferden mit abgenutzten Gebissen oft nicht der Fall. Sie müssen mit Spezialfutter gefüttert werden, um eine Schlundverstopfung zu vermeiden.

Schlundverstopfungen vermeiden

  • Ausreichend strukturiertes Futter reichen
  • Äpfel und Karotten im Ganzen füttern
  • Kleine runde Futtermittel möglichst vermeiden
  • Keinen Grasschnitt reichen (in Wohngebieten ggf. Hinweis-Schilder aufstellen)
  • Quellende Futtermittel ausreichend lange einweichen lassen
  • Mit Fressbremsen die Futteraufnahme verlangsamen. Einige große Kieselsteine beispielsweise zwingen das Pferd den Krippeninhalt zu sortieren und langsam zu fressen
  • Zahnstatus regelmäßig kontrollieren
Pferde mit Äpfeln füttern

Auch wenn kleinschneiden gut gemeint ist: Äpfel besser im ganzen verfüttern. (© Christiane Slawik)

Pferd mit Schlundverstopfung: Erste Hilfe

Obwohl Motte hektisch in ihrer Box herumläuft, stark schwitzt und alles auf eine gefährliche Schlundverstopfung hinweist, heißt es nun: Ruhe bewahren. Als erstes muss der Tierarzt angerufen – und über den Notfall, den solch eine Verstopfung der Speiseröhre darstellt, informiert werden.

Bis der Tierarzt kommt, oder man das Pferd selber in die Tierklinik fahren kann, gibt es erste Hilfe-Maßnahmen, die bei einer blockierten Speiseröhre helfen: Beruhigen Sie das Pferd, und führen Sie es am besten mit leicht gesenkter Halsung ruhig auf und ab. Es darf jetzt auf keinen Fall fressen oder saufen und sollte möglichst ruhig atmen.

Sanfte Massage hilft bei Schlundverstopfungen

Die langsame Bewegung tut Motte gut und sie lässt sich in langen Zügen den Hals entlang streichen. Solch eine sanfte Massage der linken Halsseite kann die Blockade und den damit einhergehenden Krampf möglicherweise lösen. Wenn es gelingt, den festsitzenden Futterpropf durch eine Massage in Richtung Magen zu bewegen, ist die akute Situation erst einmal entschärft.

Achtung: Diese Massage darf nicht in Richtung Pferdemaul ausgeführt werden und nicht mit zu viel Druck. Hier ist also Fingerspitzengefühl gefragt.

Der Schlundverstopfung-5-Punkte-Plan

  1. Tierarzt rufen
  2. Beruhigen
  3. Futter und Trinken entfernen
  4. Langsames Führen
  5. Sanfte Massage der linken Halsseite in Richtung Magen

So hilft der Tierarzt bei einer Schlundverstopfung

Endlich fährt der Tierarzt auf den Hof und kann die Schlundverstopfung professionell behandeln. Motte bekommt zunächst einmal eine krampflösende Spritze und dann eine Narkose. Nun schiebt der Veterinär Motte eine Nasenschlundsonde in den Hals.

Damit kann er sie sowohl untersuchen als auch behandeln und zwar in einem Schritt: Er kann so feststellen, ob die Verstopfung durch die krampflösenden Medikamente bereits aufgelöst wurde und falls nötig mittels der Sonde eine Spülung der verstopften Speiseröhre durchführen. In wenigen Fällen ist bei einer Schlundverstopfung sogar eine Operation notwendig. Hierbei wird die Speiseröhre in der Tierklinik operativ geöffnet und festsitzende Verstopfungen werden entfernt.

Gefährliche Folgen einer Schlundverstopfung

Bei Motte hat sich das Heu-Kneul tatsächlich durch die Massage schon aus der Speiseröhre gelöst, das kann der Tierarzt feststellen. Aufatmen. Aber: Ist die Schlundverstopfung damit auch vollständig überwunden? Leider nein.

