Akupunktur bei einem Pferd © Daniel Elke

Mit viel Fingerspitzengefühl werden die Nadeln gesetzt.

Eine feine Nadel wird der Friesenstute Finja ins Sprunggelenk gestochen. Aufgrund einer Arthrose wird das Pferd regelmäßig mit Akupunktur behandelt. Obwohl Pferde sehr empfindliche Tiere sind und sich teilweise schon gegen eine Spritze sträuben, bleibt Finja ganz gelassen: Sie senkt den Kopf, gähnt und beginnt zu dösen. Damit ist sie keine Ausnahme. Wie Finja reagieren viele Pferde während einer Akupunkturbehandlung erstaunlich entspannt. Doch was steckt hinter der jahrtausendealten Heilmethode?

Die Akupunktur gehört zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und wird in China seit mehreren Jahrtausenden angewendet. Auch in der Veterinärmedizin hat sich die Therapie mit den feinen Nadeln längst etabliert. Vor allem frühzeitig erkannte Funktionsstörungen des Körpers sowie akute und chronische Beschwerden können mit Akupunktur behandelt werden. Häufig kommt sie auch bei sogenannten austherapierten Pferden zum Einsatz. Dabei versteht sich die Methode nicht als Ersatz der Schulmedizin, sondern als ergänzende Therapie, die den Körper dabei unterstützen soll, sich selbst zu regulieren.

Wie funktioniert Akupunktur beim Pferd?

Um die Wirkweise von Akupunktur zu verstehen, muss man sich der chinesischen Vorstellung von Körper, Geist und Energie öffnen. Diese besagt, dass die Lebensenergie – das sogenannte Qi – in Leitbahnen, den Meridianen, durch den Körper fließt. Beim Pferd gibt es zwölf Hauptmeridiane, auf denen ein Großteil der Akupunkturpunkte liegt.

Das Leitbahnsystem lässt sich mit einem Autobahnnetz vergleichen: Solange der Verkehr fließt, funktioniert alles reibungslos. Entsteht jedoch eine Blockade, kommt es zum Stau. Nach chinesischer Auffassung entstehen auf diese Weise Erkrankungen oder Verspannungen. Die Akupunkturnadeln sollen diese Blockaden lösen, sodass das Qi wieder frei fließen kann. Gleichzeitig wirken sie stimulierend und aktivieren die Selbstheilungskräfte des Körpers.

Akupunktur beim Sprunggelenk vom Pferd

Dieser Punkt außen unterhalb des Sprunggelenks ist der so genannte Öffner des Gürtelgefäßes. (© Stefan Lafrentz)

Wann kann Akupunktur beim Pferd sinnvoll sein?

Nach chinesischer Auffassung befinden sich Yin und Yang – der passive und der aktive Aspekt eines Organismus – im gesunden Körper im Gleichgewicht. Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, können Beschwerden entstehen. Die Akupunktur soll dabei helfen, den Organismus wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Generell kann Akupunktur bei nahezu jeder Erkrankung angewendet werden. Besonders häufig kommt sie bei Muskelverspannungen, Lahmheiten sowie Stoffwechsel- oder Atemwegsproblemen zum Einsatz. Auch chronische Schmerzen, Rückenschmerzen und Rittigkeitsprobleme gehören zu den klassischen Anwendungsgebieten.

Ganzheitliche Therapie mit klaren Grenzen

Ergänzend zur Schulmedizin ermöglicht Akupunktur eine ganzheitliche Therapie, bei der nicht einzelne Symptome, sondern das gesamte Pferd betrachtet wird. Darüber hinaus kann sich die Behandlung auch positiv auf die Psyche auswirken. So können bestimmte Akupunkturpunkte eine beruhigende Wirkung auf gestresste oder nervöse Pferde haben. Einige Sportpferde werden deshalb kurz vor einem Turnier behandelt, da Akupunktur im Gegensatz zu vielen beruhigenden Futterzusätzen nicht dopingrelevant ist.

Ihre Grenzen erreicht die Akupunktur jedoch bei strukturellen Schäden oder akuten Notfällen. Ein gebrochener Knochen, ein Chip im Gelenk oder eine Darmverschlingung lassen sich durch die Behandlung nicht beheben. In solchen Fällen kann sie allenfalls begleitend zur Schmerzlinderung beitragen und ersetzt die Schulmedizin nicht.

