Der Wolf kommt den Pferden immer näher und wird zur Gefahr. © Adobe Stock

Der Wolf kommt den Pferden immer näher und wird zur Gefahr.

Interview mit Christian Schätze, Chefredakteur der Jagdmagazine „Jäger“ und „Sauen“:

Hooforia: Wie viele Wölfe gibt es derzeit in Deutschland?

Christian Schätze: Dem Bundesamt für Naturschutz zufolge wurden im Monitoringjahr 2024/2025 (1. Mai 2024 bis 30. April 2025) aus den Bundesländern insgesamt 219 Wolfsrudel, 43 Wolfspaare und 14 sesshafte Einzelwölfe bestätigt. Der geschätzte Bestand soll demnach 1.600 Wölfe betragen. Der Deutsche Jagdverband (DJV) schätzt den Wolfsbestand allerdings deutlich höher ein.

Hooforia: Wo gibt es in Deutschland die meisten Wölfe?

Schätze: Die meisten Rudel gibt es aktuell in Niedersachen. Dort wurden 54 Rudel, 7 Paare und zwei Einzeltiere bestätigt (Stand: 17.11.2025). In Brandenburg geht man ebenfalls von 54 Rudeln aus. Hinzu kommen sechs Paare. Einzelwölfe wurden nicht erfasst, was ungewöhnlich ist. Auf den Plätze 3 und 4 folgen Sachsen (35 Rudel) und Sachsen-Anhalt (31 Rudel).

Hooforia: Das hört sich nach einer recht hohen Wolfsdichte an.

Schätze: Das kann man so sagen. Denn in typischen Wolfsländern wie Schweden, leben weniger Wölfe als beispielsweise in Brandenburg. Das ist bemerkenswert, denn Schweden ist 15-mal größer als das Bundesland Brandenburg.

Hooforia: Woran kann es liegen, dass es deutlich mehr Wölfe in Deutschland gibt?

Schätze: Das liegt daran, dass die Zahlen bei Veröffentlichung bereits veraltet sind, weil der Nachwuchs des vergangenen Jahres noch nicht enthalten ist. Laut DJV gebe es in Deutschland zudem eher 270 als 209 Rudel. Auf Grundlage der offiziellen Zahlen und Erfahrungswerten der Jäger ist bei einer durchschnittlichen Rudelgröße von acht Wölfen (Alt- und Jungtiere) von mindestens 2.000 Wölfen auszugehen.

Hooforia: Das klingt, als sei es sehr schwer, Wölfe zu zählen.

Schätze: Das ist es in der Tat. „Wild kann man nicht zählen“, lautet eine alte Jägerweisheit. Selbst Biologen sind nur mit sehr aufwändigen Methoden in der Lage, sich der Wahrheit über einen Bestand zu nähern. Zudem liegt der Verdacht nah, dass absichtlich mit niedrigen Zahlen gearbeitet wird.

Hooforia: Was könnten die Gründe davon sein?

Schätze: Da kann ich nur mutmaßen. Aber viele Jäger und Tierhalter gehen davon aus, dass absichtlich mit niedrigen Zahlen gearbeitet wird, um die Jagd herauszuzögern. Denn die ist regulär nur möglich, wenn der günstige Erhaltungszustand erreicht ist – die Population also als langfristig gesichert gilt.

Hooforia: Wie oft sieht man als Jäger denn Wölfe im Revier?

Schätze: Das hängt ganz vom Revier ab. In den bereits erwähnten Wolfsländern wie Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen kann man regelmäßig Wolfsspuren finden. Wo Wildkameras eingesetzt werden, sind Wolfsbilder fast schon an der Tagesordnung. In Anblick kommen die Grauen vor allem beim Nachtansitz bei der Wildschweinjagd.

Hooforia: Was gehört zur Beute der Wölfe?

Schätze: Der Wolf ist ein geschickter Jäger. In Deutschland ernähren sich Wölfe vor allem von Schalenwild. Was sie konkret reißen, hängt von ihrem Revier ab. Ist Rotwild die Hauptwildart, jagen sie vor allem das. In erster Linie reißen sie dabei Kälber, können im Rudel aber auch Alttiere und Hirsche überwältigen. Beliebt ist auch Dam-, Schwarz- und Rehwild. Kommen Wölfe in Muffelrevieren vor, vernichten sie die Wildschafbestände in kürzester Zeit. Zudem scheinen Wölfe eine Schwäche für Marderhunde und anderes Haarraubwild (Füchse) zu haben. Neben Wild werden natürlich auch Nutztiere gerissen.

Hooforia: Welche Nutztiere jagt der Wolf bevorzugt?

Schätze: Am beliebtesten scheinen Schafe und Ziegen zu sein, weil die sehr leicht zu erbeuten sind. Dabei überwinden die Wölfe auch regelmäßig Herdenschutzzäune. Früher wurde von den Wolfsschützern immer wieder behauptet, dass sich die Wölfe nicht an Rinder und Pferde herantrauen würden. Aber das wurde inzwischen ja schon sehr oft widerlegt.