Ein Pferd stirb ganz selten an der unmittelbaren Verstopfung. Außer so viel Futtermittelreste gelangen in die benachbarte Luftröhre, dass es erstickt. In der Regel sind es Folgeerscheinungen wie beispielsweise ein Speiseröhrenriss, die letztlich zum Tod des Pferde nach einer Schlundverstopfung führen.

Eine typische Folgeerkrankung ist auch die Lungenentzündung. Sie entwickelt sich, wenn hochgeschleuderte Futterpartikel beim versuchten Abhusten oder durch falsche Massage in die Luftröhre gelangen und dort nachhaltig Infektionen auslösen… Manchmal ist es auch der immense Stress, dem das Pferd bei der Speiseröhren-Blockade ausgesetzt ist, an dem es verstirbt.

Motte hat auch diese Schlundverstopfung überlebt. Aber: Die Schlundverstopfung heute war bislang ihre schlimmste, und was ihr bleibt, ist das immense Risiko, erneut eine Verstopfung der Speiseröhre zu erleiden. Dann womöglich mit tödlichem Ausgang.

Tierärztin Dr. Andrea Noguera Cender über die Schlundverstopfung beim Pferd

Wir haben Tierärztin Dr. Andrea Noguera Cender von der Hanseklinik für Pferde interviewt und ihr einige Hintergrund-Fragen zur Schlundverstopfung gestellt.

Tierärztin Dr. Andrea Noguera Cender

Dr. Andrea Noguera Cender ist Oberärztin in der Hanseklinik für Pferde und leitet dort die Orthopädische Chirurgie. (© Dr. Andrea Noguera Cender)

Hooforia: Warum ist die Speiseröhre des Pferdes so anfällig für Schlundverstopfungen?

Dr. Andrea Noguera Cender: Die Speiseröhre des Pferdes ist mit etwa 1,2 bis 1,5 Metern sehr lang und besitzt mehrere natürliche Engstellen – unter anderem hinter dem Kehlkopf, am Brusteingang sowie dort, wo sie durch das Zwerchfell in den Magen eintritt. Bleibt Futter an einer dieser Stellen stecken, reagiert die Muskulatur häufig zusätzlich mit einem Krampf, wodurch sich die Verstopfung verschlimmern kann. Besonders trockenes oder schlecht eingespeicheltes Futter sowie hastiges Fressen erhöhen das Risiko.

Warum kommt das Futter bei einer Schlundverstopfung manchmal aus Maul und Nase heraus?

Pferde können aufgrund ihres sehr fest verschlossenen Mageneingangs (Kardia) praktisch nicht erbrechen. Bei einer Schlundverstopfung befindet sich das Futter jedoch noch in der Speiseröhre und hat den Magen gar nicht erreicht. Speichel und Futterbrei können deshalb über Maul und häufig auch über die Nase wieder austreten, weil sie vor der Verstopfung keinen anderen Weg mehr haben.

Warum leiden manche Pferde immer wieder unter Schlundverstopfungen?

Die häufigsten Ursachen sind hastiges Fressen, unzureichendes Kauen aufgrund von Zahnproblemen oder ungeeignetes Futter. Es können aber auch krankhafte Veränderungen wie Vernarbungen oder Verengungen der Speiseröhre nach früheren Schlundverstopfungen sowie seltener angeborene Anomalien oder neurologische Erkrankungen dahinterstecken. Wiederkehrende Schlundverstopfungen sollten daher immer tierärztlich abgeklärt werden.

Gibt es darüber hinaus etwas, das Pferdebesitzer unbedingt wissen sollten?

Ja. Ein häufiger Fehler ist, dem Pferd Wasser oder Öl einzuflößen – dadurch können Futter oder Flüssigkeit in die Lunge gelangen und eine schwere Aspirationspneumonie verursachen. Außerdem sollte jedes Pferd nach einer Schlundverstopfung in den folgenden Tagen auf Husten, Fieber oder Nasenausfluss beobachtet werden, da eine Aspirationspneumonie eine der häufigsten Komplikationen ist. Auch wenn sich die Verstopfung scheinbar von selbst löst, sollte das Pferd tierärztlich untersucht werden, um Folgeschäden an der Speiseröhre auszuschließen.

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