Wie wirken die feinen Nadeln?

Wie genau die chinesische Heilkunst wirkt, lässt sich wissenschaftlich nicht vollständig erklären. Anatomisch finden sich im Körper des Pferdes Organe, Blutgefäße und Nervenbahnen – jedoch keine Meridiane oder das Qi. Dennoch berichten viele Pferdebesitzer und Therapeuten von positiven Erfahrungen mit der Behandlung.

Das Ziel der Akupunktur besteht darin, den Körper so zu unterstützen, dass seine Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Nach Auffassung der TCM soll der Organismus dadurch wieder ins Gleichgewicht finden.

Was passiert bei einer Akupunkturbehandlung?

  1. Bevor die ersten Nadeln gesetzt werden, steht eine ausführliche Anamnese auf dem Programm. Der Therapeut beurteilt zunächst den allgemeinen Gesundheitszustand des Pferdes. Dazu gehören unter anderem Fell, Schleimhäute, Puls und Muskeltonus.
  2. Gleichzeitig wird der Besitzer nach Verhalten, Charakter und Vorgeschichte des Pferdes befragt.
  3. Anschließend folgt die eigentliche Untersuchung: Mithilfe eines Stäbchens fährt der Akupunkteur die diagnostischen Punkte auf den Meridianen ab. Weicht das Pferd aus oder reagiert es abwehrend, deutet dies auf einen Schmerzpunkt beziehungsweise eine Störung des Energieflusses hin.

Auch Tierärztin Petra Scherer geht bei ihren Patienten so vor: Sie tastet zunächst sorgfältig entlang der Wirbelsäule sowie an Brust und Kruppe. Zeigt das Pferd an einem der diagnostischen Punkte Schmerzen oder Widerstand, erhält sie wichtige Hinweise auf die Ursache der Beschwerden. Erst anschließend werden die Nadeln gesetzt.

Therapeutin kontrolliert Pferd

Mit etwas Druck fährt die Therapeutin die diagnostischen Punkte auf den Leitbahnen ab, um Blockaden zu finden. (© Daniel Elke)

Jedes Pferd braucht eine individuelle Therapie

Je nach Erkrankung unterscheiden sich sowohl die Auswahl der Punkte als auch die Behandlungsstrategie. Petra Kuske unterscheidet zwischen einer schmerzorientierten Behandlung bei akuten Problemen und einer systemorientierten Behandlung bei chronischen Erkrankungen. Während bei akuten Beschwerden häufig wenige Behandlungen in kurzen Abständen ausreichen, sind bei chronischen Problemen meist regelmäßige Behandlungen in größeren Intervallen sinnvoll.

Für keine Behandlung gibt es eine festgelegte Kombination von Akupunkturpunkten. Jedes Pferd benötigt eine individuelle Diagnose. Da die Auswahl der Punkte entscheidend für den Behandlungserfolg ist, sollte eine Akupunkturbehandlung ausschließlich von einem erfahrenen Therapeuten durchgeführt werden. Dabei gilt der Grundsatz:

So wenig Nadeln wie möglich, so viele wie nötig.

Eine übermäßige Stimulation kann ebenfalls negative Folgen für den Organismus haben.

Tut Akupunktur dem Pferd weh?

Viele Pferdebesitzer befürchten, dass ihr Pferd die Nadeln nicht akzeptiert. In der Praxis zeigt sich jedoch häufig das Gegenteil. Viele Tiere entspannen sich bereits nach den ersten Nadeln, senken den Kopf oder beginnen zu dösen. Selbst Pferde, die Spritzen nur ungern über sich ergehen lassen, unterscheiden offenbar schnell zwischen einer Injektionskanüle und einer Akupunkturnadel.

Akupunkturnadeln sind deutlich dünner und flexibler als Spritzenkanülen. Außerdem besitzen sie keinen Hohlraum und stanzen deshalb kein Gewebe heraus. Meist entsteht nicht einmal ein Blutstropfen. Nach Aussage von Petra Scherer spüren die Pferde eher ein leichtes Brennen oder Druckgefühl als den eigentlichen Einstich. Manche Akupunkteure verwenden sogar über zehn Zentimeter lange Nadeln, um tiefer liegende Punkte zu erreichen – auch dabei bleiben die meisten Pferde erstaunlich gelassen.