Hooforia: Sind Pferde also leichte Beute für Wölfe?

Schätze: Nein. Das würde ich nicht sagen. Im Vergleich zu Rehen oder Damwild sind Pferde schon sehr wehrhafte Tiere. Hat der Wolf die Wahl, würde er vermutlich eher Wild als Pferde jagen. Ist nichts anderes verfügbar, kann es selbstverständlich zum Angriff kommen. Selbst wenn er das Pferd nicht überwältigen kann, kommt es unter Umständen zu schlimmen Verletzungen. Für größere Wolfsrudel sind Pferde jedoch kein Problem.

Hooforia:  Wie leicht ist es für den Wolf, Wild zu reißen?

Schätze: Im Moment ist es kein großes Problem, denn Deutschland hat noch immer einen ausgezeichneten Wildbestand, wenngleich es regionale Unterschiede gibt. Spannend wird es, wenn die Wildbestände weiter sinken und die Anzahl der Rudel weiter so schnell steigt.

Hooforia: Was könnte dann passieren?

Schätze: Wenn es immer schwerer wird Beute in Wald und Feld zu finden, werden die Wölfe dort jagen, wo es verfügbare Nahrung gibt. Der Druck auf Nutztiere (Schafe, Kälber, Fohlen) Hunde und Katzen wird dann definitiv steigen. Schon heute sind regelmäßig Wölfe an oder in Dörfern zu sehen. Im Osten Sachsens sollen Wölfe regelmäßig Katzen reißen.

Hooforia: Darf der Wolf in Deutschland gejagt werden?

Schätze: Auch wenn der Wolf beispielsweise in Sachsen als jagdbares Wild gilt, darf er noch nicht regulär bejagt werden. Der Wolf ist in Deutschland nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§44 BNatSchG) sowie der Europäischen FFH-Richtlinie (Anhang V) geschützt. Der Schutzstatus wurde inzwischen zwar von „streng geschützt“ auf „geschützt“ gesenkt, das erleichtert aber im Moment nur die Entnahme von „Problemwölfen“ nach Angriffen auf Nutztiere. Ohne behördliche Genehmigung ist der Abschuss nach wie vor eine Straftat.

Hooforia: Wäre es aus Ihrer Sicht dann überfällig, den Wolf zu bejagen?

Schätze: Definitiv, denn aus Sicht vieler Biologen und der Jäger ist der günstige Erhaltungszustand längst erreicht. Bisher hat lediglich der politische Wille gefehlt, den Weg für eine reguläre Jagd zu ebnen.

 

Christian Schätze ist Chefredakteur von den Fachmagazinen JÄGER und SAUEN. Er hat jahrelange Erfahrung mit dem Wolf und seinem natürlichen Verhalten in Bezug auf die Umwelt und sein Beuteverhalten. Zusätzlich ist er Pächter eines Niederwildreviers in Sachsen (Leipzig) und Pächter eines Hochwildreviers in Brandenburg (Hubertusstock), in denen er regelmäßigen Kontakt zu Wölfen hat. Gelegentlich auch Funde von Wolfsrissen und Sichtungen von Einzelwölfen und Rudeln.

Neueste Entwicklung, 27.03.26:

Pferdesport Deutschland begrüßt die Entscheidung des Bundesrates, den Wolf in das Bundesjagdgesetz aufzunehmen. Damit wird ein bundesweiter Rahmen geschaffen, der den Ländern künftig ein praxistaugliches Wolfsmanagement ermöglicht und zugleich für mehr Rechtssicherheit bei allen Weidetierhaltenden sorgt.

„Dieser Schritt ist ein wichtiges Signal für Pferdehalterinnen und -halter in ganz Deutschland“, erklärt Dr. Klaus Miesner, Vorstand Zucht. „Eine gute Weidetierhaltung braucht praktikable Lösungen, die die Sicherheit unserer Tiere berücksichtigen.“

Besonders hebt Pferdesport Deutschland die konstruktive und erfolgreiche Zusammenarbeit im Aktionsbündnis Forum Natur hervor, in dem viele Verbände gemeinsam an tragfähigen Konzepten für den Umgang mit dem Wolf arbeiten. Ebenso wertvoll sei der kontinuierliche Austausch mit der Pferdeland Niedersachsen GmbH, die auf Landesebene seit Jahren wichtige Impulse einbringt.

Mit Blick auf die Umsetzung betont Pferdesport Deutschland die dringend Notwendigkeit einheitlicher und praxistauglicher Managementpläne in allen Bundesländern. Nur diese schaffen verlässliche Rahmenbedingungen und helfen, die Zumutbarkeit von Herdenschutzmaßnahmen realistisch zu gestalten – insbesondere dort, wo Weiden nicht ausreichend gesichert werden können. „Jetzt sind die Länder gefordert, die neuen Handlungsmöglichkeiten zügig und möglichst einheitlich in klare Regelwerke zu überführen“, sagt Dr. Klaus Miesner. Pferdesport Deutschland

Quelle: pferd-aktuell.de

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