Nadeln oder Laser: Was ist die bessere Wahl?

Nicht jedes Pferd lässt sich problemlos mit Nadeln behandeln. Kommt es zu starken Abwehrreaktionen, kann stattdessen ein Akupunkturlaser eingesetzt werden. Dieser erzeugt lediglich ein leichtes Kribbeln auf der Haut und eignet sich deshalb besonders für empfindliche Pferde. Sowohl Nadeln als auch Laser haben Vor- und Nachteile. Petra Kuske kombiniert in der Regel beide Behandlungsformen:

Während die gesetzten Nadeln ihre Wirkung entfalten, werden weitere Akupunkturpunkte mit dem Laser stimuliert. Die klassische Akupunkturnadel wirkt dabei intensiver, da sie durchschnittlich zehn bis zwanzig Minuten im Körper verbleibt. Der Laser stimuliert einzelne Punkte dagegen nur für wenige Minuten. Ob Nadeln oder Laser zum Einsatz kommen, hängt von der jeweiligen Situation ab. Während die klassische Akupunkturnadel intensiver wirkt, eignet sich der Laser besonders für empfindliche Pferde oder Tiere mit starken Abwehrreaktionen.

Laserbehandlung beim Pferd

Beim Laser können unterschiedliche Frequen­zen für die Behandlung verschiedener Gewebe eingestellt werden. (© Daniel Elke)

Wie oft muss ein Pferd akupunktiert werden?

Wie viele Behandlungen erforderlich sind, hängt von der jeweiligen Erkrankung und ihrer Dauer ab. Jungpferde benötigen häufig nur eine Behandlung. Bei Pferden mit einer längeren Krankheitsgeschichte kann es dagegen notwendig sein, zwei- oder dreimal zu behandeln, bevor sich der Zustand deutlich verbessert. In den ersten Tagen nach einer Behandlung kann es dem Pferd zunächst sogar schlechter gehen. Diese sogenannte Erstverschlimmerung gilt in der Akupunktur als normale Reaktion und muss Besitzer deshalb nicht zwangsläufig beunruhigen.

Bronchitiker husten möglicherweise zunächst stärker, auch eine Lahmheit kann sich vorübergehend verstärken. Anschließend sollte jedoch eine deutliche Besserung eintreten. Stellt der Therapeut fest, dass die Heilung stagniert, sollte auch das Umfeld des Pferdes überprüft werden. Passt der Sattel? Ist die Reitweise pferdegerecht? Werden bestehende Ursachen nicht beseitigt, können dieselben Beschwerden immer wieder auftreten.

Wann Akupressur eine gute Ergänzung ist

Die Akupressur gilt als Vorläufer der Akupunktur. Ursprünglich wurden schmerzhafte Punkte ausschließlich mit den Fingern behandelt, erst später kamen Nadeln hinzu. Auch heute ist die Akupressur eine sinnvolle Ergänzung oder Nachbehandlung einer Akupunkturbehandlung.

Verschiedene Akupunkturpunkte können vom Pferdebesitzer selbst durch Fingerdruck stimuliert werden. Dazu wird jeder Punkt etwa zwei Minuten lang im Uhrzeigersinn massiert. Entscheidend ist dabei die Reaktion des Pferdes: Entspannt es sich, ist der Druck richtig gewählt. Ein Akupressurpunkt mit beruhigender Wirkung befindet sich mittig zwischen den Nüstern. Dass genau an dieser Stelle auch die Nasenbremse angesetzt wird, ist kein Zufall.

Wann Akupunktur beim Pferd sinnvoll ist

Akupunktur ersetzt auch beim Pferd die Schulmedizin nicht, kann sie jedoch sinnvoll ergänzen. Vor allem bei funktionellen oder chronischen Beschwerden kommt die Behandlung häufig unterstützend zum Einsatz. Voraussetzung ist eine sorgfältige Diagnose sowie eine individuell auf das Pferd abgestimmte Therapie durch einen erfahrenen Therapeuten.

Deshalb rät auch Tierärztin Petra Scherer dazu, ein Pferd zunächst konventionell untersuchen und gegebenenfalls röntgen zu lassen. Erst wenn die Ursache bekannt ist, kann entschieden werden, ob Akupunktur die Behandlung sinnvoll ergänzen kann.

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